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Francis Schaeffer und der Fundamentalismus

Der amerikanische Theologe Francis Schaeffer gehört zu den einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Büchern, Vorträgen und Filmen trug er wesentlich dazu bei, dass es im letzten Dritten des 20. Jahrhundert zu einem Aufschwung fundamentalistischer Theologie und zur Entstehung der christlichen Rechten in den USA kam. Wesentliche Voraussetzung für Schaeffers Wirkungskraft waren seine Erfahrungen in der Schweiz. Im Tagungszentrum L’Abri betrieb er jahrzehntelang einen Begegnungsort, wo Menschen mit ihren Fragen und Zweifeln, Süchten und Sehnsüchten liebevoll wahrgenommen und mit einer radikalen Gestalt der christlichen Botschaft konfrontiert worden sind.

20 Kommentare zu „Francis Schaeffer und der Fundamentalismus“

  1. Super informative Folge! Danke! Ich bin da voll bei Thorsten: über die via negativa lern ich da was, nämlich meine Position zu schärfen; Aber jetzt wissen wir auch gegen was wir wehren müssen: Fundamentalismus jeglicher Couleur ist staatsgefährdend und menschenverachtend! Er steht mit allem entgegen unserer offenen liberalen Gesellschaft; gerade als offene und liberale Landeskirche müssen wir dem auch theologisch entgegen halten! Danke für die Infos gegen über dem, was wir nicht wollen!

    1. Danke für die Rückmeldung! Richtig, eine offene und freie Kirche ist nicht einfach gegeben, sie muss dieses ihr Profil immer wieder formulieren und anbieten. Und vielleicht kann die Auseinandersetzung mit problematischen Gestalten des Christentums uns auch zur Anfrage werden: Wo lassen wir zuviel Platz, wo gehen wir auf bestimmte Bedürfnisse nicht ein, wo müssen proaktiver die befreiende Gelassenheit evangelischen Glaubens ins Spiel bringen, dass bestimmte Verirrungen sich erst gar nicht so ungestört ausbreiten können.

    2. Sich auch über das verständigen, was wir nicht wollen. Ja, im Namen eines freien und lebendigen Glaubens. Zugleich möchte ich dieses Wehren aber gerne anders üben als ich es bei denen sehe, gegen die es geschieht. Dazu gehört für mich ein liebevoller Blick, der hinter allem die Sehnsüchte zu verstehen sucht, welche Menschen die fundamentalistische Option ziehen lässt.

  2. Johann Hinrich Claussen

    Vielen Dank! Das war eine richtig interessierte Sendung. Ich kannte diesen Theologen überhaupt nicht – nie gehört! Von Euch habe ich viel gelernt. Vor allem, wie man mit ganz anders denkenden Theologen umgehen sollte: verstehen, nachvollziehen, einbetten, dann engagiert kritisieren, dabei auch sich selbst befragen, der eigenen Meinung nicht auf den Leim gehen, sondern auch in der Kritik den anderen sehen.

    1. Das freut mich, wenn diese Folge so rübergekommen ist. Und den Ausdruck „der eigenen Meinung nicht auf den Leim gehen“ finde ich sehr treffend für das, was uns leider doch immer mal wieder passiert.

  3. Alexa aus Cloppenburg

    Ich selbst hab mich ja schon so manches mal über Schaeffer und vor allem über seine neoreformierten Fans geärgert. Aber ihr habt ihn so kritisch dargestellt, dass ich mich gefragt habe, warum Schaeffer nach wie vor so beliebt ist. Und das nicht nur bei sogenannten Fundamentalisten. Auch und vor allem bei uns im deutschsprachigen Raum. Das wurde nicht wirklich deutlich. Ansonsten super Podcast wie immer

    1. Das ist ein sehr wichtiger Gedanke, absolut. Wir haben ja versucht zu zeigen, wo die Stärke von L`’Abri lag: Im Angebot einer dichten Glaubensgemeinschaft, in der viel Platz ist für Fragen, Zweifel, Gespräche, in existenzieller und kultureller Weite. Und sicher auch in der Befähigung vieler Menschen, in ihrem eigenen Glauben sprachfähig zu werden; durch multimediale Angebote, in denen persönlicher Glaube im Bezug zu heutigen Lebensfragen als tragfähige Geschichte wieder denkbar und erzählbar wurde. Leider in ideologischer Verformung, die erheblichen Abschottung- und Verdrängungsaufwand nötig macht… Aber gleichwohl sollten wir als Kirche sehen, dass sich offensichtlich gar nicht so wenige von einer solchen für Nichttheologen brauchbaren Theologie ansprechen lassen.

  4. Natürlich hinterfragt das auch unser Handeln; aber wir sind nicht schuld an solchen extremen Positionen! Hugo Stamm hat in einem seiner Artikel ausnahmsweise treffend den Versuch der Landeskirchen, Freikirchen in ihrem Grouve zu folgen kritisch hinterfragt: Megachurch oder „ICF“- light funktionieren ohne die konservative Werthaltung auch in def Landeskirche nicht…
    Ich denke, wir hinterfragen uns ständig, machen Studien etc…. Wir sind auch offen für andere und empathisch: aber bei staatsgefährdend und militanten Ansichten hört‘s einfach auf! Wir stürmen nicht das Kapitol oder das Bundeshaus mit ner Battleflag oder einer Fahne aus dem Sonderbund! Deshalb gilt hier Null-Toleranz

  5. Und: die Landeskirche tut gut daran, hier nicht in einen Dialog einzutreten, sondern sich klar zu distanzieren: wie jetzt gerade die causa Läderach oder die Katastrophe in der kath Kirche zeigen, müssen wir klar sagen: „Das sie nicht wir und die gehören nicht zu uns!“

    1. Bin ich froh, haben die im Mittelalter den Pranger erfunden! War im analogen Leben schon recht wirksam, aber in der digitalen Zeit kommt er so richtig zur Geltung!

      1. Francis Schaeffer hat Zeit seines Lebens theologisch und politisch Andersdenkende sehr scharf kritisiert. Er ist damit eine sehr einflussreiche Person in der US-Christenheit geworden, bis in die Politik hinein. US-Präsident Ronald Reagan hat ihm anlässlich seines Todes ausführlich gewürdigt. In einer solchen Position sollten er (und seine Anhänger:innen) Kritik schon aushalten können – und sie nicht mit einem „Pranger“ vergleichen, mit dem die Mächtigen früher die Ohnmächtigen bestraft haben.

  6. Hallo, ich war zwar nicht sehr lange dort, habe L’Abri Ableger in England und Spanien aber – wie von Euch beschrieben – als angenehme, tiefe und suchende Gemeinschaft erlebt. Schade zu hören, dass diese Gemeinschaft wohl leider auch (wie scheinbar so viele) ideologisch verformt war. Wirft in mir den Gedanken auf, wer das eigtl nicht ist. Oder sind wir das zu einem gewissen Grad alle?

    1. Wichtiger Punkt, im persönlichen Auftreten ist ihm offensichtlich manches gelungen – was seine Bücher so gar nicht leisten. Für die moderne Theologie und die meisten heutigen ist es selbstverständlich, dass wir nicht von einem absoluten Besitz der Wahrheit her reden können, sondern tief geprägt sind von unserem Tradition und unserem geistesgeschichtlichen Standort und Kontext. Nur: Genau diese Einsichten hat Schaeffer als Relativismus und Preisgabe der absoluten Wahrheit der Bibel verworfen. Darin liegt das Problem…

      1. Lieber Thorsten
        Eigentlich geniesse ich eure Beiträge. Und ich bin mir voll bewusst, dass ihr euch mit eurer Intelligenz und eurer Bildung in ganz anderen Sphären bewegt, als ich es tue. Und doch sind bei mir nach dieser Folge einige Fragen offen. Dazu muss ich vorausschicken, dass mir Francis Schaeffer bisher noch kein Begriff war und ich daher auch noch nie ein Buch von ihm gelesen habe.
        Ihr habt am Anfang des Beitrags den Aspekt aufgegriffen, dass Fundamentalismus ja eigentlich eine Selbstbezeichnung ist und meiner Meinung nach zwischen den Zeilen durchblicken lassen, dass ihr eigentlich nicht so recht nachvollziehen könnt, weshalb diese Leute sich nicht mehr mit dieser Bezeichnung identifizieren wollen. Nun, wenn den Kommentaren Fundamentalisten mit den Adjektiven «menschenverachtend und staatsgefährdend» gleichgesetzt werden, ist klar dass dies schon lange keine Selbstbezeichnis mehr ist. Weiter scheint es euch null zu stören, dass in euren Kommentaren mit fiktiven Feindbildern gearbeitet wird. Ich meine, ein Bild von Schweizer Fundis zu zeichnen, die das Bundeshaus stürmen, das ist schon relativ starker Tobak. Wenn ihr den Schaeffer für seine amerikanischen Jünger verantwortlich machen wollt, dann müsstet ihr da wahrscheinlich auch mal ein paar Dinge richtigstellen.
        Du hast geschrieben, dass sich moderne Theologie selbstverständlich bewusst ist, dass sie nicht von einem absoluten Besitz der Wahrheit her reden kann. Da stimme ich dir voll zu. Wahrheit ist nie etwas was wir besitzen können, wir können sie nur suchen. Nach meiner Meinung kommen aber eure Meinungen und Verurteilungen genau gleich absolut daher, wie die von Schaeffer. Mit dem Unterschied, dass ihr natürlich im Recht seid.
        Wie muss ich das verstehen, ist die zur Zeit richtige Theologie einfach deckungsgleich mit der von Loos/ Dietz, oder woher nehmt ihr die Grundlage zu sagen was richtig und falsch ist, gegen wenn sich ein guter Christ abgrenzen muss und zu wem er offen sein muss?
        Kann es sein, dass ihr da in Gefahr läuft, in die genau gleiche Sch.. zu treten, die ihr bei anderen anprangert. Das Abgrenzen gegenüber solchen, die die Sache anders sehen, kommt doch relativ oft vor. Gegenüber Freikirchen, gegenüber der katholischen Kirche. Eigentlich wäre der Auftrag: «Ertragt einander.., …einer trage die Last des andern». . Einen, der die gleiche Meinung wie ich habe, den muss ich nicht ertragen. Bei einer katholischen Kirche ohne Fehler, da gibt es keine Last mitzutragen. Aber genau bei solchen Verfehlung, wäre eigentlich unser Auftrag mitzutragen und nicht sich abzugrenzen. Wie schon gesagt, ihr seid mir theologisch um Meilen überlegen, aber da schiesst ihr, meiner Meinung nach, an den Grundzügen des christlichen Glaubens vorbei.

        1. Das wäre allerdings gar nicht gut und von uns auch nicht beabsichtigt, einen Fundamentalismus von irgendwoher mit einem Fundamentalismus von woanders her zu kritisieren. Deshalb war es uns ein Anliegen fair und doch auch deutlich zu sein. Die Fairness setzt für mich dort an, wo wir anerkennen und würdigen, was einem Theologen in seinem Wirken gelungen ist. Die deutliche Kritik ist dort nötig, wo man einer Theologie begegnet, die eben genau das radikal und als Abfall vom Glauben ablehnt, was Du in Deinem Kommentar vorschlägst und für erstrebenswert hältst: Einander ertragen.
          In Schaeffers Buch „Die grosse Anpassung. Der Zeitgeist und die Evangelikalen“ ist von Anfang bis Ende klar, wer auf der Seite der Guten und der Wahren steht. Und das wird ja nicht nur einer säkularen Gesellschaft im Gegenüber zu Religion und Glaube gesagt, was ja auch schon fragwürdig ist. Es wird gegenüber denen gesagt, die sich im selben kirchlichen Lager befinden wie Schaeffer selbst. Hier meint also einer zu wissen, was evangelikal wirklich ist und zu sein hat. Von einem Ertragen anderer Einsichten und Perspektiven spüre ich da nicht viel. Im Gegenteil, die anderen sind die, vor denen man den evangelikalen Glauben schützen muss, weil sie dem bösen Zeitgeist, jener „kulturellen und geistigen Krankheit“ verfallen sind.
          Sorry, aber hier fand ich es angezeigt, deutlich zu markieren, was es schwierig und tlw. unmöglich macht, einen offenen Dialog mit diesem Fundamentalismus zu führen.

          Was uns vielleicht nicht ganz gelungen ist: Am Anfang deutlich zu machen, dass wir uns keiner gegenwartsbezogene Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Strömungen widmen, sondern am Beispiel Schaeffers dem Fundamentalismus auf unserer Reise durch die Schweizer Theologie einen Besuch abstatten. Und ich finde, nur schon die Tatsache, dass wir das tun, sollte auf Seiten derer, die Schaeffers Theologie gut finden, Beachtung finden. Wir sind eben nicht die, die auf fundamentalistische Ausgrenzung mit Ausgrenzung reagieren, sondern finden: Ohne Schaeffer und Co. wäre die Reise nicht komplett.
          Gegen Ende der Folge, vielleicht war das dann zu spät oder zu knapp, war es mir ein Anliegen zu zeigen, was mir hilft zu einem fairen und hoffentlich liebenswürdigen Umgang mit Fundamentalismen: Versuchen zu verstehen, warum Menschen die Option Fundamentalismus ziehen. Was ist die Sehnsucht, was sind die Bedürfnisse, die einen fundamentalistischen Glauben für Menschen heute plausibel erscheinen lassen.
          Danke für diesen engagierten Kommentar, so bleiben wir beieinander, und bitte in einer gemeinsamen Sphäre von Intelligenz und Bildung.

        2. Danke für den engagierten Einwurf! Ich stimme dem ganz zu, was Andreas geschrieben hat, nur ergänzend:

          Schön, dass Du uns zustimmst, dass wir die Wahrheit letztlich nie ganz für uns beanspruchen können, sondern Suchende bleiben. Was Paulus 1Kor 13 über Stückwerk unserer Erkenntnis meint, ist m.E. grundsätzlich für alle unsere Erkenntnis wichtig. Schaeffer sieht das aber nun mal grundsätzlich anders. Er würde nicht Allwissenheit beanspruchen, aber eben schon eine richtige christliche Weltanschauung und damit verbunden die Pflicht radikaler Verurteilung aller modernen Theologie. Aus seiner Sicht sind wir alle moderne Theologen. Aber schon diese Vergleichgültigung aller Vielfalt in der heutigen Theologie, dieses „eh alles liberal und irrig“, zerstört jedes Gespräch. Wir haben demgegenüber nicht eine genau so klare, eindeutige „Weltanschauung“. Wir stehen in vielfältigen Prägungen, lernen von immer neuen exegetischen und historischen Studien, sind in theologischen Debatten engagiert, teils mit klaren Positionen, teils aber auch mit offenen Fragen.
          All das würde Schaeffer als Relativismus verwerfen, aber nun: in unserem Podcast zeigen wir, dass uns eben nicht alles relativ ist. Auch wenn wir keine objektive Wahrheit für unsere Theologie beanspruchen – halten wir z.B. Schaeffers Erzählung der Geistesgeschichte für vielfach objektiv falsch; und seine politischen Konsequenzen für verheerend. Darüber kann und muss man dann diskutieren, muss das an Quellen bewähren oder widerlegen, und dazu sind wir gerne bereit.
          Wir haben hoffentlich auch deutlich gemacht (vielleicht nicht oft genug?), dass man Schaeffer auf keinen Fall mit „den Evangelikalen“ verwechseln sollte, oder? Hier gibt es ein breites Spektrum, dass allen anderen Gläubigen auch etwas besser bekannt sein sollte, als es das oft ist. Aber zum Kennenlernen darf auch Reibung und Widerspruch gehören. Und dazu trägt Dein Kommentar ja auch bei und das ist gut so!

          1. Herzlichen Dank für eure klärende Rückmeldung. Ja, in diesem Fall ist bei mir einiges anders angekommen, als eigentlich eure Absicht war. Ich natürlich auch in einer ganz anderen „Ecke“ zu Hause.

  7. Als Mit-Verantwortlicher für christliche Schule(n) heute würde ich in Anspruch nehmen wollen, die Gesellschaft mitzugestalten, nicht sie zu „bestimmen“ (50:50ff). Als Baden-Württemberger übrigens im Sinne der Landesverfassung (Art. 12,1): „Die Jugend ist in der Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe, in der Liebe zu Volk und Heimat, zu sittlicher und politischer Verantwortlichkeit, zu beruflicher und sozialer Bewährung und zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung zu erziehen.“ 🙂

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