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Lesedauer: 9 Minuten
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Den Teufelskreis aufbrechen

Perverse Gaumenfreuden

Das Video hat vor einiger Zeit auf den Sozialen Medien die Runde gemacht. Man sieht eine Gruppe junger japanischer Frauen, die an der Bar eines Luxusrestaurants Platz genommen haben. Demonstrativ lachen sie in die Kamera, während der Starkoch ihnen eine ganz besondere Delikatesse serviert. Anfangs lässt sich nicht genau erkennen, was hier auf dem Teller gelandet ist und von den Gästen mit Stäbchen genüsslich zu Munde geführt wird.

Als die Kamera aus der Nahaufnahme herauszoomt, erfasst mich aber das kalte Schaudern.

Es ist ein großer Frosch, der hier verspeist wird – und zwar bei lebendigem Leibe! Gut sichtbar hebt und senkt sich der intakte Oberkörper unter den Atemzügen der Amphibie. Deren Beine wurden offenbar aufgetrennt und umgestülpt, so dass ihr Fleisch – in mundgerechte quadratische Häppchen geschnitten – den Gästen zum Verzehr bereitsteht.

Die Augen des Tieres blicken scheinbar ungläubig in die Kamera, schließen sich und öffnen sich wieder, während seine Extremitäten gesalzen und mit Sojasoße beträufelt werden.

Dass sich solcherlei Grausamkeiten auch im Westen finden, versteht sich (leider) von selbst. So hat etwa ein Video der legendären kalifornischen TV-Köchin Julia Child zweifelhafte Berühmtheit erlangt, in welchem es um die Zubereitung von Hummer geht. Childs betont die Wichtigkeit, diese Tiere lebendig zu kochen – und empfiehlt die Verwendung eines Gewichtes auf dem Deckel der Pfanne: offensichtlich, um zu verhindern, dass die Tiere Fluchtversuche unternehmen, um ihrem Schicksal zu entgehen.

Geschundene Tiere

Videos wie diese lösen vielerorts blankes Entsetzen aus. Die Kommentare auf YouTube und anderen Sozialen Medien sind voller schärfster Verurteilungen dieser abstoßenden Form der Tierquälerei. Unter den Kritikern sind längst nicht nur Vegetarier oder Veganer – auch für die meisten überzeugten Fleischesser ist das Verspeisen eines Tieres bei lebendigem Leibe keine kulinarische Spezialität mehr, sondern schlicht barbarisch.

Wer aus ethischer Überzeugung freiwillig auf den Fleischkonsum verzichtet, wird schnell mit dem Hinweis zur Hand sein, dass sich dieser verachtungswürdige Umgang mit Tieren nur graduell von dem unterscheidet, was ein karnivorer Zeitgenosse (oder besser: ein omnivorer – denn nur von Fleisch wird sich kaum ein Mensch ernähren) im Blick auf die von ihm verzehrten Tiere in Kauf zu nehmen bereit ist.

Die entsprechenden Dokumentationen zur industrialisierten Haltung, Mästung, Schlachtung und Verarbeitung von Tieren sind hinlänglich bekannt. Gigantische Rinderfarmen in den USA und Südamerika, welche die als «Verarbeitungseinheiten» bezeichneten Tierleiber mit Baggern zusammenkarren. Zuchtbetriebe, welche Tausende von Schweinen auf engstem Raum in ihren eigenen Exkrementen dahinvegetieren lassen. Unüberschaubare Hallen voller Truthähne, welche federlos und halbtot auf ihre tägliche Ration antibiotikaversetztes Futter warten und ihr (kurzes) Leben lang keinen Sonnenstrahl zu sehen bekommen. Lachse, die zu Millionen in einer trüben Suppe aus Fäkalien herumschwimmen – und deren Fleisch ihren typischen hellroten Ton nur noch annimmt, weil sie künstlich eingefärbt werden.

Ganz zu schweigen von den unsäglichen Tiertransporten, welche Schweine, Schafe und Rinder ohne Nahrung in oft tagelangen Fahrten jeweils dorthin fahren, wo der Bedarf an Fleisch gerade am größten ist. Viele Tiere verdursten in den überhitzten Lastwagen oder sind nach der Fahrt so geschwächt, dass sie sich nicht mehr auf den Beinen halten können.

Bekannt geworden ist eine Reportage, in der ein allgäuischer Bauer weinend zusammenbricht, als er mit dem Videomaterial konfrontiert wird, das seine Kühe auf einer wochenlangen Odyssee durch ganz Europa bis nach Ägypten zeigt, wo die Tiere dann im Zuge einer rituellen Schlachtung ein grausames Ende finden.

Die Entfremdung des Menschen von der nichtmenschlichen Schöpfung, die im vorausgegangenen Blogbeitrag zum Thema wurde, findet im Umgang mit tierischer Nahrung ihre augenscheinlichste Zuspitzung.

Unausweichliche Verschuldung

Bei näherer Betrachtung besteht aber natürlich auch zwischen Fleischessern und Vegetarierinnen oder Veganern kein grundsätzlicher, sondern nur ein gradueller Unterschied. Zum einen lässt sich das Töten von Tieren schon im individuellen Lebensvollzug nicht konsequent vermeiden.

Auch dem vorsichtigsten Zeitgenossen kommen auf Wanderungen Ameisen, Käfer und Schnecken unter die Füße, und auch die leidenschaftlichste Vertreterin der Gewaltlosigkeit muss Insekten von der Windschutzscheibe kratzen (oder wieder ausspucken, falls sie mit dem Fahrrad unterwegs ist).

Ganz unabhängig von individuellen Essgewohnheiten finden sich Teilnehmer unserer modernen Gesellschaften außerdem in zahlreichen ethischen Dilemmata und Güterabwägungen wieder, denen oft notgedrungen auch Tiere zum Opfer fallen. So werden ausgerechnet durch die Windkraftanlagen etwa in Norddeutschland jedes Jahr gegen 10‘000 Mäusebussarde, nicht weniger als 250‘000 Fledermäuse und Millionen von Insekten in den Rotoren getötet.

Der Bestand mancher Arten könnte durch diese alternative Energiegewinnung ernsthaft gefährdet werden. Wer also der Klimaerwärmung entgegenwirken und Ölkatastrophen mit ihren desaströsen ökologischen Folgen verhindern will, sieht sich genötigt, an anderer Stelle den Tod von Tieren in Kauf zu nehmen. (Dass mit der Herstellung von Photovoltaikzellen und Akkus andere, nicht minder ernsthafte Probleme für Tiere und ihre Lebensräume verbunden sind, sei nur am Rande vermerkt.)

Mühelos ließen sich weitere Beispiele dafür nennen, dass unsere moderne, ebenso hochtechnisierte wie ressourcenintensive Lebensweise mit ihren globalen Verflechtungen vielerorts ganz unausweichlich zur Schädigung der Umwelt und zur Vernichtung tierischen Lebens führt.

So sind nach Angaben des Weltbiodiversitätsrates IPBES gegenwärtig etwa eine von insgesamt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten akut vom Aussterben bedroht, und es ist längst kein Geheimnis mehr, dass dieses Massenaussterben nicht einfach eine bedauerliche Naturkatastrophe, sondern die Folge unseres hochtourigen zivilisatorischen Lebensstils ist.

Fruchtlose Reaktionen

Auf diese ernüchternde Einsicht lässt sich auf verschiedene Weise reagieren. Am naheliegendsten und verbreitetsten ist sicher deren Verdrängung.

So genau möchte man oft gar nicht wissen, woher das Fleisch kommt und wie es den Tieren ging, wenn die Würste oder Steaks im Angebot sind. Und was die eigene Lebensweise für die tierlichen und pflanzlichen Lebensräume an anderen Enden der Erde austrägt, will man sich eigentlich auch nicht ständig vor Augen führen.

Dieses Ausweichen vor den entsprechenden emotionalen Belastungen und moralischen Imperativen ist wohl eine spezifisch moderne Verdrängungsleistung. Sie bewahrt uns vor den ethischen Zwickmühlen und Überforderungen unserer Zeit, führt aber auch zu einem latent schlechten Gewissen. Es begleitet viele Menschen auf die Grillparty, wo sie ihr Billigfleisch auflegen, an den Flughafen, wo sie spontan mit EasyJet verreisen, in den Apple Store, wo sie das neuste iPhone dann doch kaufen.

Wird es anstrengender, die Tatsache zu verdrängen, dass unser Leben mit einer frustrierenden Unaufhaltsamkeit auf Kosten anderer Spezies geht, lässt sich immer noch auf Symbolhandlungen ausweichen. Sie bringen zwar meist wenig, beruhigen aber unser belastetes Gewissen. Wir verbrauchen ein paar Plastikbeutel weniger oder legen auch mal ein Haloumi-Spießchen auf den Grill.

Sollten auch diese Maßnahmen nicht ausreichen, um unser Lebensgefühl wieder ins Lot zu bringen, bietet sich das Brandmarken eines Sündenbocks an. Was können wir als Individuen schon ausrichten? Das sind doch Probleme, die auf internationaler Ebene von Nationen und Konzernen gelöst werden müssen! Was natürlich stimmt – nur wird der entsprechende Handlungsdruck erst aufgebaut, wenn politische und ökonomische Entscheidungen auf den breiten Rückhalt in der Bevölkerung zählen können. Womit wir wieder bei der Person angelangt sind, die uns allmorgendlich im Spiegel anstarrt.

Ökologische Trauer

Und was tun wir damit nun? In den vergangenen Jahren ist im öffentlichen Diskurs um die menschengemachten Schädigungen der Mitschöpfung die Rede von der «ökologischen Trauer» (ecological grief) aufgekommen (Johanna di Blasi hat dazu bereits einen wunderbaren Beitrag verfasst).

Psychologinnen, Soziologen, aber auch Natur- und Umweltwissenschaftler*innen beobachten eine spezifische Form der Wehmut und seelischen Gebrochenheit angesichts der Spuren der Zerstörung auf unserem Planeten – und sie verteidigen ihre Berechtigung und ihr Transformationspotenzial.

Sie tritt bei Jugendlichen gehäuft auf, findet sich aber auch bei älteren Menschen, die etwa das Absterben von Gletschern und Wäldern oder die Verarmung der ihnen bekannten Flora und Fauna beklagen. Angehörige indigener Völker berichten unter Tränen von der Verwandlung fruchtbaren Landes in Wüsten, oder von der Zerstörung des Regenwaldes im Amazonasgebiet. Einheimische blicken fassungslos auf das Absterben des australischen Great Barrier Reefs. In nur drei Jahren haben heiße Meeresströmungen zwei Drittel der Korallen in bleiche Kalkskelette verwandelt. Nicht wenige Zeugen dieses Niedergangs fühlen sich gedrängt, seelsorgerliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Solche «ökologische Trauer» scheint nicht nur angemessen, sie kann Menschen auch aus der unseligen Schlaufe von Verdrängung, Selbstanklage und Schuldabweisung herausreißen und neue Initiative und Kreativität im Umgang mit den ökologischen Herausforderungen unserer Zeit anregen.

Wie in anderen Trauerprozessen geht es zunächst um eine gesunde Auseinandersetzung mit dem eigenen Verlustschmerz. In umweltaktivistischen Kreisen werden gemeinsame Rituale des Betrauerns der Mitgeschöpfe ausprobiert – es ist aber schon eine heilsame und befreiende Erfahrung, ganz individuell seinen Gefühlen Raum zu geben und den eigenen Schmerz über den Verlust von Lebensräumen und Lebensformen zu artikulieren. Gerade diese Art der Auseinandersetzung kann die drohende Verzweiflung und Lähmung überwinden und den Wunsch festigen, Teil eines gesellschaftlichen Veränderungsprozesses zu werden.

Freigesetzte Kräfte

An dieser Stelle kann auch der christliche Glaube eine bedeutende Rolle spielen.

Es sollte den Kirchen und christlichen Gemeinden nicht einfach darum gehen, umweltethisch motivierte säkulare Initiativen und Institutionen zu verdoppeln oder als verlängerter Arm der ökologischen Imperative unserer Zeit zu wirken.

Vielmehr wohnt dem Glauben die Kraft inne, sich zunächst der eigenen Verstrickung in die Schuldzusammenhänge dieser Welt zu stellen. Die Erkenntnis des (post-)modernen Menschen, Teil einer globalisierten Gesellschaft zu sein, welche dieser Schöpfung in mancher Hinsicht zum Unheil gereicht, ist letztlich nur ein Spezialfall dessen, was theologisch seit Jahrhunderten mit dem Begriff der Sünde als Verhängnis eingeholt wurde.

Nun ist die Unentrinnbarkeit der Sünde reformatorisch zwar ein Anlass zur Trauer, aber kein Grund zur Resignation. Auch die bekannte lutherische Formel, die Christenmenschen als «Gerechte und Sünder zugleich» (simul justus et peccator) identifiziert, zielt nicht darauf, sich mit der eigenen Schuldverstrickung einfach abzufinden, sondern will eher als Kampfansage im Namen der Gnade Gottes verstanden werden:

Im Bewusstsein, immer wieder an den eigenen Ansprüchen und am Willen des lebendigen Gottes zu scheitern, rechnen Christ:innen zugleich damit, von der eigenen Kurzsichtigkeit befreit und zu einem veränderten Leben erweckt zu werden.

«Umkehr» oder «Busse» sind alte (und reichlich vorbelastete) Bezeichnungen für den transformativen Prozess, der damit angesprochen ist. Er lebt nicht vom moralischen Imperativ und speist sich nicht aus einem schlechten Gewissen, sondern geht aus dem Vertrauen in die bleibende Zuwendung Gottes hervor: Weil jener Gott, der sich in Jesus Christus gezeigt hat, an seinen Menschen festhält und ihnen seine Gnade schenkt – weil Gott, wie Paulus sagt, «für uns» ist (Römer 8,31) –, sind wir auch befähigt, «für andere» zu sein. Auch für unsere Mitgeschöpfe.

Christ*innen aller Zeiten haben gezeigt, dass dieser Glaube nicht nur hilft, mit der eigenen Zerbrochenheit zu leben, sondern dass er immer wieder auch die Bereitschaft und Kraft freisetzt, mit seinem Leben Teil einer größeren Vision zu werden. Das mit Händen zu greifende doppelte Unvermögen moderner Zeitgenoss*innen, sich zum einen die Verantwortung für diese Schöpfung auch substanziell etwas kosten zu lassen, und sich zum anderen dem eigenen Scheitern an dieser Verantwortung zu stellen, könnte in christlichen Gemeinschaften exemplarisch überwunden werden.

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1 Kommentar zu „Den Teufelskreis aufbrechen“

  1. Claudius Zumbrunn

    Da gelobe ich mir doch das Alpschweinfleisch welches mit bester Molke und Sicht auf Eiger Mönch und Jungfrau gemästet wurde. Oder das fünf Jährige Bio Kuh Fleisch aus der Nähe von Grindelwald welche Notgeschlachtet werden musste. Oder unsere Kaninchenteenager welche nun vom „Grossi“ gross gemästet werden.

    Die erwähnten Beispiele stammen mehrheitlich aus dem fernen Ausland, und haben höchstens mit einem vom Menschen empfunden „Weltschmerz“ zu tun. Die angesprochene „ökologische Trauer“ Oder seufzen (Rö. 8.22 f) kann nur in Verbindung mit dem unmittelbaren Umfeld (Natur) des Betroffenen empfunden werden, also auf dem wo ich mit meinen 72 kg Fleisch stehe oder sitze.

    Die grosse Not in der Schweiz ist die „Vermenschlichung“ der Tiere. Das Leid welches Tieren angetan wird weil sie als „Menschersatz“ dienen, oder oder angezüchtet wurden. Und nun geht`s weiter mit einer Emotionalisierung von Pflanzen… Spätestens dann gibt`s nur noch Food aus dem Drucker…

    Spätestens dann haben wir den letzten Bezug zur unmittelbaren Natur in der ich lebe und webe verloren.

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