Less noise – more conversation.

 Lesedauer: 6 Minuten

Manifestieren: eine Replik aus nondualer Perspektive

Jahrelang schrieb ich jeden Morgen in mein «gratitude journal», mein Dankbarkeitstagebuch. [1] Drei Dinge, für die ich dankbar bin, die bereits präsent sind, drei Dinge, für die ich dankbar bin, die ich mir wünsche.

Und ich weiss noch, wie unendlich betrogen ich mich fühlte von dieser Praxis, als mein damaliger Verlobter Suizid beging.

Like WTF, jahrelang habe ich diesen Scheiss gemacht – und was hat das gebracht? Rein gar nichts. Ich verbrannte mein blödes Dankbarkeitstagebuch und habe seither wenig dafür übrig.

Lächerlich und nichtig

Ja, ich fühlte mich von vielen meiner Praktiken sehr betrogen und warf sie für einen Moment ganz weg. Brach mit vielem und vielen.

Lächerlich erschienen viele der vormals geliebten Dinge meines Yogi-Daseins. Und ich durfte relativ schnell einen viel viel direkteren Weg zu meditieren kennenlernen.

Ich lernte, wirklich in die Stille einzutauchen und mich dort endlich echt zu erholen.

Inzwischen habe ich den damaligen Zynismus und das Gefühl des Betrugs ablegen dürfen. Ich sehe die Dinge in einer Klarheit, die unvergleichbar ist.

Aus dieser Klarheit heraus, ist der von Manuel so schön beschriebene Manifesting-Trend absoluter Blödsinn. Kompletter Humbug. Es kann  gefährliche Folgen haben wie toxische Positivität und «spiritual bypassing». [2]

Und gleichzeitig sehe ich auch: Was da im Text gesagt wird, stimmt schon – ABER. So ein richtig fettes, grosses ABER kommt da hin.

Wir sehen die Realität verzerrt…

Das «Aber» bezieht sich auf die Tatsache, dass die wenigsten von uns eine unmittelbar-direkte Beziehung zur Quelle allen Seins haben. Wie Manuel schreibt:

«Unsere Sinneseindrücke sind eben mitnichten ’neutral‘, sondern werden von unseren subjektiven Überzeugungen, unseren Glaubenssätzen und weltanschaulichen Vorentscheidungen mitgeformt. Uns ‚widerfahren‘ Beobachtungen nicht einfach, sondern wir ‚machen‘ sie, wie es die deutsche Sprache entlarvend ehrlich ausdrückt.»

Genau da liegt die Krux der Sache: Dass die wenigsten von uns die Realität sehen oder erleben, wie sie wirklich ist. Oder wie es manche Zen-Lehrer ausdrücken: Dass der Spiegel nicht poliert ist und wir nicht klar sehen können.

Solange ich mich als separates «Mansgöggeli» (d.h. separates Ich) verstehe und so lebe, als gäbe es dieses Ich, das Kontrolle hat – solange filtert es die Realität, die Quelle allen Seins.

Es filtert die Tatsache, dass alles bereits da ist. Etwas, was aus der Perspektive vom Kopf oder separaten Ich gehört nicht wirklich nachvollziehbar ist.

…dabei schwimmen wir in der Quelle

Aber stell dir für einen Moment vor, du bist ein Fisch im Wasser und bist dir aber des Wassers gar nicht bewusst, gerade weil es einfach überall ist. Übertragen auf uns Menschen heisst das, wir schwimmen in der Quelle allen Seins, in dieser Realität wo alles vorhanden ist – und merken es meist nicht. Weil der Kopf und das separate Ich eben als Filter fungieren.

So werden etwa Reichtum und Fülle durch dieses Ich hindurch gefiltert mit all seinen Wunden und Überzeugungen und Glaubenssätzen. Und diese verformen, was da eigentlich an Gutem durchfliessen könnte oder möchte.

So, wie wenn Licht durch ein staubiges oder verdrecktes Fensterglas in einen Raum einfällt: Das Licht ist zwar da, aber verzerrt. [3]

Enorme Egos, die da #manifesting betreiben

Bei keiner der #manifesting-Queens nehme ich die Absenz ihres Ichs wahr – das sind alles mächtige Egos, die da zu manifestieren versuchen. Wenn ich eine Kollegin sagen höre, «ich muss jetzt nach Hause gehen und mir das und das manifestieren», höre ich nur «ich, ich, ich».

Das spiegelt sich auch in meiner eigenen Erfahrung, sei es noch während der «gratitude journal»- Phase oder in den Jahren danach: Wenn es mein Ego ist, das da etwas will, dann führt es oftmals zu nichts, oder gar zu je nachdem kleinem oder grösserem Chaos. Je nachdem natürli, wie viel Material (Karma) im Weg ist, gäll.

In Bezug aufs Wohnen etwa war’s bei mir immer schon relativ leicht und frei: Ich wünschte mir eine bezahlbare Wohnung in Wiedikon, bäm, da war sie. Ich wünschte mir mehr Grün, mehr Ruhe – ok das ging etwas länger – aber dann doch auch sehr rasch; bäm, kam das Haus im Tessin.

Die Welt lila anstreichen – oder den stillen Wunsch deines Wesens hören

Und ja, es ist so so so einfach in die «kollektive Selbsttäuschung» reinzufallen, sich die ganze Welt lila anzustreichen und so zu tun, als sei alles fabulous, und wenn da der Impuls ist, sich was Teures zu kaufen, just do it, you deserve it queen.

Doch das hinterlässt so einen Nachgeschmack, wie wenn du zu viel Süssigkeiten gegessen hast.

Leider doch nicht so geil, wie du gemeint hast.

Dein Bauch bitz hässig und durcheinander.

Inzwischen sehe ich Manfestieren als etwas sehr Unaufgeregtes, Stilles, ja sogar Passives. Mein Wesen hat Bedürfnisse und Wünsche und die werden je nachdem sofort oder nach einer gewissen Reifung manifest. Weil in der Quelle allen Seins alles bereits angelegt ist, aller Reichtum, alle Fülle, alles, was sich mein Wesen je wünschen könnte.

Das haben wir alle schon zigmal erlebt, aber vielleicht nicht registriert: Du fährst mit dem Velo zum Hauptbahnhof und merkst: «Oh, ich hätte gern einen guten Platz für mein Fahrrad, damit es bis zum Abend sicher verweilen kann und ich einfach zu meinem Gleis komme».

Vielleicht ist das noch nicht einmal ein bewusster Wunsch. Sobald du beim Bahnhof ankommst, ist der beste aller Plätze frei, auch wenn eigentlich Stosszeit ist. Nun mag es so aussehen, als hättest «du» das herbeigezaubert – doch das stimmt nicht.

Die Quelle allen Seins ist ein grosses Feld, ist All-Einheit und somit nicht abgetrennt von dem, was du als «ich» erlebst. Also habe ich als «ich» als separates Ich eigentlich überhaupt nichts mit dem Vorgang des Manifestierens zu tun.

Es ist die Quelle allen Seins oder das Leben selbst, das sich selber zuhört und dann in Form giesst. Lustig, nicht?!

 

Foto von Saad Chaudhry auf Unsplash

[1] Ein «Gratitude Journal» ist ein Dankbarkeitstagebuch, das verschieden genutzt werden kann: Entweder notiere ich all die Dinge in einem Tag, für die ich dankbar bin oder ich nutze es so, wie weiter unten im Text beschrieben.

[2] Die toxische Positivität bezeichnet jenes Phänomen, dass Emotionen wie etwa Wut oder Trauer keinen Raum haben dürfen, und unterdrückt werden bzw. positiv überpinselt werden. Das führt uns zum «spiritual bypassing», was nichts anderes heisst, als gewisse Dinge zu vermeiden im Namen der Spiritualität. Eben etwa unangenehme Gefühle oder Erinnerungen werden übergangen oder übersprungen, statt dass eine echte Auseinandersetzung damit stattfindet.

[3] Ja und wie geht das unverzerrte Sehen? Über das Üben vom über den Körper ins Sein, in den Moment zu kommen. Hier findest du eine solche Übung und auf meiner Website findest du Möglichkeiten, dich darin zu vertiefen.

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