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 Lesedauer: 6 Minuten

Eine unvollständige Liste verlorener Dinge

Meine Brille, in Italien vor drei Jahren, die erste grosse Liebe, die Schiffe, die im Bermudadreieck verlorengehen, die Erinnerung, der Schlüssel für die Garage, diese eine Rechnung, die gestern bestimmt noch auf der Anrichte lag.

Die Einkaufsliste, die Lieblingsbluse, die Socke in der Waschmaschine, die Leichtigkeit im letzten Jahr, die Gelassenheit von Kaffeekränzchen und grossen Geburtstagstafeln. Ein Schaf, ein Groschen, ein Sohn, meinen Glauben. Der Geldschein, der gestern noch in der Hosentasche steckte. Die Grossmutter, der Vater, der früher ein anderer war. Ein Ort, der einmal Heimat war und nun nicht mehr ist.

Ich könnte wohl noch unzählige Dinge ergänzen. Und andere wieder streichen. Die Liebe findet sich meistens wieder. Die Gelassenheit ist immer noch verloren.

Bestimmte Orte und Väter auch. Aber auch die Freundschaft mit Maria, die nicht Maria heisst, und das Schlagzeug spielen. Ich dachte sehr lange, ich hätte mein Ladekabel verloren, dabei war es nur unter die Matratze gerutscht. Da hatte ich nicht direkt gesucht.

Immer auf der Suche

Und Gott sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe – einen Garagenschlüssel, die Liebe, die Gelassenheit von Kaffeekränzchen und grossen Geburtstagstafeln, einen Ort, der einmal Heimat war, Maria und das Ladekabel – hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht dem Verlorenen nachgeht, bis er es findet?

Und Gott sprach: Verlierst du noch oder suchst du schon? Und ich sprach: Wieso muss ich denn das Ladekabel ausgerechnet dann verlieren, wenn ich es dringend brauche? Und Gott sprach: Wer suchet, der findet. Und ein Mann namens Hiob sprach: Bei mir findet sich nichts wieder.

Hiob hatte ein ziemlich gutes Leben, bis ihm alles, was sein Leben schön gemacht hat, von Gott genommen wurde. Also zog Hiob in eine kleine Anderthalb-Zimmerwohnung, am Stadtrand, mit einem Kabuff und einem Koffer voller Verluste. Und er begann sich Gedanken über das Verlieren zu machen. Genauso wie ich.

Und Gott stellte fest, dass Verlorenes wichtiger ist als das, was noch da ist. Und Menschen ungern Dinge verlieren. Hiob versteht nach wie vor nicht, warum er so viel verlieren musste. Ich auch nicht.

Hiob sagte bei sich: Der Mensch ist ein bewahrendes Wesen. Er recherchiert und findet heraus und entdeckt neu. Er hegt und pflegt. Er archiviert und erhält. Denn nur was einmal da war, wird betrauert, wenn es verloren geht.

Und Gott zitierte Goethe und sprach:

«Das ist des Menschen wunderbar Geschick, dass bei dem größten Übel noch die Furcht von fernerem Verlust ihm übrigblieb.»

Geht alles irgendwann

Ich stelle fest: Immer geht irgendwas verloren. Ganz egal, wie sehr wir uns bemühen, wie sehr wir auf die Dinge achtgeben, die wir liebgewonnen haben. Egal wie sehr wir sammeln und wieder zusammensuchen.

Die Band Mikroboy singt in ihrem Song «Alle Menschen verlieren Sachen»:

«Verstand oder Hoffnung?/ Ob Job, ob Geld oder einfach Phantasie/ Genau weiss man das nie/ Man kann nichts dagegen machen/ Ausser dann nach Jahren drüber lachen/ Alle Menschen verlieren Sachen»

Wohl nur ein kleiner Trost. Ich klammere mich an die Vorstellung, dass die Dinge bei mir bleiben, wenn ich sie nur lieb genug habe. Wenn ich nur alles richtig mache und immer den Schlüsselbund an das Schlüsselbrett hänge und immer schön brav Sprachnachrichten an alle meine Liebsten verschicke.

Irgendetwas geht uns immer verloren. Weil es so ist. Weil nicht alle Dinge, die wir vermeintlich zu besitzen meinen, bei uns bleiben können. Dass das so ist, weiss ich wohl. Wahrhaben will ich es trotzdem nicht.

Menschen verlieren

Ich nehme derzeit viele Podcasts auf, davon erzähle ich Hiob. Ich sammle Gespräche mit Menschen, in denen es darum geht, Menschen zu verlieren. Es geht um den Tod. Was wir verlieren, wenn wir dem Tod begegnen.

Häufig bekommen wir das, was wir verloren haben, niemals wieder. Es fehlt. Und es bleibt dabei, dass es fehlt. Leerstellen füllen sich mit anderen Dingen. Aber niemals wieder mit dem, was vorher die Leerstelle zu einer Nicht-Leerstelle gemacht hat.

In dem Buch «Im Osten der Träume» von Nastassja Martin heisst es, dass Leerstellen sich nicht neu füllen. Sie werden nur neu geformt, durch die Dinge, mit denen wir sie umgeben.

Hiob lacht nicht über die Dinge, die ihm verlorengehen. Und Hiob verliert so ziemlich alles, was man besitzen kann. Hiob schreit Gott an, weil ihm so viel verloren gegangen ist. Jeden Morgen, wenn er aufwacht und feststellt, was er alles verloren hat. Er hadert und ringt und kämpft und verzweifelt. Es schmerzt eben zu sehr. Besonders wenn Menschen verloren gehen.

Mit dem Tod verlieren wir Verbindungen. Der Tod löst Verknüpftes auf und zerschneidet Zusammengeflochtenes, er trennt Verbundenes, er macht Dinge kaputt.

Der Tod ist weniger als ein Nullsummenspiel. Er ist ein Verlustgeschäft, im wahrsten Sinne des Wortes. Verlust eines geliebten Menschen bedeutet auch, dass sich der Verlust von Freude und Sinn, Liebe und Resonanz dazugesellen. Zurück bleibt häufig eine traute Einsamkeit.

Ein Koffer voller Verluste

Judith Schalansky schreibt in ihrem Buch «Verzeichnis einiger Verluste»:

«Am Leben zu sein, bedeutet, Verluste zu erfahren.»

Und so füllen wir unser Leben an mit Koffern und Rucksäcken voll von in Luftpolsterfolie gepackten Verlusten, die sich in unseren Garagen und Abstellkammern, auf unseren Dachböden und Herzvorhöfen ansammeln. Menschen und Dinge und Liebe und Hoffnung. Ich habe so einen Koffer, Hiob auch.

Ab und zu fragt uns jemand danach und wir stellen fest, dass wir uns selbst umwickelt haben mit Luftpolsterfolie vor lauter Verlusten.

«Ich kann dir meinen Koffer zeigen, vollgepackt mit all den Dingen, die ich schon verloren habe. Sie sind eingeschlagen in Luftpolsterfolie, damit zumindest die Erinnerungen bleiben.» Hiob ist seltsam fröhlich, als er mir von seinem Koffer erzählt.

«Meistens steht der Koffer in dem Kabuff. Um hineinzugelangen muss ich mich immer ein bisschen bücken, weil ich mir sonst den Kopf stosse. Dort steht allerlei nicht Notwendiges, wie der Weihnachtsschmuck und meine Umzugskartons, hinter die Warmwassertherme geklemmt. Und neben dem Trekkingrucksack lagert eben auch der Koffer meiner Verluste.»

Ich frage mich wie viel Platz ich für meine Verluste bräuchte, hätte ich so viel verloren, wie Hiob.

Das, was bleibt

Auf Gott ist Hiob immer noch sauer. Ich kann es verstehen, ich wäre es auch.

«Manchmal, wenn ich den Koffer brauche, räume ich ihn aus und schaue mir an, was verloren gegangen ist. Dazu höre ich dann Musik von Otis Redding und sitze auf dem alten Perserteppich. Meine Verluste liegen dann wie Weihnachtsgeschenke um mich herum auf dem Boden verteilt.»

Es war einmal ein Mann, der hiess Hiob. Hiob hat sehr viel verloren. Die Erinnerungen an seine Verluste hat er in Luftpolsterfolie verpackt und in einen Koffer gelegt. Umgeben von Weihnachtsschmuck, Christbaumkugeln und Lichterketten. Ich glaube, dort sind seine Leerstellen gut aufgehoben.

Ab und zu rede ich mit Hiob über seinen Koffer und das Suchen und über Gott und die Leerstellen, die bleiben. Dann bin ich ein klein bisschen weniger traurig, über die fehlende Brille und die abhanden gekommene Gelassenheit. Du fehlst nach wie vor. Aber ich habe deine Leerstelle mit Zuckerwatte verziert und mit Sonnenstrahlen ausgeleuchtet, damit es hell bleibt, wo du mal warst.

 

Foto von Annie Spratt @unsplash

Um das Verlieren von Menschen geht es auch in den neusten Folgen des RefLab-Podcasts «I feel you».

Alle Beiträge zu «Auf Tuchfühlung mit dem Tod»

2 Kommentare zu „Eine unvollständige Liste verlorener Dinge“

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