Dein digitales Lagerfeuer
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Zwischen Bullerbü und Bethlehem

Ich liege auf meinem Sofa, während der Fernseher läuft. Dazu esse ich Lebkuchen, trinke einen Tee, der White Christmas heißt und sehe sechs Kindern zu, wie sie in das Wohnzimmer eines Schusters stolpern. Bei Ihnen fegt ein Schneesturm durch die Tannen. Beim Schuster suchen die Kinder Unterschlupf.

Alle Jahre wieder

Bei mir ist weder Schnee noch Sturm. Aber wie jedes Jahr in der Adventszeit sehe ich mir «Wir Kinder aus Bullerbü» von Astrid Lindgren an. Während sich ein Kind nach dem anderen ins Wohnzimmer schiebt, weht mit jedem Türöffnen Schnee und Sturm in die kleine Hütte des Schusters. Ich kann verstehen, dass er zornig wird. Es ist ja scheißkalt bei denen.

Ein Junge bekommt den Zorn besonders zu spüren: «Mach die Tür zu, hörst du nicht, du sollst die Tür zu machen. – Ja, doch, ja. – Hörst du nicht, du sollst die Tür zumachen. Sieh bloß zu, dass du bald nach Hause kommst, bevor ich mich an dir Lausebengel vergreife». Wind und Schnee schieben sich in das Haus, bevor der Junge die Tür erneut zuzieht.

Früher habe ich diese Szene immer mit meinem Vater nachgespielt. Ich habe dann betont grimmig den Schuster gemimt, sobald mein Vater die Küchentür offengelassen hat. Mach die Tür zu! Früher haben wir an Weihnachten zusammen «Wir Kinder aus Bullerbü» geschaut.

Ein Stückchen heile Welt

In Bullerbü ist keine heile Welt. Und auch bei mir auf dem Sofa nicht. Aber für mich entsteht eine heile Welt, wenn ich wie jedes Jahr den Kindern dabei zusehe, wie sie von dem alten Schuster angebrüllt werden.

Es ist ein Ritual. Dabei bin ich vermutlich nicht die Einzige, die ihre Rituale hat, damit sich die Welt ein bisschen heiler anfühlt.

Jedes Jahr aufs Neue, tun wir so als ob. Jede Weihnachtsplanung erscheint eine Reproduktion des ewig gleichen. Die Mutter, die sich um die Geschenke kümmert, die Schwester, die immer etwas Selbstgemachtes verschenkt, der Onkel, den niemand einladen will, weil er immer den Weinvorrat reduziert.

O du fröhliche

Wenn wir unsere Rollen nur lange genug spielen, machen wir sie uns irgendwann zu eigen. Es ist wie in der Weihnachtsgeschichte. Da wird eine Geschichte erzählt. Hundert Mal schon gehört. Mindestens. Eine Geschichte, die eigentlich nur erzählt, dass eine Frau schwanger wurde und ein Kind bekommen sollte. Zumindest, wenn wir es nüchtern betrachten.

Wir erzählen uns immer wieder dasselbe. Wir spielen immer wieder dasselbe. Die eine Geschichte wurde geschrieben, die andere erschaffen wir jedes Jahr neu.

Die festlich gedeckten Tische, die vorgetragenen Gedichte, die gesungenen Lieder, die nervige Verwandtschaft. Die aufgebaute Krippe, die erschöpfte Maria, die Tiere im Stall, die Hirten auf dem Feld und der Stern am Himmel. Die dargebrachten Geschenke, Gold, Weihrauch und Myrrhe, präsentiert von den drei Weisen aus dem Morgenland. Freue dich!

Wenn Gott in der Krippe liegt, dann finde ich ihn auch in meinem Wohnzimmer. Die heile Welt möge bitte auch bei mir Einzug halten. Wir tun einfach so, als hätte es diese heilige Nacht gegeben.

Wunschdenken

Wenn es denn so war, mit Maria und Josef, kann ich daran glauben, dass Liebe ein Geschenk ist. Wenn es denn so war, mit den Hirten auf dem Feld, kann ich daran glauben, dass die Wirklichkeit mehr ist, als meine Augen zu sehen vermögen. Wenn es denn so war, mit dem Stern am Himmel, kann ich daran glauben, dass mir manchmal auch der richtige Weg gezeigt wird.

Die Weihnachtsgeschichte ist kein Tatsachenbericht, sondern erzählt davon, was sich die Menschen schon vor 2000 Jahren gewünscht haben. An welche Wunder sie glauben wollten. Auch wir wollen an Wunder glauben und formen die Wirklichkeit nach unseren Vorstellungen und Wünschen, besonders im Dezember. Zumindest versuchen wir es. Zumindest versuche ich es. Wenn es nicht gelingt, schmerzt es nun besonders.

Eine heile Welt wird inszeniert und alle spielen mit. Jedes Jahr, immer wieder. In der Hoffnung, dass es irgendwann nicht mehr nur inszeniert, sondern auch Wirklichkeit ist. Und ich persönlich werde nicht müde, daran zu glauben. Die Kinder werden dann übrigens von ihrem Vater sicher nach Hause gebracht. Und für mich ist ein kleines bisschen Heilig Abend geworden.

 

Aus dem Buch “Ein gefühltes Jahr” von RefLab Autorin Janna Horstmann.

Bild: Unsplash.

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