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Lesedauer: 4 Minuten

Die Glut unter meiner Asche [»Whisky-Spirituality« Teil 5]

Lebensfeinstaub und Seelenglut

Geistbestimmt zu leben heisst für mich, aus einer inneren Glut heraus zu leben. Ich verdanke diese Glut-Metapher einem Vortrag des ehemaligen Abts im Kloster Einsiedeln, Martin Werlen: „Miteinander die Glut unter der Asche entdecken.“

Danach sehne ich mich und ahne, dass Glühen wohl eine der liebe- und sinnvollsten Arten zu leben ist.

Flammen lodern lassen und Funken versprühen, das scheint mir leicht zu fallen. Sagen zumindest fast alle, die mich kennen, und nennen das Leidenschaft. Ich bekomme dafür viel Anerkennung. Aber diese Art zu leben wirbelt viel Staub auf. Wo meine Seele nur noch den aufflammenden Möglichkeiten des Lebens nachjagte, drohte ihr Feuer unter einer Ascheschicht zu ersticken. Ich dachte, ich zünde immer wieder den Nachbrenner, dabei habe ich mit dem Ausbrennen gezündelt!

Sich zur heiligen Glut bringen

Glut zieht mich an. Ich folge diesem Signal meiner abgekühlten Seele, wenn ich mich alljährlich zum Schweigen auf meinen heiligen Betberg zurückziehe. Der „Glutabend“ ist gesetzt. Beim ersten Mal passierte es so: Ich hatte mir den Kamin angezündet und mit einem guten Spätburgunder beobachtet, wie sich die Glut bildete. Und dann setzte ich mich ihr noch ganz lange aus und schaute in sie hinein. Selten wurde mir an Leib und Seele bewusster, wer ich gerne sein würde und was da in mir schlummern könnte. Es war ein einziges Gebet, das in mir pulsierte. Eine Mischung aus Ehrfurcht vor der heiligen Glut Gottes, Dankbarkeit für die übriggebliebenen Glutnester meines Lebens und der Sehnsucht: „Mehr davon, bitte!“

Ich kann mich selbst nicht wirklich zum Glühen bringen. Aber ich kann mich dem hinhalten, von dem Luther einmal meinte er sei „ein glühender Backofen voller Liebe, der da reichet von der Erde bis an den Himmel“.

„Komm, Heiliger Geist!“

Sich nach der Glut unter der Asche auszustrecken, ist der erste Hinweis, dass sie noch da ist. Dass der noch da ist, der für Entfachung, Feuer, Flammen und Glut steht – der Heilige Geist.

Gerade in den Zeiten, in denen ich ihn als frischen Wind brauche, um mal ordentlich in die Asche zu pusten, greife ich auf die alten Gebete und Lieder der Kirche zurück.

Sie haben sich ja anscheinend im Leben derer bewährt, die ich wegen ihrer stillen aber kräftigen Glut beneide. „Habet den Geist glühend in Euch“, so übersetzt Johannes Chrysostomus Römer 12,11. Wer diese Möglichkeit ergreifen will, bete zum Beispiel so, wie Frère Roger Schutz:

„Entfache dein Feuer, Geist des auferstandenen Christus, Geist des Mitleids, Geist des Lobpreises, deine Liebe zu jedem Menschen wird nie vergehen. Geist des lebendigen Gottes, wenn Zweifel und Zögern, dich einzulassen, alles zu verschlingen scheinen, dann bist du da, dann bist du zugegen. Du entfachst das Feuer, das inwendig unter unserer Asche glimmt. Du nährst dieses Feuer mit unseren Anfechtungen, mit unseren Dornen, mit allem, was uns an uns selbst und bei anderen wehtut, so dass durch dich sogar die Steine unseres Herzens verglühen, du Licht in unserer Finsternis, du Morgenglanz unserer Dunkelheit.“

Die innere Glut hüten

Was das alles mit Whisky zu tun hat? Sie ahnen es, oder? Hier habe ich den Rauch in der Nase, das Feuer im Mund und die wärmende Glut entlang der Speiseröhre. Ich liebe daher auch die Single Malts, die ganz tief runter gehen, lange bleiben und sich (nicht mich!) wärmend breit machen. Am besten im Angesicht feuriger Glut und der Freunde, die liebevoll in mein Leben hören und reden. Wir tun dann das, was Henri Nouwen einmal empfohlen hat, nämlich die Tür des Ofens schliessen, um die Glut zu hüten.

Gemeinschaft der glühenden Herzen nenne ich es.

Den Staub des Lebens runterspülen und die Kehle freibrennen ist dabei genauso erwünscht, wie über den Schall und Rauch der letzten Zeit zu lachen. Oder sich sagen lassen, dass ausgerechnet ein Stück von meinem Scheiterhaufen angenehme Wärme abstrahlt. Heilig wird es, wenn solche Abende völlig überraschend die verstaubte Liebe in mir aufglühen lassen … zu Gott, den Menschen und dem Leben.

Wie damals, als ich meinem Freund erklärte, Gott werde mir wohl gnädig bleiben, wenn ich in Ehe, Familie und Beruf einen radikalen Schnitt ziehe. Er sagte dann: „Die Gnade Gottes wird Dir immer offenstehen, aber ob Du für die Gnade Gottes offenbleibst, das ist die Frage.“ Und zum Abschied: „Was willst Du einmal auf Deinem Grabstein stehen haben.“ Es war der erste Anstoss neu zu entdecken, was für ein Leben ich will. Jedenfalls keines, in dem ich Menschen wie Streichhölzer behandle.

Ein Liebender will ich werden, der auch dann zu lieben wagt, wenn die zauberhaften Funken mal nicht fliegen. Glückselig, wer solche Glut zu hüten weiss: „Slàinte mhath!“

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