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 Lesedauer: 9 Minuten

Göttinnen in der Kirche, echt jetzt?

Kirchenasyl für Göttinnen

Eigentlich hatten die Figuren bereits eine Bleibe gefunden. Sie stammen aus der Sammlung der bekannten Schriftstellerin und Hexenforscherin Luisa Francia. Mit Büchern wie «Drachenzeit» und «Mond, Tanz, Magie» verband sie Naturreligion, Körperlichkeit und feministische Religionskritik (hier für Interessierte ein Link zu Francias Büchern und Online-Tagebuch).

Dann entstand eine andere Idee: Was wäre, wenn die Göttinnenfiguren ihren wenig standesgemässen Platz in einem Industriequartier verlassen und für eine Weile in Sakralräume einziehen würden – in katholische und reformierte Kirchen?

So fanden die kleinen Statuen gewissermassen Kirchenasyl.

Rechtzeitig zum katholischen Hochfest Mariä Himmelfahrt sind sie nun in Zug eingezogen: in die Ausstellung «Wo ist die Göttin?» der dortigen Kirche St. Johannes: 30’000 Jahre alte Figuren aus der Eiszeit treffen auf die ägyptische Isis mit dem Horusknaben, auf präkolumbische Göttinnen und auf christliche Statuen und Symbole. Die Ausstellung, die am Samstag eröffnet wird, ist eine Kooperation mit dem Göttinnenraum.

Ein Gipfeltreffen auf Göttinnenebene also – und gleichzeitig ein Signal der Neugier und Öffnung gegenüber Menschen mit anderen kulturellen und religiösen Hintergründen, die in der Schweiz beheimatet sind.

Bischof Felix Gmür und Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, haben den Göttinnen ein Geleitwort mitgegeben.

Statue der ägyptischen Göttin Selket. Ihr Attribut ist der Skorpion; Sammlung L. Francia
Präkolumbisches Keramikgefäss mit weiblichen Details; Sammlung L. Francia
Bronzestatue der ägyptischen Göttin Isis mit dem Horusknaben; Sammlung L. Francia

Sakrileg oder kulturelle Aneignung?

Die Ausstellung will eine produktive Irritation auslösen. Doch noch bevor sie eröffnet ist, gibt es auch schon Kritik, und zwar aus zwei entgegengesetzten Richtungen. Feministische Stimmen fragen, ob hier nicht etwas vereinnahmt wird, das Kirchen sonst ausblenden.

Werden fremde religiöse Traditionen benutzt, um eine Leerstelle des Christentums zu füllen?

Von konservativer Seite kommt die gegenteilige Sorge: Wird der christliche Sakralraum durch die fremden Figuren beschädigt? Verwässert ihre Präsenz die Identität der Kirche? Das böse Wort «Götzen» fällt.

Interessant ist, dass beide Seiten letztlich um Identität ringen: um die Identität der eigenen Tradition oder um den Schutz anderer Traditionen vor Vereinnahmung. Dazwischen steht die Kirche als Ort, der bereit ist, Beweglichkeit zu erproben – ein wenig Labor, wie die Theologin Regula Grünenfelder es formuliert, ein Raum, der aushält, dass nicht jede Spannung sofort aufgelöst werden muss.

Die Göttin war vielleicht nie weg

So eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint, ist auch die Geschichte des Christentums nicht: Seit dem 13. Jahrhundert entwickelte sich die Marienfrömmigkeit in Europa explosionsartig, und Maria war dabei längst nicht nur die sanfte Mutter. In christlichen Spielarten der Minnedichtung konnte sie als Geliebte erscheinen, sie bekämpfte Dämonen, und im Zusammenhang mit der Reconquista wurde sie auch zur kriegerischen Figur, zur Rückeroberin.

Maria verkörperte damit Möglichkeiten weiblicher Macht, die mit der Figur Christi so nicht gegeben waren.

«Die Jungfrau der Apokalypse» von Miguel Cabrera, 1760, Museo Nacional de Arte, Mexiko-Stadt.

Auch die Geschichte des Monotheismus war offenbar komplexer als die spätere biblische Tradition vermuten lässt. Archäologische Funde zeigen, dass JHWH offenbar eine Frau hatte: Aschera. Und selbst die Bibel spricht von Gott in erstaunlich unterschiedlichen Bildern:

als Mutterleib und Gebärende, als Bärin und Adler, als Weber und Töpfer, als Krieger und König, als grüner Baum und als Fels.

Besonders aufregend ist die vielen gar nicht bekannte Schöpfungserzählung in Sprüche 8: Dort erschafft Chochmah, die Weisheit, zusammen mit Gott den Kosmos – als eine Art Schöpfergöttin, und sie lacht dabei.

Vielleicht lautet die Frage deshalb auch: Welche Bilder des Göttlichen haben wir verlernt?

Abstrahierte Steinstatue aus der frühen Ackerbau- und Megalithkultur; Sammlung L. Francia
Idolo de Tara, indigene weibliche Tonfigur, Kanarischen Inseln; Sammlung L. Francia
Stilisierte ägyptische Isis; Sammlung L. Francia.

Eine Göttin kann Krieg und Gewissen verkörpern

Wie vielfältig – und widersprüchlich – eine Göttin sein kann, zeigt ein Blick in die Populärkultur. In Christopher Nolans aktueller Odyssee-Verfilmung begegnet die Göttin Athena: als Massstab und strategische Kraft im Krieg, aber zugleich als Stimme des Gewissens. Bei Homer ist sie es schliesslich, die gebietet, den Krieg zu beenden. (Hier eine Rezension aus dem RefLab: «Wieso Odysseus nicht heim will»).

Das ist etwas anderes als schlicht ein weibliches Gegenüber eines Gottes: mild, mütterlich, fruchtbar.

Die Engführung auf Fruchtbarkeitsgöttinnen ist nicht älter als das 19. Jahrhundert und eng verknüpft mit der Vorstellung eines ursprünglichen Matriarchats. Massgeblich dafür war der Schweizer Rechtshistoriker und Altertumsforscher Johann Jakob Bachofen.

Die damalige Debatte kreiste um die These, das Patriarchat habe einen chaotischen, promiskuitiven Urzustand beendet. Bis heute wirkt die Idee – nun mit umgekehrten Vorzeichen – in manchen feministischen Strömungen nach. Historisch belegen lässt sich beides nicht.

Was fehlt, wenn Göttinnen fehlen?

Geburt und Tod, Körper und Natur, Macht und Krieg, Weisheit und Erotik, Schutz und Heilung: Solch unterschiedliche Erfahrungen haben Menschen immer wieder mit einer weiblichen göttlichen Gestalt verbunden.

Was geschieht, wenn Göttinnen fehlen? Fehlt dann auch ein Erfahrungsraum?

Die Ausstellung lädt dazu ein, das nicht nur historisch, sondern im eigenen Erleben zu erkunden: Wie viel «Göttinnenenergie» ist in einem Kirchenraum möglich? Wo liegen die roten Linien? Und warum eigentlich?

Dass es sich um ein höchst aktuelles Thema handelt, zeigt schon, dass diese Geschichte nicht abgeschlossen ist. In der modernen Gaia-Spiritualität etwa wird die Heilung der Erde vom Mütterlichen her gedacht. Diese Gaia hat wenig oder nichts mit antiken Vorläuferformen zu tun.

Gaia ist vielmehr eine neu entstandene Göttin – ein Ausdruck unserer Zeit und der Erfahrung, dass die Erde selbst im Krisenmodus ist.

Mother Earth, eine neue Göttin. Internationaler Mutter-Erde-Tag ist am 22. April, Bild von ciaorioris auf Pixabay

Mehr oder weniger Göttin?

Göttinnen verschwinden also nicht einfach, sie verändern nur ihre Gestalt und ihre Bedeutung – und das lässt für den Kirchenraum fragen:

Hat vielleicht doch mehr Göttin Platz als gedacht? Oder sogar ein bunter Strauss an Göttinnen. Oder stört das einfach?

Der Eingottglaube ist gegenüber anderen Modellen eine sehr viel stärker regulierende Grösse. Gott als transzendenter Punkt ausserhalb seiner Schöpfung verhindert jegliche Vergöttlichung des Irdischen; kein Herrscher und keine Herrscherin kann göttlichen Status beanspruchen, aber auch nicht die Natur.

Natur ist dann nicht göttlich, aber Heiliges hat in gewissem Rahmen in ihr Raum.

Auch hielten sich Naturgeister problemlos bis ins frühe 17. Jahrhundert; sie wurden nicht von der Theologie abgeschafft, sondern von den modernen Naturwissenschaften.

Gott mit Bart eine saubere Lösung?

Zwischen transzendentem Schöpfergott und allem Irdischen und Endlichen liegt ein unendlicher Abstand, den es irgendwie zu überbrücken gilt. Wenn dieser Gott weiblich ist, implodiert die Distanz, denn was die Göttliche gebären würde, wäre wohl seinerseits irgendwie göttlich.

Bei Holy Mary ist es umgekehrt: Sie gebiert als Mensch ein göttliches Wesen, ohne daran selbst Anteil zu haben.

Maria leiht Gott gewissermassen nur ihren Körper; aber … ist das dann nicht … Leihmutterschaft??

Blockiert wurde die Göttin nicht nur von der eigenen theologischen Tradition, sondern ebenso von feministischen Spielarten, die Gläubigen den Zugang lange Zeit schwer gemacht oder verleidet haben; gerade, wo sie, wie Francias Hexenspiritualität, neuheidnisch daherkamen.

Felix Gmür und Rita Famos schreiben in ihrem Geleitwort:

«Diese Ausstellung setzt etwas neben das Vertraute. Wer hier eintritt, muss nichts übernehmen. Aber vielleicht darf man neu entdecken, dass Glauben nicht enger wird, wenn er sich prüfen lässt, sondern weiter.»

Heute kommen immer weniger Menschen in Kirchen, zumindest in unseren Beiten. Der Göttinnenbesuch bietet auch Gelegenheit, über alternative Nutzungen nachzudenken.

Vielleicht sogar Kirchen als Commons?

Was ist deine Meinung? Dürfen Göttinnen in die Kirche? Oder sollen sie draussen bleiben? Schreib einen Kommentar!

Informationen zur Ausstellung «Wo ist die Göttin?» 

Ort: Kirche St. Johannes, Zug
15.- 25. August 2026
Öffnungszeiten: 07.00 Uhr – 19.00 Uhr; Eintritt frei

Im Begleitprogramm treffen Stimmen aus Theologie und Religionswissenschaft auf Expert:innen aus Kunst, Geschichte und Literatur, Politik und Feminismus, Psychologie, Medizin, Geburt- und Sterbebegleitung, Spiritualität, Musik und interkulturellem Dialog.

Tipp:

Am Sonntag, 16. August um 16 Uhr lädt die Kirche St. Johannes in Zug zu einem christlich-hinduistischen Gespräch mit dem Titel «Göttinnen? Also wirklich?!» ein, mit der Theologien und Ausstellungsmacherin Regula Grünenfelder, der Poetin und Schriftstellerin Athiluxmi Shivakumar und mit mir, Johanna Di Blasi aus dem RefLab. Herzliche Einladung dazu!

Weiterführende Links:

«Demon, Mother, Maker of Kings» 2024/25 im Ashmolean Museum mit Einblicken in den aktuellen Forschungsstand zum Thema Göttinnen.

Podcast Feministische Bibelgespräche – immer wieder inspirierend!

«How God Became a Woman», Spannende YouTube-Lecture in der Reihe Esoterica (auf englisch) – erhellender religionshistorischer und philosophischer Blick auf religiöse Schriften in und ausserhalb des Kanons.

RefLab-Podcast Himmel & Erdung «Wir brauchen eine Paradiesreligion!»: ein Gespräch 2026 über das Göttinenland nahe Wien mit der Philosophien, Künstlerin und Ökofeministin Elisabeth von Samsonow.

RefLab-Blogbeitrag: «Liebe Aschera, Astarte, liebe Himmelskönigin», von Evelyne Baumberger in der Reihe «Briefe an Frauen der Bibel» 

9 Kommentare zu „Göttinnen in der Kirche, echt jetzt?“

  1. Ich wurde protestantisch getauft und bin auch so aufgewachsen. Mit 11 Jahren rutschte ich in die Esoterik, bedingt durch eine Esozeitschrift, die speziell auf kleine Kinder(!) zugeschnitten war. Bis zu meinem 27. Lebensjahr steckte ich in diesem elenden Sumpf fest, bis Gott mich daraus rettete und mich heim führte, in die katholische Kirche. Jahrelang habe ich genau mit solchen Statuen und ihrer behafteten Symbolik hantiert. Dass nun ausgerechnet in Gottes heiligen Hallen solche Götzenbilder einziehen dürfen, trifft mich unaussprechlich hart und ich kann das Verhalten der Kirche auch als halbwegs junger Mensch (mit 36 J.) in keiner Weise nachvollziehen, geschweige denn entschuldigen. Das hat nichts, aber auch wirklich GAR NICHTS, mit „weiblichem Empowerment“ oder was auch immer zu tun. Das ist schlichtweg ein Sakrileg, ein Frevel sondergleichen, und ich fremdschäme mich einfach nur dafür! Und ich bin froh und dankbar, dass auch Andere zu diesem Skandal den Mund aufmachen, da diese Schändung scheinbar viel zu still einfach hingenommen wird.

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    • Ich kann gut nachvollziehen, dass deine eigenen Erfahrungen mit Esoterik diese Symbolik für dich besonders belastend machen. Gleichzeitig würde ich gern unterscheiden: „Esoterik“ ist ein sehr weites Feld, unter dem ganz Unterschiedliches verstanden wird. Diese Figuren und ihre Symbolik haben zudem einen religiösen bzw. kulturellen Ursprung und sind nicht automatisch esoterisch. Man kann ihre Präsenz in der Kirche durchaus kritisch sehen, ohne sie deshalb pauschal als Götzenbilder oder Sakrileg einzuordnen.

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      • Wenn Gott einfach nur ein Chiffre für die Essenz der Überhöhung und Personifizierung menschlicher Eigenschaften wäre, könnte ich all diese Überlegungen ja nachvollziehen, aber so einfach ist es ja doch nicht. Über den tieferen Sinn des Bilderverbots noch einmal nachzudenken wäre vielleicht noch ein guter Ansatz bevor man eine solche Ausstellung besucht oder ausgerechnet in einer Kirche präsentiert. Es geht ja doch nicht nur um die Reintegration von verloren gegangener weiblicher Identität in das Christentum sondern um die Überhöhung von Menschlichem/ Irdischem zu einem Gott. Und letzteres möchte ich in (m)einer Kirche weder sehen noch erleben. Weder mit weiblichem noch mit männlichem Vorzeichen.

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      • Ich habe dieses Feld bewusst weit gefasst, denn es fängt mit Esoterik an und hört mit Okkultismus auf. Das Böse tarnt sich gerne als himmlischer Glanz. Gefahren werden gerne relativiert, das zeigt sich auch, dass der Markt in der Sektenhochburg Schweiz kaum reguliert ist. Und es nun einmal Fakt, ganz unabhängig meiner eigenen Erlebnisse, dass genau solche Statuetten in der Esoterik boomen, gerade bei den Wiccakult-Strömungen, um es spezifisch gewünschter auszudrücken. Diese Statuetten finden aktiv Verwendung in kultisch-magischen Handlungen, zusätzlich zum Umstand, dass sie jeweils eben einen eigenen Glaubenskosmos mitbringen. Das hat alles nichts Christliches an sich, wir sollen keine anderen Götter neben IHM haben. Die Statuetten lenken am, vom Blick auf den Tabernakel. Und auch Marias Sonderstatus ist nicht mit einer barbusigen Isis gleichzusetzen, nur, weil es grobe Parallelen gibt. Parallel ist nicht gleich, diese beiden Linien berühren sich nicht. Nein, in meinen Augen ist das klar ein Sakrileg, ohne Schönfärbei, ohne Ausreden, ohne Relativierung. Ich habe lange genug mit solchen Strömungen zu tun gehabt, um die Geister unterscheiden zu können, was (durchaus!) in ein Museum und was in eine geweihte Kirche gehört.

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  2. Heute, nach dem Gottesdienst zu Maria Himmelfahrt, habe ich den vorliegenden Artikel zur Kenntnis erhalten. Ich habe ihn mit grossem Interesse gelesen und wusste nicht so recht, ob ich lachen oder (sinngemäss) weinen soll bzw. ob ich mich freuen oder ärgern soll. Das Thema Geschichte (insbesondere der Antike) interessiert mich persönlich sehr und ich finde diese auch höchst spannend (und damit einhergehend natürlich auch die Geschichten der griechisch/römischen oder auch der ägyptischen Götterwelt). Mit grossem Interesse habe ich auch das Geleitwort zu dieser Ausstellung gelesen und war erstaunt. Da kämpft das Christentum in diesem Teil der Welt (und nur in diesem Teil) mit Glaubensabfall (und in vielen anderen Teilen der Welt mit Verfolgung) und es werden Statuen von Göttinnen in einer christlichen Kirche aufgestellt, die meines Erachtens besser in einem historischen Museum aufgehoben wären. Da sieht sich die römisch-katholische Kirche immer wieder mal in der Pflicht, die Verehrung von Maria oder von Glaubenszeugen (Heiligen) erklären zu müssen, lässt dann aber bildhafte Darstellungen von Göttinnen präsentieren (deren mythologische Geschichten nicht immer über jeden Zweifel erhaben sind). Man kann über christliche Freikirchen oder sogar über andere monotheistische Religionen wie das Judentum oder gar den Islam sagen und denken was man will, aber so etwas würde in einer Synagoge oder einer Moschee wohl nicht vorkommen. Nicht weil diese Religionen besser wären als unsere (was das auch immer bedeuten mag, immerhin ist das Christentum die einzige Religion die explizit Feindesliebe predigt), aber vielleicht weil wir manchmal einfach ein fast schon pathologisches Verlangen haben, unsere Werte zu unserem Nachteil bzw. zum Vorteil anderer Überzeugungen zu minimieren. Was nehme ich aus dem Geleitwort des Basler Bischofs Felix Gmür und von Frau Rita Famos mit? «Wer hier eintritt muss nichts übernehmen!» Nein, muss er/sie tatsächlich nicht. Aber die Kirche(n) gehören nun eben nicht nur den Bischöfen oder Präsidentinnen/Präsidenten der entsprechenden Kirchen und vielleicht wäre es besser, solche Statuen eben «nicht» in einer christlichen Kirche zu übernehmen bzw. aufzustellen und so die religiösen Gefühlen von einem Teil der Menschen aufzuwühlen, die noch zur Kirche gehen (und auch Steuern dafür zahlen). Das einzige was ich (leider) aus dem Ganzen mitnehme ist das Gefühl, dass das Ganze ein Affront gegen die Christinnen und Christen sein könnte, die sich vor 2000 Jahren eben vor solchen Statuen geweigert hatten, ein Opfer darzubringen und dafür das Martyrium erlitten haben. Und zum Schluss: «Gott ist Vater. Mehr sogar. Er ist Mutter» (Papst Johannes Paul I). Um das zu verstehen brauche ich in einer Kirche weder Isis noch Selkes noch sonst irgend eine Göttin, und nicht nur ich.

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  3. Danke für die ausführlichen und engagierten Kommentare. Ich nehme wahr, dass für einige die Figuren in der Kirche eine echte Verletzung religiöser Gefühle darstellen – bis hin zum Empfinden eines Sakrilegs. Das nehme ich ernst, auch wenn ich diese Deutung nicht teile. Für mich ist die Ausstellung keine Aufforderung zur Verehrung anderer Götter, sondern eine Einladung, religiöse Bildwelten zu erkunden und Fragen zu stellen.

    In einer parallelen Instagram-Diskussion wurde genau diese andere Seite sichtbar. Dort hiess es: „Wenn nicht in der Kirche, wo denn sonst? Es ist eine Erforschung des Ursprungs.“ Eine andere Stimme fragte: „Vielleicht macht die jahrtausendelange Dominanz männlicher Gottesbilder es schwer, das Göttliche anders als männlich zu denken.“ Und jemand nannte das Ganze ein „inspirierendes Spannungsfeld“.

    Diese Stimmen finde ich wichtig, weil sie zeigen, dass dieselben Bilder nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Öffnung erlebt werden können. Vielleicht muss eine Kirche solche unterschiedlichen Reaktionen aushalten können, ohne dass eine davon allein bestimmt, was in ihr gedacht, gezeigt und erforscht werden darf.

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    • Wenn ein Beitrag damit geschlossen wird, dass die Kirche ihr verletztes Hausrecht aushalten muss — ist das schon Victimblaming? Und: Wo sonst? Im Museum, wie schon erwähnt! In einem Stadthaus. Meinetwegen sogar in einem Pfarreizentrum, so als äusserster Graubereich, aber NICHT in einem sakral geweihten Raum, der der Andacht Gottes dienen soll! Auch wir sollten wohl keine Räuberhöhle daraus machen. Auch ich teile historisches Interesse, ich beherrsche aber auch ein gewisses Mass an Pietät. Gerade in Sachen Frauen gäbe es genug Verweise auf die Bibel: Ester, die Königin von Saba, die Richterin und Prophetin Deborah, Maria von Magdala als erste Zeugin der Auferstehung usw. Dafür benötigt es diese Statuetten im Speziellen nicht, ebenso wenig wie diverse Aussagen, die dazu äusserst kritisch gefallen sind (bsp. die AscheraTHEORIE, Verharmlosung der Leihmutterschaft usw.). Daraus erwächst mir Argwohn ggü. diesem ganzen Projekt, in seiner Gesamtwirkung. Mir ist bewusst, dass es in einer breiten Gesellschaft und deren Mainstreamkanälen genug andere Stimmen gibt — eben vielleicht sogar zu viele, die alle nur aus einem, einseitigen Lager tönen. Ich unterstelle der Organisation nicht automatisch bösen Willen. Doch ich frage mich, ob hier planlos, oberflächlich oder gar absichtlich übergriffig-provokant geplant wurde. Ich dulde Übergriffe nicht in schweigender Zustimmung, weder seitens der Kirche mit ihren Schändern, noch seitens der Welt gegenüber der Kirche. Wie bereits eine andere Person schrieb: in einer Synagoge oder Moschee wäre das niemals passiert!

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      • Pietät und Respekt sind wichtig – gegenüber religiösen Räumen ebenso wie gegenüber unterschiedlichen religiösen und kulturellen Prägungen. Das Projekt versteht sich meines Wissens als Öffnung eines Frageraums und als Erweiterung religiöser Vorstellungskraft. Gerade diese Öffnung ist für manche Menschen existenziell wichtig. Dass sie unterschiedliche Reaktionen hervorruft, gehört zu einer offenen Diskussionskultur.

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        • Nun, um eine gute Diskussion zu erhalten kann man auch weniger provokativ vorgehen. Provokation ist eine perfide Art der Manipulation. Wer sich provoziert und manipuliert fühlt, hat es schwer eine unaufgeregte sachliche Diskussion zu führen und ist von vorn herein im Nachteil, nicht zuletzt deswegen, weil er reagieren muss auf inhaltliche Engführungen, emotional getriggert und reflexartig aus der Defensive.
          Von wem auch immer die Initiative für diese Ausstellung in einer Kirche ausging, er hat meiner Meinung nach bewusst provoziert und sollte sich nicht über ungestüme Reaktionen wundern.

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