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Zu woke für diese Welt?

Es scheint DIE Diskussion dieser Tage zu sein – jedes Mal, wenn eine neue Comicverfilmung im Kino landet oder eine neue Serie lanciert wird, brennt das Internet. Die Serie «She-Hulk», in deren Zentrum – wie der Name schon sagt – eine weibliche Version des Hulks steht, musste sich schon vor ihrem Erscheinen im August dieses Jahres einem antifeministischen Shitstorm stellen – so unterstellte die «NZZ» der Serie wegen ihrem expliziten Feminismus ihrerseits «Sexismus durch die Vordertür».

Einen Monat zuvor war es die Verfilmung «Thor: Love and Thunder», die unter Beschuss geriet, weil darin plötzlich nicht mehr (nur) Chris Hemsworth als der germanische Donnergott Thor auftreten durfte, sondern – oh Schreck – plötzlich auch die von Nathalie Portman gespielte Ärztin Jane Foster zu «Mighty Thor» wurde. Zugegeben, für Anhänger des germanischen Pantheons liesse sich das in etwa mit einem Jesus vergleichen, der plötzlich durch eine Frau ersetzt würde… Aber kommen wir wieder mal kurz auf den Boden: Wenn wir die paar durchgeknallten norwegischen Metalheads nicht dazu zählen, gibt es seit knapp tausend Jahren niemanden mehr, der Thor als «echte» Gottheit verehrt hat.

Die Hautfarbe der Superheld:innen

Noch heftiger als beim Geschlecht wird der Widerstand, wenn Figuren, welche in den Comics ursprünglich eine weisse Hautfarbe hatten, plötzlich durch schwarze (und seltener: asiatische) Schauspieler:innen ersetzt werden. Als in der 2015er-Verfilmung der Fantastic Four namens Johnny Storm aka «die menschliche Fackel» vom schwarzen Michael B. Jordan gespielt wurde, erhielt Regisseur Josh Trank dafür Morddrohungen. Und als Neil Gaiman bei der Besetzung seiner «Sandman»-Serie auf Netflix diverse Figuren schwarz besetzte, darunter den Tod, wurde ihm «Leichenfledderei» vorgeworfen, da er angeblich das Andenken der (weissen) Cinamon Hadley beschmutze, die für die Figur Death einst Modell gestanden hatte. Und ja, «Sandman» IST eine Superheldenserie. Aber dazu vielleicht an anderer Stelle mehr.

Aber einfach falls euch die Beispiele an Neubesetzungen nicht reichen, hier noch ein paar, die allesamt grossartig waren und ebenso allesamt von selbsterklärten Fans als «woke» kritisiert wurden:

  • Idris Elba als Heimdall
  • Jason Momoa als Aquaman
  • Mehcad Brooks als Jimmy Olsen
  • Hale Barry als Catwoman
  • Jamie Foxx als Electro
  • Chiewetel Ejiofior als Baron Mordo
  • Anna Diop als Starfire
  • Billy Dee Williams als Harvey Dent/Two-Face (Oh ja. Wenn Ihr den ersten Batman nicht gesehen habt, bei dem LANDO CALRISSIAN den durchgeknallten Staatsanwalt verkörpert, habt ihr nicht gelebt!)

Und dann gäbe es in dieser Liste natürlich noch Samuel Jackson hinzuzufügen, der in den Marvel Verfilmungen Nick Fury geben durfte – eine Figur, die einst von Jack Kirby und Stan Lee als Teil einer Wette geschaffen wurde, dass sie auch noch das dümmste Konzept zum Verkaufsschlager machen könnten. Allerdings muss man dazu sagen, dass sich über Jacksons Darstellung von Fury selbst die anti-wokesten Supernerds nicht beschwerten, weil hey, Samuel Jackson. Der Mann ist so cool, dass er die allerdümmsten Konzepte noch zum Kult befördern kann, sei das «Snakes on a plane» oder eben Nick Fury. Und zweitens waren alle Marvel-Fans unendlich froh, dass mit dieser Neubesetzung vergessen ging, dass es 1998 bereits eine Verfilmung gegeben hatte, in der niemand Geringeres als David Hasselhoff Nick Fury gespielt hatte.

Die Diversität pushen

Damit das an dieser Stelle kurz gesagt ist:

Ja, es ist tatsächlich wahr – sowohl Marvel als auch DC pushen derzeit Diversität als Teil Ihrer Film- und Serienuniversen.

Und man müsste schon ziemlich naiv sein, um den beiden Medienriesen dabei pures Gutmenschentum zu unterstellen und nicht zumindest ein gewisses finanzielles Kalkül.

Einfach, um die Dimensionen wieder einmal kurz zu erwähnen: Der Verkauf von Marvel an Disney Ende 2009 für 4.24 Milliarden US-Dollar war der damals grösste Deal der Mediengeschichte – das mag gemessen an den 44 Milliarden, die Elon Musk für Twitter hingeblättert hat, nach wenig klingen, aber im Unterschied zum Nachrichtendienst mit dem Vogel verdient Marvel tatsächlich Geld. Weniger mit den Comics – diese sind seit den neunziger Jahren im besten Fall bei einer schwarzen Null geblieben – aber definitiv mit den Filmen: 5 der 10 erfolgreichsten Filme aller Zeiten stammen von Marvel Studios, insgesamt haben die Filme 27.6 Milliarden US-Dollar eingespielt – eine Zahl, die in der Filmbranche schlicht keinen Vergleichswert mehr kennt.

Dass die Diversität also einer Strategie des Mutterkonzens Disney entspricht, der auch schon bei seinen Kinderprogrammen und Amusementparks sich in Richtung globalem Player entwickelte, steht nicht zur Diskussion.

Wer allerdings behauptet, dass die Superheldenfilme sich gewissermassen gegenüber einem politischen Zeitgeist, also der schon benannten Wokeness, prostituieren, der verkennt das Erbe ebendieser Superhelden.

Sowohl bei DC als auch bei Marvel wurden diese in ihren Anfängen fast exklusiv von jüdischen Männern geschrieben – bei DC waren es Jerry Siegel und Joe Shuster, welche in Action Comics #1 1938 Superman erschufen, den vielleicht bekanntesten Superhelden des 20. Jahrhunderts. Bei Marvel waren es Carl Burgos, Joe Simon und Jack Kirby, die mit der ersten «Human Torch» 1939 und Captain America 1941 den Helden den Weg bahnten – Captain America Comics #1 erschien übrigens im März 1941, 9 Monate, bevor die USA in den Krieg eintrat. Das Cover zeigt Captain America, wie er Adolf Hitler einen Kinnhaken verpasst.

Dass Kirby und der ebenfalls bereits erwähnte Stan Lee nach dem Krieg (in welchem sie selber in der US-Armee dienten) das in Lucas Beitrag beschriebene silberne Zeitalter der Superhelden einläuteten – mit Figuren, die auch nach heutigen Massstäben durchaus als «woke» durchgehen dürften, lässt sich auch nicht bestreiten.

Die Rassismus-Parabel

1963 erschufen sie mit den X-Men eine gross angelegte Parabel über Rassismus – eine Gruppe von Held:innen, die von der Gesellschaft gehasst und ausgestossen werden, weil sie von Geburt an «anders» waren. Die beiden Widersacher der Geschichte – der «pazifistische» Professor X und der «militaristische» Magneto, werden aus heutiger Perspektive gern als Analogien zu Martin Luther King und Malcolm X gelesen.

Die Serie floppte zwar in ihrer ersten Fassung und wurde erst 1975 mit Giant-Size X-Men #1 wiederbelebt – als erste multinationale, multiethnische Superheldentruppe überhaupt, mit einer afrikanischen Windgöttin, einem irischen Interpol-Agenten, einem russischen Landwirt, einem Apachenkrieger, einem japanischen Isolationisten, einem deutschen Akrobaten, der aussieht wie ein Dämon und später ganz ernst gemeint katholischer Priester werden sollte – und obendrauf den beiden Ikonenfiguren Wolverine und Jean Grey aka Phoenix. Aber zu diesen beiden mehr in einem zukünftigen Post. Ich erlaube mir noch kurz die Erwähnung, dass mit Mystique und Destiny auch das erste lesbische Paar der Comicwelt bei den X-Men Premiere feierte und folgerichtig auch die erste Homoehe einging – letztere allerdings erst 2015 zwischen Northstar und Kyle Jinadu.

Der erste schwarze Superheld ist zu woke

Ebenfalls aus der Feder von Lee und Kirby stammt übrigens auch der erste schwarze Superheld: Black Panther, der 1966 als Gastfigur bei den Fantastic Four das Licht der Welt erblickte. T’Challa, der König einer «alternate history»-Nation in Afrika, die sinnbildlich dafür stehen soll, wie Afrika aussehen könnte, wenn es nicht den Verbrechen der Kolonisation unterworfen gewesen wäre, wurde zu einer der wichtigsten Figuren des Marvel-Universums: als Soloheld wie auch als Teil der Avengers – und natürlich später mit der ersten Comicverfilmung, bei der ein Schwarzer Regie führen durfte. Dass der Name eine offensichtliche Provokation war – ein Bezug auf die damals als Terroristen verschriene Black Panther Party – führte dazu, dass die Figur sich für kurze Zeit zu «Black Leopard» umtaufen musste. Zu «woke» – also schon damals.

Comics bleiben ihrer Geschichte treu

Zurück in die Gegenwart: In diesen Tagen ist gerade die Fortsetzung ebendieses «Black Panthers» in den Kinos angelaufen – leider ohne den Hauptdarsteller des ersten Teils Chadwick Boseman, der an Krebs gestorben ist. Dafür mit einer Reihe an Hauptfiguren, die fast exklusiv aus schwarzen Frauen besteht – darunter Letitia Wright als Shuri, die Schwester von T’Challa, die auch in den Comics vor fast zehn Jahren die Rolle des Black Panthers einst übernommen hatte. Damals führte Marvel mit «All-New, all-different Marvel» gerade eine Gesamterneuerung des Universums durch, bei dem mehrere Figuren schon in den Comics durch Personen mit anderen Hautfarben und/oder einem anderen Geschlecht ersetzt wurden: Spider-Man war plötzlich ein schwarzer Latino, Iron Man eine schwarze Teenagerin, Ms. Marvel Pakistani und gläubige Muslima, der Hulk war plötzlich US-Koreaner und Thor eine Frau – ja genau, daher kam dann auch die Idee für den Film.

Auch damals schon liefen die Internetnerds Sturm wegen zuviel Wokeness (das kann man auch in diesem Artikel nachlesen, den ich damals für die Wochenzeitung WOZ geschrieben habe und auf dem dieser Text in Teilen basiert). Was Sie dabei übersahen:

Comics bleiben ihrer Geschichte treu, obwohl und weil sie sich dauernd neu erfinden müssen.

Die althergebrachten Figuren, der männliche Hulk, der männliche Iron Man und auch Peter Parker gingen nicht vergessen und kamen alle wieder zu ihren eigenen Serien.

Was nicht heisst, dass die «neuen» Figuren, die mehr Diversität brachten, damit alle wieder in der Schublade verschwanden – den schwarzen Spider-Man Miles Morales gibt es immer noch. Sowohl in den Comics als auch in der Filmumsetzung «Into the Spider-Verse», die immerhin den Oscar für den besten Animationsfilm gewann. Und die muslimische Ms. Marvel ist ebenfalls erhalten geblieben, sowohl in den Comics als auch in der gleichnamigen Fernsehserie auf Disney+, gespielt von Iman Vellani. Sie wird übrigens nächstes Jahr in der Verfilmung «The Marvels» eine Hauptrolle erhalten – Seite an Seite mit ihrem weissen Gegenstück.

Und natürlich: Das passt nicht allen und muss auch nicht allen passen.

Aber wer sich darüber aufregt, dass die Superhelden der Neuzeit «zu woke» seien, der hat die Superhelden der Vergangenheit schlicht nie begriffen.

Oder um es in den Worten von Stan Lee zu sagen: «Bigotterie und Rassismus gehören zu den tödlichsten sozialen Übeln, welche die Welt heute plagen. Aber im Gegensatz zu einem Team von kostümierten Superschurken kann man sie nicht mit einem Schlag auf die Nase oder einem Schuss aus einer Strahlenkanone stoppen. Die einzige Möglichkeit, sie zu vernichten, besteht darin, sie zu entlarven – sie als das heimtückische Übel zu entlarven, das sie wirklich sind.»

 

Etrit Hasler ist Slampoet sowie Comicnerd. Er hat sämtliche X-Men Comics mindestens einmal gelesen (ja, auch die schlechten) und ist (derzeit inaktiver) Moderator der grössten Marvel Comics Wiki auf marvel.wikia.com.

Photo by King Lip on Unsplash

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3 Kommentare zu „Zu woke für diese Welt?“

  1. Ja, Marvel bedient sich tatsächlich alten Comic-Vorlagen und das hat mich auch nie gestört. Das Problem ist Disney. Disney verwechselt Wokeness mit Femextremismus und drückt einem je länger je mehr ihre politischen Ansichten ins Gesicht, anstatt Diversität subtil und organisch in die Werke einzubauen. Marvel Studios hat das in ihren Projekten bisher recht gut gemacht, einzig She-Hulk ist eine femextreme woke Katastrophe. Aber bei Star Wars ist es z.Z. ganz schlimm… Zudem sind die rassistischen und sexistischen Kommentare häufig eine sehr laute Minderheit. Ich kenne keinen persönlich, den das stört.

  2. Der Autor hat Halle Berry, die erste und bisher einzige schwarze Frau die einen Best Actress Oscar gewonnen hat, falsch geschrieben. Bemerkenswert. Außerdem ist sie nicht die erste schwarze Frau, die Catwoman gespielt hat, sondern Eartha Kitt.

    Anti-Woke Fans nerven einfach nur, weil ich gar nicht erkennen kann was die Kriterien sind, warum eine Besetzung schlecht sein soll. Sam Jackson als Nick Fury, Zazie Beetz als Domino und Tessa Thompson als Valkyrie sind akzeptiert, andere wiederum nicht. Alles was so willkürlich daher komm, nehm ich automatisch nicht ernst.

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