Aus der medialen Berichterstattung über den «Marzili-Vorfall», bei dem eine trans Frau unter Polizeieinsatz aus dem Frauenbereich eines Schwimmbads weggebracht wurde, spricht vor allem eines: Unbehagen.
Zwischen den Zeilen wird das ethische Dilemma spürbar. Es scheint zwei Seiten zu geben: diejenige der (Cis-)Frauen, die sich vom Anblick einer Person mit männlichem Geschlechtsorgan bedrängt fühlten. Und die Seite der trans Person, die auf ihrem Recht auf Teilhabe an einem Raum bestand, der sie als Frau schützt.
Diese Gegenüberstellung greift zu kurz.
Sie spielt denjenigen Stimmen in die Hände, die jetzt in den Kommentarspalten laut behaupten, dass es ohnehin nur zwei Geschlechter gebe und Rechte von trans Frauen diejenigen von cis-Frauen bedrohten.
Um es an dieser Stelle ganz deutlich zu machen: Die geschlechtliche Selbstbestimmung einer Person ist aus unserer Sicht nicht verhandelbar.
Und trotzdem gibt es weder für die verfahrene Diskussion noch für die konkrete Badi-Situation eine einfache Lösung, ein «richtig» und ein «falsch».
Das ethische Dilemma
Aus ethischer Perspektive liegt hier ein Dilemma vor, das mit einer sogenannten Güterabwägung gelöst werden soll. Das bedeutet, dass unterschiedliche, sich möglicherweise widersprechende Interessen benannt, ausgelotet und miteinander in ein Verhältnis gebracht werden.
Bei einer Güterabwägung besteht Spielraum: Je nachdem, wie die Güter gewichtet werden, ergibt sich eine andere Stossrichtung. (Weitere Beispiele dafür sind die ethische Abwägung von Schwangerschaftsabbrüchen oder die Debatte um religiöse Symbole in der Öffentlichkeit.)
In der Marzili-Situation sind u. a. folgende Güter zu beachten:
- Das Recht von Frauen auf Schutz vor sexueller Belästigung
- Das Recht von trans Personen vor queerfeindlicher Gewalt und Diskriminierung
- Die Zugänglichkeit eines definierten Schutzraums für berechtigte Personen
Die administrative Lösung, dass der weibliche Geschlechtseintrag den Zutritt erlaubt, stellt im Kern den Versuch dar, diese Güterabwägung in eine praktikable Regel zu übersetzen.
Problem also gelöst, möchte man meinen. Warum dann diese Emotionen?
Nun: Güterabwägungen ermöglichen zwar plausible Argumentationen zur pragmatischen Lösung einer Dilemmasituation, oder sogar für eine rechtliche Handhabung.
Weder schaffen sie aber moralische Eindeutigkeit, noch lösen sie die emotionale Spannung auf, die in einer solchen Situation entsteht.
Diese Spannung werden viele Lesende der aktuellen Medienberichte verspürt haben, und sie war auch bei Anwesenden vorhanden, wie eine Frauenbad-Besucherin bei Watson angibt: «Sind wir etwa transfeindlich? Weshalb reagieren wir so?» Diese Fragen sind wichtig, denn sie berühren die emotionale Ebene.
Die pragmatische Lösung, Zutritt zu einem Frauenbereich über das amtliche Geschlecht zu regeln, mag Rechtssicherheit schaffen. Sie kann aber auch eine Klarheit suggerieren, die gesellschaftlich noch nicht breit abgestützt ist. Rationale Überlegungen werden im Moment von spontanen emotionalen Reaktionen überlagert.
Auch die Rechte von von Diskriminierung und Gewalt betroffenen Gruppen gegeneinander auszuspielen, führt nicht weiter. Und ebenso wenig zielführend ist es, Umfrageresultate als Leitlinien für Regelungen zu wählen. Gesellschaftliche Prozesse sind Austauschprozesse, keine ja/nein-Bestimmungen.
Was für eine Gesellschaft wollen wir sein?
Diese Austauschprozesse braucht es in einer Gesellschaft konstant. In der aktuellen Frage war absehbar, dass sich solche Dilemmasituationen ergeben:
Denn während sich der Feminismus der früheren Generationen für die Rechte von (Cis-)Frauen einsetzte, ist der Feminismus der «dritten Welle» intersektional. Das bedeutet, dass nicht nur die Diskriminierung von Frauen bekämpft wird, sondern auch diejenige von anderen marginalisierten Gruppen wie People of Color, Menschen mit Beeinträchtigungen oder eben LGBTIQ+.
Dass sich die Bedürfnisse nicht immer treffen, ist klar – Dilemmata sind unausweichlich.
Die zentrale Frage lautet deshalb: Was für eine Gesellschaft wollen wir sein?
Wenn die Antwort darauf heisst: eine inklusive Gesellschaft ohne Gewalt, dann ist der Weg dorthin mitnichten einfach und kurz. Vielmehr umfasst er viele einzelne Schritte. Es handelt sich um einen Transformationsprozess, und ein solcher erfordert viel Arbeit.
Das Aushalten von Unbehagen angesichts der ethischen Fragen, die sich stellen, gehört zu diesem Weg dazu.
Es braucht einen informierten und reflektierten Umgang mit der Lebensrealität von trans Menschen in der Gesellschaft sowie ein Bewusstsein für die Gefahren, denen sie spezifisch ausgesetzt sind. Ein reflektierter Umgang mit Gender, mit dem Spektrum des Geschlechts, das eben nicht binär ist.
Badeanstalten organisieren Schulungen ihres Personals zum Umgang mit Konfliktsituationen. Doch auch gesellschaftlich muss es Diskurse und Räume geben, um den Weg zu einer inklusiven Gesellschaft mit all seinen Schritten gemeinsam zu gehen.
Queere Menschen haben die gleiche Würde wie cis-/hetero-Personen. Gefühle sind valide. Bedürfnisse dürfen geäussert werden.
Die Sätze, die auch gesellschaftliche Errungenschaften darstellen, können nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sondern es gilt, sie konsequent durch- und weiterzudenken. Das bedeutet, nicht wieder Fronten zu schaffen, sondern Räume, in denen an einem Weg zu mehr Inklusion und Teilhabe gearbeitet werden kann.
«Schule des Unbehagens»
Die Gewaltfreie Kommunikation beispielsweise bietet Frameworks für solche Wege: Einander gegenseitig zuhören und die Gefühle, die auftauchen, erst einmal wertfrei wahrnehmen. (Lebens-)geschichten und Erfahrungen teilen, auch solche von Diskriminierung und Gewalt. Dafür Empathie ausdrücken. Bedürfnisse äussern, gemeinsame Ziele vorschlagen.
Tess Wehmeyer und Charlotte Sewell haben das Konzept einer «School of Discomfort» geschaffen. Ein Format für Transformationsprozesse, mit dem Menschen lernen, Unbehagen auszuhalten und sogar hineinzugehen, anstatt schwierigen Gefühlen und Gesprächen auszuweichen.
Wehmeyer hält in einem «Uncomfortable Conversations Maniflexo» («Maniflexo» steht für ein sich in Entwicklung befindliches Manifest) u. a. Folgendes fest:
- «Wir begrüssen unangenehme Gespräche als Möglichkeit für persönliches und kollektives Wachstum.»
- «Wir hören aktiv zu, mit dem Ziel, andere vor dem Antworten wirklich zu verstehen.»
- «Wir streben an, Lösungen zu finden und in/mit gegenseitiger Abhängigkeit weiterzugehen, anstatt uns einfach zu beklagen.»
Dabei zu beachten ist, dass es einen Unterschied zwischen produktivem Unbehagen gibt, das zu Wachstum führt, und Retraumatisierung, die Weiterentwicklung blockiert. So sind solche Gespräche für traumatisierte Personen womöglich schwierig – vor allem in grösseren Runden. Hier sind Dachorganisationen sowie «Allies», die die Geschichten und Erfahrungen von Betroffenen gut kennen, als Stellvertretung gefragt.
Räume schaffen statt Fronten
Transformation erfordert zum einen Zeit: Wir müssen akzeptieren, dass sie nicht von heute auf Morgen vonstatten geht. Umso wichtiger ist, dass es für besonders gefährdete Personen währenddessen unterstützende Angebote gibt, denn Diskriminierung kann Leben kosten.
Und Transformation erfordert auch Mut:
Mut, das Unbehagen, das sich bei Veränderungen unweigerlich einstellt, nicht zu überspielen, sondern in geeignetem Rahmen zu verbalisieren.
Dieser Rahmen muss nicht zwingen institutionalisiert sein wie bei der «School of Discomfort». Er kann auch direkt und persönlich im Alltag stattfinden.
Beim Schreiben dieses Artikels wurde dies direkt erprobt: Mit meiner Artikelidee gelangte ich an eine trans Person aus der RefLab-Instagram-Community mit der Bitte, die Gedanken aus ihrer Sicht zu spiegeln. Denn ich bin zwar als Frau «betroffen» von der aktuellen Debatte um einen Schutzraum, um den auch ich froh bin. Allerdings kann ich als cis-Person nur Annahmen treffen darüber, wie meine Gedanken bei trans Menschen womöglich ankommen. Die Kontaktaufnahme war verbunden mit dem Risiko, den Artikel danach nicht so schreiben zu können, wie er aus meiner Sicht als cis-Frau Sinn ergibt. Entstanden ist aber ein äusserst wertvoller Austausch.
Ich bedanke mich also herzlich bei Tess Wehmeyer (Insta | LinkedIn) fürs Spiegeln meiner Gedanken im Schreiben des Artikels.
Ebenso danke ich Prof. Michael Coors für sein Feedback auf die ethischen Überlegungen.
Foto von Kateryna Ivanova auf Unsplash







