Als Trumps damalige Pressesprecherin Kellyanne Conway 2017 den Terminus «Alternative Fakten» schuf, war das beängstigend, aber auch irgendwie amüsant.
Neun Jahre später ist vielen das Lachen vergangen.
Wir sind nicht mehr nur im Zeitalter der bewusst gestifteten Unsicherheiten und Unwahrheiten. Sondern auch der Bots, die Lügen und Bullshit tausend- und millionenfach reproduzieren.
Dazu kommt KI:
ChatGPT erfindet bis zu 40 % der Informationen und stellt sie als Fakten dar. Es lässt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob Videos und Fotos echt sind oder ob es sich um künstlich generierte Inhalte oder sogar DeepFakes handelt.
«Superreiche gefährden die Demokratie»
Vertrauen ist eine Ware, die auf dem Markt der Bots und Fake-Informationen gekauft werden kann. Und wie bei allem, was ein Preisschild hat, verfügen diejenigen am ehesten darüber, die die grössten finanziellen Mittel haben.
«Die Macht der Superreichen gefährdet die Demokratie» – Oxfam benennt es klar und deutlich. Jedes Jahr zum Start des WEF in Davos stellt der weltweite Verband von Hilfsorganisationen einen Bericht zur sozialen Ungleichheit vor. Ein besonderer Fokus liegt im Bericht von 2026 auf den Medien:
«Über die Hälfte der grössten Medienkonzerne der Welt sind in den Händen von Milliardären, und 9 von 10 Social-Media-Unternehmen werden von lediglich sechs Milliardären kontrolliert.»
In den Händen dieser – zumeist – Männer laufen auch Fäden aus dem Rohstoffhandel, der Politik und der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz zusammen.
Eine gefährliche Kombination.
Wer Medienkonzerne oder «Soziale» Plattformen besitzt, kann nicht nur eigene Interessen durchsetzen. Er kann auch die öffentliche Meinung massgeblich steuern und prägen.
Der Fall von «Cambridge Analytica» zeigte bereits 2014, wie Wähler:innen durch den Einsatz von Social Media gezielt beeinflusst wurden, um Donald Trump an die Macht zu bringen. Auch ausserhalb von Wahlkampf wird die Polarisierung der Gesellschaft durch Algorithmen vorangetrieben – nicht als Nebeneffekt, sondern ganz bewusst.
Und Polarisierung ist nicht dasselbe wie Meinungs- und Perspektivenvielfalt. Im Gegenteil: Sie schadet dem Austausch und dem Miteinander. Der Oxfam-Bericht stellt noch ein weiteres Problem dar: Durch diesen interessengeleiteten Medienbesitz werden gesellschaftliche Minderheiten unsichtbar gemacht und Ungerechtigkeit wird gefördert.
Meinungsvielfalt wird verwässert
Ist privat denn zwingend negativ?
Auch in der Schweiz sind immer noch viele Medien in den Händen von privaten Verleger:innen. Das an sich war lange nicht problematisch, im Gegenteil:
Journalistische Medien wie Tageszeitungen standen und stehen in einer produktiven Konkurrenz und tragen so zur Meinungsvielfalt bei.
Diese produktive Konkurrenz wurde jedoch in den letzten zwanzig Jahren stark verringert. Ansatzweise weiss man als Leser:in immer noch, welche Zeitung welcher Partei nahesteht. Doch inzwischen gehören viele Zeitungen zu Grosskonzernen, und diese sind auf Profit ausgelegt. 2021 legte Tamedia etwa die Lokalredaktionen der Zeitungen «Der Bund» und «Berner Zeitung» zusammen, die zuvor ergänzend oder auch kontrovers über kantonale und städtische Politik berichteten.
Spagat zwischen Klicks und Relevanz
Ein wichtiger Faktor ist die Digitalisierung: Mit dem Aufschwung von Onlineplattformen sind Medien erst unter Druck geraten, dann haben sie sich neue Werbemärkte erschlossen. Die diesbezügliche Währung ist in erster Linie die Anzahl Klick – und erst in zweiter Linie Information.
Die meisten Medienhäuser, die in der Schweiz publizieren, machen einen Spagat: Die Redaktionen haben den Anspruch, faktentreu und relevant zu sein. Gleichzeitig haben journalistisch recherchierte Informationen in dieser Ökonomie der Aufmerksamkeit übermächtige Konkurrenz.
Und wenn Vertrauen eine Ware ist, sind Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit Optionen unter vielen.
Wer heute noch durch Facebook scrollt, bekommt eine Vorstellung davon, wie Medien ohne Journalismus aussehen: Ein KI-generiertes Video jagt den anderen Bot-Artikel.
Die «Vierte Gewalt»
Im Leitbild der Schweizer Journalistenschule MAZ heisst es: «Journalismus, wie er am MAZ gelehrt wird, beruht auf klaren Prinzipien und Anforderungen: Er ist unabhängig, wahrhaftig, relevant, kritisch, fair und attraktiv.»
Unabhängigkeit und eine geschulte, kritische Haltung machen den Journalismus zur sogenannten «Vierten Gewalt» in einem demokratischen Staat.
«Journalistinnen und Journalisten sichern den gesellschaftlich notwendigen Diskurs.»
Dieser Satz steht in der Präambel des Journalistenkodex’ des Schweizer Presserats. Darauf folgen Rechte, aber vor allem auch Verpflichtungen: Diesen unterwerfen sich Journalist:innen freiwillig.
Öffentlich-rechtliche Medien sind unverzichtbar in Zeiten, in denen Superreiche auch über private Medien und Onlineplattformen Unruhe stiften und ihre eigenen Interessen vorantreiben.
Denn sie sind – anders als letztere – an Regeln gebunden, haben einen Bildungsauftrag und sind zu einer ausgewogenen Berichterstattung verpflichtet. Es gibt journalistische Standards und, wo diese nicht eingehalten werden, Ombudsstellen.
Ein Bollwerk gegen Diktatoren
Gerade, dass demnächst über die Finanzierung und damit auch die Legitimität der SRG abgestimmt wird, belegt deren demokratische Grundlage. Es steht dabei viel mehr auf dem Spiel als der «Samschtig-Jass» oder «Tschugger», oder einer ungeliebten SRG endlich mal ans Bein zu pinkeln.
Wir – die nicht-superreiche Mehrheit – dürfen die öffentlich-rechtlichen Medien nicht aus der Hand geben.
Demokratie braucht Information, die gut und kritisch recherchiert, ausgewogen und glaubwürdig ist.
Gerade wer sich dieser Tage über Trump und Co. ärgert, sollte sich dessen sehr bewusst sein: Unabhängige Medien sind ein Bollwerk gegen Diktatoren. Und in dieser Zeit braucht es davon eher doppelt als halb so viel.
Schlechte Presse? (Beitrag von Stephan Jütte zu diversen Medienskandalen 2021)
Reichtum wächst. Elend auch (Beitrag von Johanna Di Blasi zur Oxfam-Studie/WEF 2025)
Proud to pay more! (Beitrag von Johanna Di Blasi zur Oxfam-Studie/WEF 2024)
Jahrbuch Qualität der Medien, Hauptbefunde 2025 (fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft, Universität Zürich)
Bild: Nick Fancher/Unsplash





