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Alle Beiträge zu «Frauen der Bibel»

Liebe Sara

Liebe Urmutter. Du kommst aus Ur, richtig? Eine der frühesten Grossstädte der Welt. Schon allein das ist spannend. Es kommen mir 1000 Fragen an dich in den Sinn. Wie war das Leben in Ur? Welche soziale Stellung hatte deine Familie? Bist du eher ein Stadt- oder ein Landmensch? Bestimmt fandest du das bunte Leben und die Vielfalt der Eindrücke in der Hafenstadt reizvoller als die darauffolgenden Campingjahre in der Wüste.

Dann interessiert mich aber auch die Beziehung zu deinem Ehemann brennend, dem Stammvater Abraham. War es eine glückliche Ehe? Ihr wart ja unheimlich lange ein Paar. Ihr wart eigentlich schon alt, als ihr aus Ur weggezogen seid, an Orte hunderte Kilometer entfernt. Aber ihr wurdet dann noch viel älter. Angeblich erreichtest du das biblische Alter von 127 Jahren.

Hohepriesterinnen des Mondgottes

Vielleicht haben sich Bibelschreiber bei den Zahlen etwas vertan. Dass ihr in Ur nicht rechnen konntet, kann man aber nicht sagen. Von überlieferten Keilschrifttafeln wissen wir, dass schon zur Zeit der Sumerer in Ur Schüler Multiplikations- und Divisionstabellen hatten und mit Quadrat- und Kubikwurzeln rechneten.

Ihr sollt knapp 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung gelebt haben, also vor rund 4000 Jahren. In der frühen Bronzezeit. Königsgräber wurden damals reich bestückt mit Grabbeigaben aus Gold, Lapislazuli, Achat und Karneol. Liebtest du den Luxus der Metropole? Im Haupttempel der Stadt zelebrierten Hohepriesterinnen des Mondgottes ihren Kult. Warst du eine Anhängerin dieses Kultes, bevor du geheiratet hast und Abrahams Jahwe kennenlerntest?

Der Zikkurat des Mondgottes ist übrigens noch recht gut erhalten. Man kann von Glück reden, denn die archäologischen Überreste in den Gebieten von Ur oder Uruk, der Stadt des mythischen Gilgamesch, wurden in den Irakkriegen unserer Zeit arg in Mitleidenschaft gezogen. Auch machten sich Raubgräber über die historischen Stätten her und richteten Verwüstungen an. Ich sprach vor einigen Jahren mit der Archäologin Margarete van Ess  und mit Michael Müller-Karpe über das Problem.

Terroristen zerstörten auch gezielt religiöse Monumente: schiitische Heiligtümer, Mausoleen Heiliger, Schreine biblischer Propheten, etwa in Mossul. Und das amerikanische Militär betonierte über brüchigen Überresten der ältesten Zivilisationen Hubschrauberlandeplätze. Das ist die schlechte Nachricht, die ich dir überbringen muss: Nicht nur führen die Menschenkinder noch immer Krieg, sondern sie tun es mit immer schlimmeren Waffen.

Schwanger mit 90

Aber zurück zu dir, liebe Erzmutter. Im Alter von 90 Jahren hast du dein erstes und einziges Kind auf die Welt gebracht, Isaak. Noch in dieser Phase deines Lebens wurdest du sexuell begehrt und in königliche Harems aufgenommen. Das ist schon erstaunlich. Du scheinst eine unglaubliche weibliche Ausstrahlung und sexuelle Anziehungskraft besessen zu haben. Was, glaubst du, machte dich so unwiderstehlich?

Es war ja offenbar im Jahr von Isaaks Geburt, dass dich dein Mann und Halbbruder Abraham wieder einmal in einen fremden Harem entliess und dafür Gegengaben erhielt. Der König von Gerar, Abimelech, hatte ein Auge auf dich geworfen. Du hast den anderen Mann geheiratet, obwohl du schon verheiratet warst? Ihr behauptetet, Abraham wäre dein Bruder (was zumindest halb stimmte). Hattest du ein schlechtes Gewissen? Gefiel dir der König auch? Oder war das kein Thema? Zuvor warst du bereits eine Weile Liebesdienerin im Harem des ägyptischen Pharaos gewesen. Wie war es dort?

Der Bibeltext ist, gerade wenn es interessant wird, oft enttäuschend dürr. Ihr habt euch geliebt, Abraham und du, seid ein Leben lang verbunden geblieben. Wieso dann dieses merkwürdige Verkaufen oder Vermieten der Ehefrau? Wurden gleichzeitig mit dir auch Schwestern, Töchter von Schwestern und Cousinen von Patriarchen eures Klans weggegeben?

In den Harem des Pharaos bist du während einer grossen Hungersnot gelangt, die euch als Nomaden existenziell gefährdete. Entsprang der Verkauf von Frauen der puren Verzweiflung und Überlebensnot? Oder war es, wie der Bibeltext anzudeuten scheint, Abrahams Sorge um die eigene Haut geschuldet; der Angst, wegen deiner legendären Schönheit könnten Männer auf die Idee kommen, ihn aus dem Weg zu räumen? König David hat später Vergleichbares mit dem Mann der schönen Batseba gemacht. Er hat ihn an die vorderste Front geschickt im Kalkül, er würde umkommen, was tatsächlich geschah.

Sara, wie war’s im Harem des Pharao?

Für Abraham scheint es sich gelohnt zu haben. Er bekam als Gegenwert für dich Schafe, Ziegen, Rinder, Esel, Knechte, Mägde, Eselinnen und Kamele in dieser Reihenfolge. In Mesopotamien war es rechtlich nicht möglich, die Ehefrau oder Töchter zu verkaufen, aber sie konnten als Sicherheiten für Darlehen eingesetzt werden. Damit wurden die Körper der Frauen potenzielle Handelsgüter. War es das, was du auch in der Fremde erlebtest?

Dass Väter Töchter oder ihre Frauen verkaufen, begegnet in allen großen agrarischen und kriegerischen Kulturen des Altertums: im sumerischen Reich ebenso wie bei den Römern oder im alten China. Von verschuldeten Vätern, die Töchter Fremden mitgeben, berichtet die Bibel beispielsweise in der Geschichte von Nehemia.

Ich habe den Verdacht, die Frauen deines Klans wurden in Notzeiten in eine Art von Prostitution gezwungen oder ein Kurtisanentum. Was sonst warst du an Höfen der Könige oder auch in weniger feinen Umgebungen? Aber vielleicht siehst du das anders. Die wahrscheinlich frühesten Rotlichtbezirke entstanden im Umfeld babylonischer Tempelanlagen. Es gibt Hinweise auf eine Vielzahl Prostituierter im Altertum: von Straßendirnen über Mädchen, die in Schänken tanzten, bis zu Kurtisanen und Männern in Frauenkleidern. Viele waren Sklaven, andere Entsprungene.

«Die gewerbsmäßige Prostitution entwickelte sich anscheinend aus einem eigenartigen Gemenge von geheiligten (oder einstmals geheiligten) Praktiken, Handel, Sklaverei und Schuld», schreibt der Anthropologe David Graeber in seinem Buch «Schulden. Die ersten 5000 Jahre».  

Gab es in deiner Heimatstadt Ur Tempelprostitution, Sara? Bei dieser Frage sind sich Bibelforscher:innen unenig. Manche meinen, die antike Tempelprostitution entspringe Männerphantasien des 19. Jahrhunderts und Bedürfnissen kultureller Abwertung. Bis in unsere Zeit gibt es allerdings verwandte Formen, etwa im Trokosi-Kult in Ghana.

Patriarchalischer Hass auf Städte

In der Offenbarung des Johannes 17,5 steht: «Auf ihrer Stirn stand ein Name, ein geheimnisvoller Name: Babylon, die Große, die Mutter der Huren und aller Abscheulichkeiten der Erde.» Wo wurden in deiner Zeit Linien gezogen zwischen «ehrbaren» und «unehrbaren» Frauen?

In den ältesten überlieferten Texten der Menschheit, Schriften aus sumerischer Zeit (3000 bis 2500 vor Christus), finden Frauen Erwähnung als Ärztinnen, Kaufleute, Schreiberinnen, Beamte, Herrscherinnen. Im Laufe der folgenden 1000 Jahre jedoch veränderte sich dies. Die Rolle der Frauen im öffentlichen Leben wurde eingeschränkt. Es bildeten sich die vertrauten patriarchalen Muster mit der Betonung von Keuschheit und Jungfräulichkeit heraus. Frauen wurden Schutzbefohlene ihrer Männer.

Was war geschehen? Der Anthropologe Graeber hält eine These parat: Es habe an der Herausbildung von Geldmärkten gelegen. Auffallenderweise sei mit der ökonomischen Umstellung eine moralische Krise einhergegangen. Männer hätten in «Hinblick auf Sex Unbehagen zu fühlen» begonnen. Vor allem bei ärmeren Familien sei die Sorge gewachsen, dass Angehörige in Formen der Schuldsklaverei geraten. Graeber hört aus der Bibel und anderen Texten der alten Welt «die Stimme des patriarchalischen Hasses auf die Stadt« hallen, «die jahrtausendealten Stimmen der Väter der Armen».

Um die Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus war laut der feministischen Forscherin Gerda Lerner die Prostitution zu einer «weit verbreiteten Tätigkeit für die Töchter von Armen» geworden.

Frauen als Schuldsklavinnen

Demgegenüber seien Frauen der begüterten Schichten in sexueller Hinsicht zunehmend strenger reglementiert worden. Zugleich sei die Jungfräulichkeit eines achtbaren Mädchens zu einem Vermögenswert der Familie geworden.

Mit dem Aufkommen der Frauenvermarktung – selbst Bräute mussten mit Geld ausgelöst werden – wurde die Unterscheidbarkeit von «achtbaren» und «nicht achtbaren» Frauen zum Problem. Noch im Ionien des 19. Jahrhunderts begann laut der Auswertung von Polizeiberichten nahezu jede Messerstecherei mit der Behauptung, jemandes Frau, Schwester oder Mutter sei eine Hure. Ein äußerliches Kennzeichen der Ehrbarkeit war die Bedeckung des weiblichen Körpers und der Haare oder sogar des Antlitzes.

In einem mittelassyrischen Gesetzbuch aus der Zeit von 1400 bis 1100 vor Christus, findet sich nicht nur der erste historische Hinweis auf Verschleierung, sondern auch ein früher Klassifikationsversuch: Als «ehrbare Frauen» galten hochstehende Verheiratete, Konkubinen sowie Witwen und Töchter assyrischer Männer. Sie mussten auf der Straße verschleiert gehen. Als «nicht ehrbar» eingestuft waren Prostituierte inklusive unverheiratete Tempeldienerinnen sowie Sklavinnen. Sie durften keine Schleier tragen.

Für ehrbare unverschleierte Frauen ist in dem Kodex – anders als in radikal-islamistischen Gesellschaften unserer Zeit – keine Strafe vorgesehen. Für Prostituierte und Sklavinnen mit Schleier hingegen schon: 50 öffentliche Stockschläge sowie das Übergiessen des Kopfes mit Pech für Prostituierte, das Abschneiden der Ohren für Sklavenmädchen.

Exodus der Väter

War die Sorge, in Schuldsklaverei zu geraten ein Grund, weshalb ihr aus Ur weggezogen seid? Große Städte wie Ur, Uruk, Lagasch oder Babylon wurden als Stätten von Beamten, Händlern und Huren angesehen. Und es ist periodisch zum Exodus verschuldeter Väter gekommen. Sie zogen mit ihren Sippen wieder hinaus in die Steppe und Wüste, kurz bevor ihnen alles weggenommen wurde.

Wolltet ihr einem Problem entkommen, das euch aber als Migranten verfolgte und immer wieder einholte? Abraham scheint ja, ob willentlich oder unwillentlich, einer Logik der Monetarisierung und Vermarktung von Körpern zu unterliegen, wenn er dich sogar wiederholt verkauft und dabei heuchelt, du wärst seine Schwester.

Bleibst du in der Geschichte stumm, weil du von ihm und anderen Männern als Handelsgut angesehen wurdest, also als Ding?

Dies wüsste ich noch gern: Dient die umständliche Geschichte deiner wundersam späten Schwangerschaft dem Nachweis, dass auch der Vatergott Jahwe und nicht nur der Mondgott Sin oder Nanna zuverlässig für gesegneten Nachwuchs sorgen kann? Mondphasen und Menstruation hängen ja zusammen. Hier regiert der Mond- und Fruchtbarkeitsgott. Jahwe aber zaubert dir angeblich als Greisin ein Kind, als es dir laut Bibeltext «längst nicht mehr (erging), wie es Frauen zu ergehen pflegt»; also nach der Menopause. Jahwe toppte den Mondgott?

Und schliesslich, Sara: Ist Isaak wirklich Abrahams Sohn? Du warst ja in dem Jahr der Geburt deines Kindes auf Abrahams Drängen in Abimelechs Harem. Falls das Kind nicht von Abraham sein sollte, müssten wir die Genesis-Geschichte umschreiben: mit dir als tragende Figur der Handlung und alleinige Adressatin der göttlichen Verheissungen reicher Nachkommenschaft und des gelobten Landes. Spare bitte in deinem Antwortbrief nicht mit ausführlichen Beschreibungen und, wo es nötig ist, Richtigstellungen.

Das sind erste Fragen an dich, liebe Sara. Die krasse Geschichte der versuchten Sohnesopferung durch deinen Mann auf Jahwes Geheiss und die Frage nach deinem rätselhaften Lachen, lasse ich aussen vor. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, dich in einem Folgebrief danach zu fragen. Gelacht hast du ja, als du die Prophezeiung hörtest, du solltest als alte Frau noch schwanger werden. Meine These: Du lachtest über die Männer.

Liebe Grüsse,

Johanna

 

Wer die Geschichte von Sara nachlesen möchte: Sie steht im Buch Genesis, in den Kapiteln 17 ff.

In dieser Serie schreiben wir Briefe an Frauen aus der Bibel: Der erste ging an die Königin Vashti, der zweite an Zippora, die Frau von Moses und der dritte an die gute Martha. Die Briefe sind inspiriert von feministischer Exegese und von der afroamerikanischen Bibelauslege-Praxis der «sanctified imagination». 

Illustration: Rodja Galli.

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