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Lesedauer: 4 Minuten

Die Zeit ist reif [»Whisky-Spirituality« Teil 4]

Whisky geht nicht zu jeder Zeit

Witzig ist es ja schon: Da schreibe ich diese Beiträge zu einer Spiritualität des Whiskytrinkens und habe mir selbst seit Monaten nur ein- oder zweimal einen gegönnt. Ich ahne, woher das kommen könnte. Das Alter flösst mir anscheinend einen staunenden, wenn nicht gar heiligen Respekt vor dem Whisky ein. Als ob die lange Zeit der Reife einer Reife meiner Zeit bedarf. Es geht nicht einfach mal so oder schnell nebenher.

Zur reifen Zeit

Es braucht den zauberhaften Moment, in dem die Dinge zusammenfallen. Die behutsamen Bewegungen und das stille Halten des Glases; die intensive Sinnlichkeit beim Geniessen; die einladende Atmosphäre im Raum; wohlwollende Menschen und aufmerksames Gespräch; das heilsame Schweigen und die vibrierenden Drähte zwischen den Seelen. Wenn ich von all dem ergriffen werde, spüre ich, wie sich der „Augenblick der Hingabe“ anbahnt, der mir das „zeitweilige Gefühl von Zeitlosigkeit“ (Rüdiger Safranski) beschert.

Die Zeit steht still, aber nicht wie erstarrt, sondern wie gesammelt, angefüllt und verdichtet.

Und ich bin ganz da, beim Whisky, bei den anderen. So etwas kann mir auch mitten im Alltag, beim Kochen, im Spiel, mit der Musik oder sonst wie passieren. Und doch scheint es die Reifezeit des Whiskys zu begünstigen, dass auch für mich die Zeit immer mal wieder reif wird.

Die Zeit des Geistes

Der Whisky ist in solchen Augenblicken eines der vielen Medien, in denen der Heilige Geist präsent und wirksam sein kann – wann und wo er will.

Die geisterfüllten Frauen und Männer des Glaubens bezeugen seit Langem, wie die Zeit reif wird durch die unverfügbare, wirksame Gegenwart des Geistes Gottes.

Weihnachten wäre hier ein Musterbeispiel: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn …“ (Gal 4,4). Das verborgene und diffuse Wirken des Geistes hat die Ereignisse passend zusammenfallen lassen. Die Zeit ist reif für den Messias. Und dann kommt er, sichtbar vom Geist ergriffen und geleitet. Was für eine heilige Allianz zwischen Gottes Geist und der Zeit! Damals wie heute: Das Zeitfenster ist plötzlich offen für was anderes, was Neues, für Heil und Heilung: „Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ (2Kor 6,2).

Jetzt bin ich ganz da und ergreife es geistesgegenwärtig, weil die Gegenwart des Geistes mich ergriffen hat. Pfingsten im Miniformat.

Wohltuend aus der Zeit fallen

Diese magischen Augenblicke, in denen ich geistesgegenwärtig und hingegeben bin, erklärt Marcel Wittmann in seinem Buch „Gefühlte Zeit“ so: „Präsenzerfahrung entsteht, wenn Körper und Geist, Raum und Zeit eine Einheit bilden: hier und jetzt“ (S. 67). In dieser Krisenzeit habe ich solche Zeitfenster echt nötig. Genauso wie die Bekannte, die mir kürzlich schrieb: „Sie sind so namenslos geworden, meine Tage!“

Freizeit, Computerzeit, Familienzeit, Schulzeit, Arbeitszeit, Essenszeit, Spielzeit, Ruhezeit finden alle gleichzeitig statt und werden zu einem Brei, der kaum reifen kann und sich immer gleich anfühlt. Ich bin zwar vorhanden, aber präsent und gegenwärtig, ganz bei den Menschen und bei der Sache?

Die Gabe, aus der Zeit zu fallen, hilft mir, nicht in diese Zeitfalle zu tappen. Ein reifer Whisky zur passenden Zeit sensibilisiert meinen Zeitsinn – von Vernebeln keine Spur.

Die Zeit ist reif für Ermächtigung

Was ich mir selbst weder sagen noch geben kann, empfange ich in den geistesgegenwärtigen Augenblicken meines Lebens. Ein ermutigendes Wort des Trostes und des Zuspruchs, das mir signalisiert, wie überfällig Selbstmitleid oder Selbstvorwürfe mittlerweile sind. Eine Geste der Vergebung, welche die Scham verwandelt und mich an das gottverliehene Recht erinnert, ein anderer zu werden. Die Motivation, mich aus Beziehungen und Projekten zu verabschieden, die schon lange gescheitert sind. Liebe, die mich einen Neuanfang wagen lässt, der die gemeinsame Glut unter der Beziehungsasche entfesselt. Und spontane Selbstbegeisterung, in der ich mir zutraue, andere für eine gemeinsame Sache zu begeistern.

Der Heilige Geist inspiriert und ermächtigt mich, das Alltägliche leidenschaftlich zu tun und das Neue begeistert zu ergreifen.

Er haucht mir zu: „Die Zeit ist reif!“ Und wenn ein gemeinsames Tröpfchen Whisky nötig ist, damit mein Fass endlich zum Überlaufen kommt, dann ist das gut so.

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