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 Lesedauer: 4 Minuten

Singlesein: Und jetzt?

Es ist ein Mythos, dass Singlesein automatisch Alleinsein und Einsamkeit bedeuten. Es stimmt nicht, dass das Leben an einem vorbeizieht, wenn man keine Liebesbeziehung führt. Singlesein verbindet mehr als jeder andere Beziehungsstatus, wie die Journalistin Theresa Bäuerlein schrieb. Doch es reicht nicht, eingebunden zu sein in ein Netz von Freund*innen. Daran erinnert mich Daniel Schreibers «Allein» immer wieder.

Denn nicht immer sind Menschen da, die einem zuhören können. Es gibt Momente, da haben sie genug auf ihren eigenen Tellern oder verstehen schlicht nicht, wo das Problem liegt. Heute bin ich überzeugt:

Wer liebevolle Beziehungen (er)leben will, braucht zuerst eine liebevolle Beziehung zu sich selbst.

Wer stabil in einer Beziehung stehen will, sollte sich selbst halten können.

ALLER ANFANG IST SCHWER

Man muss das Alleinsein nicht sofort können. Und auch nicht immer. Heute kann ich besser, aber längst nicht jedes Mal differenzieren, wann ich etwas mit mir selbst ausmachen muss und wann es gut ist, Mitmenschen ins Boot zu holen, weil man sich verrückt denkt. Heute tun mir Abende gut, an denen ich ganz alleine mit einem Buch auf dem Sofa liege, tausend Gefühlswellen ins Tagebuch kritzle und oder unter der Dusche heule und weiss: Ich will gerade von gar niemandem gehalten werden.

Ich weiss, dass meine Schmerzen für niemand Aussenstehendes Sinn ergeben und jegliche Erklärungen fehlschlagen würden.

Es hat etwas Schönes, sich in einer unangenehmen Situation zu befinden und zu spüren: Ich schaffe das.

Ich habe alles, was ich brauche, um das zu bewältigen. Ich gehe da jetzt durch. Und natürlich gibt es auch die schönen Momente: Wenn ich beschliesse, einen Tag allein wandern zu gehen oder eine marokkanische Tajine koche, nur für mich. Wenn man beginnt, sich mehr und mehr in sich Zuhause zu fühlen, kann einem das niemand nehmen. Diese Beziehung verschwindet nicht.

DIE REISE HÖRT NICHT AUF

Ich weiss, hätte ich das noch vor einem Jahr gehört, ich hätte das Kotzen bekommen.

Ich bin an einem guten Ort, wenn ich diese Worte schreibe.

Sollte ich das zu einem späteren Zeitpunkt lesen, an dem sich das Leben wieder instabiler und/oder trostloser anfühlt, werde ich womöglich würgen und denken: «Echt jetzt? Du hattest keine Ahnung!» Ich will nicht weiser klingen, als ich bin. Ich habe nicht alles im Griff. Ich kann schöne Worte finden. Rückwärts gewandt geht das sowieso leichter. Aber es bedeutet nicht, dass ich ab jetzt für immer am Schlamm vorbeikomme.

Ich habe keine Landkarte des Lebens, kein Rezeptbuch mit sämtlichen, vorgefertigten Antworten. Erkenntnisse sind momentan.

Das sagt selbst ein nicht poststrukturalistisch denkendes Werk wie die Bibel. Macht es mir Angst, dass ich weiss, dass ich wieder solche Momente erleben werde? Natürlich. Hätte ich am liebsten schon jetzt Antworten und Gewissheiten? Natürlich. Hätte ich gerne die Gewissheit, dass am Schluss ein stimmiges, grosses Narrativ alle Schmerzen zu einer sinnhaften Erzählungen verwebt? Bitte!

IMMER WIEDER WEITERMACHEN

Aber was sagen wir über uns selbst aus, wenn wir meinen, dass wir es ohne andere Menschen nicht aushalten? Wenn wir denken, dass wir uns nur in anderen, oder noch schwieriger, in einer einzigen anderen Person Zuhause fühlen können, nicht aber in uns selbst? Woher kommt diese Angst vor dem Alleinsein? Was ist da wirklich los? Geht es wirklich um den Wunsch nach Gemeinschaft? Oder geht es nicht weit häufiger um die Assoziationen, die wir mit Alleinsein und Singlesein verbinden, persönlich und als Gesellschaft?

Wenn ich ein Plädoyer fürs Alleinsein halten dürfte, dann dieses:

Das Alleinsein immer und immer wieder probieren.

Es ist schwierig. Es ist schmerzhaft. Es hinterlässt Narben. Manchmal kommen Menschen und sagen Sachen, die ich nicht hören will. Aber irgendwann kommt der Moment, an dem es leichter wird. Und ja, sogar schön.

 

Illustration: Rodja Galli

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