Less noise – more conversation.
Lesedauer: 9 Minuten

Das schlechteste Buch aller Zeiten. Oder: Ein kleines Kompendium der Fehlschlüsse.

«Das große Geheimnis des Lebens ist das Gesetz der Anziehung.

Das Gesetz der Anziehung sagt: Gleiches zieht Gleiches an. Sowie Sie also einen Gedanken hegen, ziehen Sie gleiche Gedanken an.

Gedanken sind magnetisch, und Gedanken haben eine Frequenz. Während Sie denken, werden Ihre Gedanken ins Universum ausgesandt, und sie ziehen magnetisch alle gleichen Dinge an, welche die gleiche Frequenz aufweisen. Alles, was ausgesandt wurde, kehrt zum Ursprung zurück – zu Ihnen.

Sie sind wie ein menschlicher Sendeturm; Sie senden mit Ihren Gedanken eine Frequenz aus. Wenn Sie in Ihrem Leben etwas ändern möchten, dann wechseln Sie die Frequenz, indem Sie Ihre Gedanken ändern.

Ihre gegenwärtigen Gedanken erschaffen Ihr künftiges Leben. Woran Sie am häufigsten denken und worauf Sie sich besonders intensiv konzentrieren, wird zu Ihrem Leben werden.

Ihre Gedanken werden Dinge.»

(Rhonda Byrne: The Secret)

Die Idee

Die Idee des Erfolgsbuches ist so banal, dass sie locker auf einen Bierdeckel passt. Man könnte sie folgendermassen zusammenfassen:

«Das fundamentale Gesetz der Anziehung macht es unausweichlich, dass wir mit unseren Gedanken dasjenige anziehen, wonach sie sich richten.»

Und haben wir das nicht alle schon erlebt?

Wir denken an eine Freundin oder Verwandte, von der wir schon lange nichts mehr gehört haben – und just in diesem Moment ruft sie uns an oder steht sogar vor unserer Haustüre? Wir sind knapp dran für ein Meeting und denken noch: «Bestimmt wird ausgerechnet heute Chaos auf den Strassen herrschen…» – und tatsächlich liegen auf unserem Weg zahllose Baustellen, wegen eines Unfalls ist eine Strasse gesperrt und die Lichtsignale stehen auch alle zuerst mal auf Rot. Oder wir haben eine Vorahnung, dass es um die Gesundheit eines Familienangehörigen nicht gut bestellt ist, und die Untersuchung beim Arzt ergibt auch wirklich eine niederschmetternde Diagnose.

Voilà: Das Gesetz der Anziehung. Unbestechlich und zuverlässig.

Das Gute daran: Wir können dieses Gesetz auch für uns arbeiten lassen, indem wir gute, positiv-erwartungsvolle Gedanken hegen.

Wer sich nämlich seinen beruflichen Erfolg vor Augen malt, wer seinen Traum von Wohlstand und Gesundheit bewusst visualisiert, wer beim Universum die Frau seines Lebens bestellt, der wird diese Dinge und Personen unwiderstehlich an sich ziehen.

Das ist es, das «Geheimnis». Und das sagt uns nicht nur Rhonda Byrne – das lehren uns bereits hochrespektable Gelehrte wie Plato, Galileo, Newton, Edison und Einstein.

Was bitte könnte daran also falsch sein? Nun, eine ganze Menge.

Autoritätsargumente

Beginnen wir bei den genannten Geistesgrössen, welche das Gesetz der Anziehung angeblich unisono bekräftigen. Die Autorin gibt ihrem Buch damit von Vornherein den Anschein wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit und verschiebt die Beweislast auf diejenigen, die es wagen, genialen Denkern wie Galileo oder Einstein (oder auch den im Buch zitierten Quantenphysikern) zu widersprechen.

Diese Referenzen sind ein Paradebeispiel für das sogenannte «Autoritätsargument», auf lateinisch auch ein «argumentum ad verecundiam» genannt – also eine Beweisführung durch Ehrfurcht: Man beruft sich auf Autoritäten, die besonderen Respekt geniessen oder ausgewiesene Expertise besitzen, um seine Überzeugung unanfechtbar zu machen.

In logischer Hinsicht ist ein solches Argument natürlich alles andere als zwingend, da die Geschichte der Menschheit und gerade auch diejenige der Wissenschaft voller angesehener Autoritäten ist, deren Einsichten überholt oder widerlegt wurden.

Besonders problematisch werden Autoritätsargumente dann, wenn Experten mit Aussagen zitiert werden, die überhaupt nicht in ihr Fachgebiet fallen. Stephen Hawking ist zweifellos eine Koryphäe in Astrophysik, genauso wie Richard Dawkins ein ausgewiesener Kenner der Evolutionsbiologie ist. Was die beiden über den Sinn des Lebens, die Existenz Gottes oder das Jenseits zu sagen haben, profitiert von ihrer naturwissenschaftlichen Expertise aber eigentlich überhaupt nicht.

Und was Byrne mit dem «Gesetz der Anziehung» beschreibt, ist offensichtlich nichts, was in den Untersuchungsbereich der Physik fällt (auch nicht der Quantenphysik, die in populären Büchern schon für allen möglichen Blödsinn herhalten musste).

Als ernstzunehmende Referenz auf Autoritäten kommen die Verweise auf Einstein und Co. aber ohnehin nicht in Frage, da sie erst gar nicht zitiert, sondern unbelegt für Thesen in Anspruch genommen werden, denen sie nie und nimmer zugestimmt hätten.

Die Stichhaltigkeit von Autoritätsargumenten ist (auch bei angemessener Anwendung) sehr beschränkt. Nicht zitieren, sondern selber denken, lautet hier die Devise.

Bestätigungsfehler

Auch beim Selberdenken stellen sich uns allerdings Hindernisse in den Weg. Das erste hat schon grundlegend mit der Art und Weise zu tun, in der wir unsere Welt wahrnehmen und ihr einen Sinn abgewinnen. Das alte talmudische Sprichwort ist nämlich inzwischen kognitionspsychologisch vielfach verifiziert worden:

«Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, sondern wir sehen sie, wie wir sind.»

Humanwissenschaftlich spricht man hier von «kognitiven Verzerrungen» und «selektiver Wahrnehmung». Und auch das kennen wir alle:

Ausgerechnet wenn wir uns für eine Diät entscheiden, wird überall Werbung für unsere liebste Fastfood-Kette gezeigt! Und seit mir aufgefallen ist, dass das Bremslicht meines Autos defekt ist, tauchen ständig Polizeiwagen in meiner Nähe auf! Oder, ungleich ernsthafter: Nachdem das Paar eine Fehlgeburt verkraften musste, wimmelte es in der Stadt nur so von schwangeren Frauen und Vätern mit Kinderwagen…

Warum ist das so? Weil unsere Wahrnehmungen nicht «neutral» oder «objektiv» sind, sondern von unseren Erwartungen geformt werden. Wir «machen» Wahrnehmungen oder Beobachtungen, wie es die deutsche Sprache entlarvend klar ausdrückt.

Horoskope profitieren von diesem Phänomen seit jeher, indem sie uns vage Voraussagen machen, die eine Erwartungshaltung schaffen und unser Augenmerk entsprechend lenken («Du wirst diese Woche eine interessante Person kennen lernen…»; «Du wirst in diesem Monat eine positive Überraschung erleben…») – und genau auf diesem Effekt beruht die oberflächliche Plausibilität, welche das «Gesetz der Anziehung» für sich beanspruchen kann:

Wer mit Gutem rechnet, wird das Gute, das ihm tatsächlich passiert, auch bewusst anerkennen und sich in seiner optimistischen Erwartung bestätigt fühlen – wer aber schon beim Aufstehen überzeugt ist, dass heute mal wieder alles schiefgehen wird, der wird mit erhöhter Aufmerksamkeit auf die Unglücksfälle des Lebens achten und in seiner Erinnerung nur abspeichern, was seiner negativen Erwartung entspricht.

Nun sind das sicher interessante Einsichten, die helfen können, sich selbst besser zu verstehen und vielleicht sogar die eigene Lebenseinstellung zu verändern – mit einem geheimnisvollen quantenphysikalischen Attraktionsprinzip haben diese Zusammenhänge aber rein gar nichts zu tun.

Scheinkausalität

Aber gibt es nicht klare Indizien dafür, dass Menschen mit einer positiven Erwartung das Gute nicht nur bewusster wahrnehmen, sondern es auch tatsächlich gewissermassen hervorrufen? Sicher. Auch das hat mit einem magischen Gesetz allerdings herzlich wenig zu tun.

Wir manipulieren mit unserer positiven Erwartung nicht die Ordnung des Universums zu unseren Gunsten – aber wir prägen eine innere Einstellung, die sich auf unser Auftreten, unsere Selbstsicherheit, unseren Mut und sogar unsere Körperhaltung (bestenfalls) begünstigend auswirken kann.

Insofern hat die Schule des positiven Denkens durchaus etwas Zutreffendes gesehen. Es ist aber Teil einer viel grösseren und unüberschaubar  komplexen Gleichung, weshalb die Reduktion des Lebens auf die simple Mechanik von Wunsch und Erfüllung meilenweit an der Realität vorbeigeht.

So hat der obige Effekt zum einen sehr enge Grenzen. Auch (und manchmal gerade!) übermässig selbstbewusste Personen können bei Bewerbungsgesprächen nicht immer überzeugen, und selbst Menschen, die fest damit rechnen, beim Arzt einwandfreie Gesundheit attestiert zu bekommen, verlassen die Praxis zuweilen mit einer Krebsdiagnose.

Ein unrealistischer Optimismus in Finanzgeschäften hat sogar nachweislich zu einem verantwortungslosen Investitionsverhalten und damit zum weltweiten Finanzcrash von 2008 geführt.

Zum anderen lässt sich selbst dann, wenn positive Ereignisse auf eine positive Erwartung treffen, meistens nicht mit Sicherheit sagen, ob der Betroffene einfach Glück hatte, oder ob er seinen «Erfolg» wirklich mit seiner Lebenseinstellung beeinflusst hat. Vertreter des positiven Denkens – allen voran die Autorin von «The Secret» – gehen in ihren Büchern gleich reihenweise dem klassischen Fehlschluss der Scheinkausalität auf den Leim (auf Lateinisch nennt man das den «post hoc ergo propter hoc»-Fehler («danach, folglich deswegen»):

Nur weil auf die Erwartung eines Ereignisses dieses Ereignis auch tatsächlich folgt, heisst das noch lange nicht, dass hier ein eigentlicher Ursache-Wirkungs-Zusammenhang besteht – spricht: dass die Erwartung das Ereignis bewirkt hat.

Dieser Fehlschluss verdient entschiedenen Widerspruch. Er bestärkt in der Praxis nicht nur eine falsche Sicherheit: Man führt sein Glück und seine Erfolge unmittelbar auf die eigenen Gedanken zurück, die sich in der aktuellen Situation materialisieren («thoughts become things») und wird blind für alle anderen begünstigenden Faktoren (sozioökonomische Vorteile, psychosoziale Ressourcen, Unterstützung durch Freunde und Verwandte, günstige Entwicklungen und Zufälle…).

Vielmehr führt dieses Denken unweigerlich auch eine eklatante Unbarmherzigkeit gegenüber jenen im Gepäck, die vom Schicksal weniger verwöhnt werden…

Gottesstandpunkt

Man könnte hier von einem weiteren Denkfehler sprechen – nennen wir ihn den Fehler des «vermeintlichen Gottesstandpunktes».

Das «Gesetz der Anziehung» ist erklärtermassen ein kosmisches Universalprinzip. Und wie alle anderen Allerklärungsformeln kann es gar nicht anders, als einer ganzen Menge von Menschen nicht gerecht zu werden und ihre Lebenswelt sträflich zu verfehlen.

Wer sich ein solches Denken aneignet, wird unweigerlich zu einer gnadenlosen Haltung jenen gegenüber veranlasst, die vom Glück nicht in gleicher Weise heimgesucht werden. Denn wer krank, erfolglos, depressiv, unglücklich verheiratet, kinderlos, pleite usw. ist, der ist – das macht «The Secret» in erschreckender Klarheit deutlich – für seine Situation völlig selbst verantwortlich. Er hat sein Schicksal mit seinen negativen Gedanken auf sich gezogen.

Letztlich ist es eine besonders kurzsichtige Version des hinduistischen Karma-Denkens: Jeder kriegt vom Leben, was er verdient hat.

Nur so lässt sich auch die völlige Unbedarftheit erklären, mit der im «Dokumentarfilm» zu «The Secret» gefragt wird:

«Warum denkst du, dass 1% der Weltbevölkerung über 97% allen Reichtums besitzt? Denkst du, das wäre ein Zufall?» – Die Antwort folgt sogleich: «Nein, natürlich nicht: Diese Menschen verstehen, wie das Universum funktioniert, sie verstehen das Geheimnis!»

Genau. Aber könnten sie auch einfach überdurchschnittlich Glück gehabt haben? Oder noch schlimmer: Könnten sie ihren Reichtum auf Kosten anderer angehäuft, durch Betrug und Menschenschinderei erlangt haben?

Das biblisch-weisheitliche Denken ist an dieser Stelle viel realistischer – und viel bescheidener. In den Psalmen arbeiten sich zahlreiche Beter an der Beobachtung ab, dass eben gerade nicht jeder kriegt, was er verdient. Dass «gottlose», ungerechte und unbarmherzige Menschen vom Erfolg verwöhnt werden, während gottesfürchtige, gerechte Menschen vom Pech verfolgt zu sein scheinen.

Und es wird gerade nicht versucht, diese Wahrnehmungen in einer überlegenen Gottesperspektive aufzulösen. Es wird gerade nicht jedem erklärt, warum ihm Glück oder Unglück widerfährt und was der göttliche Schlüssel zum Erfolg ist.

Die biblischen Texte verweisen aber auf die Wirklichkeit eines Gottes, der uns mitten in einer aus den Fugen geratenen Welt nicht von der Seite weicht – und der in uns die Bereitschaft wecken kann, das Richtige auch dann zu tun, wenn es uns keinen Erfolg einzubringen verspricht.

Das ist das «Geheimnis», auf das ich mich verlassen möchte.

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