Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 8 Minuten

Die Evangelikalen und der religiöse Nationalismus

Evangelikale und Politik

Es gab Zeiten, da wurden die Evangelikalen für eher unpolitisch gehalten. Sogar von ihnen selbst. Natürlich war das immer schon eine Illusion. Unpolitisch zu sein, das war in früheren Jahrhunderten Ausdruck der Akzeptanz der bestehenden Verhältnisse. Daher nannten sich Konservative einst dezidiert unpolitisch. Seit Beginn des demokratischen Zeitalters sind wir alle immer schon Teil einer demokratischen Öffentlichkeit.

Auch Evangelikale haben in den letzten Jahrzehnten je länger je mehr die Politik entdeckt.

Das hat sie zunehmend ins Gerede gebracht. Dabei ist es nicht das Problem, dass sie sich an der politischen Meinungsbildung beteiligen wie alle andere religiösen Gruppierungen auch, sondern dass sie in einigen Ländern wie den USA oder auch Brasilien rechtspopulistische und nationalistische Kräfte unterstützen, die vielerorts als Gefährdung der Demokratie wahrgenommen werden.

Weltweit hat inzwischen eine Debatte der Evangelikalen über sich selbst begonnen. Wer sind wir? Wofür werden wir gehalten? Und wofür wollen wir stehen? Auch im deutschen Sprachraum mangelt es nicht an Beiträgen zu solchen Fragen. Kein Wunder: Sowohl in den USA als auch in Brasilien gibt es sehr viel mehr Evangelikale als in ganz Europa. Zu behaupten, die dortigen Entwicklungen hätten mit Deutschen oder Schweizer Evangelikalen nichts zu tun, hieße darauf zu verzichten, überhaupt von einer globalen Bewegung des Evangelikalismus zu sprechen.

Der Vormarsch des religiösen Nationalismus

«Der religiöse Nationalismus marschiert voran.» So stand es im evangelikalen 2015er Jahrbuch für Religionsfreiheit.[1] Der Autor dieser These, Thomas Schirrmacher, ist inzwischen Vorsitzender der Weltweiten Evangelischen Allianz. Schirrmacher traf diese Aussage im Blick auf globale Entwicklungen in unterschiedlichen Ländern, von Russland über Indien hin zu muslimischen Ländern. Ausdrücklich warnte er davor, sich nur z.B. auf den Islam zu konzentrieren. Vielmehr heißt es: «Jede Religion kann Ursprung für Unrecht sein.»[2]

Wie richtig diese Diagnose von 2015 war, konnte man in den letzten sechs Jahren vielfältig beobachten. Nur das nun eben der Umstand hinzu gekommen ist, dass es in Ländern wie den USA und Brasilien ausdrücklich Evangelikale gewesen sind, die mit überwältigender Mehrheit Vertreter eines religiösen Nationalismus wie Trump und Bolsonaro gewählt haben. Auf dem ersten Blick mag das erstaunlich sein. Verstehen sich doch Evangelikale als eine weltweite Bewegung. Wie kann man da eine Politik gutheißen, die den Erfolg und den Wohlstand der eigenen Nation radikal über die Interessen der Menschheit setzt, egal welche Folgen das für Gremien der internationalen Zusammenarbeit oder die globale Herausforderung der Klimapolitik hat? Und wie verträgt sich eine solche Politik mit dem christlichen Glauben?

Rechtsnationale Politik geht grundsätzlich von einer Ideologie der Ungleichheit aus: Inländer stehen über Ausländern, das Eigene über dem Fremden – und faktisch immer auch: Männer über Frauen.

Wie kann so etwas für gläubige Christ*innen attraktiv werden?

Strömungen und Gefährdungen

Auch nach der US-Wahl 2020 ist das Thema des religiösen Nationalismus nicht einfach Vergangenheit. Allenfalls kann man von einer Atempause sprechen. Und es ist eine wesentliche Frage, ob und wie Evangelikale weltweit sich diesem Thema stellen werden.

Ist Nationalismus bzw. rechtes Denken – ein evangelikales Problem? Rechtes Denken lebt von Essentialisierungen, d.h. der Zuschreibung unveränderlicher Eigenschaften (positive wie negative) an andere. Teilweise wird in der öffentlichen Debatte auch über Evangelikale in einer Weise geredet, die verdächtig nach Essentialisierungen klingen. Daher sollte man sich nicht lange mit Versicherungen aufhalten, dass «die» Evangelikalen wesentlich rechtskonservativ  seien oder nicht etc. Es sind nicht einfach «die» Evangelikalen, die dem Nationalismus huldigen. In den USA ist dies ein Problem der weißen Evangelikalen. In Brasilien ist es noch einmal anders kompliziert. Claus Schwambach, evangelikaler Theologieprofessor in Sao Bento do Sul (Brasilien), beschrieb zuletzt die Situation, dass vor allem die stark wachsenden neo-pentekostalen Kirchen (wie die Igreja Universal do Reino de Deus) einen starken politischen Führungsanspruch entwickelt haben und Bolsonaro bei seiner Politik bedingungslos unterstützen.[3] Deutlich weniger gilt das für die klassischen Evangelikalen oder für traditionelle Pfingstkirchen, die sich an der weltweiten Evangelischen Allianz und an der Lausanner Bewegung orientieren.

Die Evangelikale Bewegung ist höchst vielfältig. Und ihre Zukunft ist offen. Daher sollte man lieber von spezifischen Gefährdungen und Versuchungen sprechen.

Was hat manche und in einigen Ländern viele Evangelikale anfällig gemacht für rechts-nationalistisches Denken? In diesem Text möchte ich eine Form der Anfälligkeit benennen:

Das Problem des Autoritarismus

Unter Evangelikalen gibt es grundsätzlich ein positives Verhältnis zum Gedanken der Autorität. Wie denn auch nicht: jeder Glaube weiß um eine wie auch immer verstandene Autorität Gottes, der Bibel oder der kirchlichen Leitung. Grundsätzlich ist das unstrittig: Es gibt kein gelingendes Leben ohne Anerkennung von Autoritäten, von Expertise wie wissenschaftlicher Erkenntnis, rechtsstaatlichen Prinzipien und politischen Institutionen.

Die Frage ist stets, ob die Autorität im Dienst der Freiheit steht oder diese unterminiert. Irgendwo gibt es den Punkt, wo das Ja zur Autorität zur Versuchung des Autoritarismus werden kann.

Im Blick auf die evangelikale Bewegung in den USA hat im letzten Jahr kein Buch die Debatte so stark angeregt wie Jesus and John Wayne von Kristin Kobes Du Mez, Geschichtsprofessorin an der Calvin University in Grand Rapids, Michigan.[4] Du Mez setzt sich in ihrem Buch mit der verstörenden Frage auseinander, warum Trump für sehr viele Evangelikale zu einem Kandidat des Herzens wurde – stärker noch als z.B. der evangelikale George W. Bush.

Für viele war Trump nicht nur eine Vernunftwahl, die man aus inhaltlichen Gründen getroffen hat, obwohl der Kandidat ist, wie er ist. Es war eine Herzenswahl, in der Trump gewählt wurde, weil er so auftrat, wie er es tat: autoritär und aggressiv.

Wie konnte es dazu kommen? Du Mez zeigt, dass dieses Phänomen eine lange Vorgeschichte hat. Jahrzehnte lang wurde in vielen evangelikalen Büchern und Blogs, auf Kanzeln und Konferenzen eine Kultur des Autoritarismus errichtet. Ohne Autorität und ihre Akzeptanz könne das Leben nicht gelingen. Daher gäbe es nichts schlimmeres, als schwache Männer, die ihren Frauen klare Führung verweigern. Wie sollen sich gläubige Frauen an sie anlehnen und sich ihnen unterordnen? Diese Sichtweise wurde zu einer zentralen evangelikalen Lehre der letzten Jahrzehnte entwickelt, dem sogenannten Komplementarismus. Mann und Frau seien vor Gott wohl gleichwertig, aber nicht gleichartig. Beide haben ihre eindeutigen biblischen Rollenvorgaben, denen sie nachkommen müssten, wenn sie Gott gehorsam sein wollen. Für Frauen heißt das eindeutig, dass sie ihr Leben lang unter der Autorität von Männern stehen und diese grundsätzlich akzeptieren müssten: Als Tochter die Autorität des Vaters, als Ehefrau die Autorität des Ehemannes und als Christin die Autorität der männlichen Prediger und Ältesten ihrer Gemeinde.

Männliche Führungsansprüche

Diese Frage war in der evangelikalen Diskussion nie begrenzt auf die persönliche bzw. gemeindeinterne Lebensführung. Sie war von Anfang an politisch aufgeladen. 1972 hatten Senat und Kongress der USA einen Verfassungszusatz verabschiedet, dass Mann und Frau gleichberechtigt seien. Diese bundesweite Entscheidung musste innerhalb einer Frist von zehn Jahren nur noch von der Mehrheit der Einzelstaaten ratifiziert werden, um in den USA Verfassungsrang zu bekommen. In den kommenden Jahren setzte sich die Mehrheit der Evangelikalen in einer breiten Graswurzelbewegung dafür ein, dass in so vielen Bundesstaaten wie möglich keine Ratifizierung zustande kommt. Und sie waren erfolgreich mit dieser Kampagne.

Dass sich die verfassungsrechtliche Gleichstellung von Mann und Frau in den USA am Ende nicht durchsetzen ließ, war ein großer politischer Erfolg auch der evangelikalen Bewegung.

Der Gedanke der Autorität war nicht nur für das Verhältnis von Mann und Frau ein Herzensanliegen vieler Evangelikaler. Für Kinder gäbe es nichts schädlicheres als Eltern, die zu weich sind, ihre Autorität durchzusetzen. Davon waren evangelikale Erziehungsratgeber wie James Dobson überzeugt. Wo Kindern zu Partnern werden, die manchmal ihren eigenen Willen gegen die Eltern behaupten dürfen, müsste man das Schlimmste für ihre künftige Entwicklung befürchten. Dobsons Organisation «Focus on the Family» wurde ein Großunternehmen, das die Familien- und Erziehungsideale vieler Evangelikaler sehr stark prägte.

Schließlich gilt das Ideal autoritärer Führung auch für die Kirche. Gemeinden blieben schließlich orientierungslos, wenn ihre Hirten ihnen klare Wegweisung vorenthalten. Keine Gemeinde könne ohne starke und entschlossene Leitung gedeihen. Daher brauche es ja so viele Programme zu Stärkung von Führungskräften.

Du Mez zeigt, wie sich diese Ideenwelt von Autorität, Stärke, echter Männlichkeit mehr und mehr verknüpft hat mit einer Glaubens- und Gemeindekultur, in der man Respekt erwirbt durch die Ausübung von Autorität. Aggressive Sprache wurde als wohltuend klar empfunden, Verachtung des Zeitgeistes und seiner Vertreter*innen als mutig.

Trump wurde nicht über Nacht zu einem Kandidat der Herzen. Die Bereitschaft, starke Führer zu lieben, aggressives Verhalten zu bejahen und sich nach Leitung durch die Erfolgreichen und Starken zu sehnen, wurde über eine lange Zeit aufgebaut.

Du Mez hält diesen autoritären Grundzug nicht für wesentlich evangelikal. Tatsächlich waren Evangelikale im 18. und 19. Jahrhundert oft deutlich progressiver als in den letzten fünfzig Jahren. Gerade dieser Widerspruch zu eigenen Werten führt zunehmend zu inneren Spannungen. Immer mehr Evangelikale sehen sich außerstande, sich mit «den» Evangelikalen zu identifizieren. Zunehmend wächst auch innerhalb der evangelikalen Bewegung das Bedürfnis von vielen, sich von manchen Entwicklungen der letzten Zeit zu distanzieren.

Was geworden ist, lässt sich auch wieder verändern – so endet das Buch von Kristin Kobes Du Mez. Aber für geschichtliche Veränderungen gibt es keine Abkürzung. Nur wer seine Geschichte kennt, kann seine Zukunft gestalten. Die deutschsprachige Debatte über die Hauptmerkmale der Evangelikalen Bewegung und ihre Anfälligkeit für problematische Entwicklungen steht noch am Anfang.

 

Anmerkungen

[1] Jahrbuch Religionsfreiheit 2015, hg. Von Thomas Schirrmacher und Max Klingberg, S. 79-83. jb_rf_2015.pdf (iirf.eu) Der Text erschien zuerst in der WELT am 19.01.2015.

[2] A.a.O., S. 79.

[3] Claus Schwambach, „Evangélicos“. Ein brasilianisches Phänomen, ideaSpektrum 14 (2021), S. 23-25

[4] Kristin Kobes Du Mez, Jesus and John Wayne. How White Evangelicals corrupted a Faith and Fractured a Nation, New York NY: Liveright Puplishing Corporation.

What do you think of this post?
  • OMG! (4)
  • Karma-Boost (5)
  • Deep (31)
  • Boring (0)
  • Fake-News (2)

2 Kommentare zu „Die Evangelikalen und der religiöse Nationalismus“

  1. Danke für diese differenzierte Sichtweise. Es ist auch bei uns zu beobachten, wie sich die evangelikale Zene polarisiert und immer mehr eine Bewegung entsteht, die einer einseitigen Stellungnahme in Richtung rechts und ganz rechts widersteht. Immerhin ist der Evangelikalismus die stärkste Bewegung ausserhalb der katholischen oder orthodoxen Kirche.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.