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Superidiot

«Wenn Sie eine Gesellschaft verstehen wollen, müssen Sie nur ihre Filme ansehen. Es zeigt ihre Struktur in Reinform», sagt der slowenische Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Žižek. Superman & Co zählen im Film- und Comicgeschäft, wie in dieser Serie schon mehrfach angemerkt wurde, seit Jahrzehnten zu den erfolgreichsten Produkten. Hollywood erwirtschaftet damit Milliardensummen. Ein Batman-Comic von 1939 kostete zehn Cents, heute zahlen Sammler dafür Millionenbeträge. Bei Neuverfilmungen ist Blockbusterstatus garantiert.

Welche Tugenden?

Die sagenhaften Kassenerfolge mit Überhelden mit oder ohne diabolische Spitzohren, mit schnittigen Anzügen und durchwegs ausgeklügelten Technospielzeugen macht deutlich: Selbsternannte Rächer des Bösen und Beschützer der Unschuldigen sind Identifikationsfiguren ersten Ranges. Und das nicht nur für kleine Jungs, sondern auch für grosse, für Krawattenträger in Chefetagen ebenso wie für kleine Angestellte in einengenden Arbeitssituationen oder für übermüdete Pizzaboten.

Unkaputtbar sein, muskelbepackt, ein von allen bewunderter Retter aus Notlagen und dabei coole Flugmobile steuern: Das wirkt offenbar noch immer ausgesprochen attraktiv.

Aber geht es wirklich (wie Manuel in Folge 1 von «Gods & Superheroes» meint) um menschliche oder gar göttliche Tugenden, die in dieser Figur der kommerziellen Massenkultur repräsentiert werden? Oder haben wir es, bei näherer Betrachtung, eher mit Stilisierungen des «guten Kapitalisten» zu tun? Eine solche ideologische Stilisierung erblickt Žižek bei Batman in Hollywood-Verfilmungen vor allem seit 9/11.

Wie Batman ist auch Superman ein merkwürdig isolierter Kämpfer. Soziale Bindungen sucht er nicht, und er ist auch nicht, wie Helden des klassischen Altertums, einem Volk verbunden, auf Leben oder Tod: als Volks-Held.

Verächter der Massen

Mit göttlicher Transzendenz jedenfalls hat Superman natürlich nichts am Hut. Seine Eigenschaften sind, wenn überhaupt, via eminentiae erreicht, also durch Steigerung von als positiv erachteten Eigenschaften: Unverwundbarkeit, Muskelkraft, maximale Beweglichkeit. Hier findet also keine wie auch immer geartete Begegnung mit einer unsere Vorstellungen überschreitenden Transzendenz statt, sondern die Steigerung bestimmter, besonders männlich codierter Eigenschaften. Diese Eigenschaften zeigen sich nicht nur in Muskeln, sondern auch im imperialen Blick, der Adler- oder Feldherrenperspektive.

Wie wenig Superman aber auch nur mit einer ethischen Transzendenz zu tun hat, mit einer Begegnung mit dem Anderen, ja auch nur mit Moral in einem volkstümlichen Sinne, zeigt sich deutlich in Jerry Siegels und Joe Shusters Vorläuferversion von Superman aus dem Jahr 1933. Dieser Protosuperman war, wie der im gleichen Jahr an die Macht gekommene Hitler, ein moralischer Subman ersten Ranges: Es handelte sich um einen machtbesessenen Bösewicht, der mithilfe seiner übermenschlichen mentalen Fähigkeiten die Herrschaft über die Menschheit anstrebte.

Ikone des weissen Amerikas

Dieser prononcierte Amoralismus wurde dann zwar geändert, aber was blieb war eine konsequente Asozialität. Superman vernetzt sich nie, schafft keine Allianzen der Schwächeren, er empowered nicht die Prekären. Er hilft der Gesellschaft, aber er selbst braucht sie nicht, er strebt keine Mandate an, keine politische Repräsentanz. Er ist in diesem Sinne ein Idiot. Im alten Griechenland waren Idiotes Personen, die sich aus öffentlichen-politischen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter wahrnahmen, auch wenn ihnen solche zugänglich waren.

Es ist bemerkenswert, dass eine andere Ikone des weissen Amerika des 20. Jahrhunderts, Ayn Rand, Gedanken entwickelte, die kongenial zu Superman erscheinen. In ihrem erfolgreichen Roman «Der Streik» («Atlas Shrugged») vergöttert die Atheistin den Kapitalismus. Das Buch gilt als Bibel der amerikanischen Konservativen. Rand, die mit der Tea-Party erneut zu einem Idol politischer Bewegungen wurde, war bewegt von dem, was man einen antiegalitären Superindividualismus nennen könnte. Abgestossen von bolschewistischen Exzessen vertrat die aus der Sowjetunion stammende Migrantin eine theoretische Soziopathie.

A man who really stands alone

Rand huldigte der «selfishness» als einziger Tugend und pries anfänglich sogar den Soziopathen und Serienkiller William Edward Hickman als Vorbild eines Menschen, der unbeeinflusst und unbeeinflussbar von der Gesellschaft und ihren moralischen und sittlichen Vorstellungen seinen Weg geht. Und selbst dann nicht von seinem Weg abweicht, als er eine ganze Welt gegen sich hat. Für Rand: «A man who really stands alone, in action and in soul.»

Selbst der psychologisierte Superman – in jüngeren Adaptionen wurde es Mode, den Helden mit einem moralisch abwägenden Innenleben zu begaben – bleibt grundlegend asozial.

Das punktuelle Top-Down-Eingreifen dieses Helden dient kaum der Herstellung sozialer Gerechtigkeit, sondern umgekehrt: der Zementierung des unsozialen Status Quo der amerikanischen Gesellschaft.

Der perfekte Kapitalist

Superman ist also ein Superidiot. Er stellt die Heroisierung einer rein individuell verstandenen Freiheit dar. Dass er zum Inbegriff des Superhelden werden konnte, zeigt die individualistische Einseitigkeit einer kapitalistischen Gesellschaft, die sich in Antwort auf einen die individuellen Freiheiten leugnenden und hierin ebenso einseitigen Sozialismus in die entgegengesetzte Einseitigkeit manövrierte.

Heute stehen die Grenzen eines solchen heroisierten Individualismus eigentlich glasklar vor Augen: Was könnte ein Superman gegen die Klimaerhitzung ausrichten? Oder gegen die perverse Ungleichverteilung des Weltvermögens? Oder die Vernichtung der Artenvielfalt? Oder gegen Pandemien?

Superman entstammt einem fernen, untergehenden Planeten. Er wird als Kleinkind, wie der biblische Mose, in ein Schiffchen gesetzt, in diesem Fall ein Raumschiff. Aber Superman befreit kein Volk und organisiert keinen Exodus. Dennoch ist die Figur populär. Ironischerweise ist die Welt von Superman & Co ein Fantasy-Universum, in das heute abtauchen kann, wer den realen Zustand des Planeten vergessen möchte.

Fetischisierung individueller Freiheiten

Superman ist heute so populär wie der «libertäre Autoritarismus», der in rechtsliberalen und rechtspopulistischen Bewegungen seit Jahren zu beobachten ist. Die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey (Universität Basel) verstehen den libertären Autoritarismus in ihrem lesenswerten Buch «Gekränkte Freiheit» als «Symptom einer individualistischen Freiheitsidee, in der gesellschaftliche Abhängigkeiten abgewehrt werden».

Die von ihnen untersuchten Personen, darunter Verschwörungsgläubige und Demokratieskeptiker, «lehnen sich trotzig gegen soziale Konventionen auf, sind beseelt von dem anarchischen Impuls, ihr Anliegen gegen alle äußeren Widerstände durchzusetzen. Dabei entwickeln sie bisweilen eine unermüdliche destruktive Aktivität, die als heroischer Mut, zu sich selbst zu stehen, gewendet wird.»

Für libertäre Autoritäre, die für fetischisierte individuelle Freiheitsrechte streiten und denen gleichzeitig Lebensrechte der Vulnerablen, der zukünftigen Generationen oder der Mitlebewesen relativ egal sind, mag Superman noch ein Held sein. Für die anderen ist er, wie Tarzan oder James Bond, bestenfalls eine eskapistische und narzisstische Fantasie.

PS: Am Tag des Erscheinens dieses Artikels wird publik, dass Trump sich nun als Superheld stilisiert.

 

Graphik: Rodja Galli

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3 Kommentare zu „Superidiot“

  1. Angela Wäffler-Boveland

    Danke für diesen Beitrag, der mir aus dem Herzen gesprochen ist! Zu ergänzen wäre allenfalls, wie unpolitisch diese Superhelden und ihre Fanclubs sich gebärden. Wie anders dagegen die Propheten. Ich habe mich in letzter Zeit wieder besonders mit dem Jesaja-Buch befasst, das es fertigbringt, sozial-, innen- und aussenpolitisch den Finger auf die gesellschaftlichen Schwachstellen des Systems zu legen und zugleich Gott zur Sprache zu bringen – und dies mit einer nicht-theokratischen Gesinnung. Superhelden waren die „Jesajas“ sicher nicht – dafür beeindruckend durch ihren Blick in die Welt…
    Übrigens: Mose hat den Exodus nicht allein durchgezogen – einerseits gab es das Triumvirat aus Mose, Aaron und Mirjam und andererseits hatte das Volk immer eine Stimme, die gehört wurde. Für mich der stärkste Ausdruck göttlicher Präsenz.

    1. Johanna Di Blasi

      Wunderbarer Kommentar, der wiederum uns aus dem Herzen spricht, vielen Dank! Das Unpolitische und Depolitisierende hatten wir im Blick, aber Dein Verweis auf die Propheten macht das sehr anschaulich.

  2. Vielleicht haben wir es, bei näherer Betrachtung, bei diesem Beitrag mit Stilisierungen des „bösen Kapitalisten“ zu tun. Das wäre dann ebenfalls eine ideologische Stilisierung, ausgestattet mit bloß einem anderem Etikett.

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