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Lesedauer: 5 Minuten

Die Bibel ist weird

Die Bibel ist alt, ihre Sprache seltsam und ihre Geschichten schräg: Da beauftragt Gott etwa den Propheten Hesekiel, über einem Feuer aus menschlichem Kot Brot zu backen und es dann zu essen. Dazu soll der Prophet über ein Jahr lang nichts tun, ausser am Boden zu liegen – und zwar (wichtig!!) nur auf der linken Seite.

Eine andere Story: Die Eselin des Propheten Bileam rettet ihn vor einem Racheengel und fragt Bileam dann vorwurfsvoll – ja, die Eselin spricht –, warum er sie eigentlich so mies behandelt.

Auch bei Jesus gibt es schräge Momente: So befreit er z.B. einen Mann, der in einer Grabhöhle haust, von einer Horde Dämonen. Diese betteln Jesus an, dass sie nicht einfach verschwinden, sondern von einer Schweineherde in der Nähe Besitz nehmen wollen. OK, sagt Jesus, und lässt die Dämonen in die Schweine fahren, die daraufhin einen Abhang herunterrennen und im See ertrinken. Arme Schweine.

Die Hämorrhoiden der Philister

Bei Buzzfeed gibt es eine Auflistung von „The 14 Weirdest Moments in the Bible“. Der Autor hat offenbar aber noch nichts von den Philistern und ihren Hämorrhoiden gehört, sonst wären sie bestimmt auf Platz 1 gelandet:

Gott straft die Philister (das Volk, aus dem auch der Riese Goliath stammt) mit Hämorrhoiden und einer Mäuseplage, weil sie die Truhe mit den Gesetzestafeln von Mose gestohlen haben, die Bundeslade. Die Story ist um Längen abenteuerlicher als der Indiana Jones-Film „Jäger des verlorenen Schatzes“, in dem ebenfalls um die Bundeslade gekämpft wird: Um wieder gesund zu werden, müssen die Philister nämlich je fünf Hämorrhoiden und Mäuse aus Gold giessen – die Zahl steht für die Anzahl betroffener Städte – und zusammen mit der Truhe zurückschicken.

Die Geschichte mit den Hämorrhoiden erzählt C. Michael Chin in einem Essay (PDF) über Geschichtsforschung nach, den ich kürzlich schon mal zitiert habe. Chin plädiert dafür, im Umgang mit der Vergangenheit und mit alten Erzählungen auf deren „Weirdness“ zu fokussieren, anstatt zu versuchen, sie restlos zu erklären.

Humor und Staunen

Das ist natürlich keine bibelwissenschaftliche Methode, aber für einen persönlichen Umgang mit der Bibel interessant: Wäre es eine Alternative, anzuerkennen, wie fremd vieles darin für uns heutige Menschen ist, anstatt zu versuchen, die Texte in den Griff zu kriegen, indem wir möglichst viel darin verstehen und einordnen können?

Also nicht die Bibel frustriert wieder zuzuklappen, weil man die schrägen Geschichten darin nicht versteht, ihren Sinn nicht erkennt. Man muss sich auch nicht über die seltsameren Kapitel ärgern, weil sie nicht ins Bild passen. Weil sie zwar im heiligen Buch des Christentums stehen, aber nichts mit Jesus Christus, mit Nächstenliebe, mit Gottes Gnade zu tun haben („zu tun haben scheinen“, würden wohl einige anfügen, ich lass das mal so stehen).

Sondern wir könnten mit Humor und Staunen darauf reagieren: Wie völlig anders muss die Welt gewesen sein, wenn es einem einleuchtet, Geschwüre aus Gold zu giessen, um gesund zu werden! Oder wo Dinge gereinigt werden, indem man sie mit Blut besprengt.

Vielen von uns würde es einleuchten, dass ein Tier wie die Eselin des Sehers Bileam eine viel stärkere Intuition für ein Phänomen hat, das nicht von blossem Auge sichtbar ist.

Was ist schon normal?

Ziemlich sicher haben die Menschen auch schon vor 2000 Jahren über den widerspenstigen Propheten gelacht, der drei Tage lang im Bauch eines grossen Fisches überlebt haben soll, und dessen Jammern Gott so auf die Nerven ging, dass er sein einziges schattenspendendes Bäumchen von einem kleinen Wurm vernichten liess.

Und, ganz ehrlich, wahrscheinlich waren die abstossenderen Bibelstellen schon vor 2000 Jahren fremd, etwa, wenn Töchter ihren Vater verführen oder Bären Kinder zerfleischen, weil sie sich über die Glatze eines Propheten lustig machen.

Wenn man dem Impuls widersteht, Bibeltexte entweder für belanglos zu erklären, oder sie vertraut zu machen und zu rationalisieren, beginnt etwas Spannendes. Fremdheit ist wie eine Brausetablette, welche manche biblische Texte erst für uns aktiviert.

Und es lässt umgekehrt auch uns Raum: Wie völlig anders wird die Welt in hundert Jahren sein, und wie fremd werden die Zeugnisse von uns heutigen Menschen den Forscher*innen dann erscheinen. „Rather than make the strange past like us, we can hope to make ourselves more strange“, schreibt C. Michael Chin.

Die Faszination des Absurden

Eigentlich ist doch auch die Bibel viel faszinierender, wenn sie ihre Weirdness behalten kann, anstatt dass man sie komplett verstehen muss. Das wäre ohnehin unmöglich, bei einem Buch von gut 2000 Seiten und Texten aus über 1000 Jahren. Menschen können ihr ganzes Leben damit verbringen, schon nur einen Bruchteil davon zu forschen.

Da kann man sich doch entspannen.

Manches fasziniert uns doch, gerade weil es fremdartig ist, uns absurd vorkommt oder ausserhalb unserer Komfortzone liegt.

Eine Reise nach Kasachstan. Kaltwasserbaden nach Wim Hof. Der Partner, die Partnerin. Wüssten wir alles darüber, könnten alles erklären, wäre uns nichts mehr fremd – dann wäre es uninteressant.

Fremd im Sinne von „utopisch“

Wo es Leerstellen gibt, wo eine Rechnung nicht aufgeht, entsteht Raum für die Fantasie. Und zwar auch dafür, was auch heute an Schrägem, Seltsamem, Unangepasstem möglich wäre.

Einige der prophetischen Texte des Alten Testaments, die seit Tausenden von Jahren überliefert werden, waren schon zu ihrer Zeit fremd. Und zwar fremd im Sinne von „utopisch“. Ebenso vieles, was Jesus Christus predigte. So lassen manche biblische Texte träumen, weiterdenken, hin zu einer Welt, die nach einer anderen Logik funktioniert als die, in der wir leben.

 

Foto von Bruce Warrington/Unsplash. Danke!
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3 Kommentare zu „Die Bibel ist weird“

  1. Ich glaube, es war Mark Twain, der sagte: „Nicht die Stellen in der Bibel die ich nicht verstehe, machen mir sorgen, sondern die, die ich verstehe.“
    Das schliesst natürlich nicht aus, dass ich mich mit den „schrägen“ Stellen auseinandersetzte…Ich finde im Post gute Hinwesie dazu.

  2. Freilich gilt es bei alledem zu bedenken, dass wir heute in einer durch die Wissenschaft und der daraus abgeleitete Technik geprägten Gesellschaft leben.

    >> Man besteige nur einmal das Tram oder einen Bus: mehr als die Hälfte der Menschen stieren auf ein Smartphone. <<

    Angesichts dessen scheint es auch mir angebracht, die uns von GOtt verliehene *Vernunft* mit der Bibel in Einklang zu bringen; in der Tendenz so etwa wie es, die "nachtodliche Belehrung" hier zum Ausdruck bringt:
    .
    https://www.wiwi.uni-siegen.de/merk/stilling/downloads/nachtod_theo_jst/bibelchristen.pdf
    .
    Und leider sollten wir nicht vergessen, wie Menschen mit der Bibel in der Hand sich gegenseitig totschlugen.

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