Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 8 Minuten

Den Ernstfall üben

.
Überblick über die Blogserie
  1. Auf dünnem Eis tanzen
  2. Die Ungewissheit umarmen
  3. Den Moment feiern
  4. Den Ernstfall üben
  5. Den Horizont überschreiten

.

Proaktive Krisenvorbereitung

Der vorausgegangene Beitrag dieser Reihe lief auf ein leidenschaftliches Statement hinaus, das Leben nicht mit Sorgen zu belasten, sondern den Zauber der Gegenwart wahrzunehmen und die inspirierenden, ermutigenden, erfüllenden Momente des Alltags zu feiern. Gerade weil wir nicht wissen können, was uns morgen erwartet, haben wir Grund, das Heute nicht achtlos verstreichen zu lassen.

Natürlich gibt es aber auch eine egoistische Nach-Mir-Die-Sintflut-Sorglosigkeit, eine unreife Flucht vor jeder Verantwortung für die Zukunft. Sie kommt der beharrlichen Weigerung gleich, über die eigene Rolle als Mitglied der Menschheitsfamilie nachzudenken.

Damit wäre niemandem geholfen – denn die Störungsanfälligkeit unserer Gesellschaft und unserer Existenz stellen uns bei aller Wertschätzung des Augenblicks doch auch die drängende Frage, wie wir zu einem Leben finden, das mit Unwägbarkeiten konstruktiv umgehen und darin zum Teil der Lösung werden kann.

Wenn aber das Unerwartete in unser Leben einbricht, wenn unsere spätmoderne Existenz von Krisen aus dem Tritt gebracht wird, dann ist die Zeit für proaktives Handeln vorbei – dann werden wir nur noch reagieren. In diesen Momenten bestimmen uns die eigenen, vorgängig eingeübten Reflexe.

Und da werden wohl auch in zukünftigen Krisen einige Überraschungen auf uns warten – erfreuliche wie schauderhafte. Das zumindest lässt uns der Blick auf die unmittelbaren und längerfristigen Auswirkungen der Coronakrise erwarten.

Niedere Instinkte

An den sozialen Folgeerscheinungen der aktuellen Pandemie lässt sich nämlich trefflich ablesen, wie unterschiedlich Menschen auf Krisensituationen reagieren.

Besonders im Zuge der ersten Ansteckungswelle des Frühlings 2020 zeigte sich eine breite Palette menschlicher Reflexe im Umgang mit den Unsicherheiten und Entbehrungen dieser Ausnahmesituation.

Auf der einen Seite klagten etwa Schweizer Spitäler schon bald über Diebstähle von Atemmasken, in einer Kinderklinik wurde das Desinfektionsmittellager ausgeräumt, und an mehreren deutschen Grundschulen wurden Palettweise Klopapier und Flüssigseife. Die Polizei musste in Lebensmittelläden einrücken, um Plügeleien um Grundversorgungsmittel zu schlichten. Die USA verzeichnete einen sprunghaften Anstieg der Waffenkäufe: Streitbare Bürger gedachten sich so auf die Selbstverteidigung im apokalyptischen Chaos vorzubereiten. Und natürlich sind vielen noch die verstörenden Videos aus australischen Supermärkten vor Augen, auf denen sich hysterische Mütter über einem Berg Toilettenpapier fast die Augen auskratzen. Offenbar reicht die hypothetische Aussicht auf eine Notlage, um die niedersten Instinkte im Menschen zu wecken.

Schon die blosse Angst vor persönlichen Nachteilen und Verlusten scheint Teilnehmer*innen westlicher Wohlstandsgesellschaften zu egomanischen Hyänen zu machen.

Aufbrechende Solidarität

Zum Glück ist das aber nicht alles, was es zum menschlichen Verhalten in Ausnahmesituationen zu sagen gibt.

Ja, es gibt ernüchternde Geschichten von Selbstsucht, Gier und Rücksichtslosigkeit, auch mitten in der gegenwärtigen globalen Krise. Aber es gibt zugleich unzählige Alternativgeschichten: Berichte von Initiativen zur Nachbarschaftshilfe; Anwohner, die sich organisieren, um den älteren Menschen von nebenan Lebensmittel bereitzustellen. Solidaritäts-Aktionen zugunsten von Friseuren, Restaurantbetreibern und Künstlern, denen im Zuge des Corona-Lockdowns das ganze Einkommen wegbricht. Und während sich die einen bis an die Zähne munitionieren, verschenken in den USA andere ganze Monatsgehälter an ihre finanziell bedrohte Reinigungskraft oder Gärtnerin. Auch einige Lehrpersonen und Staatsbeamte in Deutschland haben sich zusammengetan, um 10% ihres Einkommens an jene zu spenden, deren Job und Lebensunterhalt nicht gesichert ist.

Ausserdem bewies (und beweist) ein ganzes Heer von Ärzt*innen, Pflegepersonal und Nothelfer*innen landauf landab, dass die Rettung von Menschenleben und die Sorge um die Schwachen und Betagten noch immer jeden Einsatz wert ist.

In manchen Staaten arbeiteten medizinische Fachleute sogar ohne ausreichendes Material zum Selbstschutz unermüdlich weiter. Berichte von Covid-Infektionen und Todesfällen unter ihnen zeigen: Sie waren bereit, die Sicherung der medizinischen Versorgung mit ihrem Leben zu bezahlen.

Menschliche Ressourcen

Man könnte jetzt lakonisch festhalten, dass halt auch diese gegenwärtige Krise wie jede grosse Notlage sowohl das Schlechteste wie auch das Beste im Menschen hervorruft.

Aber das ist letztlich eine Banalität. Extreme Zeiten provozieren extreme Reaktionen. Die wirklich spannende Frage ist, worin die Unterschiedlichkeit dieser Reaktionen begründet ist. Denn eine reine Frage des Zufalls oder der aktuellen Stimmungslage wird es nicht sein, welche darüber entscheidet, ob ein Mensch im Ausnahmezustand einer alten Frau das letzte Klopapier aus dem Einkaufswagen reisst, oder ob er bereit ist, ihr auf eigene Kosten die Einkäufe nach Hause zu bringen.

Der bekannte Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch prangert in seinem Büchlein mit dem bezeichnenden Titel »Unberechenbar« die spätmoderne »Streckengeschäftsmentalität« an (Harald Lesch & Thomas Schwartz: Unberechenbar. Das Leben ist mehr als eine Gleichung, Freiburg i.Br. 2020). Damit ist eine Praxis gemeint, die weder Vorräte noch Nachhaltigkeit kennt, sondern nur noch tagesaktuelle Direkteinkäufe und Sofortverbrauch. Lesch deutet zumindest an, dass das nicht nur im Blick auf Internetshops und unser Konsumverhalten ein Problem darstellt, sondern auch in einem übertragenen, existenziellen Sinn (ebd., 64). Das ist leicht einzusehen:

Wir leben in Krisenzeiten nicht nur materiell von den Reserven, die wir uns zugelegt haben. Wir zehren dann auch von den charakterlichen, humanitären, emotionalen Ressourcen, auf die wir zurückgreifen können.

Kultivierte Tugenden

Über Jahrtausende hat man in diesem Zusammenhang von der Ausbildung von Tugenden gesprochen. Damit war eine bestimmte Geisteshaltung gemeint, mitsamt der daraus erwachsenden Fähigkeit (»Tauglichkeit«) zu einem lebensbejahenden, vorbildhaften, gemeinschaftsförderlichen Verhalten. Nun ist der Begriff der Tugend zweifellos arg aus der Mode gekommen und wird oft nur noch moralistisch (miss)verstanden.

Im besten und für diesen Beitrag relevanten Sinne sind mit Tugenden aber einfach innerliche Ressourcen gemeint, aus denen der Mensch im Alltag schöpfen kann und die seinen Umgang mit anderen Menschen positiv prägen.

Gerade aus der Wagnishaftigkeit und Unberechenbarkeit des Lebens lässt sich die Maxime ableiten: Lege dir in Zeiten der Ruhe und des »Normalbetriebs« nicht nur genügend Teigwaren, Konservendosen und Klopapier zu, um einige Wochen Ausnahmezustand gut zu überstehen, sondern

gestalte vor allem dein Leben so, dass es dir den Aufbau innerer «Vorräte» erlaubt – Vorräte, die dich zu einem Menschen machen, den die Welt braucht, wenn sie von einer Pandemie überrascht oder von einer anderen Krise heimgesucht wird.

Man könnte auch sagen:

Eigne dir jene Tugenden an, auf die du bei anderen gerne zählen würdest, wenn dich eine unerwartete Notlage trifft.

Krisennotwendige Eigenschaften

Dazu gehört sicher die Aufmerksamkeit für die Lebensrealität und die Bedürfnisse anderer Gesellschaftsteilnehmer; die Bereitschaft also, sich in die Situation anderer Menschen hineinzudenken und hineinzufühlen. Ohne diesen Raum zur Empathie wird nicht nur unser Leben, sondern diese Welt überhaupt zu einem kalten Ort. Inmitten der gegenwärtigen gesellschaftlichen Fragmentierung, der Filterblasen und hochgezogenen Milieuschranken versteht sich dieser Wert aber längst nicht mehr von selbst – er muss gemeinsam hochgehalten und kultiviert werden, wenn er uns in Zeiten der Not auch wirklich tragen soll.

Damit verbindet sich die Haltung und Übung der Grosszügigkeit gegenüber dem Nächsten, ganz besonders gegenüber den Benachteiligten und Vergessenen unter uns. Sie geht gewissermassen aus der Empathie hervor, insofern wir unsere Ressourcen gewöhnlich nur dann zu teilen bereit sind, wenn wir uns von der Lage des anderen haben berühren und zum Handeln bewegen lassen.

Und zumindest jene Grosszügigkeit, die uns wirklich etwas kostet, geht mit einer Eigenschaft einher, die in den klassischen Tugendkatalogen «Tapferkeit» genannt wurde. Es erfordert Mut, über die Sicherung der eigenen Bedürfnisse hinauszusehen, das Leid anderer ernst zu nehmen und sich zur Hingabe durchzuringen.

Diese und viele weitere «Seelenkräfte» wurden auch im Christentum in einer Reihe von Tugendkatalogen festgehalten und den Menschen anempfohlen.

Erschlossene Quellen

Damit ist aber das Besondere noch nicht auf den Punkt gebracht, das der christliche Glaube zu krisennotwendige Tugenden zu sagen hat. Entscheidend für eine vom Evangelium der Menschenliebe Gottes inspirierte Perspektive ist die Einsicht, dass letztlich auch all diese Tugenden von einer Quelle ausserhalb ihrer selbst leben.

Wer anderen Aufmerksamkeit schenken will, braucht die Gewissheit, dass ihm selbst bereits Aufmerksamkeit zuteil geworden ist. Gelebte Grosszügigkeit kommt aus der Überzeugung, selbst beschenkt zu sein und nicht zu kurz kommen zu müssen. Der Mut zur Hingabe stützt sich auf die Erfahrung, die Hingabe anderer empfangen zu haben.

Am Anfang der Tugenden steht in christlicher Sicht nicht die moralische Anstrengung des einzelnen Menschen, sondern die Zuwendung Gottes, die den Menschen (oft vermittelt durch andere Menschen) erreicht und erst befreit zu einem Leben, das über den eigenen Bauchnabel hinaussieht.

Hier liegt das Herz der Erzählung jenes Gottes, der sich und in Jesus Christus zuwendet. Selbst die berühmte Botschaft der Bergpredigt wird verfehlt, wenn sie nicht den «Bergprediger» ins Zentrum stellt, der durch seine Menschenliebe die Menschenliebe seiner Zuhörer*innen weckt.

Das beste daran: Menschen, die auf diese Weise zur Barmherzigkeit, Grosszügigkeit und Tapferkeit befreit wurden, wirken auf andere ansteckend. Und das ist jetzt mal eine Form der viralen Verbreitung, die unserer Gesellschaft herzlich zu wünschen ist.

 

Photo by dylan nolte on Unsplash

What do you think of this post?
  • OMG! (0)
  • Karma-Boost (3)
  • Deep (8)
  • Boring (0)
  • Fake-News (0)

4 Kommentare zu „Den Ernstfall üben“

  1. Herzlichen Dank, Manuel, für diesen inspirierenden Artikel!

    Ein Gedanke: Dass Tugend eine Quelle ausserhalb ihrer selbst braucht, um aufzublühen, scheint mir empirisch etwas fraglich. Ich denke dabei spontan an die Stoiker in der Antike oder auch humanistisch gesinnte Agnostiker in der heutigen Zeit, die sehr wohl ein menschenfreundliches und tugendhaftes Leben führen können, ohne dies theistisch zu begründen.

    Was das Christentum meines Erachtens aber beiträgt und etwa in der Stoa oder Humanismus fehlen, ist die Perspektive, wie unser menschliches Verhalten ins “grosse Ganze” hineinpasst und sich die göttliche Liebe in menschlicher Tugend sinnvoll spiegeln kann. Es wäre schön, wenn Du bei Gelegenheit diesen Aspekt von Sinn und Zweck im Umgang mit Risiken noch etwas beleuchten könntest.

    1. Manuel Schmid

      Danke Jean-Marc für die Rückmeldung – und ich gebe dir natürlich recht: Es ist nicht nötig, menschenfreundliches, tugendhaftes Verhalten theistisch zu erklären. Es gibt genügend moralisch ausgesprochen integere und vorbildliche Atheisten (und manche fragwürde Christ*innen). Unsere Fähigkeit, anderen Liebe, Vertrauen, Zuwendung zu schenken, schöpft aber schon psychologisch und soziologisch aus der Liebe, dem Vertrauen und der Zuwendung, die wir selbst von anderen erfahren haben. Und theologisch würde ich darin zwischenmenschlich vermittelte Zeichen der Hingabe und Gegenwart Gottes verstehen. Ich würde nicht sagen wollen, dass nur jemand, der in einem spirituellen Erlebnis die Liebe Gottes »getankt« hat, zur Nächstenliebe fähig ist, wohl aber, dass wir immer aus dem schöpfen, was uns bereits gegeben wurde…

  2. Angela Wäffler-Boveland

    Hallo Manuel
    interessant, dein Tugendkatalog: ein wunderbarer Mix aus antiken, christlichen und modernen Tugend-Töpfen. Gar nicht so unähnlich ist, was gerade in der einer Kursreihe über die sogenannt christlichen Tugenden (Vertrauen – Zuversicht – Anteilnahme) entsteht: Barmherzigkeit könnte mit Anteilnahme, Grosszügigkeit mit Vertrauen und Tapferkeit mit Zuversicht assoziiert werden. Vielleicht hat jemand ja Lust, einmal hereinzuschauen: https://fokustheologieref.ch/angebote/angebotsseite-3

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.