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Lesedauer: 4 Minuten

Zeit … zu reifen [»Whisky-Spirituality« Teil 3]

Wie Ihnen diese Zeit gerade wohl schmeckt? Ich frag das, weil ich zusammen mit meinen Freunden einen Hauch von Langeweile spüre. «Das lähmende Rendezvous mit dem reinen Zeitvergehen», so nennt es der Philosoph Rüdiger Safranski. Es kann erstaunliche Kreativität freisetzen oder auch pathologische Züge annehmen. Die lebendigen Begegnungen und Erfahrungen, bei denen ich gar nicht merke, wie die Zeit vergeht, fallen weg. Und der Konsum von ablenkenden Ersatzprodukten und -erlebnissen nutzt sich ab.

Die eine spürt die Zeit, wie sie stockt und nicht vergehen will. «Wann ist das endlich alles vorbei?» Den anderen schmerzt die Zeit, weil sie unwiederbringlich verrinnt. Corona als riesiger Abreisskalender.

Mit jedem abgezupften Tag steigt der Anteil meines ungelebten Lebens und der nicht verwirklichten Möglichkeiten. «Werde ich das je wieder aufholen können?»

Geschmack für die Zeit

Geistbestimmt zu leben steht für die Kunst, die Zeit – sei sie vergangen, gegenwärtig oder kommend – zu lieben. Heisst für mich, in ihr und mit ihr zu leben, anstatt sie zu managen, im Kampf gegen die Uhr zu ticken oder sie gar gelangweilt totzuschlagen.

Die Forschungen zum Zeitempfinden legen nahe, dass wir Zeit gar nicht im herkömmlichen Sinn wahrnehmen können. Beim Whiskytrinken kommt es mir aber manchmal so vor, als könnte ich sie schmecken. Was ich da gerade trinke, ging als ungeniessbare Masse in ein Eichefass, vor 12, 15, 18 oder gar 30 Jahren. Was aus Gerste, Wasser, Torfrauch & Co werden kann, wenn man sie leidenschaftlich in Ruhe lässt! Zeit schenken, um reifen zu lassen … im Whisky schmecke ich das Zeitgeheimnis des Heiligen Geistes.

Gott lässt sich Zeit

Lange habe ich an «instant creation» geglaubt: «Wenn Gott sich etwas ausdenkt und es will, dann schnippt er mit dem Finger und macht es in einem Nu.» Bis mir auffiel: Gott lässt sich schon im Akt der Welterschaffung Zeit. Die Schöpfung ist nach dem ersten Tag noch nicht das, was sie nach dem zweiten Tag sein wird. Der Geist Gottes brütet sie aus. So zieht es sich durch die Schöpfungserzählung der Bibel (1 Mose 1 und 2) bis zum siebten Tag der Ruhe. Und so ist es bis heute:

Gut Ding will Weile haben. Warum ist das so? Warum hat Gott mich nicht in einem vollendeten Zustand erschaffen, der keine Zeit braucht, um zu werden, zu wachsen und zu reifen? Ich glaube, er nimmt sich mit mir Zeit und schenkt sie mir, weil er mich liebt.

Liebe, wie sie in 1 Korinther 13 gefeiert wird, ist wohl so ziemlich das Gegenteil von geistlichem Steigerungszwang und Selbstoptimierungsdruck.

Köstliche Habenseite des Lebens mit einer befreienden Note Selbstliebe

Wenn ich mir, am besten zusammen mit meinen Freunden, einen Whisky eingiesse, wird mir oft bewusst: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist“ (Römer 5,5). Die äusseren und inneren Autoritäten, die mir vorgeben wollen, wer und wie ich doch eigentlich und mittlerweile sein müsste, verblassen. Und das ist alles andere als eine alkoholisierte Variante positiver Selbstsuggestion.

Wir erzählen uns nämlich die gegenwärtigen und vergangenen Geschichten des Lebens, nüchtern und ungefiltert, im besten Sinne beGeistert.

Ich werde befreit, mich als Mann an einem bestimmten Zeitpunkt meines lebenslangen Reifeprozesses zu erkennen. Heiligung nannte man das früher. Seufzen ist dabei erlaubt. Tiefe Dankbarkeit aber auch. Für das, was der Geist Gottes mir hat zuwachsen und in mir reifen lassen – mit der Zeit, leise, still und kaum bemerkt. Die Habenseite meines Lebens beginnt zu glänzen.

Ich mag mich selber leiden. Es atmet in mir: Ich soll und muss gegenwärtig nicht der sein, der ich mal sein werde.

Das darf ich auch den anderen gönnen und bin wohl gerade in dieser Grosszügigkeit für sie das, was Whisky für mich ist: gereift und geniessbar.

Was könnte aus mir wohl noch werden?

Jetzt wird aus dem Druck – „eigentlich solltest Du doch schon längst“ – der faszinierende Sog in die Zukunft. Den Whisky leidenschaftlich in Ruhe und reifen lassen, das können wohl nur diejenigen, die getragen sind von einem experimentierfreudigen und neugierigen Geist, der auf die Zukunft gespannt ist. Die Männer und Frauen der Bibel haben den Heiligen Geist erlebt als einen, der immer wieder wie aus der Zukunft zu ihnen kommt. Er ist Siegel, Unterpfand und Angeld (Epheser 1,13-14). Da kommt also mit der Zeit noch mehr, als wir vielleicht gelangweilt zu hoffen wagen.

Kaum etwas regt meine Phantasie und Vorstellungskraft derart an wie dieser Hoffnungssog. Und wenn Sie in diesen Tagen den Impuls spüren, sich einmal in diese Strömung hineinzuhalten, dann leisten Sie sich das.

Kann ja sein, dass Sie dazu gar kein oder ein anderes Reifesymbol brauchen. Ich stosse derweil gerne an auf die erste Kreatur, die der Heilige Geist geheiligt hat: Die Zeit, die mich reifen lässt.

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1 Kommentar zu „Zeit … zu reifen [»Whisky-Spirituality« Teil 3]“

  1. Selbstoptimierungsdruck…ganz genau. Und das nicht nur im Glaubensleben, sondern auch im Beruf, der Erziehung der Kinder, im Elternrat, usw usw… Als ich den Text -oder eher die Gedanken gelesen hab, hat es in mir schlagartig losgelassen, atmen gelassen, sein gelassen. Und der Impuls: oha, dann darf nicht nur ich noch reifen -und das mit Freude anstatt mit eben besagtem Druck-, sondern sogar meine Kinder! Ups, wäre das nicht das Normale? Dass Kinder wachsen und reifen? Wieso sollte das irgendwann aufhören und perfektioniert sein? Was wenn Gott sich tatsächlich mitfreut beim Wachsen und Reifen? Sich die Hände reibt wenn ich was Spannendes lerne und mitfiebert wenn was Wichtiges am Reifen ist? 🙂

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