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Lesedauer: 4 Minuten

Kirchenschiffsbruch

Am Abend des 15. April 2019 schossen plötzlich Flamme aus dem Dachstuhl der mittelalterlichen Kathedrale Notre-Dame de Paris. Glutnester, schwarze Rauchschwaden, surreale, verstörende Bilder, die um die Welt gingen. Der Spitzturm und das Dach stürzten ein. In Paris blieben Menschen wie angewurzelt auf Strassen und Plätzen stehen und starrten auf das Schauspiel, auch vor Bildschirmen flossen Tränen.

Wir gingen bedrückt zu Bett und machten am nächsten Morgen noch in Nachthemden oder Pyjamas als erstes Radios und Computer an. Die Feuerherde waren nicht vollständig unter Kontrolle ­­– aber sie stand noch! Und sie steht noch immer. Aber wir haben gelernt: Die Steinriesin ist weniger robust, beständig, ewig als geglaubt.

Die Gebäudesicherungsarbeiten sollen in den kommenden Monaten abgeschlossen, der Rest der insgesamt 40 000 verkohlten Gerüstteile abgebaut und der Bleistaub entfernt werden, damit Anfang des kommenden Jahres die eigentliche Restaurierungsphase beginnen kann.

Präsident Macron hat persönlich in Aussicht gestellt, dass am fünften Jahrestag der Brandkatastrophe, also 2024 – pünktlich zur Präsidentschaftswahlkampagne und kurz vor den Olympischen Spielen – erstmals wieder Gottesdienst in der berühmtesten Kathedrale Frankreichs gefeiert werden kann. Trotz pandemiebedingter Verzögerungen hält man in Paris weiterhin an dem angekündigten Termin fest.

Kreuzgerippe

Was, wenn Notre-Dame de Paris als Folge des katastrophalen Feuers im April vor zwei Jahren eingestürzt wäre? Man hätte es wohl kaum anders als symbolisch lesen können. Kirchen-Schiffe sind ja durch und durch symbolisch: vom Grundriss aus multiplen Kreuzen über die Kreuzrippengewölbe und Kreuzblumen bis zu den Rosetten, die dem Kreuz die Rose beigesellen, und der Form des Schiffes. Das Rettungsschiff wäre, bildlich betrachtet, untergegangen.

Aber ist es nicht ohnedies längst gesunken? Ist mehr übrig als ein von Korallen und Algen besiedeltes altes Wrack?

«Gott» und «Glaube», klingt das nicht in vielen Ohren ziemlich ruinös oder zumindest antiquiert? In jedem Fall lassen sich auf solchen Begriffen heute keine Kathedralen mehr aufbauen. In den Himmel schiessen nicht mehr Kirchen, sondern Türme von Banken, Versicherungen und multinationalen Konzernen.

Für die mittelalterlichen Bauherren waren religiöse Begriffe mit Sicherheit anders gefüllt, vielleicht sogar mit entgegengesetzten Assoziationen und Überzeugungen, als heute.

Wir begreifen heute nicht mehr, was die damaligen Kathedralenerbauer so sehr beflügelte, dass sie Steine filigran in den Himmel türmten. Irgendetwas aber ergreift uns in den alten Gotteshäusern noch immer.

Etwas scheint in den Mauern aufgehoben, eine Erinnerung, eine Begeisterung, eine Kühnheit. Möglicherweise existieren zukünftige Anknüpfungspunkte, die wir uns heute noch nicht ausmalen können. Freilich: Gemeinschaft ist nicht an Gebäude gebunden. Manchmal aber organisieren Räume ein Gemeinschaftsgefühl.

In Paris wurde um 1160 an der Stelle eines Vorgängerbaus ein gotischer Chorrundung mit Spitzbogenfenstern hochgezogen. Dann wurden Pfeiler aufgemauert, es folgte ein Holzdach aus tausenden Baumstämmen, darunter wuchs das steinerne Gewölbe, bis 1220 waren das Kirchenschiff und die Westfassade fertig, bis 1245 Türme und Querschiff. Um 1300 wurden die letzten Chorkapellen fertig gemauert. Eineinhalb Jahrhunderte wurde an der Kathedrale gebaut, von sieben bis acht Generationen. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Bautätigkeit fortgeführt, nunmehr mit dem Impuls, eine Idealversion zu schaffen.

Der junge amerikanische Architekturhistoriker Myles Zhang zeichnet anhand eines 3D-Modells als virtuelle Zeitreise in vier Minuten nach, was in achteinhalb Jahrhunderten geschah, inklusive Feuer und Rettung. Am Schluss hebt das kunstvolle Kirchenschiff ab wie das Kubrick-Raumschiff aus «2001: Odyssee im Weltraum».

Wir sitzen alle im selben Boot

Die jetzige Instandsetzung ist im laizistischen Frankreich Staatsaufgabe. Auf der Website des Ministère de la Culture kann man sich unter dem blau-weiss-roten Logo und den revolutionären Attributen «Liberté, Égalité, Fraternité» über Baufortschritte informieren. In der Französischen Revolution hatte eine Stimmung der «Cancel Culture» geherrscht. Notre-Dame wurde nicht abgerissen, aber entweiht und zum «Tempel der Vernunft» erklärt. Später diente sie als Weindepot.

Die französischen Revolutionäre hätten sich kaum vorstellen können, dass 200 Jahre später die Instandsetzung der Kathedrale eine vordringliche republikanische Staatsaufgabe sein und die Restaurierung von vielen, ob religiös oder atheistisch, als Heilung einer Wunde angesehen würde.

Im symbolischen Haushalt, und ich denke in den Empfindungen vieler, haben sich Monumente wie die Notre-Dame vom Ursprung, in diesem Fall christlich und national, weitgehend gelöst. Sie sind emphatische Identifikationspunkte für viele und nicht bloss Weltkulturerbe im blassen Sinn der Unesco-Diplomatie. Spenden für den Wiederaufbau der Notre-Dame kommen aus aller Welt. Der Verlust des Weltkulturerbes wäre ein Verlust für die ganze Welt. Genau wie es der Verlust der Bamiyan-Buddhas in Afghanistan im Frühling vor genau zwanzig Jahren gewesen ist.

Photy by Nivenn Lanos on Unsplash

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