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Singlesein: Einsamkeit und Checklisten

Die ersten Erfahrungen als Single zeigten gemischte Resultate. Jetzt denke ich daran zurück und bin stolz, dass ich Dinge ausprobierte, die mir Freude machten und die in Beziehungen keinen Platz gehabt hatten. Das sind auch die Tipps, die man nach einer Trennung bekommt: Widme dich denjenigen Bedürfnissen, die in der Beziehung liegen geblieben sind. Mache, was du gerne machst und was dir gut tut. Jetzt musst du keine Kompromisse mehr machen oder Rücksicht auf ein Gegenüber nehmen. Und ja, es stimmt, das tut gut. Man wird sich wieder bewusst, wer man selbst ist. Was einem gefällt und was weniger. Was man der Beziehung zuliebe getan hat, worauf man im Namen der Liebe verzichtet hat.

Warmes Umfeld und innere Kälte

Was man bei diesen Tipps nicht hört: Wie schwer es einem dabei fällt, das allein zu erleben. Dass man sich nicht mehr in einer Beziehung, in einem Miteinander entwickelt und ganz nahe austauscht, sondern allein ungewisse Wege beschreitet, Erfahrungen mit sich ausmacht. Wie gerne hätte ich einem intimen Gegenüber erzählt, wie schmerzhaft einsam diese Woche in Österreich war, auch wenn ich jetzt darüber lache und erzähle, dass es insgesamt eine positive Erfahrung war.

Wie gerne wäre ich in den Arm genommen worden, hätte hören wollen, dass alles überstanden, wieder gut war und ich das nie wieder würde erleben müssen.

Damals war das nicht möglich, obwohl ich ein liebevolles Umfeld hatte. Ich weiss, wie glücklich ich war, als ich wieder in Zürich ankam. Ich verabredete mich sofort mit einem Freund, der im Kino arbeitete und gemeinsam sahen wir den neuesten James Bond an. Er zum Spass, ich für die Arbeit. Er stand nach einem Drittel des Films auf, erklärte: «Ich brauche Weisswein, willst du auch?» und holte zwei Gläser. Gemeinsam klopften wir dumme Sprüche. Mir wurde wieder wärmer. Doch die Welt fühlte sich nach wie vor empfindlich kalt an.

Begegnung mit den inneren Endgegnern

Dass man nicht allein sein will, ist ganz normal. Wir Menschen sehnen uns nach Bindungen. Aber ein Teil dieses Wahnsinns findet einzig und allein im Kopf statt. Solange man ständig Menschen um sich hat, köchelt man in einer warmen, sozialen Suppe und sieht keine Notwendigkeit, über sich selbst nachzudenken. Es ist warm, es ist kuschelig, es läuft. Begibt man sich aus dieser Suppe, brechen manche Dinge mit überraschender Klarheit hervor. Verbringt man Zeit allein – und nein, ich spreche nicht von Rosenblüten-und-Prosecco-Abenden in der Badewanne, die bühnenbildgleich inszeniert werden – wird man sehr deutlich mit dem eigenen Selbst konfrontiert.

Alleinsein bringt Seiten, die mit Scham, Schuld oder Angst behaftet sind, in einer Saunaklarheit ins Bewusstsein, die man nach dem Auftauchen aus dem eiskalten Wasser spürt.

In meinem Fall waren es die Angst vor dem Alleinsein und der Einsamkeit. Sie waren meine Endgegner.

Die Sache mit der Checkliste

Um zu erklären, weshalb Alleinsein und Einsamkeit meine Endgegner in der Schlammschlacht des Singlesein waren, muss ich etwas ausholen. Wir alle haben Vorstellungen, was ein gutes Leben ausmacht. Wir haben Checklisten mit Stationen, die wir bis zu einem bestimmten Alter erreicht haben wollen. Wie das aussieht, hängt stark davon ab, in welchem Umfeld wir aufwachsen. Wer religiös oder mit einem bestimmten sozialen Skript aufgewachsen ist, kann das vielleicht besser nachvollziehen: In Büchern, Liedern, Predigten und Gesprächen mit Mitmenschen fügen sich Erwartungen ans Leben zu einer Liste zusammen. Diese Liste formuliert Punkte mit klarem «Richtig», klarem «Falsch», Dinge, die einen guten, anständigen Menschen oder ein gutes, ja gesegnetes Leben ausmachen und Dinge, die eine Person verwerflich, charakterlos und unmoralisch erscheinen lassen oder davon zeugen, dass man auf Abwege geraten ist.

Solange man die Punkte auf dieser Liste erfüllt, ist alles gut. Doch sobald Zusatzschlaufen kommen, steigt Panik auf.

Man reagiert irritiert, verunsichert, weil man sich das alles ganz anders vorgestellt hatte. Wem beigebracht wurde, dass es nur einen Weg zum Glück gibt, der denkt, dass man die Chance auf Glück verspielt hat, wenn man nicht auf dem Weg bleibt. Bezeichnend, dass ein Lied aus den 1950er-Jahren, als es offenbar sehr klar vorgeschriebene Lebensläufe gab, diese fragile Angelegenheit treffend besingt: «Life could be a dream if only all my precious plans would come true». Tja, danach kamen John Lennon, die 1960er und die Erkenntnis «Life is what happens while you’re busy making plans». Oder, wer theologisch bleiben will: «Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihr von deinen Plänen!»

Zu viele Punkte nicht erfüllt

Alleinsein und Einsamkeit spülten meine persönliche Checkliste nach oben. Unbewusst hatte ich gewertet: Wer allein bleibt, ist gescheitert. Mit Ende 20 sowieso. Solange ich nicht allein blieb, war alles okay. Egal ob es mir gut ging oder es sich passend anfühlte. Allein zu sein bedeutete, ein hoffnungsloser Fall, am Boden der eigenen Existenz angelangt zu sein. Der Abschied von einer Beziehung war gleichzeitig ein Kampf mit der Checkliste in meinem Kopf.

Ich rang damit, dass ich nicht mehr den Erwartungen entsprach, die ich an mich formuliert hatte.

Letztlich waren es nicht die Urteile anderer, die schmerzten. Die gab es, klar. Mehr als einmal erntete ich mitleidige Blicke, wenn ich sagte, dass ich Single war, oder hörte, dass man es mir doch so gönnen würde, wieder einen Partner zu haben. Da war dieses internalisierte Skript, dass man doch Ende 20 den Partner fürs Leben gefunden haben musste, die Karriere ins Rollen gekommen war, man in absehbarer Zeit heiratete, sofern man das noch nicht getan hatte und dann ganz sicher Kinder in die Welt setzte. Doch Menschen, die solche Erwartungen hegten, standen mir nicht besonders nahe. Ich konnte sie entspannt fernhalten oder mich mit Freundinnen darüber aufregen.

Eine Checkliste für Selbstvernichtung

Weitaus vernichtender war mein eigener Umgang mit mir selbst: Ich verurteilte mich, dass ich Ende 20 und Single war. In der Realität verurteilte mich keine meiner wirklich guten Freundinnen, obwohl viele von ihnen verpaart und verheiratet waren. Keine dachte, dass etwas falsch war mit mir. Oder dass ich eine unmögliche Person, ein hoffnungsloser Fall war. Ausserdem gab es einige Freund:innen, die ebenfalls nicht den Idealen entsprachen, oder die es taten und schwierige Zeiten hatten, oder hinterfragten, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatten.

Es war dieser schmerzhaft klaren Einsamkeit zu verdanken, der ich mich bewusst aussetzte, dass ich langsam verstand, dass mich mein eigenes Hirn am meisten quälte. Dass niemand hinter mir her war ausser ich selbst.

Dass es gut und wichtig war, sich diese Zeit zu nehmen, Vergangenes zu sortieren und zu reflektieren und mit der Erfahrung des Erlebten die Zukunft neu zu gestalten. Und dass es Menschen gab, deren Leben ebenso offen war wie meins.

Könnte alles Okay sein?

Ein Moment brannte sich dabei besonders ein. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Menschen, die ich bei einem neuen Hobby kennengelernt hatte, kamen wir auf die Wohnsituation zu sprechen. Als ich gefragt wurde, zögerte ich. Irgendwann bröselte ich beschämt «Ich lebe allein mit zwei Katzen» hervor. Einer von uns, der mit zwei weiteren von der Runde – notabene alle über 30 und Single – in einer WG lebte, sah mich mit leuchtenden Augen an und meinte: «Oh mein Gott, du hast das grosse Los gezogen! Ich liebe Katzen!» Sein Mitbewohner doppelte sogleich nach. Mein Umfeld war cool mit mir. Ich durfte das auch sein.

 

Illustration: Rodja Galli

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