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Lesedauer: 5 Minuten

Die paradoxe Welt der sozialen Medien: [1] Kritik und Beteiligung

Überblick über diese Blogserie:

Ein Hoch auf soziale Medien!

Wer nicht im Stande ist, ein spontanes Lob auf die Errungenschaften der sozialen Medien anzustimmen, schreibt wahrscheinlich noch handschriftliche Briefe und telefoniert übers Festnetz. Auf jeden Fall ist er oder sie offensichtlich noch nie wirklich eingetaucht in die faszinierende Welt von Youtube, Pinterest, Instagram, Facebook oder TikTok.

Man mag sich als regelmäßiger User inzwischen daran gewöhnt haben – aber was haben uns die sozialen Medien und digitalen Netzwerke doch für neue Welten eröffnet!

WhatsApp, Zoom und viele andere Anwendungen lassen uns über gewaltige geografische Distanzen hinweg in Text, Bild und Ton mit anderen Menschen kommunizieren. YouTube-Tutorials bringen uns Gitarrespielen, Kochen, Brunnen bohren und jede erdenkliche andere Tätigkeit bei. Auch die abgefahrensten und weitverstreutesten Interessengruppen finden über Facebook oder Instagram zusammen. Auf Pinterest kommt uns ein nie endendes Feuerwerk kreativer Ideen entgegen. Berufsleute finden und vernetzen sich auf LinkedIn. Und Spotify kennt meinen Musikgeschmack so gut, dass ich täglich großartige Interpreten vorgestellt bekomme, auf die ich selbst wohl auch nach langer Suche nicht gestoßen wäre…

Die Liste hat kein Ende: Gott (oder dem Silicon Valley) sei Dank für Segnungen unseres digitalen Zeitalters!

Aber…

Ja, natürlich: Das ist nicht die ganze Geschichte. Sicher muss man inzwischen ein einigermaßen fettes »ABER« an ein solches Lob der Sozialen Medien anschließen.

Wie bei allen technologischen Fortschritten, die zum gesellschaftlichen Massenphänomen werden und den Alltag des Menschen prägen, zeichnen sich auch im Gebrauch sozialer Medien schwerwiegende »Risiken und Nebenwirkungen« ab.

Zahlreiche Studien haben in den vergangenen Jahren die soziologischen und psychologischen Folgen untersucht, welche die obsessive Nutzung dieser Plattformen besonders bei Jugendlichen zeitigen. Zum Thema wird dabei nicht nur der Druck zur Selbstdarstellung oder die erhöhten Suizidraten, welche mit dem Siegeszug von Facebook, Instagram und Co. zu korrelieren scheinen, sondern auch Fragen zum Datenschutz und zur Vermarktung der Userinformationen in der Werbeindustrie.

Die Dokumentation »The Social Dilemma«, die seit einiger Zeit auf Netflix zu sehen ist, bringt solche Einwände pointiert vor und lässt prominente Insider zu Wort kommen.

Sie waren an der Entwicklung von Plattformen wie Facebook, Twitter, Pinterest oder Instagram beteiligt – und verstoßen nun gewissermaßen ihre eigenen Kinder: Ihrer Einschätzung nach befindet sich die digitale Kommunikationsgesellschaft in der Situation des Zauberlehrlings wieder, der die von ihm gerufenen Geister nicht mehr loswird.

Performative Widersprüche

Lange vor der gefeierten Netflix-Doku ist freilich schon gewichtige Kritik den sozialen Medien laut geworden. Der amerikanische Künstler Prince Ea wurde 2014 berühmt mit einem Video-Slam, der die negativen Konsequenzen sozialer Medien geißelt. Er nennt Facebook ein »Anti-Soziales-Netzwerk« und macht die extensive Bildschirmzeit für die rapide Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne unter Jugendlichen verantwortlich. Seine Lösung lautet letztlich: Lasst eure Akkus leer laufen – erst das bringt euch der eigenen Menschlichkeit wieder näher.

Das Video erreichte auf YouTube über 22 Millionen Klicks und wurde auf den sozialen Medien rege geteilt. Womit der performative Widerspruch natürlich vor Augen liegt:

Auch Warnungen vor dem Gebrauch sozialer Medien erreichen ihre Zielgruppe nur über soziale Medien. Die prominenten Kritiker von Facebook, Instagram und YouTube verdanken ihre Bekanntheit… naja, Facebook, Instagram und YouTube halt.

Selbstverständlich gilt das auch für diesen Blogbeitrag selbst, der ja auf sozialen Netzwerken veröffentlicht, beworben und geteilt wird. Und genauso für die besagte Netflix-Doku – denn natürlich ist auch Netflix eine Algorithmus-basierte Plattform, die alles daran setzt, ihre Nutzer so gut wie möglich zu kennen und ihre Bildschirmzeit gezielt zu maximieren.

Alternativlosigkeit

Man könnte das als ein erstes Paradox einer Social-Media-Gesellschaft bezeichnen:

Wir möchten eine kritische Distanz zu den digitalen Plattformen gewinnen, welche unser Leben im Sturm erobert haben – aber wir tun das, indem wir unsere Bedenken auf ebendiesen Plattformen teilen.

Sicher, es gibt auch radikale Verweigerer und Aussteiger. Menschen, welche ihre Profile löschen und sich von allen Netzwerken verabschieden. Sozial kommt das allerdings zumindest innerhalb der meisten jüngeren Milieus und Subkulturen einem Rückzug in die Steinzeithöhle gleich. Wer die WhatsApp-Gruppen verlässt, die Veranstaltungseinladungen auf Facebook verpasst und auf Instagram nicht mehr zu finden ist, der tut zunehmend gut daran, sich digitalisierungskritische Freunde oder ein einsames Hobby zu suchen.

Einzelne mögen sich in einer solchen Aussenseiter-Rolle wohl fühlen und sogar ein Stück Identität daraus ziehen – für die meisten ist das aber keine wirklich lebbare Option. Die Beteiligung an sozialen Medien ist für viele aus privaten oder beruflichen Gründen unausweichlich, alternativlos geworden. Dann legen sie doch lieber eine absehbare »Socia-Media-Fastenzeit« ein.

Die Tatsache, dass im Zusammenhang mit dem Verzicht auf Facebook und Co. von einem »Fasten« gesprochen wird, macht deutlich, dass der Konsum sozialer Medien in der Hierarchie der Bedürfnisse auf der Ebene der Nahrungsaufnahme angekommen ist.

Ein Spiegel des Menschseins

Frei nach dem lateinischen Sprichwort abusus non tollit usum – »der Missbrauch hebt den rechten Gebrauch einer Sache nicht auf« – bearbeitet diese Reihe von Blogbeiträgen die Frage, wie denn ein »rechter Gebrauch«, ein gesunder Umgang mit den sozialen Medien aussehen könnte. Dabei geht es weder um garantierte Erfolgsrezepte noch um pauschale Verwerfungen, sondern vielmehr um kritisch-konstruktive Anregungen, an welche die Leser*innen ihre eigenen Überlegungen anschließen können.

Ich werde dazu mehrere Spannungsfelder oder Paradoxien aufzeigen, in welche uns der Gebrauch sozialer Medien zu drängen neigt. Sie machen deutlich, wie ambivalent die Segnungen des technischen Fortschritts sein können – aber auch wie viel deren Gefahrenmomente über uns als Menschen aussagen.

Denn die ganzen Netzwerke und Kommunikationsplattformen sind ja höchstens formal etwas Neues und Fremdes, das an den Menschen herantritt. Ihren Inhalten und ihrer Entwicklung nach gehen sie organisch aus der Verfasstheit und den Bedürfnissen des Menschen hervor.

Auf den sozialen Netzwerken tritt uns wie in einem Spiegel unser Menschsein vor Augen – in aller Potenzialität, aber auch in aller Hintergründigkeit und Abgründigkeit. Es lohnt sich gerade darum, über die Social-Media-Gesellschaft eingehender nachzudenken.

 

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