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Was sieht Hodler?

Ferdinand Hodler: «Landschaft bei Caux mit aufsteigenden Wolken», 1917, Kunsthaus Zürich

Auf einem Wolkenkringelbild erstreckt sich im unteren Bildfeld ein bräunliches Etwas. In der Bildtiefe könnte eine nachlässige Gebirgskette auch eine Schaumkrone sein. In den Vordergrund aber spielen sich freche Wolkenwürmchen.

Macht sich der Maler Ferdinand Hodler (1853 Bern – 1918 Genf) über uns lustig?

Auf einem Ölbild, das derzeit im Kunsthaus Zürich in der Ausstellung «Apropos Hodler. Aktuelle Blicke auf eine Ikone» (geöffnet bis. 30. Juni) hängt, sind lustige Wolkenkringel zu sehen, die an Fragezeichen erinnern.

Wolkenfragezeichen vor einem lichtvollen Himmel über einer opalfarbenen Wasserfläche.

Nach seriöser Landschaft sieht das nicht aus. Auch nicht aus der Nähe besehen.

Möglichst unschön?

Tatsächlich waren einige Zeitgenossen des Schweizer Künstlers irritiert. Ein Kritiker, selbst Künstler, urteilte damals in der NZZ über Hodler.

«Die Linie des schmalen, in einförmigem Rund sich längs dem unteren Rahmen hinziehenden Vordergrundes mit seinen spärlichen Details ist möglichst unschön, und die übergrosse Aussicht auf die blaue Fläche des Sees erweckt ein Gefühl der Leere und Langeweile.»

Eine Wasserfläche, ein Himmel: dieses Motiv, ein Allerweltsmotiv, hat Ferdinand Hodler immer und immer wieder gemalt. Wie zahllose andere Künstler auch.

Was sucht Hodler? Was sieht er? Was findet er?

Landschaft versus Wetter

Was ihn interessiert, ist offensichtlich nicht das landschaftlich-Schöne. Den Künstler interessiert auch nicht das Beständige und Ewige hinter dem Vergänglichen, sondern – aufwühlender – das stetig Wechselnde, also das Wetter.

In der Kunst wird Landschaft in einer Zeit ein eigenständiges Thema, als auch die optische Wissenschaft perfektioniert wird und sich ein analytischer Blick auf die Welt «da draussen», die materielle Welt ausserhalb des Subjekts richtet. Es ist auch die Zeit, in der erste Teleskope konstruiert werden.

Landschaft ist statisch. Als Betrachter:in nehme ich einen virtuellen Standpunkt ausserhalb ein. Ich blicke wie durch ein Fenster auf Landschaft. Ich sage:

Das ist ein herrliches Panorama! Das ist magnifique! Oder: Das ist pittoresk, also malerisch.

Zu wenig real?

Landschaft ist auch etwas für die Tourismusindustrie. Landschaft ist Postkartenmotiv und wird inzwischen auch als Hintergrund für Social-Media-Profile gern genommen.

Wetter dagegen ist von Natur aus wechselhaft, ungreifbar und daher scheinbar nicht so real.

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb Kunstbibliotheken voller Bücher zum Thema Landschaft sind, aber nur wenig über das chronisch unbeständige Wetter geschrieben wurde und darüber, wie es unsere Wahrnehmung beeinflusst.

Dabei reden wir doch ständig über das Wetter.

Ein Experiment

Die merkwürdige Wetter-Ignoranz ist dem britischen Anthropologen Tim Ingold aufgefallen. Sein 2005 erschienener Aufsatz «The eye of the storm: visual perception and the weather» war für mich im wahren Sinn des Wortes augenöffnend.

Der Anthropologe hat ein Selbstexperiment durchgeführt. Er hat im Detail beobachtet und beschrieben, was ein kurzes heftiges Sommergewitter an der schottischen Küste mit seiner Umgebung machte und wie es ihn verwandelte.

Jeder kann das selbst ergründen. Schon bei Schönwetter spiegeln die beiden Sphären von Himmel und Wasser einander. Ferdinand Hodler nannte Elemente der Wiederholung und Spiegelung in der Natur «Parallelismus».

Eintauchen in die Wetterwelt

Ein Gewitter am Meer löscht binnen Minuten den Unterschied zwischen Himmel und Erde aus. Es wird unklar, wo das Wasser endet und wo der Himmel beginnt. Das eine scheint in das andere zu fliessen.

Himmel und Erde werden ein- und dasselbe.

Die eben noch ästhetisch genossene Landschaft weicht einer multisensorischen Wahrnehmung aus Sehen, Hören (die Brandung, den Sturm), Riechen, Fühlen, vielleicht sogar Schmecken: die salzige Meerluft.

Vielleicht durchnässt uns der Regenschauer komplett und der aufgezogene Sturm zerzaust unsere Haare und lässt uns frösteln. Wir schlagen den Kragen der Jacke hoch und ziehen die Arme enger an den Körper heran. Jetzt stemmen wir uns gegen eine überraschend heftige Böe.

Surround-Erfahrung

Wir sind nicht mehr aussen vor, sondern mittendrin. Mit dem Wetter ist auch unsere gesamte Gefühlswelt umgeschlagen.

Ein Schluss, den Tim Ingold aus seinem Wetterexperiment zieht, lautet:

«Earth and sky are not opposed as real to immaterial, but inextricably linked within one indivisible field.»

«Erde und Himmel stehen sich nicht als real und immateriell gegenüber, sondern sind untrennbar in einem unteilbaren Feld verbunden.»

Der Schweizer Maler Ferdinand Hodler blickt auf muntere Wölkchen vor oder nach Gewittern. Die Luft scheint angefüllt mit Dunst, der auf- oder niedersteigt und sich ausbreitet.

Ganz in der Welt und ganz bei sich

Mit dunstig-feuchten Bildatmosphären verweigerte sich der Maler dem Pittoresken des Landschaftlichen auf eine regelrecht trockene Art. Dafür nimmt er mich hinein in die wunderbare Wetterwelt.

Etwas von der gemalten Wetterwelt dringt, gefühlt, in meine Welt, in der ich ja auch Wetter fühle.

Der Unterschied zwischen dem gemalten Bild und meiner Welt löst sich auf. Wölkchen umschmeicheln mit, fächeln mir frische Luft zu und vermitteln mir den Eindruck der Bewegtheit, obwohl Ölbilder naturgemäss statisch sind.

In der Wetterwelt gibt es kein Draussen und Drinnen. Alles durchdringt und beeinflusst einander: Körperliches und Unkörperliches, Physisches, Geistiges und Seelisches.

Deuten die Hodler’schen Fragezeichenwölkchen an, wie wunderbar die Wetterwelt ist?

Welt und Dasein – ein Wunder

Da stossen Erde und Himmel an einer Linie zusammen. Die Erde scheint solide, obwohl sie aus Atomen mit viel Raum dazwischen besteht. Am Himmel schweben Wolken vorüber. Man kann sie nicht anfassen und dennoch ruht auf ihnen Licht, als wären es Gegenstände.

Wo beginnt Himmel? Auf unseren Schultern?

Ist es nicht ein Wunder, dass da Licht ist? Und dass unsere Augen das Licht, das sichtbar macht, sehen können? Goethe liess das bekanntlich vermuten, dass wohl auch unsere Augen irgendwie selbst sonnenhaft sind.

Die Wetterwelt lässt uns, trotz oder gerade wegen ihrer Veränderlichkeit, geborgen sein in der Welt als vertraute Umgebung.

Das grosse Wetter und sein Wandel

Veränderungen des Klimas dagegen lassen uns hinausfallen aus dem Vertrauten, aber ohne den Vorteil der Landschaftsbeobachtung. Dramatischer Klimawandel lässt sich nicht als erhabenes ästhetisches Schauspiel geniessen, denn hier fehlt die Distanz.

Wir sind mitten in etwas, das uns unvertraut ist und entsetzt, gerade weil wir Mitverursacher sind.

Das grosse Wetter, das Klima, hat auch schon Ferdinand Hodler beschäftigt: in seinen Bildern von Schweizer Gletschern. Der Grindelwaldgletscher bildet sich schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Landschaft wird immer nackter und bröckeliger. Zum Entsetzen der Touristen.

Ferdinand Hodler, «Der Grindelwaldgletscher», 1911/12, Öl auf Leinwand, Kunsthaus Zürich

Inspiriert sind die Wettergedanken in diesem Beitrag von Überlegungen des britischen Anthropologen Tim Ingold, der u.a. zu Schamanismus forscht. Sein Aufsatz «The eye of the storm: visual perception and the weather» findet sich hier zum Downloaden.

Water Music by Demir Ali Atilgan from Pixabay

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