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Lesedauer: 5 Minuten

Die paradoxe Welt der sozialen Medien. [2] Nähe und Distanz

Überblick über diese Blogserie:

Flughafenidylle

Es ist schon einige Jahre her, als der amerikanische Mobilfunkanbieter »AT&T« mit der folgend beschriebenen TV-Werbung auf seine Dienste aufmerksam machte:

Ein Geschäftsmann sitzt niedergeschlagen in einem namenlosen Flughafen. Sein Flug ist gecancelt worden, und er stellt sich auf eine weitere Nacht in einem einsamen, austauschbaren Motelzimmer ein.

Da ertönt aus dem Nichts die Stimme eines kleinen Mädchens: »Hallo Daddy!« Auf unerklärliche Weise sitzt seine Tochter plötzlich neben ihm auf den Sesseln des Flughafens. Der Mann strahlt förmlich auf und unterhält sich angeregt mit der Kleinen.

In der nächsten Einstellung ist er wieder allein, aber seine Stimmung hat sich völlig gewendet. Lächelnd legt er das Smartphone aus der Hand, und die Zuschauer*innen realisieren, dass es sich bei der letzten Szene um die Visualisierung eines Telefonanrufs handelte: Die moderne Technologie hat die Einsamkeit dieses Mannes durchbrochen und ihm die Gemeinschaft mit seiner Tochter ermöglicht.

»AT&T: Für das, was wirklich wichtig ist…«,

erklingt dann der Jingle des Unternehmens.

Schnellhochzeit

Zur gleichen Zeit lief in den USA auch eine Werbung für ein anderes Kommunikationsunternehmen im Fernsehen.

Sie zeigt eine wunderschöne Kirche während einer Hochzeitsfeier. Die Braut, der Bräutigam und ein Priester stehen vor dem Traualtar – und alle halten ihr Handy ans Ohr. Mit der atemberaubenden Effizienz eines Dönerverkäufers in der Mittagszeit wird anschließend das »Geschäft« abgewickelt:

Zuerst spricht der Priester in sein Smartphone: »Michael. Susanne.«

Das Paar, ebenfalls mit ihren Telefonen im Gesicht: »Ja.«

Priester: »Liebe und Ehre?«

Paar: »Ja.«

Priester: »Krankheit, Gesundheit?«

Paar: »Ja.«

Priester: »Ringe?«

[Das Paar winkt dem Priester zu: Die Ringe stecken schon.]

Priester, zum Bräutigam: »Willst du?«

Er: »Ja.«

Priester, zur Braut: »Willst du?«

Sie: »Ja.«

Priester: »Kuss?«

[Das Paar macht Kussgeräusche in ihre jeweiligen Handys.]

Priester: »Ehemann und Ehefrau.«

[Die Hochzeitsgesellschaft applaudiert.]

Der Priester: »Die Nächsten!«

Danach ertönt auch in diesem Spot der Claim des Mobilfunkanbieters:

»Nextel. Erledigt.«

Zwiespältige Errungenschaften

Tatsächlich war Nextel wenig später »erledigt« – die Firma wurde von einem anderen Anbieter aufgekauft und schließlich aufgelöst. Das muss aber natürlich nicht mit der obigen Werbung zu tun haben: Diese will ja eigentlich nur einen weiteren Vorzug der Mobilfunktechnologie provokativ herausstellen. Nämlich, dass uns diese Geräte effektiver machen in unserer privaten und professionellen Kommunikation.

Dass dies ausgerechnet anhand der Abwicklung einer Trauung in Rekordgeschwindigkeit demonstriert wird, ist aber zweifellos ein epischer Fehlgriff.

Die Ehebeziehung steht doch für jene zwischenmenschlichen Verhältnisse, die gerade nicht nach den Kriterien der Effektivität und der Kosten-Nutzen-Optimierung funktionieren sollen. Kein Liebespaar wünscht sich eine »möglichst effektive« Trauung, genauso wenig wie eine Freundschaft unter der Maxime der Zeitersparnis gedeihen kann.

Der Kontrast der beiden Werbungen wird von Shane Hipps in seiner brillanten Auseinandersetzung mit den zwiespältigen Errungenschaften moderner Technologien aufgegriffen.

Er zeigt im Blick auf Mobiltelefone, was für die Social-Media-Gesellschaft unserer Zeit umso mehr gilt:

Segen und Fluch

Soziale Netzwerke können Menschen verbinden, die meilenweit voneinander entfernt sind. Sie ermöglichen digitale Begegnungen, Diskussionen, Ideenaustausch und Selbstmitteilung über alle Grenzen hinweg.

Sie können Menschen aber auch voneinander trennen, selbst (oder gerade) wenn sie sich im selben Raum aufhalten. Sie sind im Stande, Aufmerksamkeiten zu zerstreuen, analoge Begegnungen zu beeinträchtigen, den Blick vom anderen abzulenken und auf den Bildschirm zu bannen.

Jeder hat wohl schon Paare im Restaurant oder Familien im Zugabteil beobachtet, die sich zwar gegenübersitzen, aber kaum ein Wort austauschen und sich keines Blickes würdigen, weil sie von ihren Mobilgeräten derart in Beschlag genommen sind.

Mit bläulich erleuchteten Gesichtern starren sie auf ihre Displays und schauen höchstens noch auf, wenn sie dem anderen ein Youtube-Video vorführen oder ihn um das Ladekabel für den strapazierten Akku bitten wollen.

Und spätestens wenn meine Kinder mich mit den Worten »Papa, du bist ständig am Handy!« aus meiner virtuellen Welt herausreißen, merke ich, dass ich selbst zur Spezies »homo digitalis« zähle. Und dass auch mir die multimedialen Segnungen unseres Zeitalters gelegentlich zum Fluch werden.

Unselige Benachrichtigungen

Diese negativen Auswirkungen mögen nicht im Sinne der Erfinder gewesen sein (das vermittelt die Netflix-Doku »The Social Dilemma« einigermaßen glaubhaft). Sie gehören aber zu den paradoxen Folgeerscheinungen einer Digitalisierungsgesellschaft, die sich so selbstverständlich auf sozialen Medien bewegt und ihren Stimuli so durchgängig erliegt, dass eine lobenswerte Grundidee ausgesprochen asoziale und kommunikationsverhindernde Konsequenzen nach sich zieht.

Es ist aber eigentlich keine Zauberei, diesen Konsequenzen entgegenzuwirken und die Allgegenwart der sozialen Medien im eigenen Leben zurückzudrängen.

Zuerst einmal lassen sich bei den ganzen Social-Media-Apps diese unseligen Benachrichtigungen per Knopfdruck ausschalten. Ich muss nicht immer sofort mitbekommen, wenn jemand einen Post kommentiert, ein Foto geliked oder ein Video geteilt hat.

Die ständigen Unterbrechungen, auch wenn sie nur Millisekunden in Anspruch nehmen, reißen uns unwillkürlich aus den aktuellen sozialen Zusammenhängen heraus – selbst dann, wenn wir die Benachrichtigung erhalten und uns dann entscheiden, ihr nicht weiter nachzugehen.

Daran erinnert mich ein guter Freund immer, wenn ich ihn anrufe und ihm gleich zu Beginn versichere, ihn auf keinen Fall stören zu wollen. »Hast du jetzt aber schon«, antwortet er in seiner direkten Art dann zuverlässig.

Gemeinsame Abmachungen

Darüber hinaus hat es sich in der Erfahrung vieler Nutzer bewährt, mit Partner, Familie oder Freunden gemeinsame Abmachungen zu treffen, was die Nutzung sozialer Netzwerke im Beisein der anderen betrifft.

Die Regel, keine Mobilgeräte am Esstisch zu dulden, hat bei uns Zuhause jedenfalls schon viel Raum für angeregte Gespräche und Interaktionen mit den Kindern eröffnet. Inzwischen würde wohl kein Familienmitglied diese mediale Selbstbeschränkung wieder aufgeben wollen.

Ähnliches lässt sich für das partnerschaftliche Tête-à-Tête im Restaurant sagen: Qualitätszeit in Beziehungen verdient die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Beteiligten.

Natürlich sind das alles erst flankierende Maßnahmen. Sie schränken Ort und Zeit der Mediennutzung ein und erkämpfen Momente des Alltags, in denen wir Facebook, Instagram und Co. unsere Aufmerksamkeit bewusst entziehen, um sie anderen zuzuwenden. Diese Schritte sind gewiss noch nicht alles, was es zur rechten Nutzung sozialer Medien zu sagen gibt – aber ohne solche Schritte ist alles andere nichts.

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1 Kommentar zu „Die paradoxe Welt der sozialen Medien. [2] Nähe und Distanz“

  1. Bisher etwas trivial gehaltene Analyse.
    Ich bin dennoch gespannt auf die weiteren Teile.

    Der Mensch braucht beides.
    Ungeteilte Einsamkeit und ungeteilte Aufmerksamkeit auf die Person gegenüber uns.
    Bei beiden steht uns das Smartphone allzu oft im Weg.

    Hätte Jesus heute das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt, wäre sicher noch ein homo digitalis vorgekommen, der den armen Mann gar nicht erst sieht ;).
    Der Samariter hätte sein Smartphone gezückt und die Rettungsleitstelle informiert :D.

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