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 Lesedauer: 6 Minuten

Was empfindet der Wanderer über dem Nebelmeer?

Caspar David Friedrich (1774–1840), Wanderer über dem Nebelmeer, um 1817, Öl auf Leinwand, Hamburger Kunsthalle

Feuchtigkeitsperlen hängen in der Luft. Alles atmet Kühle, Weite, Licht.

Wie üblich bin ich in der Dämmerung aufgebrochen, in der vertrauten Herberge im Tal. Ich habe den Schlaf aus meinen Gliedern geschüttelt und noch den Duft von Nebelwald und Harz in meiner Nase.

Ich habe die Nebelwand durchstossen, meinen Kopf ins Freie gestreckt. Es erfüllt mich jedes Mal mit innerem Jubel, wenn der Nebel lichter und lichter wird.

Auf einmal liegt das Nebelmeer zu deinen Füssen und leuchtet wie von innen. Du bist der grauen Nebelwelt entronnen, bist im Freien!

Wie neu geboren

Ich bade in Licht. Unendlich, unausschöpflich. Ich bin wie neu geboren. Am Himmel zeichnet sich zartes Blau ab. Der Morgen ist angebrochen. Bald wird die Sonne den Dunst auflösen. Bis dahin herrscht ein magischer Schwebezustand.

Aus der Tiefe steigen noch immer dichte Nebelschwaden in die Höhe. Die eben noch geschlossene Nebeldecke aber ist zum Teil aufgerissen. Bizarre Felsen mit Baumkronen sind aufgetaucht. Sie atmen noch den Hauch der Nacht. Milchiger Dunst umspielt sie.

Nichts erscheint fest, alles fliesst. Mir wird ein bisschen flau.

Ich blicke in die unendliche Weite der Nebellandschaft wie in eine ungewisse, wolkenverhangene Zukunft. Verspricht sie Hoffnung? Eine Wendung zum Besseren? Ich bin nicht sicher.

Erhabenes Chaos

Ich bin nicht mehr jung und noch nicht alt. Ich bin vielleicht am Höhepunkt meines Lebens angelangt, zugleich stehe ich am Abgrund. Und vielleicht mit mir die Welt.

Melancholie beschleicht mein Herz.

Mit dem linken Fuss bin ich an die äusserste Kante eines steil abfallenden taunassen Felsvorsprungs getreten. Das Gefühl, selbst wie ein Fragment im Nebelmeer zu schweben, ist prickelnd wie Perlwein.

Ich stelle mir vor, unter meinen Füssen wäre kein fester Grund oder der scheinbar feste Fels sei nur ein Geisterschiff im Nebelmeer. Mir schwindelt ein wenig.

Ich schliesse die Augen.

Meine Seele taucht in die Weite des inneren Nebelmeeres ein. Meine Seele ist das Nebelmeer, ist fragmentierte Landschaft.

«Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann förder zutage, was du im Dunkeln gesehen, daß es zurückwirke auf andere von außen nach innen», sagt mein Freund Caspar David Friedrich.

Landschaft hört auf Landschaft zu sein, sie durchströmt mich und ich ergiesse mich in sie. Ich bin unendlich, überfliessend, und zugleich bin ich begrenzt. Meine Zeit auf Erden ist begrenzt. Ich werde nicht ewig wandern. Glück und Wehmut fliessen in meiner Brust zu einem Schmerzpunkt zusammen.

Dichte Stille

Ich bin Städter. Ich flüchte in die Natur. Wirkliche, tiefe Kraft finde ich nur jenseits der Menschen, des Geredes, des Lärms. Das Nebelmeer deckt alles Menschliche mitleidig zu. Im Alleinsein begegne ich mir selbst und Gott. In der ästhetischen Andacht gelange ich zur Essenz. Einfach, gleitend, notwendig.

Ich muss in der Natur nicht von Gott reden. Die Verbundenheit ist allgegenwärtig. Ich empfinde jenseits der Worte.

Vorstellungen vom Göttlichen lösen sich immer mehr auf, diffundieren wie feuchte Luft im Nebelmeer. Ich fühle das wohl. Auch mir entgleitet oft, was wesentlich ist, und Ehrfurcht erscheint aufgesetzt. Aber nicht hier oben, nicht in der Erhabenheit über dem Nebelmeer.

Die Atmosphäre könnte nicht dichter sein. Alles spricht zu mir, obwohl es still ist. Eine dichtere Stille ist kaum denkbar.

Ausser sich geraten

Flöckchenwolken ordnen sich scheinbar tänzelnd um meine Gestalt herum. Symmetrisch abfallende Bergketten rechts und links von mir treffen sich just auf der Höhe meines Herzens.

Ich bin eine Rückenfigur vor hellem Grund. Die Bronzeknöpfe meines Gehrocks glänzen, mein Gesicht und mein gestärkter Hemdkragen strahlen im Morgenlicht. Meinen Rücken aber zeichnet die Gegenlichtperspektive schattig.

Ein Denker in Denkmalpose. Ein Beobachter, der sich selbst beobachtet. Einer, der sich dabei zusieht, pathetisch zu empfinden. Ich lächle ein wenig über mich selbst.

Meine Pose im tannengrünen Gehrock wirkt vielleicht etwas starr.

Dass ich die Szene überhaupt wahrnehme, gibt mir zu denken.

Wieso sehe ich mich von aussen? Bin ich aus mir herausgetreten? Bin ich Seelenreisender? Lebe ich noch oder bin ich tot?

Jetzt drehe ich mich zu dir um!

Auferstehen

Wie kann ich erhaschen, was im Nebel liegt? Wieso ersehne ich, was unerreichbar vergangen ist? Tragik und Ironie des Romantikers.

Ins klamme graue Nebeltal hinuntersteigen mag ich nicht. Ich bleibe aufrecht über dem Nebelmeer stehen. Ich bin standhaft in Zuversicht auf dem Felsen über dem Abgrund.

«Auferstehung», griechisch anástasis, heisst auch sich aufrichten, sich erheben, Haltung bewahren, selbst vor dem Tod. Der dunklen Herrlichkeit.

Ich atme Stille, Schwerelosigkeit und Sehnsucht über dem Nebelmeer.

 

Was empfindest du bei der Betrachtung des Wanderers über dem Nebelmeer? Hast auch du schon Nebeldecken durchbrochen und bist ins Freie gelangt? Was hat das mit dir gemacht?

 

Wer ist der Wanderer?

Das Gemälde «Wanderer über dem Nebelmeer» des norddeutschen Romantikers, Naturmystikers und Protestanten Caspar David Friedrich entstand um 1818. Es ist unklar, ob der Maler sich selbst als Rückenfigur verewigt hat. Der Blondschopf könnte darauf hindeuten. Der Künstler war ausdauernder Wanderer und legte Tausende Kilometer in der Natur zurück. Die Gemälde aber enstanden immer im Atelier. Der Künstler komponierte Landschaften frei, in einer Art von Copy-and-Paste. Eine These lautet auch, dass die Figur über dem Nebelmeer sein Jugendfreund, der Theologe Franz Christian Boll, sei. Das Gemälde könnte also ein Gedächtnisbild für den 1818 verstorbenen Freund sein. Im Jahr 1800 waren die beiden gemeinsam durch das Elbsandsteingebirge, die sogenannte Sächsische Schweiz, gewandert.

Was ist romantische Ironie?

«Ein Bestandteil des romantischen Lebensgefühls, als Offenbarung der Freiheit des Menschen und Künstlers; Grundelemente sind die schöpferische Willkür des Dichters und das Erleben von Einheit und Gegensätzlichkeit, von Endlichkeit und Unendlichkeit. Das eigene Schaffen wird beobachtet, der Schaffensprozess geschieht in dem Bewusstsein, sich jederzeit über sich selbst (seine Kunst, Tugend, Genialität) und über das Werk erheben zu können, es damit ‹aufzuheben›.» (Zit. aus wissen.de)

Caspar David Friedrich Online

Caspar David Friedrich Online: Rund 250 Werke des Künstlers sind seit kurzem im Webportal www.cdfriedrich.de zugänglich, darunter prominent der «Wanderer über dem Nebelmeer» samt Vorzeichnungen.

Jubiläumsausstellungen

Foto: Caspar David Friedrich (1774–1840), Wanderer über dem Nebelmeer, um 1817, Öl auf Leinwand, Dauerleihgabe der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen

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© SHK/Hamburger Kunsthalle/bpk, Foto: Elke Walford

Lesestimme: Johanna Di Blasi; Musik: «Deep Relaxation», Kevin MacLeod (incompetech.com), Licensed under Creative Commons: By Attribution 4.0 License, http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

 

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