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Das tiefste Blau der Welt

Die Titel neuer Werke des Schweizer Künstlers lauten «Blauer Waldweg», «Blaue Pestwurz» oder schlicht «Gräser». Die Motive entstammen der natürlichen Umgegung, nicht zuletzt die Farbwahl, Ultramarin- oder Fra-Angelico-Blau, aber erzeugt eine intensive mystische Stimmung.

Zum Teil verwendet Franz Gertsch sogar dieselbe Farbmischung wie der malende Mönch der Renaissance, Fra Angelico, für Madonnenmäntel und Himmel benutzte. Zur Gewinnung des blauen Pigments wird Lapislazuli zerrieben. Dieser seltene Stein wird heute in Afghanistan abgebaut. Blau aus Lapislazuli wird schon im Gilgamesch-Epos erwähnt. Kein Blau der Erde ist tiefer.

Schon beim Besuch der Museumswebsite haben mich die blauen Bilder von Franz Gertsch angezogen. Um ein Vielfaches intensiver ist die Wirkung im Museumsraum. Es fühlt sich an, als werde man in eine Unterwasserszene gezogen oder unvermittelt in die L’heure bleue versetzt, die blaue Stunde, wenn die Sonne weit unterhalb des Horizonts steht und sich eine mystische Stimmung ausbreitet.

Romantische Flashbacks

Gleichzeitig provozieren die Motivwahl und die verfremdete Darstellung ein Nachdenken über Veränderungen von Natur und die Labilität des ökologischen Gleichgewichts. Vor dem Hintergrund drohender dramatischer Veränderungen von Natur und Klima kann man die Naturstudien auch als romantische Flashbacks sehen.

Auf raumfüllenden Formaten dargestellte Pflanzen sind gleichzeitig greifbar und entrückt, realistisch und irreal – und es entsteht ein erstaunlicher Effekt von Tiefe. Die Gräser und Blätter scheinen sich zudem zu bewegen und auch Luftspiegelungen sind eingefangen. Ruhe und Bewegung existieren gleichzeitig und ohne einander aufzuheben.

Franz Gertsch macht in seinen blauen Malereien Luft und Wind sichtbar.

Was man über romantische und impressionistische Naturschilderung gelernt hat, kann man getrost am Museumseingang ablegen, denn das hier ist anders und neu: eine Herausforderung für das Schauen und Nachdenken.

Man muss innerlich ganz ruhig werden, um in die Bilder und das Sehen tiefer einzutauchen und gleichzeitig machen einen die Werke, die einem sehr langsamen und sorgfältigen Schaffensprozess entstammen, ruhig. Beschaulichkeit – bei Franz Gertsch kann man sie üben.

Fünf Gemälde aus der aktuellen blauen Phase des über 90-jährigen Künstlers sind noch bis zum 28. August im Museum Franz Gertsch in Burgdorf in einem Raum versammelt. Ich konnte mich nicht sattsehen an den faszinierenden Alterswerken und habe die Ausstellung «Blau» (bis. 28. August 2022 im Museum Franz Gertsch, Burgdorf) zum Thema meines neuen Kunstvlogs gemacht, der am Samstag veröffentlicht wird.

Im Herbst feiert das Franz-Gertsch-Museum in Burgdorf (Kanton Bern) 20-jähriges Bestehen. Dann werden im gesamten Haus Werke seines berühmten Namensgebers ausgestellt sein.

 

Abbildung: Franz Gertsch, «Gräser VIII», 2019/20, © Franz Gertsch, Foto: Dominique Uldry

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