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Lesedauer: 5 Minuten

Du bist nicht die Angst

So, jetzt ist es auch bei mir angekommen. Dieses seltsame Gefühl, dass dieses Virus mich vielleicht stärker beschäftigen wird, als ich dachte. Italien riegelt nicht nur Gebiete ab. Italien ist eine Sperrzone. Der Pendlerzug von Bern nach Zürich ist in beide Richtungen höchstens halbvoll. Und wenn ich vom Büro nach Hause gehe, denke ich etwas bang: Hoffentlich bis morgen!

Die erste Krise

Es ist die erste Krise, die ich bewusst erlebe. Für Tschernobyl war ich noch zu klein. Und was danach kam war für mich stets folgenlos oder erfreulich: Fall der Mauer – hat mich gefreut, obwohl ich bis zum Fall gar nicht wusste, dass es eine gibt. Wasserknappheit – bitte, wir sind Néstle. BSE – keine Gummibärli und nur noch Hühnchen für ein paar Wochen. 9/11 – bedroht mich nicht, aber ein gutes Thema, das alle interessiert. SARS – kein einziger Fall in der Schweiz. Weltwirtschaftskrise 2008 – Schweiz macht da eh nicht mit. Kernschmelze in Fukushima – aber nicht bei uns!  3G, 4G, 5G – setzt doch Aluhüte auf, ihr Spinner. Angst? Nein, das kann man kaum je gehabt haben, wenn man den Kalten Krieg verpasst hat und wie ich auf der Insel der Überbehüteten aufgewachsen ist …

Werde ich jemanden kennen, der wegen dieses Virus gestorben sein wird?

Ich habe mich daran gewöhnt, solche Schlagzeilen zu überlesen oder schulterzuckend hinzunehmen, in denen nicht steht: „Ganz sicher stirbst du morgen, Stephan.“ Aber jetzt merke ich, dass es anders ist. Ich frage mich: Werde ich jemanden kennen, der wegen dieses Virus gestorben sein wird? Das ist schwierig zu beantworten. Aber schon nur die Frage…

Akzeptanz

Elisabeth Kübler-Ross hat fünf Phasen unterschieden, die Menschen durchmachen können, wenn sie erfahren, dass sie sterben werden:

  1. Das Leugnen: Nein, nein. Das hat die Ärztin nicht so gesagt. Ich geh jetzt mal Schuhe kaufen. Und eine Tasche.
  2. Der Zorn: Warum ich? Weshalb geht es den andern besser, während ich leide?
  3. Das Verhandeln: Wenn du mich gesund machst, lieber Gott, dann esse ich nie wieder Süsses. Ehrenwort.
  4. Die Depression: Ich werde sie alle zurücklassen. Hätte ich doch den Vorsorgecheck gemacht. Weniger getrunken. Nicht geraucht.
  5. Die Akzeptanz

Auch in meinem Alltag – also wo es gar nicht um Leben und Tod geht – erkenne ich diese fünf Phasen immer wieder: Steuerrechnung? Kann gar nicht sein. Habe ich längst bezahlt. Warum bezahle ich so viel? Meine Nachbarin … Wenn das nur ein Irrtum ist, dann machen wir eine Woche richtig schönen Urlaub, alle zusammen. Shit, kein Irrtum. Gefühl der Dankbarkeit: Mir geht es gut. Die Steuerrechnungs-Trauerphasen schaffe ich in weniger als einem halben Tag.

Leugnen?

Beim Corona-Virus habe ich mehrere Wochen durchgehalten mit Leugnen: Wird nicht so schlimm sein. Trifft uns wohl kaum in der Schweiz. Trifft doch vor allem Altersheime, oder? Nun, so gefährlich kann es nicht sein, wenn die einzige Empfehlung darin besteht, Abstand zu halten und Hände zu waschen. Na, die werden wohl nicht die Basler Fasnacht absagen …

Zornig wurde ich nicht. Das macht keinen Sinn. Manche werden trotzdem zornig. Zum Beispiel auf Italien. Weil die nicht gut reagiert haben. Oder auf Deutschland, weil die unsere Atemschutzmasken-Lieferung an der Grenze gestoppt haben. Oder auf andere, die Desinfektionsmittel, Dosenfood und Flüssigseife horten.

An die Stelle des Verhandelns ist ein leicht obsessives Monitoring der unterschiedlich eingeschätzten Sterblichkeitsraten getreten: 0,3 oder 2,0? Mathe kann so unterhaltsam sein. Und die Depression beschränkt sich bis jetzt darauf, dass der Ball nicht mehr rollt. Fussball fehlt.

Wie geht Akzeptanz?

Aber wie könnte Akzeptanz aussehen? Ich finde, unser BAG-Leiter „Übertragbare Krankheiten“ macht es vor. Akzeptieren, dass wir es nicht im Griff haben. Keine grossen Prognosen oder Einschätzungen. Tun was man kann. Und das heisst im Moment nebst Händewaschen vor allem, Dinge zu lassen: Händeschütteln, vermeidbare Menschenansammlungen und – für mich am schwersten – sich selbst ins Gesicht fassen.

Was nicht hilft:

Statistiken zitieren, aus denen hervorgeht, dass weit mehr Menschen an (vermeidbaren?) Herz-Kreislauferkrankungen (Verkehrsunfällen, Krebs, Hunger) sterben. Das zieht einen nur weiter in die Depression. Und analytisch ist es wertlos, weil diese Todesursachen nicht ansteckend sind.

Einen Generationenkonflikt heraufbeschwören.

Pseudo-weise lächeln und darauf verweisen, dass wir halt alle unser natürliches Verhältnis zum Tod verloren hätten, in dieser religionslosen und gottfernen Zeit und jetzt an die eigene Verwundbarkeit (und an Gott, die heilige Trinität und die Kirche) erinnert würden.

Sich über Leute lustig machen, die jetzt von zuhause aus arbeiten. Sie haben vielleicht ältere Angehörige, die sie besuchen oder pflegen. Oder einfach Angst.

Was hilft:

Was uns jetzt helfen kann, ist sich in jene Haltung, die im „Gelassenheitsgebet“ Ausdruck findet, einzuüben:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Es ist ein Ausdruck von Hingabe. In das, was der Fall ist, was niemand ändern kann: Dass sich Menschen anstecken, krank werden und sterben und wir keinen Impfstoff haben. Aber nicht defätistisch, nicht hoffnungslos, sondern bereit, das zu erkennen, was uns noch zu tun bleibt. Dieses Gebet ändert nicht das, was ist. Wenn wir das meinen, sind wir noch am „verhandeln“. Aber es kann uns verändern, unser Verhältnis gegenüber dem, was wir nicht im Griff haben. Und dann merken wir, dass wir nicht die Angst sind, sondern nur Angst haben.

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7 Kommentare zu „Du bist nicht die Angst“

  1. Lieber Stephan
    Danke für deine Gedanken und Sichtweisen in diesem Beitrag. Ja das ganze holt einem mehr und mehr ein. Wie „es“ kommt näher und dabei weiss ich plötzlich nicht mehr so genau, wie differenziert ich noch beurteilen kann, fähig bin. Eine Ansteckung mit aller Vorsicht, kann schliesslich jederzeit geschehen. Wie „Lösli ziehen“. Dennoch die Bewegungskreise verkleinert man. Ich überlege mir wohin ich gehe. Salon um Sechs wurde abgesagt, dafür hab ich noch den Dienst getauscht obwohl ich mir nicht sicher war wirklich zu kommen. Jetzt ist es klar und das ist auch grad recht so. Angst? Nicht Angst aber Vorsicht, soweit es geht, für mich bedeutet dies vorwiegend Menschen zu schützen an meinem Arbeitsplatz, die höchst gefährdet eingestuft sind. Im Sinne wie im Gebet. Danke dafür.
    „Schall und Rauch“ von gestern fand ich köstlich lustig amusant! Ja lockig flockig tut gut.
    Herzlich ins Reflab, Anita

    1. Stephan Juette

      Danke, liebe Anita! Das mit dem Salon tut mir echt leid. Hoffentlich bis bald, grippefrei und mit herzlichem Händedruck!

  2. Franz-Xaver Hiestand SJ

    Kirchen sollen gerade auch in diesen Tagen Ressourcen sein, Orte des Nachdenkens, des Gebets, des solidarischen Handelns, Orte, an denen der Blick auf neue Perspektiven freigelegt wird. Darum bin ich froh, dass Du Dich in die Debatte eingeschaltet hast. Bis jetzt habe ich kaum kirchliche Stimmen vernommen. Da wo Leute wie Michael Hermann ansetzen (https://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/das-virus-zersetzt-das-vertrauen/story/22233494), müssen wir weiterfahren. – Herzlich, von nebenan

  3. Elsbeth Bosshard

    Ich arbeite von Zuhause aus. Bin ich nun Panisch, habe ich Angst?
    Nein, ich bin ganz einfach eine Risikoperson mit einer Chronischen Krankheit. Angst habe ich nicht aber Vorsichtig bin ich und ganz stark auf das solidarische Verhalten anderer Menschen angewiesen.
    herzlich elsbeth

  4. Danke für die breit gefächerten Gedanken, Stephan. Viele davon machen Mut. – Allerdings: Dein Satz zu 5G lässt mich reagieren. Er zeigt mir, dass du die Verstrahlung unseres Planeten noch harmlos findest. Ich finde die Bedrohung durch die Dauerbestrahlung seit den 90-er Jahren – schwächt nachgewiesen menschliche und tierische Immunsysteme! – nicht zum Witze machen! Die Frequenzen bewegen sich nahe der Mikrowellen – und ehrlich: Wer von uns möchte sich 24h freiwillig in einem Mikrowellenherd aufhalten? Das Insektensterben kann nicht monokausal erklärt werden, aber der Mobilfunk hat seinen Anteil daran. Mit Mobilfunk, alles aus der Militärtechnologie hängt auch eng zusammen, dass sich das chinesische Totalüberwachungssystem weltweit ausbreiten kann. 38 Afrikanische Staaten haben es schon übernommen. Grundlage dafür ist bekanntlich 5G. – Echt viel schlimmer als Corona! Wird nur von den meisten verdrängt, obwohl man es schon in der Migros-Zeitung nachlesen kann. Diese beiden Dinge bedrohen die Humanrasse und machen mir echt Sorgen. Gruss Sonja G.

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