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Lesedauer: 8 Minuten

Die Ungewissheit umarmen

Der kleine Junge, der den ersten Morgen ohne seine Mutter in der Kindertagesstätte verbringt und dort seinen neuen Freund kennen lernt. Die junge Frau, die einmal durchatmet, bevor sie zum ersten Mal die gewaltige Tür zur juristischen Fakultät aufstößt und sich auf ein Studium einlässt, das den Kurs ihres Lebens verändern wird. Der betagte Herr, der nach langer Zeit der Einsamkeit das Formular zur Anmeldung ins Pflegeheim unterschreibt, ungewiss, was und wer ihn dort erwartet. Die Professorin, die nach langem Abwägen den Ruf an eine Universität in einem ihr noch fremden Kontinent annimmt – überzeugt, dort Entscheidendes bewegen zu können. Der Teenager, der seine Schulfreundin mit zittriger Stimme auf ein Date einlädt, voller Angst vor Zurückweisung, aber auch voller Hoffnung auf das, was man »Liebe« nennt. Die Mutter, die endlich den Mut findet, aus einer toxischen Beziehung auszubrechen und einen neuen Anfang zu wagen. Der gelernte Zimmermann und mehrfache Familienvater, der seine beruflichen Sicherheiten zurücklässt, um ein Studium in sozialer Arbeit zu verfolgen.

Sie alle lassen sich auf die Unberechenbarkeiten des Lebens ein und schlagen Wege ein, die sie ins Unbekannte führen. Nicht alle werden für ihr Wagnis belohnt werden, zumindest nicht so, wie sie es sich erhofft haben.

Aber ist ein Leben ohne solche Wagnisse denkbar? Wäre es erstrebenswert?

Notwendige Besinnung

Wir denken in dieser Blogserie über die Möglichkeiten nach, den Unwägbarkeiten und Abwegen des Lebens angemessen, vielleicht sogar konstruktiv zu begegnen. Diese Überlegungen finden nicht im luftleeren Raum statt, sondern auf dem aktuellen Hintergrund massiver Einbrüche des Unberechenbaren in unsere Lebenswelt. In den vergangenen beiden Jahrzehnten haben sie sich mit den Stichworten »9/11», »Finanzkrise«, »Fukushima«, und natürlich »Covid-19« verbunden, und sie machen es den modernen Gesellschaften immer schwerer, ihr unbeschwert-selbstsicheres Lebensgefühl aufrecht zu erhalten.

Bücher, welche die Unabsehbarkeiten des Lebens zum Thema machen und sich mit der Existenz in einer prekären Risikogesellschaft auseinandersetzen, stoßen darum auf breites Interesse: Auch wenn man sich vielleicht gerne weiterhin in trügerischer Sicherheit wähnen würde, wächst doch unweigerlich das öffentliche Bewusstsein für die Gefährdung auch und gerade unserer spätmodernen Wohlstandsgesellschaft. Menschen suchen nach Wegen, in einer risikoreichen Welt ein Leben jenseits von Angstparalyse und Ignoranz zu führen.

Nun ist es aber angebracht, an dieser Stelle einen Schritt zurück zu machen.

Bevor wir die ersten Schritte zum Tanz auf dem dünnen Eis des Lebens machen, sollten wir innehalten und nicht nur die Gefahren, sondern auch die Segnungen des Unberechenbaren in den Blick nehmen.

Positive Überraschungen

Es ist ein amerikanischer Religionsphilosoph und Theologe, der mir die Augen dafür geöffnet hat. Seit vielen Jahren setzt sich Gregory Boyd für eine »abenteuerfreundliche« Theologie ein, welche die Unberechenbarkeiten unserer Realität anerkennt und auch im Namen Gottes nicht wegzuerklären versucht – denn die Offenheit und damit Potentialität des Lebens gehört seiner Überzeugung nach zu den Bedingungen erfüllten Menschseins überhaupt.

Wir können uns an unbekannten Liedern, frisch verfassten Gedichten, originellen Malereien, unerwarteten Wendungen in Geschichten, spontanem Spiel, kreativen Tänzen und vielem mehr erfreuen, und wir sind fähig, in der Begeg­nung mit dem Unerwarteten zu staunen, Abenteuer zu erleben und Über­rasch­ungen zu genießen. 

Für Boyd macht all das unser Leben erst aus.

(Vgl. hierzu Gregory Boyd: God of the Possible, 128f).

Wahrscheinlich hätte ihm der große Erkenntnistheoretiker Karl Popper darin Recht gegeben: Er verwirft eine deterministische Sicht der Wirklichkeit, deren Geschichte in prinzipiell voraussehbaren Bahnen verläuft, nämlich gerade darum, weil sie dem Menschen die von Boyd gerühmten Fähigkeiten letztlich abspricht. Den (physikalischen) Determinismus kann Popper sogar als »Alptraum« bezeichnen: Er zerstöre die Idee der Kreativität und erkläre die Erfahrung, etwas Neues geschaffen zu haben, zur Illusion (Karl Popper: Of Clouds and Clocks, 222).

So nachhaltig einer Gesellschaft z.B. das Erleben eines Krieges in den Knochen sitzt und so fundamental uns eine Pandemiekrise auch verunsichern kann:

Die Erfahrung von Unberechenbarem gehört nicht nur zu den unliebsamen Nebenwirkungen unserer Existenz, sondern zu dem, was unser Leben erst lebenswert macht.

Persönliche Neigungen

Nun ist die obige Einschätzung zwar allgemein nachvollziehbar, aber wohl doch nicht bei allen Lesern gleichermaßen willkommen.

Es gibt nämlich beträchtliche persönlichkeitsbedingte Unterschiede hinsichtlich der Aufgeschlossenheit für unvorhersehbare Ereignisse.

Besonders deutlich lässt sich das anhand des sogenannten »OCEAN«-Modells zeigen – ein Tool der empirischen Persönlichkeitsforschung, welches das psychologische Profil des Menschen anhand der individuellen Ausprägung von fünf Haupteigenschaften zu beschreiben versucht: Neben den Faktoren »conscientiousness« (Gewissenhaftigkeit, Selbstkontrolle), »extraversion« (Aufgeschlossenheit, Geselligkeit), »agreeableness« (Verträglichkeit, Rücksichtnahme) und »neuroticism« (Labilität, Stresstoleranz) fungiert als erstes und prominentestes Attribut dasjenige der »openness« (Offenheit) – so ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben eben das Kürzel »OCEAN«.

Menschen mit einem hohen Offenheits-Level sind für neue Erfahrungen, Sinneseindrücke und Ideen besonders aufgeschlossen und zeichnen sich durch überdurchschnittliche Risikobereitschaft und Veränderungsfreude aus,

während Menschen mit einem niedrigen Offenheits-Quotienten entsprechend zu Konventionalität und Traditionalismus neigen. Sie bevorzugen Sicherheit vor Wagnissen und fühlen sich in berechenbaren Alltagsabläufen wohl.

Ermöglichte Beziehungen

Diese persönlichen Unterschiede sollten allerdings auch nicht verabsolutiert werden: Gewiss leiden manche unter der Absehbarkeit des Tagesablaufs z.B. im Militärdienst mehr als andere, genauso wie manche mit den Unwägbarkeiten einer Krisenzeit mehr zu kämpfen haben als andere. Aber kein (gesunder) Mensch blüht im Gefängnis auf, wenn der gesamte Alltag auf Kosten persönlicher Freiheiten durchprogrammiert ist – und kaum jemand fühlt sich auf Dauer wohl in einer Existenz, die aus Mangel an Kontinuität in unberechenbare Einzelereignisse auseinanderfällt.

Dabei geht es nicht einfach um eine notwendige Balance zwischen Verlässlichkeit und Unvorhergesehenem, Routine und Risiko, Vertrautem und Neuem, sondern vielmehr um ein Ermöglichungsverhältnis:

Die Kontinuitäten des Lebens schaffen erst den Raum für Erfahrungen des Unerwarteten und Überraschenden.

Das ist nicht nur philosophisch einleuchtend (wie will man vom Unerwarteten oder Überraschenden sprechen, ohne damit etwas Erwartbares vorauszusetzen?). Es ist auch leicht nachvollziehbar im Blick auf das, was dem Menschsein in besonderer Weise Sinn und Erfüllung verleiht – nämlich die Erfahrung tiefgehender zwischenmenschlicher Beziehungen.

Im Begriff der Beziehung ist das Moment der Kontinuität, der Verlässlichkeit und Längerfristigkeit bereits eingebaut. Keine Partnerschaft, keine Freundschaft, auch keine Familie kommt ohne die Gewissheit aus, dass auf die Beziehung zum anderen auch am nächsten Tag noch Verlass ist und das gegenseitige Verhältnis nicht ständig neu verhandelt werden muss. Zugleich garantiert diese Gewissheit noch keine lebendige Beziehung – sie schafft gewissermaßen erst die Rahmenbedingungen zu ihrer Verwirklichung. Und hier spielt dann gerade das Unerwartete, Überraschende, das Neue und Spontane eine entscheidende Rolle.

Jedem (auch Menschen mit einem tiefen Offenheits-Quotienten…) ist klar, dass eine Beziehung, die in völliger Berechenbarkeit und Absehbarkeit »funktioniert«, eben eine Beziehung ist, die nicht mehr funktioniert. Beziehungen brauchen Stabilität, aber sie lassen sich nicht kontrollieren. Mehr noch: Der Versuch, sie zu kontrollieren, zerstört sie gerade.

Göttliche Abenteuerlust

Mir scheint das auch im Blick auf den christlichen Glauben bedenkenswert, der ja ebenfalls von einem Beziehungsgeschehen erzählt. Der erwähnte Theologe Gregory Boyd jedenfalls wendet die obige Einsicht auf das Gottesverhältnis des Menschen (oder besser: auf das Menschenverhältnis Gottes) an:

Gott lässt sich mit dem Menschen auf eine auch für Gott selbst unberechenbare, unkontrollierbare Geschichte ein. Sie tut dies eben im Anliegen einer authentischen Beziehung und beweist sich durch die Geschichte Israels und der Kirche hindurch als risikoaffines und abenteuerfreundliches Gegenüber des Menschen.

Das in der Bibel im Zuge der Noah-Erzählung verarbeitete Versprechen Gottes, es werde »nicht aufhören Saat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht« (Genesis 8,22) kann dann im Sinne einer Kontinuitätszusage gelesen werden, welche die Rahmenbedingungen zur Entfaltung der Beziehung zwischen Gott und Mensch schafft.

Gott begibt sich mit dem Menschen auf einen gemeinsamen Weg, der ins Ungewisse führt – der aber das Potenzial hat, zu einer wilden Liebesgeschichte zwischen Schöpfer und Geschöpf zu werden. Diese Geschichte läuft nicht einfach nach Plan. Die im Noahbund verankerten Berechenbarkeiten dieser Welt bilden vielmehr die Voraussetzungen für eine ungezähmte, abgründige, hingebungsvolle Interaktion zwischen Gott und ihren menschlichen Gegenübern.

Eine solcher »abenteuerlicher« Zugang zum Gott-Mensch-Verhältnis ist in der Theologiegeschichte sicher höchstens ein Randphänomen gewesen. Er hat aber nicht nur im Blick auf die biblischen Narrative viel für sich, sondern bietet gerade im Angesicht der Unberechenbarkeiten unserer Risikogesellschaft ein ausnehmend zugängliches Bild Gottes an.

Gott kann dann als diejenige verstanden werden, die nicht aus der Ferne die Fäden zieht oder die Weltgeschichte nach einem vorgefassten Drehbuch abspielen lässt, sondern die mit dem Menschen in den Irrungen und Wirrungen dieses Lebens unterwegs ist und ihm ihre Gegenwart zusichert.

Bunte Vögel

Wieviel man dieser theologischen Perspektive auch abgewinnen kann: Wenn wir uns mit dem Leben auf dem dünnen Eis unserer modernen Welt beschäftigen, ist die Bereitschaft fundamental, das Unberechenbare nicht nur als Bedrohung wahrzunehmen, sondern auch als Bedingung der Möglichkeit tiefer Beziehungen und sinnerfüllter Existenz. Ohne das Moment des Unabsehbaren, Wagnishaften geht uns auch alles Überraschende verloren, das unser irdisches Dasein erst zu einer echten Geschichte macht.

Die von Nassim Taleb bemühte Metapher der schwarzen Schwäne müsste darum wohl erweitert oder positiver belegt werden:

Diese Welt mutet uns nicht nur schwarze Schwäne zu, welche die Menschheit erschüttern und unvorhergesehene Notlagen hervorrufen – sie ist auch voller »bunter Vögel«, die uns aus der Routine des Alltags herausholen, die Berechenbarkeit von Beziehungen aufbrechen und überraschende Möglichkeiten eröffnen.

 

Illustration: Rodja Galli

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1 Kommentar zu „Die Ungewissheit umarmen“

  1. Die Unberechenbarkeit des momentanen Alltags mit dem offenen Theismus zu verknüpfen und die positiven Aspekte herauszustreichen, ist interessant und inspirierend. Herzlichen Dank.

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