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Singlesein: Lasst mich alle in Ruhe

Die letzten Beiträge drehten sich darum, sich dem Alleinsein und der Einsamkeit zu stellen. Diese Zustände und Gefühle zuzulassen, zu akzeptieren und deren Komplexität auszuhalten. Schwarze Löcher, Checklisten, Perspektivenwechsel nicht abzuwürgen. Sich einzugestehen, dass man nicht mehr auf dem Weg ist, von dem man dachte, dass man ihn gehen würde. Dass ausgerechnet ich irgendwann darüber schreiben würde, dass ich durch die Begegnung mit und die Nähe zu anderen Menschen das Alleinsein richtig schätzen lernte, ist eigentlich ironisch.

WAHRHEITEN, DIE MAN NICHT HÖREN WILL

Zu Beginn der Trennung hörte ich häufig einen Satz, für den ich Freundinnen am liebsten gelyncht hätte:

«Du musst das Alleinsein nicht nur aushalten können, sondern es auch geniessen.»

Bah, wer kommt denn auf so was? Ein pseudoerleuchteter Guru, der halluzinogene Drogen inhaliert und den Boden zur Realität verloren hat? Ich hatte diesen Freundinnen gesagt, sie hätten es leicht. Schliesslich hatten sie einen Partner, zu dem sie zurückkehren konnten.

Ich empfand es als illusorisches Schönreden von Menschen, die in Beziehungen steckten und aus dieser Sicherheit fantasierten, wie schön unendliche Freiheit wäre und das Leben eine Auster mit tausend Möglichkeiten. Ihnen fehlten Abenteuer. Mir fehlten Sicherheit und Wärme. Recht hatten sie trotzdem.

WEITERE WAHRHEITEN, DIE MAN NICHT HÖREN WILL

Warum ich ihnen letztlich zustimmte? Keiner formuliert das besser als der Autor Daniel Schreiber. In «Allein», eine Art poetisches Manifest über das Alleinsein, trifft er den Nerv meiner Generation.

Wir hangeln uns von Beziehung zu Beziehung und stilisieren romantische Liebe zur einzig wahren zwischenmenschlichen Beziehungsform.

Bleibt diese aus, verzwecken wir Freund*innen und erwarten von ihnen, dass sie uns allen Schmerz nehmen, anstatt dass wir lernen, uns selbst zu halten.

Schreiber präsentiert keine Lösung und gibt schon gar keine Antworten, wie genau wir uns selbst halten sollen. Sein Buch tröstet dennoch, weil man merkt, dass man nichts falsch macht, wenn man Alleinsein und Einsamkeit erlebt. Egal wie warm das soziale Umfeld, egal wie nahe einem ein*e Partner*in steht: Kein Weg führt daran vorbei, dass man sich früher oder später komplett unverbunden fühlt.

WAHRHEITEN, DIE MAN TROTZDEM UMSETZT

Natürlich reicht es nicht, schöne Worte zu hören. Man muss sie sich zu eigen machen. Bei mir geschah das durch die praktische Erfahrung. Irgendwann nach dem Uni-Abschluss tauchte ich dann doch noch in die Welt der möglichen (Nicht)-Beziehungsformen ein. Hatte ich gedacht, dass endlich alles gut würde, sobald ich wieder eine Person hatte, mit der ich nahe das Leben teilte, nüchterte Dating diese romantische Wunschvorstellung sehr schnell aus.

Dating war anstrengend, verwirrend und genauso konfrontativ wie das Alleinsein.

Es brauchte Zeit und Energie. Mal steckte man selbst viel mehr Energie in einen Menschen, als zurückkam, oder es kam Energie von jemandem, an dem man nicht interessiert war. Es gab die unterschiedlichsten Vorstellungen von Nähe und Distanz und oft genug funkte es auch einfach nicht.

Frustriert musste ich feststellen, dass es niemals, niemals um das Ergebnis «Partner» ging, sondern um die Erfahrungen, aus denen man lernte und schlauer wurde. Und ich merkte wie gesagt, wie geil Alleinsein und Singlesein sein konnten.

WENN DIE WAHRHEIT ZUR EIGENEN WAHRHEIT WIRD

Es war nach einem besonders anstrengenden Verhältnis, von dem sich das Gegenüber höchst dramatisch an einem regnerischen Morgen nach einer durchdiskutierten Nacht verabschiedete. In diesem Moment, in dem ich Trauer von mir erwartet hätte, oder Verzweiflung darüber, erneut allein zu sein, spürte ich zu meiner eigenen Überraschung vor allem eines: Erleichterung.

Erleichterung, dass mein Bett und meine Energie vorerst einfach wieder mir gehörten und ich ganz allein entscheiden konnte, wie ich meine Zeit verbringen wollte.

Ich erinnere mich an dieses spezifische Freiheitsgefühl, das ich abends beim Tanzen verspürte. Mir war nicht klar gewesen, wie schwer eine unpassende zwischenmenschliche Beziehungen wiegen konnte. Es gibt wenige Momente in meinem Leben, in denen ich mich derart leicht und lebendig fühlte. Ich durfte mit so vielen Menschen tanzen, wie ich wollte. Ich war an nichts und niemanden gebunden. Keine Diskussionen, keine Missverständnisse, keine mühsame Kommunikation, kein Klärungsbedarf.

SICH AN DER WAHRHEIT FREUEN

Vielleicht zum ersten Mal liess ich die Erwartung los, dass ich möglichst schnell wieder jemanden haben musste. Vielleicht zum ersten Mal fühlte ich mich nicht bestraft, sondern beschenkt. Es war herrlich unkompliziert, allein zu sein. Ich verbrachte Abende allein Zuhause, lag auf der Couch, bepflanzte meinen Balkon oder ging allein ins Museum. Ich wachte allein an einem Samstagmorgen auf, ging zum Markt und atmete aus.

Natürlich: Es war ungewohnt und nicht immer angenehm. Der Schuh musste sich noch meinem Fuss anpassen. Blasen waren vorprogrammiert. Manchmal weinte ich oder war frustriert. Aber es war so wichtig für mich, dass ich das Alleinsein mehr und mehr genoss.

Zum ersten Mal erschien Alleinsein nicht als trostlos.

Es war nichts, was ich gezwungenermassen bis zur nächsten sozialen Interaktion überbrücken musste. Es war freiwillig. Ich fühlte mich wohl in meinen vier Wänden, durch die niemand ausser ich und meine zwei Schmusekatzen strichen. Es war ein kostbarer Raum, den ich nicht mehr bereit war, einfach so mit irgendjemandem zu teilen.

Die Autorin Dolly Alderton, die in «Everything I know about Love» auch mit dem Alleinsein hadert, schreibt darüber wie sie zum ersten Mal in ihrer ersten eigenen Wohnung aufwacht: Die Sonne scheint, sie streckt sich diagonal auf ihrer Matratze aus: «Ich war komplett alleine, aber ich hatte mich noch nie geborgener gefühlt» (Eigenübersetzung).

Genauso fühlte ich mich. Das Leben war wie ein neuer Tag, der begonnen werden wollte.

 

Illustration: Rodja Galli

 

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