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Lesedauer: 6 Minuten

Squid Game. Nicht jeder Erfolg ist auch eine Empfehlung.

«Musst du gesehen haben!»

«Zuerst wollte ich mir das auch nicht antun. Weil es gerade irgendwie jeder schaut. Aber dann hab ich‘s mir doch reingezogen, und ich muss sagen: Die Serie lohnt sich echt!»

Der junge Millennial spricht mit einem Studienkollegen, der im Zug gleich neben mir sitzt. Die Rede ist von «Squid Game», einer asiatischen Netflix-Serie, die… naja, die zurzeit halt eben jeder schaut.

«Squid Game» ist nicht nur die populärste nicht-englische Fernsehserie seit der spanischen Produktion «Haus des Geldes» – sie hat es bereits in 90 Ländern auf den ersten Platz der Netflix-Charts geschafft und ist auf dem besten Wege, die meistgesehene Show des Streaminganbieters überhaupt zu werden.

Weiterkommen oder sterben

Die Grundidee von «Squid Game» ist reichlich banal.

456 Männer und Frauen unterschiedlichen Alters nehmen an einem bizarren Spiel teil. Es gibt viel zu gewinnen (nämlich insgesamt 45,6 Mia südkoreanische Won, das sind etwa 33 Mio Euro), aber auch alles zu verlieren: Wer in einer der sechs Teildisziplinen unterliegt, wird sofort erschossen. Eine anonyme Gruppe superreicher Geschäftsleute beobachtet das Geschehen und wettet auf einzelne Teilnehmer:innen.

Die Parallelen zur Romanserie und Filmreihe «The Hunger Games» sind unübersehbar, ebenso die Anleihen an den japanischen Klassiker «Battle Royal»: Eine Schar mehr oder weniger unbescholtener Bürger muss in einem Kampf um Leben und Tod gegeneinander antreten. Belohnt wird der oder die Überlebende.

Das Ganze wird in «Squid Game» mit viel Spannung und reichlich Blutvergießen inszeniert, geschickte Cliffhanger verleiten dazu, die neun Episoden durchzusuchten.

Infantil-exotische Ästhetik

Reizvoll ist aber sicher auch die einprägsame Ästhetik der Show. Während die prekäre Heimat der Protagonisten – Ssangmun-dong, ein verarmter Stadtteil von Seoul – meistens bei Nacht gefilmt und in düsteren Brauntönen dargestellt wird, erstrahlt die Welt der Spiele in grellen Farben.

Eine überdimensionierte gelb-orange Kinderpuppe, gefährliche Klippen, eine Brücke aus quadratischen Glaselementen, über die es zu springen gilt, dann auch das labyrinthartige neonfarbene Treppenhaus, dessen gezackte Geländer unverkennbar auf Bildschirm-Pixel anspielen: Das Setup von «Squid Game» weckt Erinnerungen an ein fröhliches Computerspiel. So sind dann auch die Teildisziplinen alles Abwandlungen bekannter koreanischer Straßenspiele für Kinder.

«Squid Game» ist gewissermaßen ein Blutbad im Kinderzimmer. Super Mario für Todeshungrige. Hello Kitty im Zombiemodus.

Der Nerv der Zeit

Und ich gebe zu: Die Serie hat was. Auch wenn Netflix von ihrem Erfolg völlig überrumpelt wurde, ist es zumindest im Rückblick durchaus nachvollziehbar, dass «Squid Game» überall auf der Welt Millionen in den Bann zieht.

Über die vereinnahmende Story und das faszinierende Erscheinungsbild hinaus scheint die Show auch einen Nerv unserer pandemiegezeichneten Welt zu treffen.

Nicht nur in der südkoreanischen Hauptstadt, sondern auf der ganzen Welt hat sich die Schere zwischen arm und reich in den letzten anderthalb Jahren weiter geöffnet. Während Forbes für das Jahr 2021 nicht weniger als 660 frischgebackene Milliardäre zählt und bei 86% der Superreichen einen erheblichen Anstieg des Vermögens in der Coronazeit verzeichnet, kämpfen vielerorts ganze Gewerbezweige ums Überleben, und Millionen von Menschen geraten in existenzielle Nöte.

Zivilisierte Barbaren

«Squid Game» legt den Finger auf die Wunde, indem es die Verzweiflung der Geschundenen und Vergessenen anschaulich macht: Die Beteiligung am tödlichen Spiel ist freiwillig, die Teilnehmenden könnten die perverse Inszenierung jederzeit per Mehrheitsentscheid abbrechen.

Aber sie wollen nicht. Ihr herkömmliches Leben in Armut und Schulden ist für sie keine lebbare Alternative. Und die mit dem Preisgeld gefüllte Kugel über ihren Köpfen verspricht eine glorreiche Zukunft.

So bleiben sie im Spiel. Kämpfen bis aufs Blut. Geschwister, Ehepartner, Freunde werden gegeneinander aufgehetzt. Vertrauen wird gewonnen und wieder verraten, scheinbare Verbündete entpuppen sich als Todbringer:

«Squid Game» führt vor, wie dünn die Schicht der Zivilisation ist, welche die Menschheit vom bloßen Barbarentum trennt. Und wie existenzielle Verzweiflung diese Schicht aufreißt und uns zum Wolf des anderen macht. Genau da liegt aber das Problem der Serie.

Fatales Menschenbild

Auch wenn stellenweise ein Stück Menschlichkeit aufblitzt und manche Mitspieler:innen auch im Angesicht der Todes noch Mitgefühl und Hingabe aufbringen, so lebt «Squid Game» doch von einem düsteren Menschenbild.

Die Show reiht sich damit in den Reigen vieler apokalyptischer Erfolgsserien ein, die nach dem Strickmuster funktionieren: Lass ein paar Duzend Menschen die atomare Katastrophe, den Alienangriff, das Killervirus oder die Zombieinvasion überleben – und dann schau ihnen beim gnadenlosen Überlebenskampf zu.

Auch viele Fernsehformate bauen auf der Prämisse auf, dass man Menschen nur in Extremsituationen bringen muss, um sie zu Monstern zu machen.

Von Big Brother in zahllosen Staffeln über den Bachelor bis zu trashigen Formaten à la «Dschungelcamp»: Der Reiz solcher Formate besteht immer darin, beobachten zu können, wie die Fassade der Menschlichkeit unter den Beteiligten bröckelt und der rücksichtslose Egoismus zu Tage tritt, welcher im Untergrund schlummert.

Das wird dann sinnigerweise «Reality TV» genannt.

Wider die «Fassadentheorie»

Es ist der niederländische Historiker und Aktivist Rutger Bregman, der in seinem neusten Buch unter dem programmatischen Titel «Im Grunde gut» mit dieser sogenannten «Fassadentheorie» abrechnet.

An vielen Beispielen zeigt er, dass die zugrundeliegende Idee einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhält. Was man im Reality-TV zu sehen bekommt, ist nicht die «Wirklichkeit», sondern das Ergebnis gezielter Manipulation und geskripteter Streitgespräche. Sie sichern die Quote, verzerren aber strategisch unser Bild vom Menschen.

Sogar in Kriegssituationen zeichnet sich der Mensch durch hartnäckige Skrupel aus, anderen Menschen Schaden zuzufügen. Historische Berichte und forensische Analysen bezeugen die Tendenz von Soldaten, absichtlich über den Feind hinwegzuschießen, Flinten mehrfach zu laden (um nicht abdrücken zu müssen), und ihre Bajonette notorisch unbenutzt zu lassen. Seit den Kriegen des 20. Jahrhunderts werden aus diesem Grund zunehmend Drogen eingesetzt, um die Tötungshemmung der Soldaten zu übersteuern:

Wir werden eben nicht automatisch zu Bestien, wenn wir bedroht und verzweifelt sind.

Die Welt ist nicht digital

Der Antihumanismus von «Squid Game» wird noch zugespitzt durch die digitale Konstruktion der Entscheidungssituation, vor welche die Teilnehmenden in jeder Spielrunde erneut gestellt werden:

Es gibt immer nur Leben oder Tod, du oder ich. Kein Verhandlungsspielraum, keine kreativen gemeinsamen Lösungen, keine vermittelnden Positionen.

Das ist die typische Versuchsanordnung, mit der auch in der Philosophie gerne ethische Konflikte veranschaulicht werden (wie etwa das berühmte «Trolley-Dilemma»).

Aber unsere Welt ist nicht digital. Ethische Entscheidungen lassen sich nicht in eine Null-und-Eins-Matrix pressen. Die reale Welt ist immer komplexer als diese Vorgaben, und wir wissen immer zu wenig, um uns auf eine so einfache Rechnung einzulassen. Gerade in den Grabenkämpfen unserer Zeit ist diese Einsicht wortwörtlich notwendig.

Kein Problemlösungspotenzial

In dieser Hinsicht enttäuscht «Squid Game». Sogar der Protagonist und Sympathieträger der Serie nutzt schließlich die (vermeintliche) Demenz eines greisen Mitspielers aus und nimmt dessen Tod in Kauf, um sein Überleben zu sichern.

An keiner Stelle kommen alternative Möglichkeiten in den Blick, welche auf einem humanistischen, solidarischen, gemeinschaftlichen Gedanken beruhen und das schwarzweiße Setup der Spiele aufsprengen.

So bleiben auch die beteiligten Mitspieler:innen aus den untersten Bevölkerungsschichten letztlich bloße Opfer – Bauern auf dem Schachbrett der Mächtigen, welche auf die niederen Instinkte der Bedrohten zählen und sich mit ihrem Überlebenskampf die Zeit vertreiben.

Sicher: Das alles verspricht immer noch richtig gute Unterhaltung. Aber einem weltweiten Überraschungserfolg, der unsere durch die Pandemie durcheinandergebrachte Menschheit vor die Bildschirme lockt, hätte ich mehr Problemlösungspotenzial gewünscht.

Was wir zur Zeit brauchen, ist keine Erinnerung an einen (angeblichen) gnadenlosen Selbstdurchsetzungstrieb des Menschen, sondern Ermutigungen zu einem verantwortlichen und kreativen Handeln, das neue Wege eröffnet – auch wenn es uns selbst etwas kostet.

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5 Kommentare zu „Squid Game. Nicht jeder Erfolg ist auch eine Empfehlung.“

  1. Danke, Manuel Schmid!!!! Schon als mir meine Teenagerkinder begehrlich von dieser Serie erzählten (alle anderen gucken das natürlich…), dachte ich :“O Bregman hilf!“ Ich halte das für eine so wichtige Aufgabe von Kirche, beispielhaft gegen das Darwinistische Prinzip tapfer anzupredigen. Mit neuen, verständlichen Geschichten. Denn die, die die Lord-of-the-Flies -Geschichten erzählen, erzählen verführerisch und werden gehört von Massen. Konstanze Ebel @dichtungsding

    1. Danke liebe Konstanze für die ermutigende Rückmeldung! Ja, Bregman hilft tatsächlich immer wieder – ich bin allerdings selbst erst dabei, meine pessimistische Anthropologie durch ein positiveres Bild zu kurieren… da hat mir Bregman sehr geholfen!

  2. Danke Manuel Schmid für diesen Beitrag. Ich finde das gut, nimmst du diese Serie unter die Lupe. Was ich mich aber trotzdem frage: Warum wird von einer Serie erwartet, dass sie uns ein positives Menschenbild vermitteln muss oder gar eine Problemlösung anbietet?
    Mord und Totschlag bot schon immer Unterhaltungswert, ob in echt oder als Fiktion, ich denke an die Arena im alten Rom oder an Shakespeare.

    Vielleicht ist nicht Squid Game an sich das Problem, sondern die Erkenntnis, dass sich der Mensch bezüglich der Lust am Mord-Konsum doch nicht so sehr weiterentwickelt hat, wie wir glauben oder hoffen.
    Squid Game ist bloss das Thermometer. Dass die Anzeige in die Höhe schnellt, liegt an den Zuschauer:innen (mich eingeschlossen :-)). Das empfinde ich als verstörend.

  3. Roland Portmann

    Lieber Manu
    Hier nochmals ein Dankeschön für die tolle Analyse!
    Ein Tip: Wie wär’s mit Midnight mass als Gegengeschichte? Da verweigern sich Menschen gegenüber einem „ewigen Leben“ und „ewiger Jugend“…
    Die Diskussion ums Leben nach dem Tod ist da auch ganz spannend!
    Liebe Grüsse

    Roland

    1. Danke Roland für die Rückmeldung – und den Serientipp: Midnight Mass hab ich noch nicht gesehen… ich dachte aufgrund der Netflix-Cover, dass es sich um eine Horror-Show handelt…

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