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Singlesein: Eine Einführung (Man stirbt dann übrigens nicht)

Digital zeigt sich das eindrücklich: Googelt man «Single», erscheinen nicht Definitionen oder Statistiken, welche diesen Beziehungsstatus nuancieren, sondern zahlreiche Angebote und Anzeigen von Datingportalen. Unmissverständlich der Aufruf: An diesem Zustand muss etwas geändert werden!

Aber ist Singlesein wirklich so schlimm, wie immer darüber geschrieben wird? Ist Alleinsein ein schlimmer, bemitleidenswerter Zustand? Ich finde Nein. Es gibt sehr viele gute Gründe, allein zu bleiben.

Was heisst überhaupt «allein»?

Doch wer gilt überhaupt als Single? Wie so oft, wenn man die Definition eines Worts betrachtet, bedeutet «Single» Verschiedenes. Im Deutschen gilt «alleinstehend» als Pendant. Es kann eine Person meinen, die allein lebt, also ohne minderjährige Kinder. Geläufiger ist hingegen die Auffassung, dass es sich um eine nicht verpartnerte Person handelt.

«Ledig» meint das juristische Wort dafür, dass eine Person zivilrechtlich gesehen (noch) nie verheiratet war, egal ob diese Person verpartnert ist oder nicht. Eine geschiedene Frau ohne Kinder, die mit einer Frau liiert ist, aber nicht mit dieser zusammenlebt, ist technisch gesehen genauso «alleinstehend» wie ein verwitweter, nicht verpartnerter Vater, dessen Sohn mit 20 auszog.

Spätestens hier dürfte klar sein: «Alleinstehend» ist ein ziemlich unpräziser Begriff. Man ist doch nicht automatisch allein, bloss weil einem ein romantisch-sexuelles Gegenüber «fehlt».

Vielfältige (Nicht-)Beziehungen

Erstens kann man auch ohne Liebesbeziehung sexuelle und nichtsexuelle Nähe zu anderen Menschen leben. Nichtsexuell, indem man Familie, Verwandte, Bekannte, Arbeitskolleg*innen oder, kaum zu glauben, Freund*innen hat.

Und sexuell (Achtung: schockierend für religiöse Sphären), indem man Romantik und Sexualität entkoppelt und Konstellationen wie One-Night-Stands, Affären oder «Friends with Benefits» wählt.

Zweitens ist eine Paarbeziehung keine Absicherung für ständige Gemeinschaft. Neue Studien, wie die Reporterin Theresa Bäuerlein vom «Krautreporter» recherchierte, zeigen im Gegenteil, dass gerade Singles diejenigen mit den reichsten Beziehungsnetzwerken sind.

Paare sind häufig so sehr mit ihrer eigenen Welt befasst, dass keine Kapazität bleibt, sich extensiv um soziale Beziehungen zu kümmern. Menschen können in Paarsettings vereinsamen.

Eine ungefähre Definition von Singlesein

«Single» oder alleinstehend bezieht sich daher sinnvollerweise auf die Tatsache, dass ein Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt – freiwillig oder unfreiwillig – ohne romantisch-sexuelles Gegenüber lebt. Doch es sagt nichts über die Qualität dieses Zustands aus.

Als Single erhält man die wunderbare Gelegenheit, sich selbst und/oder das eigene, bisherige Paarverhalten zu reflektieren und andere Pärchen zu beobachten.

Nicht selten bin ich zum Schluss gekommen: Gott sei Dank bin ich Single! Manche Paardynamiken schmerzen, wenn ich nur schon daran denke, dass ich mich nicht freiwillig in einen solchen Kontext begeben will.

Auch beim Daten wird man unmittelbar damit konfrontiert, wie bereit man wirklich ist, sich auf ein Gegenüber einzulassen oder wie bereit ein Gegenüber ist. Wie meine Kollegin Leela in ihrer Dating-Serie schrieb: «Wenn du das Gefühl hast, erleuchtet zu sein, melde dich auf Tinder an!»

Beziehungsstatus: Egal

Damit will ich keinesfalls sagen, dass Singlesein das bessere oder gar erleuchtetere Dasein darstellt. Ich finde viel eher, dass wir aufhören sollten, einen Beziehungsstatus zu bewerten oder vorzudefinieren: Also bei «verpaart» an «Gemeinschaft», «freiwillig» oder «glücklich» zu denken und bei «alleinstehend» an «einsam», «unfreiwillig» oder «unglücklich».

Ich wünsche unserer Gesellschaft, dass wir jeden Beziehungsstatus als gleichwertig ansehen und einen Zustand nicht mit einem bestimmten Erleben gleichsetzen. Das würde zum Beispiel bedeuten, dass wir anerkennen, dass das Leben schön, ja sehr schön und sehr bunt und mit sehr viel Liebe gefüllt sein kann, selbst wenn man keine romantisch-sexuelle Liebesbeziehung führt.

Denn beim Singlesein geht es um so viel mehr als den Beziehungsstatus.

Leelas Sutters Dating-Serie auf RefLab.ch beschreibt eine Reise mit sich selbst – ohne ein Pärchen-Bärchen-Ende zu zelebrieren.

Diese Beiträge sollen Leelas Gedanken ergänzen und erweitern. Sie machen quasi erst mal einen Schritt zurück: Es geht ums Alleinwerden, Alleinsein, um die vielen Facetten, die das beinhaltet, um gelungene und weniger gelungene Experimente, um Einsamkeit, Freude, Fragen, Zweifel, Ängste und Sehnsüchte.

Ohne Anspruch, einen richtigen Weg zu zeigen. Sondern die Momente moderner (Nicht-)Beziehungsformen auszuloten – auch, oder gerade mit sich selbst.

Illustration: Rodja Galli

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