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Lesedauer: 5 Minuten

Tierische Jungferngeburt und lebenslanges Zölibat

Und dann fragt man sich: Wieso haben wir davon im Biologieunterricht nichts erfahren? Oder im Religionsunterricht? Es wäre so viel interessanter, spannender, lustiger gewesen. Aber gut, vielleicht wussten es unsere Lehrer und Lehrerinnen selbst nicht – oder sie wollten sich nicht in die Nesseln setzen, vorstellbar. Auf jeden Fall bietet jetzt eine ungewöhnliche und sehenswerte Sonderschau in Bern Gelegenheit zum Informations-Update: «Queer – Vielfalt ist unsere Natur» im dortigen Naturhistorischen Museum.

Eine rote Tür öffnet sich wie von Zauberhand und jeweils fünf Homo sapiens dürfen eintreten, während die restlichen kleinen und grösseren Menschen in einer langen Schlange warten müssen. Denn die Ausstellung «Queer — Vielfalt ist unsere Natur» ist ein Besuchermagnet. Begrüsst wird man von der charmanten Drag-Performerin Jovana Hitz. Im Influenzerstil stimmt sie oder er in einem kurzen Video auf das kommende Querreich ein.

Und dann ist man auch schon mittendrin im regenbogenbunten Wunderlanddschungel andersliebender Tüpfelhyänen, transvestitischer Strumpfbandnattern und über Trans-Super-Kräfte verfügender Clownfische. Im Dschungel der Evolution scheint tatsächlich nichts unmöglich zu sein.

Die Natur durchkreuzt kulturell tradierte Bilder braver heterosexueller Pärchen (wir kennen es z.B. von der Arche Noah, wo Tiere paarweise an Bord gehen), wo immer sie nur kann.

«Queer» als menschliche Kategorie auf Tiere anzuwenden, sei «heikel», heisst es vorsichtig in einem Wandtext. «Aber wenn der Begriff für Geschlechtervielfalt stehen soll, dann darf man die Natur mit Fug und Recht als queer bezeichnen.»

Wunder der Natur

In einer bunten Landschaft wie aus alternativen Kinderläden sind Schaukästen angeordnet und auch einige Terrarien und Aquarien.

Wir erfahren von Wesen, die das andere Geschlecht inklusive Sexualbotenstoffen imitieren können, von Spezies mit nur einem oder aber mit tausenden Geschlechtern; 23 328 Geschlechter sollen es beim Spaltblättling sein, der auf heimischen Buchen lebt. Oder gar Tieren, die Geschlecht, Farbe und Form wie auf Knopfdruck verändern können und sozusagen Trans-Tiere sind.

Letzteres gelingt dem Clownfisch besonders eindrücklich. Das grösste Männchen in einem Schwarm kann sich in ein Weibchen verwandeln, wenn es Weibchenmangel gibt. Es existieren aber auch Arten, wo Weibchen zu Männern mutieren oder Formen der Altersweiblichkeit; alten männlichen Kröten können Eierstöcke wachsen.

Natürliche Formen der Geschlechtsumwandlung gibt es auch bei Seepocken. Diese entwickeln riesige Penisse. Ist das Sperma aufgebraucht, werden sie zu Weibchen. Entdecker der Eigenart ist kein geringerer als Charles Darwin.

Ganz wie die Mama

Ziemlich verbreitet ist im Tierreich die Jungfernzeugung. Viele Insekten können es und sogar einige Wirbeltiere. Biolog*innen sprechen von «parthogenetischer» Vermehrung.

Hormone können Eizellen eine Befruchtung vorgaukeln und diese beginnen sich zu teilen. Die Nachkommen sind allerdings immer weiblich und Klone der Mutter – «ganz wie die Mama» eben. Auch Komodowarane auf einsamen indonesischen Inseln behelfen sich mit dem Trick der Natur und werden aus sich heraus schwanger. Bei der kaukasischen Feldeidechse existieren keine Männchen. Die Art ist ein Hybrid aus zwei anderen Felseidechsenarten.

Auch mikroskopisch kleine Rädertierchen auf dem Boden unserer Gewässer sind immer weiblich, sie leben bereits seit Millionen von Jahren im Zölibat.

Bei nordamerikanischen Strumpbandnattern gibt es «Transvestiten», die im Körperbau und Verhalten Weibchen gleichen und sogar Sexuallockstoffe imitieren, um andere Männchen zum Liebesspiel zu gewinnen. Bei Tüpfelhyänen sind auch Weibchen mit Penissen ausgestattet. Reismehlkäfer deponieren Sperma geschickt im Genitalbereich anderer Männchen. Bei der Übertragung verbreitet der Kollege das fremde Sperma.

Bock auf Widder

Sexuelle Verhaltensweisen sind im Tierreich nicht festgelegt. Das beweisen auch bisexuelle Haustiere oder Widder, die nur auf Widder Bock haben. Forscher*innen haben homosexuelles Verhalten bei mehr als 1500 Tierarten beobachtet, darunter Blaumeisen, Kolkraben, Seelöwen, Pinguine und Koalas. Und Laysan-Albatrosse leben «lesbisch»; ein Weibchen lässt sich begatten und zieht den Nachwuchs mit der Partnerin auf.

Was folgt für Menschen aus den diversen Befunden? Und welche Botschaft möchte das Museum Besucher*innen vermitteln? Das erklärte Ziel der Ausstellung besteht darin, das verbreitete Töpfchendenken zu überwinden: ein Töpfchen für sie, eines für ihn. Aus biologischer Sicht, so heisst es, werden mit «weiblich» und «männlich» eher Pole bezeichnet, die vielfältige Abstufungen zulassen.

Durch die Parallelisierung von tierischem und menschlichem Sexualverhalten liegt der naturalistische Fehlschluss zwar nahe, also die Ableitung von Normen aus der Natur. Um Normen aber geht es in «Queer — Vielfalt ist unsere Natur» an keiner Stelle, sondern um deren Auflösung. Und darum, auf die destruktive Wirkung gesellschaftlicher Stigmatisierung für Individuen hinzuweisen. Diese ist nicht zuletzt auch aus verengten Bibellektüren erwachsen.

Binäre Brille

In einer Hörstation erklärt der Theologe Mathias Wirth (Universität Bern), dass Gen 1,27 («Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.») oft mit einer «binären und heteronormen» Brille gelesen und «patriarchalisch zugespitzt» worden sei.

Tatsächlich steht in Gen 1,27 nichts von Über- oder Unterordnung, sondern von einer gleichmässigen Verteilung des göttlichen Segens. Mit «männlich» und «weiblich» sind Pole benannt (Merismus) zur Bezeichnung einer Gesamtheit.

Nur andeutungsweise zeigt die Ausstellung auf, dass Sex keineswegs immer einvernehmlich und gewaltfrei abläuft und Paarungsverhalten auch tödlich enden kann. Phänomene wie Vergewaltigung, Pädophilie oder Sexualmord werden ausgeblendet. Sicherlich auch, weil «Queer — Vielfalt ist unsere Natur» ein Ausstellungsvergnügen für die ganze Familie sein soll; die Schau wird für Menschen ab zwölf Jahren empfohlen.

Unter einem «Baum der Bekenntnisse» kann man sich nach dem schwindelerregenden Parcours durch das Querreich Rechenschaft über eigene Begehrensströme geben. Den Ausgang bilden drei Türen, zwischen denen man wählen kann: «Ich habe keine neuen Erkenntnisse gewonnen», «Ich muss meine Funde zuerst noch in Ruhe auswerten» oder «Ich habe neue Entdeckungen gemacht». Ich bin bereichert durch die dritte Tür marschiert.

Die Sonderausstellung «Queer — Vielfalt ist unsere Natur» läuft bis 10. April 2022 im Naturhistorischen Museums Bern.

Komodowaran-Weibchchen pflanzen sich zur Not ohne Sex fort; Copyright: NMBE/ Rodriguez

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13 Kommentare zu „Tierische Jungferngeburt und lebenslanges Zölibat“

  1. Das könnte man als Bereicherung sehen.
    Die Reaktion konservativer Gläubiger wird wohl eher sein: Da sieht man deutlich, wie gefallen die ganze Schöpfung ist – und eben auch das Tierreich. Denn auch hier ging jede Zucht und Ordnung nach dem Sündenfall verloren.

    Angesichts des erwähnten nicht-gewaltfreien Paarungsverhaltens stellt sich mir die Frage: Wo verläuft die Grenze zwischen “Das ist begrüßenswerte, gewollte (und auch bei Menschen anzuerkennende) Vielfalt” und “Das ist ein Teil der Natur, der nicht ‘in Ordnung’ ist”? Hier ziehen ja konservativ denkende Menschen an einer anderen Stelle eine Grenze als liberale.

  2. Manuel Schmid

    Danke Johanna für diesen spannenden, bunten und geistreichen Beitrag! Toll dass du ausdrücklich auf den naturalistischen Fehlschluss zu sprechen kommt, der im Blick auf das Motto der Ausstellung natürlich naheliegt – und auf die eher vernachlässigten Beispiele von sexueller Gewalt im Tierreich.
    Sicher kann das mit dem Eintrittsalter der Ausstellung erklärt werden. Die Erinnerung ist aber jedenfalls hilfreich, dass sich Beobachtungen aus der Natur nicht dafür eignen, normativ gedeutet und zur Grundlage moralischer Urteilsbildung gemacht zu werden.
    Ich finde übrigens die Rede von den beiden Polen (auch im Blick auf den biblischen Schöpfungsbericht) enorm hilfreich (es heisst ja wörtlich auch nicht «als Mann und als Frau schuf er sie», sondern eher «männlich und weiblich schuf er sie»).

  3. Johanna Di Blasi

    Danke für Eure Kommentare und Denkanstösse! Der Gedanke einer „gefallenen“ Schöpfung ist glaube ich in dem Mass in die Ferne gerückt, in dem die Sorge um den Erhalt des Gleichgewichts von Natur und Klima gewachsen ist. Wir sehen jetzt die feine Abgestimmtheit von Allem, das Wunderbare.

    1. Hm… das mag für das landeskirchlich-liberale Milieu gelten, aber für freikirchlich-konservative Kreise kann ich diese Fokusverschiebung nicht in diesem Maße erkennen. Je konservativer, desto häufiger sind dort auch Klimawandelskeptiker/-leugner zu finden. In diesem Milieu wird immer noch das Hauptaugenmerk auf eine (sexual)moralisch verdorbene Gesellschaft gelegt. Deshalb gelten dort zB auch die Grünen (wegen ihrer Unterstützung einer “Gender-Agenda” und der Nähe zur LGBTQ-Community) als (O-Ton!) “total gottlos” oder gar “teuflisch” und Wahlerfolge der Grünen werden als “endzeitliches Gericht” gedeutet und als Resultat einer irregeleiteten Gesellschaft. Man hat dort auch Angst vor einer linkgsgrünen Genderdiktatur.

      1. Johanna Di Blasi

        Für mich ist es unverständlich, dass gerade Menschen, die sich für konservativ halten, mit ihrer Klimaskepsis indirekt einen modernen Lebenstil verteidigen, der die Vielfalt der Schöpfung gerade nicht bewahrt, also konserviert. In einem Video habe ich das Problem kürzlich angerissen: https://www.reflab.ch/grief/

        1. Aus rationaler Sicht ist das für mich auch unverständlich.
          Ich kann es aber aus meinen Beobachtungen, Gesprächen und meiner eigenen konservativ-evangelikalen Sozialisation heraus nachvollziehen. Mein Eindruck ist, dass da mehrere Faktoren zusammenkommen. Grob zusammengefasst würde ich es bezeichnen als eine Mischung aus einer wissenschaftskritischen Haltung, der Tendenz, mit dem Finger auf andere zu zeigen (das kann man im Bereich Sexualität sehr gut) und dem Bedürfnis, den eigenen Status quo zu erhalten, was ja auch ein Merkmal nicht-gläubiger Konservativer ist. Ebenso spielen da aus meiner Sicht auch die Klagen über “die Welt” und ihre moralische Verkommenheit bei gleichzeitigem Nicht-Hinterfragen des eigenen Welt-Seins mit rein – denn man reduziert ja die Verkommenheit der Welt auf ihre sexualmoralischen Ansichten und ihre “Gottlosigkeit”, die sich zB auch in einer Wissenschaftsgläubigkeit statt Bibelgläubigkeit zeigen soll.
          Ein weiterer Aspekt könnte auch die Tendenz sein, unsere Zeit als die “wirkliche” Endzeit zu begreifen und davon auszugehen, dass der Untergang der Welt unausweichlich ist – weshalb alles menschliche Bemühen, das Ruder noch herumzureißen, in jedem Falle vergebens sein wird. Denn die Naturkatastrophen sind nicht auf einen menschengemachten Klimawandel zurückzuführen (und insofern so etwas wie ein “Gericht”), sondern im göttlichen Plan der Weltgeschichte vorhergesehene Katastrophen oder Gerichte über die allgemeine Gottlosigkeit und moralische Verkommenheit, sie sich ereignen MÜSSEN, bevor Jesus wiederkommt.

      2. Wieso konservativ???? Einfach nur weil alle es so benennen ist das konservativ? Ich bin total feministsch aufgewachsen, Heiraten und Ehe waren für mich stets Fesseln und das hätte ich nie wollen. Ich wollte eine starke und erfolgreiche Anwältin werden, wie dies der befreiende Mainstream an der Uni Zürich mir gesagt hat.

        Nun heute bin ich so befreit wie nie zuvor, verheiratet, treu in meiner Ehe, habe so guten Sex, den ich mir nie habe vorstellen können, bin so erfüllt wie nie zuvor, bin Mama, arbeite für “befreite” Kreise “nur” Teilzeit, bin für “befreite” Kreise zu einem Grossteil der Zeit “nur” “Mama und Ehefrau” – das ist aber für mich die tatsächliche, persönliche, genialste Revolution und so queer für mich selbst wie die queerste Sexualität, wie sie oben dargestellt wird auch nur sein kann, anscheinenend nennen mich andere Konservativ?? Total krass? Habe Homosexuelle Freunde, total am Boden zerstört, weil ihre Xte Beziehung gerade wieder auseinandergebrochen ist, dafür wollten sie gerade eben noch heiraten, das haben sie uns freudig auf unserem Sofa erzählt.
        BEFREIT EUCH FREUNDE! BEFREIT EUCH VON POLITIK UND IDEOLOGIE UND RELIGION! JESUS MACHT MEGA FREI – BENENNT UND BEURTEILT NICHT ANDAUERND ANDERE ! DAS LEBEN MIT JESUS ERFÜLLT; SCHENKT DEN BESTEN SEX EVER UND MACHT GLÜCKLICH UND VERHEBET LANGFRISTIG!!!!!!

        1. Stephan Juette

          Liebe Raffaela,
          ich freue mich, dass du auf deine Weise glücklich geworden bist. So wirklich “befreit” kommt dein Kommentar aber bei mir nicht an. Vielleicht liegt es an der Grossschreibung.

        2. Hallo Raffaela,
          das klingt wirklich nach einem erfüllten Leben. Schön, wenn du in deiner Weise zu leben und zu glauben Freude und Zufriedenheit gefunden hast!
          Das ist für mich ein gutes Beispiel dafür, dass man nicht pauschalisieren sollte. Ich kenne nur eben viele, bei denen es andersherum ist/war. Die immer sagten und dachten, mit Jesus und einer bestimmten Frömmigkeitsform (die ich und viele andere und sie selbst als “konservativ” bezeichnen) hätten sie die beste Beziehung und den besten Sex. Aber dann war das Gegenteil der Fall. Bis hin zu Missbrauch, der aber fromm übertüncht und dadurch gebilligt wurde. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf in einer christlichen Sphäre, in der Jesus die besten und erfülltesten Beziehungen und den besten Sex schenkt, wenn man nur heterosexuell ist und sich (und wenn es nur dem äußeren Schein nach ist) an alle sexualmoralischen Regeln hält…

  4. Ich frage mich wieso einfach jeder Artikel, welche ich jeweils wieder mal anwähle im REF LAB in mir Kopfschütteln auslöst……

        1. Liebe Raffaela,
          darf ich fragen, wo dir bei Reflab konkret etwas angetan wird? Ich bin zwar noch nicht lange Leserin und Hörerin der Beiträge, aber mir ist noch keiner untergekommen, in dem der Name Raffaela fiel oder eine persönliche Verunglimpfung einer Raffaela vorkam.

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