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Sammlung und Zerstreuung

Schon lange bevor «Achtsamkeitsübungen» zum Trend wurden, haben die Kirchen diese Praxis des Gegenwärtigseins geübt – und es gibt guten Grund, sie neu zu entdecken. Heute geht es um die Notwendigkeit und Kraft von Zeiten der Sammlung inmitten einer Kultur der Zerstreuung.

Begriffliche Gegensätze

Es ist eigenartig, dass die deutsche Sprache zwei ganz gegensätzliche Ausdrücke kennt, um jene Zeiten zu beschreiben, in denen wir aus der Betriebsamkeit des Alltags aussteigen und uns selbst Raum geben. Wir können dann nämlich von Zeiten der Zerstreuung sprechen – aber auch von Zeiten der Sammlung.

«Sammeln» und «zerstreuen»: Der erste Begriff bezeichnet einen Vorgang, bei dem Dinge in unserem Leben und unserer Seele wieder zusammenfinden – der zweite Begriff dagegen meint einen Vorgang, in Zuge dessen sich Dinge verflüchtigen.

Man könnte auch sagen: Wer sich sammeln möchte, der will wieder finden und festhalten, was ihm auf dem Weg verloren ging. Lebenskräfte, Selbstbewusstsein, Identität werden wieder zusammengeführt, der innere Kompass wieder gefunden.

Wer aber die Zerstreuung sucht, möchte wenigstens für einige Momente abgelenkt werden von dem, was ihn bedrängt, was ihm Sorgen und Ängste bereitet, was an Erwartungen und Systemzwängen auf ihn eindringt. Er möchte loslassen und seine Sinne auf etwas anderes richten, was ihn fasziniert und einnimmt.

Geschenkte Zerstreuung

Um es gleich zu sagen: Wir brauchen beides. Nicht nur die Sammlung, die in religiösen Kreisen sicher den besseren Ruf trägt, sondern auch die Zerstreuung hat ihren Wert und ihre Berechtigung.

Das Leben mutet uns vieles zu, und es ist manchmal ein Geschenk, durch TV-Serien, Computerspiele, Podcasts oder Soziale Medien in eine andere Welt eintauchen und sich auf andere Gedanken bringen zu können.

Und die Möglichkeiten dazu sind vielfältiger denn je. Eine ganze Unterhaltungsindustrie mit astronomischen Umsätzen ist damit beschäftigt, sich neue Geschichten auszudenken und uns in andere Sphären zu entführen. Ein Menschenleben reicht längst nicht mehr aus, um sich alles reinzuziehen, was von Netflix, DisneyPlus und Co. produziert wird – oder auch was an kulturellen Veranstaltungen in einer durchschnittlichen europäischen Grossstadt geboten wird.

All diese Optionen stehen uns als Teilhaber der modernen Unterhaltungs- und Freizeitgesellschaft grundsätzlich offen – und es wäre zu einseitig, sie nur als Versuchungen zur Flucht aus der Realität des Lebens zu framen.

Geübte Sammlung

Unsere Seele braucht – und hier kommt das «aber» – auch Momente der Sammlung.

Unser Leben wird sich langfristig nicht gesund entfalten, wenn wir uns nur zwischen den beiden Polen von Anspannung und Zerstreuung, von beruflichem (oder familiärem) Stress und freizeitlichem Entertainment hin und herbewegen.

Es muss auch Momente geben, in denen wir weder von den Anforderungen und Überforderungen des Alltags in Beschlag genommen werden noch uns von medialen und kulturellen Angeboten in andere Welten entführen lassen.

Momente, in denen wir Atem holen und uns wieder sammeln.

In klösterlichen Ordensgemeinschaften verschiedener Konfessionen wird das Stundengebet zur persönlichen Sammlung gepflegt. Neben den klassischen Tagzeitengebeten gibt es auch den Brauch, beim Schlag der Kirchenglocke zu jeder vollen Stunden für einen Augenblick innezuhalten und sich an die eigene Gegenwart wie an die Gegenwart Gottes in diesem Moment zu erinnern – oft unter Rezitation eines Psalms oder eines vorgegebenen Gebets.

Egal woran die Ordensgeschwister gerade arbeiten – ob sie in der Küche das Geschirr spülen, in der Bibliothek Bücher studieren oder im Garten das Unkraut jäten – beim Läufen der Glocken wird der Teller kurz abgestellt, das Buch für einen Moment geschlossen oder der Spaten stillgehalten, um sich zu vergegenwärtigen: ich bin jetzt hier – und ich bin nicht alleine.

Heilsame Gewohnheiten

Ein Bekannter von mir hat sich diese Gewohnheit zum Vorbild genommen und auf seinem iPhone stündlich den Wecker gestellt – immer wenn das Signal ertönt, versucht er sich die Zeit für einen kurzen Moment der Stille mit Gott zu nehmen. Solche Maßnahmen sind sicher nicht für jeden Menschen und für jede Berufsgattung praktikabel – aber letztlich stehen wir als Teilhaber unserer beschleunigten Gesellschaft und als Christenmenschen alle vor der Herausforderung, solche Gelegenheiten der Sammlung in unser Leben einzubauen.

Es ist übrigens nur auf den ersten Blick paradox, dass es auch Apps für Smartphones und Serien wie «headspace» auf Netflix gibt, die uns bei der Sammlung helfen:

Warum sollen nicht dieselben Geräte, die unsere Aufmerksamkeit so oft zerstreuen, auch dazu nützlich sein, sie wieder «einzusammeln»?

Übung

Wandle heute einen Moment der Zerstreuung in einen Moment der Sammlung um, indem du der Ablenkung widerstehst und deiner Seele eine Atempause gönnst…

 

Illustration: Rodja Galli

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