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Lesedauer: 5 Minuten

Ästhetischer Protestantismus

Die Suche nach frischen Perspektiven auf Religion – «Fresh Perspectives» – ist nicht erst in der digitalen Gegenwart ein Thema. Mindestens seit dem Zeitalter von Aufklärung und Rationalismus legten Teile des Bürgertums Religion und Spiritualität zu den alten Akten. Und für jene, die weiter daran festhielten, wurde Religiosität erklärungsbedürftig.

Friedrich Schleiermachers 1799 anonym herausgegebene Schrift «Über die Religion», die aus fünf nie gehaltenen «Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern» besteht, ist ein solcher Erklärungsversuch und gleichzeitig das Bemühen, die «Essenz» der Religion schärfer und tiefer als bis dahin zu fassen.

Die Essenz

Schleiermacher grenzte sich mit seiner Argumentation vielfach ab: von den Kritikern der Religion; von ihren aufgeklärten Verteidigern; von der lutherischen Orthodoxie. Gegen sie alle schlug er Waghalsiges vor: Um zur Essenz vorzudringen, solle der Blick nicht etwa auf Moral, sondern auf Ästhetik gelenkt werden. Der Begriff leitet sich, wie bekannt, vom griechischen «aísthēsis» her und bedeutet zunächst schlicht «Wahrnehmung», «Empfindung». Und wie ebefalls bekannt ist, wurde die Ästhetik erst im 18. Jahrhundert zur philosophischen Disziplin erhoben, durch Alexander Gottlieb Baumgarten.

Weitgehend unbekannt ist dagegen, dass der Nährboden der Disziplin in deutschen pietistischen Kreisen zu suchen ist. Säkulare Geschichtsschreibung hat diese Wurzel lange Zeit ausgeblendet. Jüngste Forschungen in Dänemark und Schweden aber lenken jetzt den Blick darauf.

Die Auswertung von Briefen, Tagebüchern und Dokumenten intellektueller Zirkel des 17. Jahrhunderts brachte ans Licht, dass der bedeutende pietistische Theologe und Pädagoge August Hermann Francke und Gelehrte seines Kreises immer wieder auf «aisthesis» in Bezug auf die Erfahrung des Geistes Gottes durch die Lektüre der heiligen Schriften zu sprechen kamen.

Romantische Theologie

Mit der Betonung der Erfahrung des Religiösen – gegenüber einem vorwiegend intellektuell-theologischen Zugang – wusste sich der Francke-Kreis nahe bei Martin Luther und dessen «sapientia experimentalis».

Den Pietisten ging es um das Erschliessen sinnlicher und inspirierter Zugänge zu religiösen Wahrheiten und um spirituellen Wahrnehmungen.

Alexander Gottlieb Baumgarten war nach dem frühen Tod seiner Eltern 1727 in das von Francke gegründete Waisenhaus am Rande von Halle gekommen und hatte acht prägende Jahre im Kreis pietistischer Theologen verbracht, bevor er seine Gedanken zu Ästhetik niederschrieb. Halle war damals nicht nur pietistisch geprägt, sondern auch ein Zentrum der rationalistischen Theologie, mit der sich Baumgarten ebenfalls auseinandersetzte.

Die schwedische Theologin Jayne Svenungsson (Universität Lund) zeichnet in ihrem spannenden neuen Essay «Romantic Theology. Retrieving the Radical Impulse of Aesthetic Protestantism» Stränge einer ästhetischen Anthropologie nach, die vom Pietismus der Barockzeit über die Frühromantiker bis zu phänomenologischen und künstlerischen Ansätzen des 20. und 21. Jahrhunderts reichen. (Der Aufsatz ist die Grundlage eines bevorstehenden Vortrags; siehe Angaben im Abspann.)

Svenungsson macht deutlich, dass die Skepsis gegenüber sinnlicher Erfahrung in Teilen des Protestantismus wie auch in der rationalistischen Wissenschaft und Philosophie überhaupt erst Räume öffnete für das systematische Nachdenken über Ästhetik.

Während rationalistische Philosophen und Theologen die Unterdrückung der Affekte als Voraussetzung einer verbesserten Erkenntnis ansahen, war es in pietistischen Kreisen umgekehrt.

Gott in der Landschaft

Ein Spiegel des «ästhetischen Protestantismus» sind die Landschaftsbilder von Caspar David Friedrich. Der Künstler bewegte sich in einem lutherisch-pietistisch geprägten Umfeld. Die theologische Inspiration hinter Friedrichs Gemälden ist Friedrich Schleiermachers «Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern».

In seinen Naturporträts scheint etwas von der unfassbaren Grösse Gottes auf, gleichzeitig aber auch von der menschlichen Beschränktheit. Dies ist nach Svenungsson ein zutiefst protestantischer Zug.

Wenn heute Ästhetik bezogen auf Kunst, Naturphänomene, Design oder Sport betrachtet wird, aber Spiritualität und Religion unerwähnt bleiben, liegt eine möglicherweise symptomatische Perspektivenverengung vor. Religion scheint nicht ins gängige Bild von ästhetischer Erfahrung zu passen. Dabei geht es doch gerade auch in der Religion um die Kultivierung einer Fähigkeit zu staunen, zu imaginieren und sich überwältigen zu lassen.

In der gegenwärtigen Anthropologie weist der Ansatz der «New Ontologies», die Annahme einer Pluralität von Weltzugängen, in eine ähnliche Richtung. Reduktionismus hingegen artikuliert sich heute weniger theologisch als technisch: wenn wir uns mit Maschinen vergleichen und beispielsweise wie selbstverständlich sagen, wir hätten etwas nicht «auf dem Schirm».

Radical Orthodoxies

Dem Freilegen verborgener Wurzeln (lat. «radices») und der Rekonstruktion alternativer Wirkungsgeschichten widmet sich eine Richtung, die mit dem von John Milbank geprägten Begriff als «Radical Orthodoxy» (RO) bezeichnet wird. Säkulare und moderne Grundgewissheiten werden hier radikal in Frage gestellt. Zentrale Anregungen gingen bemerkenswerter Weise von zwei Schweizer Theologen aus: von der Liberalismuskritik Karl Barths und von der «theologischen Ästhetik» Hans Urs von Balthasars.

«Wenn nicht alles täuscht, leben wir in einer Zeit, in der säkulare Verheissungen ebenso an Strahlkraft eingebüsst haben wie religiöse, in der sich die Hoffnung aus der Zukunft zurückgezogen hat und die ‹Rückkehr zur Tradition› dennoch nichts von ihrer ewigen Fragwürdigkeit verloren hat. Was liegt da ferner, als beide Aussichtslosigkeiten zu verbinden? Genau das aber tut die Radical Orthodoxy»,

sagt der Philosoph Luca Di Blasi von der Theologischen Fakultät der Universität Bern. RO glaube an eine Erneuerung einer progressiven Gesellschaftskritik durch den Rückgriff auf religiöse Inspirationen. Das sei merkwürdig, aber auch interessant. «Und wäre es nicht noch interessanter, wenn sich dies mit einer Pluralisierung der Zugänge und Traditionen verbinden liesse: Radical Orthodoxies?»

Luca Di Blasi veranstaltet am 8. und 9. Juni gemeinsam mit dem Judaisten und Philosophen Elad Lapidot eine Online-Konferenz mit eben diesem Titel: «Radical Orthodoxies». Neben John Milbank und Jayne Svenungsson werden u.a. auch prominente Figuren wie Daniel Boyarin, Graham Ward  oder Amina Wadud teilnehmen.

Das Konferenzprogramm findet sich hier:

Und hier ist der Link für die Registrierung:

Eine Museumsbesucherin blickt auf Caspar David Friedrichs «Abtei im Eichenwald» in der Alten Nationalgalerie Berlin. Photo by Mike Kotsch on Unsplash

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1 Kommentar zu „Ästhetischer Protestantismus“

  1. Evelyne Baumberger

    Liebe Johanna, Gedanken zu Parallelen von ästhetischer und religiöser Erfahrung schreibe ich mir auch immer wieder auf… Beides ist unverfügbar, es gibt bestimmte Bedingungen, die eine Erfahrung begünstigen – aber gleichzeitig die Gefahr der Manipulation. Bei beidem ist Kommunizierbarkeit wichtig, aber schwierig. Beides ist sehr subjektiv geprägt – und hat gleichzeitig eine universale Komponente. Und „schön“, in aller Komplexität des Begriffs, ist m. E. auch ein Gottesprädikat… So spannend! Danke einmal mehr für einen anregenden Artikel!

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