Die Situation ist eigentlich immer dieselbe: Eine neue Gruppe Menschen, man stellt sich gegenseitig vor, und weil wir in der Schweiz sind, spricht man schnell über den Beruf. Wenn ich erkläre, was ich mache, lautet die erste Frage: «Oh, wie bist du dazu gekommen? Was hast du studiert?» Das ist der Anfang vom Ende.
Sobald ich sage, dass ich Religionswissenschaft studiert habe, lautet die zweite Frage nämlich: «Bist du denn religiös?» Ich fühle mich dann wie bei Schiffe-Versenken, wenn man den letzten Teil eines Boots erwischt hat: Land unter.
Die Vergangenheit
In der Vergangenheit hätte ich die Frage sofort mit Ja beantwortet: Klar bin ich religiös. Sonntags besuchte ich Gottesdienste, sang, las in der Bibel und ja, betete tatsächlich.
Ich war nicht immer gleich überzeugt von dem, was ich tat, aber dabei sehr engagiert.
Heute tue ich nichts mehr davon. An Sonntagen findet man mich in den Bergen oder im Bett, aber nicht in der Kirche. Gottesdienste besuche ich höchstens, wenn gläubige Freundinnen es sich für die Hochzeit oder die Taufe ihres Kindes wünschen. Wann ich zuletzt eine Bibel aufgeschlagen habe, weiss ich nicht, und das letzte Gebet ist noch viel länger her.
Ich empfinde mich nicht mehr als besonders religiös.
Doch dann grätscht die Religionswissenschaftlerin dazwischen. Amüsiert reibt sie mir unter die Nase, dass ich in meiner säkularisierten Gegenwart selbstverständlich Dinge tue, die sich als religiös beschreiben lassen.
Sie hat Recht: Nur weil meine Messlatte einmal höher war und die Dinge heute seltener und weniger emotional geschehen, macht sie das nicht weniger religiös.
Beispiele gefällig?
Statusupdate
Offiziell bin ich bis heute Mitglied der römisch-katholischen Kirche. Ich habe schon wütende Austrittsschreiben verfasst, weil entscheidungsmächtige Würdenträger dieser Kirche lieber Motorräder segnen als queere Menschen. Abgeschickt habe ich die Schreiben nie.
Bis heute bekreuzige ich mich jedes Mal, wenn ich eine römisch-katholische Kirche betrete, und zünde eine Kerze an.
Das hat mir mein Grossvater beigebracht, genauso wie das Verhandeln mit dem Heiligen Antonius, dem Schutzpatron der verlorenen Gegenstände. Ein sehr nützlicher Heiliger, wenn man uns fragt.
Gleichzeitig diskutiere ich fleissig und streite auch, wenn es sein muss. Ich habe so einige starke Meinungen, wie sich diese Kirche in punkto Gleichberechtigung verbessern sollte. Mein Grossvater hingegen hat sich pragmatisch damit arrangiert, wie es nun mal ist.
Weihnachten, Ostern und verletzte religiöse Gefühle
Trotzdem besuchen wir Jahr für Jahr gemeinsam die Weihnachtsmesse. Ohne sie fände ich Weihnachten sogar unvollständig: Erst, wenn wir bei Kerzenlicht «Stille Nacht» gesungen haben, ist Weihnachten.
Dafür, dass ich sehr viele Kritikpunkte an dieser Institution und Glaubensform auflisten kann, schon bemerkenswert.
Auch an Karfreitag esse ich meistens Kartoffeln, Fisch und verzichte auf Alkohol, Musik und Süsses. Das hat meine Grossmutter vorgelebt. Zugegeben, vor ein paar Jahren hat sie die Tradition aufgegeben und an Karfreitag die Sektflasche entkorkt. Das fand ich wiederum sehr gewöhnungsbedürftig.
Woher kamen ausgerechnet bei mir diese verletzten religiösen Gefühle? An den restlichen 364 Tagen im Jahr interessierte mich Frömmigkeit doch auch nicht.
Im Gegenteil: Ich finde es heuchlerisch, wenn Politiker, die selbst nur zu Beerdigungen einen Fuss in eine Kirche setzen, die Schweiz urplötzlich zum tiefchristlichen Land herauf stilisieren, sobald sich muslimische Menschen ein Minarett wünschen.
Selektive Religiosität liegt Trend
Wie nennt man so eine Form von Religion? «Willkürlicher Alltagskatholizismus»? Im evangelischen Christentum gibt es bereits einen Begriff dafür: «Kulturprotestantismus».
Und so wie mir geht es offensichtlich zahlreichen Menschen: Egal ob reformiert oder katholisch, sie sind Kirchenmitglieder, aber besuchen keine Gottesdienste mehr, lassen die Bibel im Regal und beten nicht.
Es passt perfekt zur zeitgenössischen Haltung, dass wir westeuropäisch sozialisierten Menschen uns beim Thema Religion das herausnehmen, was uns passt:
Ein bisschen Kulturchristentum, ein bisschen Shinto-Glücksbringer von der Japan-Reise, hinduistische Philosophien beim Yoga, buddhistische Praktiken in der Zen-Meditation oder eine auf indigenen Praktikten beruhende Kakao-Zeremonie.
Aber glauben wir deswegen an Gott? Genau diese Frage finde ich so schwer zu beantworten.
Was braucht es: Überzeugungen oder Praktiken?
Wenn man eine der klassischen, christlich gefärbten Religionsdefinitionen nimmt, braucht es mehr als Praktiken: Der Soziologe Émile Durkheim schreibt, dass Religion aus Überzeugungen und Praktiken besteht, die in einer Gemeinschaft – Durkheim schrieb damals von der «Heiligen Kirche» – Ausdruck finden.
Gerade an den Überzeugungen mangelt es mir jedoch: Es ist kein Zufall, dass ich, wenn überhaupt, still in der Kapelle sitze und die Kerze sprechen lasse. Ich suche mir bewusst diejenigen Praktiken aus, bei denen ich nichts sagen muss.
Meine Worte sind aufgebraucht.
Ich wüsste nicht, was ich Gott noch zu sagen hätte. Unsere Beziehung hat nicht funktioniert.
Das finde ich schade, aber es gab zu viel, bei dem ich mich hätte verbiegen müssen. Für mich war das Christentum, mit dem ich aufgewachsen bin, zu absolut in seinen Forderungen, zu unreflektiert in seinen Ansichten und oft auch verletzend scheinheilig.
Nichts mehr als ein Ritual-Junkie?
Nutze ich also einfach religiöse Handlungen, um äussere und innere Ruhe im hektischen Alltag zu schaffen? Ist Religion in diesem Szenario womöglich eine Strategie, angesichts der aktuellen Polykrise etwas weniger wahnsinnig zu werden? Quasi das Marx’sche Opium, mit dem ich die Ungerechtigkeiten besser ertrage?
Bei diesem Gedanken wird mir schlecht. Religion darf nicht – meine Meinung – zu Gleichgültigkeit oder Resignation motivieren.
Als wäre das alles nicht widersprüchlich genug, werde ich fuchsteufelswild, wenn Menschen unqualifiziert über Religion ablästern.
Ich habe absolut kein Interesse daran, Gott oder miese Formen von Religion zu verteidigen. Aber ich kann die pauschalen Behauptungen nicht leiden, Religion sei böse und alle religiösen Menschen hätten einen Dachschaden.
Ich hingegen darf mich über Religion aufregen, mich über sie lustig machen, weil ich emotional involviert bin.
Da ist noch genug Liebe für sie.
Mein Schmerz ist nicht so gross, dass ich die Nuancen und Facetten ausblende. Ich kenne zu viele wunderbare Menschen, die durch ihren Glauben Anteil an dieser Welt nehmen und sich für eine bessere Version davon einsetzen.
Religion als Prozess
Das alles mag widersprüchlich klingen. Doch ich sehe nicht ein, weshalb ich ein aufgeräumtes, klar definiertes Verhältnis zu Religion haben sollte.
Religion ist für mich nichts Fertiges: Sie lebt ständig weiter, weil Menschen sie seit Jahrtausenden gestalten.
Manchmal ist dieser Gedanke toll, weil er Handlungsräume eröffnet: Religion passiert nicht einfach mit uns, wir Menschen gestalten sie mit. Manchmal ist der Gedanke erschreckend, weil Menschen im Namen von Religion furchtbare Dinge anstellen.
Oft wären eindeutige Antworten praktisch. Vor allem, wenn Menschen nicht damit umgehen können, dass ich zwar nicht mehr Teil einer christlichen Gemeinschaft bin, aber noch viele Freundinnen habe, die sich dort weiterhin sehr Zuhause fühlen. Oder – Gott behüte – selbst schlechte Erfahrungen gemacht habe, aber Religion nicht pauschal verurteile.
Ich habe jedoch keine Lust mehr, mich fremdbestimmen zu lassen. Und genau so ein äusserer Anspruch wäre es, ein aufgeräumtes, klar definiertes Verhältnis zu Religion haben zu müssen. Das will ich nicht und das suche ich nicht.
Selbstbestimmtes religiöses Chaos
Ich bin überzeugt, dass sich Ungewissheiten und Widersprüche nicht auflösen müssen. Nur weil ich mit den religiösen Wertvorstellungen meiner Vergangenheit nichts mehr anfangen kann, müssen sie mir nicht die Gegenwart ruinieren.
Deshalb habe ich beschlossen, in meinem selbstbestimmten religiösen Chaos zu leben.
In diesem Chaos hat Religion viele verschiedene Facetten: solche, die mich zum Staunen bringen, solche, die schmerzhaft sind, und mindestens so viele, die offen bleiben und bei denen es keine eindeutigen Antworten gibt. Dieses Chaos fühlt sich stimmig, aber vor allem lebendig an.
Wohin es mich führt, darauf bin ich sehr gespannt.
Illustration: Eva Corbisier/Unsplash







