Lesedauer: 4 Minuten

Erinnerung an die Gegenwart

Versprochene Präsenz

Meine Eltern und Großeltern haben den bekannten Klassiker von Gerhard Tersteegen noch gekannt und geliebt – seit bald 300 Jahren ein Evergreen unter den geistlichen Liedern, mit dem Titel: »Gott ist gegenwärtig.« In der ersten Strophe heißt es da:

»Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten, und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge.«

Gott ist gegenwärtig. Gott ist in der Mitte. Wo wir auch sind: Gott ist da – es gibt einen ganzen Psalm, der dieser Überzeugung gewidmet ist. David beschreibt die Nähe Gottes in allen Lagen des Lebens in eindrücklichen, bildstarken Worten:

»Wenn ich mich setze oder aufstehe – du weißt es; […] Ob ich gehe oder liege, du siehst es, mit all meinen Wegen bist du vertraut. […] Von allen Seiten umschließt du mich und legst auf mich deine Hand. […] Wohin könnte ich schon gehen, um deinem Geist zu entkommen, wohin fliehen, um deinem Blick zu entgehen? Wenn ich zum Himmel emporstiege – so wärst du dort! Und würde ich im Totenreich mein Lager aufschlagen – dort wärst du auch! Hätte ich Flügel und könnte mich wie die Morgenröte niederlassen am äußersten Ende des Meeres, so würde auch dort deine Hand mich leiten, ja, deine rechte Hand würde mich halten!« (Psalm 139,2-10 – Auszüge)

Flüchtige Gegenwart

Gott ist da, Gott ist gegenwärtig.

Das ist also nicht das Problem. Gott ist da – aber wir sind oft woanders.

Wir sind oft nicht gegenwärtig, wir sind mit unserer Seele und unseren Gedanken sonstwo – bei den noch nicht erledigten Aufgaben, an die uns das Smartphone penetrant erinnert, beim elektronischen Posteingang, den wir doch eigentlich schon vor 7 Minuten zum letzten Mal gecheckt haben, bei der neusten Episode unseres Lieblingspodcasts, der uns mit den Gedanken anderer auffüllt, oder auf den Sozialen Medien, wo wir den Kollegen beneiden, der gerade seine Ferienfotos hochgeladen hat, oder die Arbeitskollegin bestaunen, die schon wieder ihre Jogging-Route gepostet hat, oder den Verwandten belächeln, der ständig seine Mahlzeiten fotografieren und mit der Welt teilen muss…

Gott ist gegenwärtig – aber wir meist nicht.

Gefürchtete Ruhe

Vor einigen Jahren haben Psychologen der Universitäten in Virginia und Harvard ein Experiment gemacht, das sehr plastisch vor Augen führt, wie ungewohnt wir heute sind, Momente der Stille auszuhalten. Über 100 Männer und Frauen wurden nacheinander in einen schlichten Raum geführt und aufgefordert, sich dort auf einen Sessel zu setzen und 15 Minuten lang in Ruhe ihren Gedanken nachzugehen. Dabei wurden sie auf die Möglichkeit hingewiesen, das Ruhe-Experiment abzubrechen, wenn sie sich dafür einem elektrischen Strom aussetzen, welcher etwa die Stärke eines elektrischen Zaunes hatte. Das buchstäblich schockierende Ergebnis der Studie war, dass ein Viertel der Frauen in dem Experiment den Knopf zum Elektroschock gedrückt haben, und nicht weniger als zwei Drittel der Männer! Warum die Männer viel häufiger auf den Stromschlag auswichen als die Frauen, bleibt etwas schleierhaft…

– aber die Tatsache, dass ein Viertel bis zwei Drittel aller Probanden derart Mühe haben, 15 Minuten Stille auszuhalten, dass sie sich lieber elektrisieren lassen, macht auf jeden Fall nachdenklich.

Verpasste Gelegenheiten

Wir verpassen die Gegenwart Gottes in unserem Leben, wir überhören die Stimme Gottes, weil es uns unendlich schwer zu fallen scheint, im hier und jetzt anzukommen und einen Moment der Ruhe auszuhalten.

Es liegt ein Geheimnis in Zeiten der Stille, eine Gelegenheit, Gott zu begegnen – aber die Hektik, das Multitasking, die ständige Verfügbarkeit von Ablenkungen in unserer Zeit erschweren es uns mehr als je zuvor, diese Gelegenheiten wahrzunehmen.

Persönliche Stille zu finden – das ist wie ein Muskel, den es zu trainieren gilt. Und wenn wir ihn nicht trainieren, wenn unser Leben die Momente der Stille verliert, dann verlernen wir buchstäblich, die Stille auszuhalten. Der »Muskel« verkümmert, bis wir die Stille nicht einmal mehr finden, wenn wir sie bewusst suchen…

Anregung

Denke dir eine Erinnerung aus – einen Zettel, ein symbolhafter Gegenstand, einen Kalendereintrag –, die dich im Alltag wenigstens einmal in die Gegenwart holt.

 

Illustration: Rodja Galli

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2 Kommentare zu „Erinnerung an die Gegenwart“

  1. Als Psychotherapeut bin ich auf die Behandlung von Männern spezialisiert. Ich glaube, dass ich eine Idee davon haben, weswegen so viele Männer in dem Stille – Experiment den Stromschlag gewählt haben. Im Durchschnitt haben Männer einen höheren Reizhunger, auch sensation seeking genannt. Wir brauchen also eine höhere sensorische Stimulation, um uns wohl zu fühlen. In der Stille passiert – zunächst einmal – nichts Stimulierendes. Ein Stromschlag setzt dazu den Kontrapunkt. Der ein oder andere Mann in der Studie wird das vielleicht sogar als eine Art Mutprobe betrachtet haben.
    Ich liebe – mittlerweile – stille Momente im Alltag – musste diese aber zunächst aushalten, dann zulassen und schließlich üben, um das Sensationelle in diesen Augenblicken (wieder) zu entdecken…

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