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Ostern als Mythos

«You have to let a story have its way with you. You can’t tell the story what it is.»

(Zitat von Martin Shaw)

Jahr für Jahr habe ich versucht zu verstehen, was Karfreitag und Ostern bedeuten. Was das Ganze eigentlich mit mir zu tun hat. [1] Und dann war ich immer froh, wenn Ostern vorbei war und wenigstens schönes Wetter war.

Jesus ist gestorben und wieder ins Leben gekommen. Es gibt dazu einige «pseudo-logische» Erklärungen, Erlösung von den Sünden und so, aber das sinkt bei mir bis jetzt nicht richtig ein. Ich würde das gerne in eine Logik übersetzen: «Jesus ist für mich gestorben», folglich bedeutet das konkret A, B und C für mein Leben.

Aber mittlerweile weiss ich: Ob ich das jetzt rational verstehe oder nicht, ist ziemlich irrelevant.

Viel grösser als ich

In erster Linie ist das Sterben und das Auferstehen von Jesus eine Geschichte, die man immer wieder hören und erzählen soll. Denn Geschichten haben Kraft, Geschichten bewegen etwas. Die grosse Geschichte der Welt, der Menschheit, von Gott mit den Menschen.

Diese drei Tage sind ein Mythos – und ich meine das nicht im Sinne davon, dass es historisch nicht so passiert ist. [2] Sondern ich meine:

Karfreitag/Ostern ist ein Mythos, im Sinne einer Geschichte, die viel grösser ist als ich – die aber unbedingt etwas mit mir zu tun hat.

Ich lerne etwas aus dieser Geschichte, aber nicht auf einer rationalen Ebene, sondern viel, viel tiefer. Wenn sie gehört und erzählt wird, lebt man sie mit, wird angesprochen und berührt.

Das hat mit zwei Dingen zu tun: 1. mit der Geschichte an sich und 2. damit, wie wir sie heute hören.

Eine absolut faszinierende Story

Erstens: Es ist eine absolut grossartige Geschichte. (Und nochmal – ich meine nicht, gut geschrieben oder gut erfunden, sondern voll im Leben.)

Die vielen Facetten neben der Haupterzählung, die in der Bibel abgeschnitten werden: Zum Beispiel wird Jesus nachts im Garten verhaftet und einer seiner Freunde schlägt einem der Soldaten mit dem Schwert das Ohr ab, und Jesus klebt es ihm wieder an.

Oder der junge Mann, der bei der Verhaftung zuschaut und splitternackt davonrennt, als man ihn entdeckt. Maria Magdalena, die Jesus nach seinem Tod wiedersieht und meint, er sei der Gärtner.

Es geht weiter bis in kosmische Zusammenhänge: Die Erde habe gebebt, als Jesus gestorben sei, und ein paar Stunden lang wurde alles dunkel, womöglich durch einen Sandsturm.

Diese Story ist absolut faszinierend.

Sinnliche Zugänge zu Ostern

Zweitens spielt eine grosse Rolle, wie man die Geschichte heute hört. Einerseits kann ich die Geschichte in der Bibel nachlesen oder in einer Hörbibel hören.

Doch Karfreitag/Ostern ist nicht nur sprachlich zu erleben, sondern auch sinnlich. Ich habe zum Beispiel eine Kette mit einem Kreuz, die ich manchmal über die Ostertage trage, als etwas Symbolisches.

Jahrelang war ich am Ostermorgen in dem Moment, als die Sonne aufging, im kalten See schwimmen. Oder ein Osterfeuer. Fasten in der Karwoche.

Oder Musik – all die tieftraurigen und dramatischen Passionen, die als Konzerte gespielt werden dieser Tage. Oder ich schaue einen Film, der eine Geschichte rund um die letzten Tage von Jesus erzählt, z. B. «Risen». Oder die «Narnia»-Geschichten, welche den Mythos in eine andere Welt transportieren.

Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.

Es gibt nichts, was verrückter wäre als das. Nichts, was weniger mit Logik zu tun hat. Das ist ein Wunder, ein Mysterium:

Da geschieht etwas, was viel, viel grösser ist als ich.

In die Geschichte muss ich eintauchen und spüren, was sie mit mir macht. Mich berühren und verändern lassen von dieser Geschichte.

Was sind deine Osterrituale?

Probier das doch mal aus: Lass dich mal anders ein auf die Geschichte von Karfreitag bis Ostern. Auf die Story von Tod und Auferstehung, von Freundschaft und Verrat, Brutalität und Heiligkeit.

Jedes Jahr einmal, immer wieder. Es ist eine Geschichte, die sich durch das Leben zieht und immer wieder etwas mit einem macht, wenn man sie lässt.

Was sind deine Osterrituale?

 

[1] Meine suchenden Artikel dazu: 
2018 Kann mir bitte mal jemand Ostern erklären?
2019 Das Kreuz brennt auf meiner Haut
2020 Zwei Tage aushalten
2021 Sonst ist es ja kein Geheimnis mehr

[2] Video-/Podcast- und Blogserie: 
Hat Jesus Christus wirklich gelebt? 
Ist Jesus tatsächlich auferstanden?

6 Kommentare zu „Ostern als Mythos“

  1. Diese Geschichte, so wie hier verortet, macht gar nichts mit mir. Sie ist da völlig uninteressant und keiner Beachtung wert.
    Die Auferstehung ist das Zentrale des christl. Glaubens, ohne die er bedeutungslos ist (1. Kor. 15:14). Die Auferstehung ist die konkrete Überwindung des physischen Todes, der eine Folge der in der Vergangenheit stattgefundenen Identifikation mit dem physichen Leib und damit der Entstehung der Existenangst , ist. Nun kann jeder Mensch mittels der ewigen Lebenskraft wachstümlich (Heiligung genannt) immer mehr diese Urangst reduzieren, immer gesünder nach Seele und Leib werden und eines Tages auch den physischen Tod überwinden. Das ist ein langer Glaubensprozess, der nicht in einem Erdenleben abgeschlossen ist. https://manfredreichelt.wordpress.com/2016/10/15/jesus-der-christus-traditionslos/ Das Wort vom Kreuz, bzw. der Auferstehung ist also für den Gläubigen Gotteskraft (1. Kor. 1:18), etwas, das ihn enthusiasmiert!
    https://manfredreichelt.wordpress.com/2016/10/15/jesus-der-christus-traditionslos/ Das Christentum, recht verstanden, ist das Revolutionärste und Fortgeschrittenste, das es in der Welt gibt. In ihm allein liegt die Zukunft der Menschheit!

  2. Hallo Evelyne,
    Gefällt mir gut, wie du darüber sprichst: für mich immer wieder neue Aspekte…
    Als ich vor ein paar Jahren angefangen habe meinen Glauben zu hinterfragen, war für mich die Aussage: Jesus ist für unsere Sünden gestorben sehr schwierig. Ich war und bin der Ansicht: für meine Sünden braucht niemand zu sterben. Wenn man Sünde als Verfehlungen versteht. Heute sehe ich es anders (den Kreuzestod): wir beten keinen Helden an, sondern einen zutiefst verletzlichen Menschen. Mit dieser Verletzlichkeit haben wir doch alle extreme Schwierigkeiten. Aber uns mit unserer Verletzlichkeit zu zeigen bringt uns ins Leben zurück, weckt uns auf.
    Weiß nicht, wie theologisch das ist, aber ist mein Gefühl.
    Ganz liebe Grüße und frohe Ostern
    Gudrun

    1. Evelyne Baumberger

      Liebe Gudrun, danke für deinen Kommentar! Das mit der Verletzlichkeit ist ein interessanter Gedanke, das kann ich auch theologisch super nachvollziehen. Liebe Grüsse!

  3. Die Entwicklung weg von der Rationalität kann ich verstehen. Aufgrund schräger theologischer Erklärungsmuster für das Kreuzgeschehen, insbesondere durch Anselm von C. etc.

    Dennoch meine ich, dass der Mensch ein unheilbar rationales/vernünftiges Wesen bleibt. Und es auch soll. Nicht zuletzt wird er von Gott auch auf der rationalen Ebene mit seinem Wort angesprochen.

    Es wird eine Erklärung des Erlösungswerks Christi benötigt, die das Sündenproblem aufnimmt und die ohne die Anselmsche Satisfaktionslehre auskommt. Hierzu verweise ich nochmals auf meine Veröffentlichung dazu: https://shop.tredition.com/booktitle/Was_ist_Erl%3fsung/W-1_166447

    Kerngedanke ist, dass der Sohn durch seinen Tod nicht die Schuld der Welt bezahlt, quasi ein Welt-Schuld-Konto löscht, sondern dass der Vater mit der vergebenden Gnade der Auferstehung auf die zugerechnete Schuld am Kreuz antwortet. Er bildet sich eine Person, der alle mögliche Schuld vergeben ist. Und diese wird dadurch zum Heilsträger für die Menschen und ist relevant für meine Versöhnung mit Gott.

  4. Liebe Evelyne,
    dieses Jahr habe ich mich intensiv damit auseinander gesetzt, was mir der Festkreis Karfreitag, Ostern, Auffahrt und Pfingsten bedeutet. Am Dienstag nach Pfingsten fühlte ich innerlich, dass ein Prozess abgeschlossen war: Es fühlte sich so an, also sei ich neu geboren worden. Nicht etwa mit Schall und Rauch und viel Halleluja, es war eher harzig – teils beklemmend, teils befreiend – und am Schluss war ich einfach da und ein bisschen verstört und wie der Esel am Berg.
    In deinem Beitrag schreibst du: «In die Geschichte muss ich eintauchen und spüren, was sie mit mir macht. Mich berühren und verändern lassen von dieser Geschichte.» Das erlebe ich auch so und es bestärkt mich, eine (und sicher mehrere) Verbündete zu haben, die Ähnliches berichten.
    Dieses Jahr hat es mir die Hilflosigkeit der Jünger nach Jesu Auferstehung angetan: Die Jünger verschanzen sich in einem Haus und trauen sich nicht mehr hinaus, etc. Ich glaube, bis anhin erwartete ich, dass nach der Auferstehung vom Tod Jubel, Trubel, Heiterkeit herrsche und dass alle Probleme und Sorgen wie weggeblasen seien.
    Jetzt, nach Pfingsten und nachdem ich mich etwas gefasst habe, empfinde ich wie die Jünger damals. Äusserlich ist bei mir zwar alles beim Alten, aber innerlich fühle ich mich anders – neu – und mache weiterhin meine Erfahrungen im Alltag. Ich bin gelassener und zuversichtlicher, auch wenn nicht alles rund läuft oder ich nicht weiss, was als nächstes tun.
    Du schreibst, «Karfreitag/Ostern ist ein Mythos, im Sinne einer Geschichte, die viel grösser ist als ich – die aber unbedingt etwas mit mir zu tun hat.» Schön und treffend formuliert. Ich erkenne im Tod und in der Auferstehung Christi eine Art mise en abyme: Jesus ist für uns Menschen gestorben, damit wir leben. So wie er gestorben und auferstanden ist, weitergelebt hat und schliesslich zu Gott zurückgekehrt ist, so sollen auch wir in und mit ihm sterben und auferstehen, weiterleben und zu Gott zurückkehren. Jesus im Grossen, mit Wirkung auf die ganze Welt, wir im Kleinen, mit Wirkung auf unser persönliches Leben.

    Herzlicher Gruss, Nicolas

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