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Was heißt denn hier herrschen?

Versenkte Altlasten

«Seit 1959 haben die Sowjets gewaltige Mengen Atommüll inklusive abgewrackter Reaktoren im arktischen Meer deponiert. Über eine Million Tonnen chemischer Waffen rotten auf den Meeresböden vor sich hin, in Tiefen zwischen 500 und 4‘500 Metern. Als besonders gefährlich gelten langsam durchrostende Giftgasbehälter, die Moskau 1947 versenken ließ. Hunderttausend Fässer schwach radioaktiver Abfälle aus Medizin, Forschung und Industrie lagern vor Spanien. Plutonium aus den Atombombentests in der Südsee wiesen Meeresforscher im mittleren Atlantik in mehr als 4‘000 Metern Tiefe nach. Der britische hydrographische Dienst listet 57‘435 Wracks in den Tiefen der Ozeane auf, darunter auch die Trümmer mehrerer amerikanischer und russischer Atom-U-Boote.

Das Umweltgift DDT gefährdet Meeresorganismen stärker als andere Lebewesen. Durch die Strömungen breitet es sich global aus und reichert sich in marinen Nahrungsketten an. Im Speck von Pottwalen sind Polybromverbindungen nachgewiesen worden, die als Brandhemmer in Computern und Fernsehverkleidungen verarbeitet werden.  90 Prozent aller gefangenen Schwertfische sind mit Quecksilber vergiftet, 25 Prozent zudem mit PCB. In der Nordsee wachsen weiblichen Wellhornschnecken Penisse. Auslöser dürfte die in Schiffsanstrichen enthaltene Substanz Tributylzinn sein.

Jede Ölbohrung verseucht den Meeresboden auf einer Fläche von 20 Quadratkilometern. Ein Drittel davon ist nahezu ohne jedes Leben. Elektrische Felder von Tiefseekabeln stören die Orientierung von Lachsen und Aalen. Zudem beeinträchtigt der Elektrosmog das Larvenwachstum. Algenblüten und Fischsterben nehmen weltweit dramatisch zu. Nachdem Israel das Verbotsabkommen zur Verklappung von Industriemüll auf See nicht unterzeichnete, entließ allein die Firma Haifa Chemicals bis 1999 jährlich 60‘000 Tonnen Giftabfälle ins Meer: Blei, Quecksilber, Cadmium, Arsen und Chrom gelangen mit der Strömung bis Syrien und Zypern. Täglich pumpen Fabriken am Tunesischen Golf 12‘800 Tonnen Phosphatgips aus der Düngerherstellung ins Meer.»

Aufständische Mitgeschöpfe

Der obige Text ist ein Auszug aus den Jahresberichten der Umweltschutzorganisationen – zitiert im Bestseller-Roman «Der Schwarm» von Frank Schätzing (Erstauflage 2004). Er erzählt die fiktive Geschichte einer Rache der Ozeane an der Menschheit: Eine geheimnisvolle maritime Lebensform koordiniert den Angriff aller Meeresbewohner auf jene Spezies, die ihr Überleben bedroht, die Gewässer verschmutzt und die Natur aus dem Gleichgewicht zu bringen droht. Die Netflix-Serie «Zoo» spielt dieses Szenario dann im Blick auf die Landtiere durch. Hier sind es Wildtiere, Hauskatzen und Zoobewohner, die sich gegen die menschliche Ausbeutung auflehnen.

Der millionenfach gelesene Thriller wie auch die erfolgreiche Fernsehserie verarbeiten die verbreitete Intuition, dass die Schöpfung selbst dem zerstörerischen Treiben des Menschen ein Ende setzen müsste:

Irgendwann wird die geschundene Natur zurückschlagen und sich aus dem todbringenden Würgegriff des Menschen befreien!

Doch dazu wird es nicht kommen. Die Bedrohung unserer Zeit geht nicht von einem willentlichen Vergeltungsschlag der Natur an ihren Schändern aus, nicht von einem gemeinsamen Aufstand der Tiere gegen jene Spezies, die sich von ihnen selbstbewusst abhebt – und gerade im Namen dieser Überlegenheit die Zukunft der Mitgeschöpfe aufs Spiel setzt. Vielmehr gefährdet sich der Mensch durch seinen ausbeuterischen Umgang mit der Schöpfung selbst.

Der Verwertungszusammenhang, in welchen sämtliche Lebewesen mitsamt ihrer Lebensräume unter der Ägide des Menschen geraten, geht einher mit einer strategischen Ignoranz nicht nur gegenüber seiner gemeinsamen Entwicklungsgeschichte mit allen Geschöpfen dieses Planeten, sondern auch gegenüber seiner tiefen Abhängigkeit von ihnen. Kurz:

Das moderne Verhältnis des Menschen zur «Natur» oder «Umwelt» lebt von einem Abblenden der offensichtlichen Tatsache, dass wir dieser nicht einfach gegenüberstehen, sondern Teil ihrer selbst sind.

Verdächtigter Herrschaftsauftrag

In der umweltphilosophischen und ökotheologischen Diskussion um das vom Menschen verhängnisvoll geprägten Zeitalters des «Anthropozän» gewinnen darum jene Stimmen an Gewicht, welche die Sonderstellung des Menschen unter den Geschöpfen grundsätzlich in Frage stellen und eine «Dezentrierung» des Menschen fordern.

Unter Beschuss gerät dabei immer wieder der sowohl theologisch wie auch geistesgeschichtlich einflussreiche «Herrschaftsauftrag» Gottes an den Menschen. Er schließt sich in der ersten Schöpfungserzählung unmittelbar an die gottebenbildliche Erschaffung des Menschen an (Genesis 1,27-30):

Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: «Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.»

Die hier (und in den meisten anderen deutschen Übersetzungen) benutzte Sprache evoziert militärisch-kriegerische Bilder: Der Mensch tritt als Überwältiger und Eroberer der nichtmenschlichen Geschöpfe ins Bild – er soll die anderen Lebewesen dieser Welt unterwerfen und über sie herrschen. Auch der theologische Fachbegriff für den Herrschaftsauftrag, «dominium terrae», erweckt keinen besseren Eindruck.

Nicht ganz fern liegt im Blick auf die prominente Wirkungsgeschichte dieses Textes darum der Schluss, eine solche Verhältnisbestimmung des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen für die gegenwärtige Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt verantwortlich zu machen. Der Raubbau an den natürlichen Ressourcen, die Verzweckung von Tieren und Pflanzen und die Rücksichtslosigkeit im Umgang mit den Lebensräumen nichtmenschlicher Geschöpfe erscheint dann als gehorsame Ausführung jenes biblischen Auftrages, der sich tief in die Kulturgeschichte des christlichen Abendlandes eingegraben hat.

Fragwürdige Schuldzuweisung

Gegen eine solche Folgerung lässt sich aber begründet Einspruch erheben.

Es ist geistesgeschichtlich schwer abzustreiten, dass die strategische Ausbeutung der Schöpfung in einer Zeit Fahrt aufnimmt, in welcher das jüdisch-christliche Narrativ ihren durchdringenden Einfluss längst eingebüßt hat.

Gerade das 20. Jahrhundert, in dem das auf Darwin zurückgehende evolutionäre Denken breitenwirksam wird und sich also die Einsicht durchsetzt, dass der Mensch nicht grundsätzlich von anderen Tieren unterschieden, sondern vielmehr aus ihnen hervorgegangen ist und bleibend zu ihnen gehört – gerade dieses Jahrhundert wird für die Benennung des «Anthropozän» entscheidend: Für das vom Menschen auf Gedeih und Verderben bestimmten Zeitalters.

Man kann dieses Paradox auflösen, indem man den obigen Zusammenhang als Aneignung der evolutionären Logik versteht: Der Mensch anerkennt das Prinzip des «survival of the fittest» und begreift es als die natürliche Durchsetzung des Stärkeren, die ihn (ganz ohne Herrschaftsauftrag) an die Spitze der Nahrungskette befördert hat. Oder man könnte jüngere Neuzeit als ein Aufbäumen gegen die von Freud diagnostizierte narzisstische Kränkung durch die Entdeckung der biologischen Evolution deuten: Der Mensch beweist im Angesicht der darwinistischen Demütigung, dass er eben doch etwas ganz Besonderes ist – selbst wenn diese Besonderheit in der Fähigkeit besteht, alles andere Leben mit sich ins Verderben zu reißen.

Wahrscheinlich ist die Erklärung aber viel prosaischer.

Es sind v.a. die sozioökonomischen Entwicklungen des vergangenen (und des gegenwärtigen) Jahrhunderts, die den Menschen in ein prekäres Verhältnis zu seinen Mitgeschöpfen setzen.

Stichworte wie Industrialisierung, Globalisierung, Digitalisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche stecken die Wegmarken dieser Entwicklung ab. Sie hat fraglos eine geistes- und religionsgeschichtliche Innenseite, kann aber nicht einer biblischen Überlieferung angelastet werden, die ihre Wirkmächtigkeit in einer säkularisierten Öffentlichkeit weitgehend verloren hat.

Alternative Deutungen

Dann gibt es aber auch theologische Kritik an einer Deutung des Herrschaftsauftrages, welche die neuzeitliche Schöpfungsvergessenheit und Umweltzerstörung wenn nicht mitverantwortet hat, so doch zu legitimieren scheint.

Verschiedene Exegeten der Hebräischen Bibel haben versucht zu zeigen, dass die Verben, die in der Formulierung des sogenannten Herrschaftsauftrages gebraucht werden, keineswegs notwendigerweise ein autoritäres oder sogar gewaltsames Verhältnis beschreiben.

Vielmehr kann die Aufgabe des Menschen, sich «die Erde untertan zu machen» und über die Tiere zu «herrschen» mit exegetischem Recht auch als Berufung zur Fürsorge und Pflege für die Schöpfung gedeutet werden.

So meint das oft mit «unterwerfen» übersetzte Verb ursprünglich «den Fuß auf etwas setzen». Es bezeichnet auch an anderen biblischen Stellen nicht immer einen Akt der Unterdrückung, sondern auch ein Symbol des Schutzes. Der Alttestamentler Erich Zenger sieht darum die göttliche Aufforderung an den Menschen, seinen Fuß auf die Erde zu setzen, völlig missverstanden, wenn sie im Sinne eines imperialistischen Herrschaftsgestus interpretiert wird. «Gestaltet die Erde als Lebensraum!», sei damit eher ausgedrückt. Ähnlich kann auch das mit «herrschen» wiedergegebene Wort die königliche Verantwortung des Menschen anzeigen, «für die Integrität und das Lebensrecht der Schöpfung» zu sorgen (so dann der Alttestamentler Bernd Janowski).

Diese Überlegungen helfen sicher, eine alternative Deutung des «Herrschaftsauftrages» zu plausibilisieren. Es ist zugleich nicht von der Hand zu weisen, dass zur Zeit der Entstehung und Überlieferung dieses Textes noch ein ganz anderes Verhältnis zur «Natur» vorherrschte, als es für den modernen Menschen kennzeichnend ist. Der Mensch musste sich gegenüber wilden Tieren und Naturgewalten behaupten und sah sich von den nichtmenschlichen Geschöpfen immer wieder existenziell bedroht. Es ist darum verständlich und auch wahrscheinlich, dass sich in die Verhältnisbestimmung von Mensch und Tier auch biblisch der Gedanke des Bändigens und Zurückdrängens eintrug.

Christliche Relektüre

Weiterführender als die völlige «Entschärfung» biblischer Anweisungen zur Herrschaft über die Schöpfung scheint mir deren christliche Neuinterpretation zu sein. Denn auch wenn die biblischen Überlieferungen von der «Herrschaft» und «Macht» des Menschen über den nichtmenschlichen Kreaturen sprechen mögen, so werden diese Begriffe spätestens im Neuen Testament einem radikalen Reframing unterzogen.

Darin besteht gerade die theologische Pointe der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus: dass unsere menschlichen Vorstellungen von Macht und Herrschaft wortwörtlich durchkreuzt werden.

Da zeigt sich der Allmächtige… als ein Mensch, der sich für die Zerbrochenen und Geschundenen einsetzt, der die Verachteten und Übersehenen würdigt und der schließlich sein Leben für diese Welt hingibt.

Alle menschlichen Allmachtsfantasien, alle Versuche, sich (auch im Namen Gottes) andern gegenüber gewaltsam durchzusetzen, alle Reflexe zur Überwältigung und Unterwerfung des Gegenübers werden an dieser Stelle als das entlarvt, was sie schon immer waren: Nicht Zeichen von Stärke und Größe, sondern hilflose und zerstörerische Versuche, dem auszuweichen, was wirklich Mut kostet und Kraft erfordert – nämlich zu lieben und sich zu verschenken.

In Jesus Christus wird die Allmacht Gottes als die Allmacht dienender Liebe bestimmt, die andere nicht kontrolliert oder plattmacht, sondern zum Leben ermächtigt.

Von hier aus fällt auch ein neues Licht auf den sogenannten Herrschaftsauftrag an den Menschen: In christlicher Lesung kann dieser nur bedeuten, sich auch für die geschundenen, übersehenen und verachteten Mitgeschöpfe einzusetzen, ihr Lebensrecht zu würdigen und sich für ihre Erhaltung einzusetzen.

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