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Lesedauer: 7 Minuten

III Glaube macht nicht glücklich

»I didn’t go to religion to make me happy. I always knew a bottle of Port would do that. If you want a religion to make you feel really comfortable, I certainly don’t recommend Christianity.« (C. S. Lewis in »Answers to Questions on Christianity«)

 

Meine Gründe gegen den Glauben

Vor einiger Zeit wurde ich als theologischer Referent auf eine Tagung zum Thema »Atheismus« eingeladen. Die Vorgabe der Konferenzveranstalter für meinen Input war einigermassen ungewöhnlich: Ich sollte (»möglichst persönlich und authentisch«) über meine »Gründe gegen den Glauben« sprechen. Eine Dekonversionsübung sozusagen. Mir hat das gefallen, schon deshalb, weil ich auf einen Tag der gegenseitigen christlichen Selbstvergewisserung irgendwie keine Lust gehabt hätte. Und es fiel mir auch nicht schwer, die Sache inhaltlich auszufüllen:

Was mir nämlich tatsächlich immer wieder kräftige Gründe gegen den Glauben geliefert hat, könnte man als die »uneingelösten Werbeversprechen des Christentums« bezeichnen.

Gerade in hochreligiösen, evangelikal-pietistischen Kreisen, aus denen ich herkomme, wird der christliche Glaube oft mit zahlreichen »Zusatzverheissungen« verbunden. Je nach Frömmigkeitskultur geht es mehr um innere Werte wie immerwährenden Frieden, unauslöschliche Zuversicht und Heilsgewissheit, oder auch um ganz handfeste äussere Gewinne wie beruflicher Erfolg, gesundheitliche Unversehrtheit und eine fröhliche Familie – auf jeden Fall ist klar, dass man mit Jesus das Ticket zum erfüllten, glücklichen Leben erstanden hat.

Diese glorreichen Glaubensaussichten wurden nicht nur in zahllosen Seelsorgegesprächen, die ich als Pastor geführt habe, Lügen gestraft – sie haben sich auch in meinem eigenen Leben nicht als wirklich tragfähig erwiesen. Und nicht wenige Menschen, welche den christlichen Glauben mit den Segnungen identifiziert haben, die ihm so gerne angehängt werden, haben ihn im Zuge monumentaler Enttäuschungen ganz über Bord geworfen.

Glauben kann durchaus helfen

Jetzt habe ich allerdings keine Probleme, anzuerkennen, dass Menschen durch den christlichen Glauben in allen erdenklichen Bereichen ihres Lebens erstaunliche Veränderungen erleben können – ich kenne viele solcher Geschichten:

Menschen, die durch den Glauben die Kraft fanden, ihre Sucht anzugehen, und die eine berührende Geschichte der Befreiung von Gebundenheiten zu erzählen haben. Paare, die in einer Gottesbegegnung neue Hoffnung schöpfen und ihre Beziehungsprobleme zu bewältigen beginnen. Junge Männer, die erst aus dem Bewusstsein der Zuwendung Gottes heraus den Mut aufbringen, sich mit ihren Eltern zu versöhnen. Junge Frauen, die nach einer dramatischen Geschichte der Ablehnung wieder aufblühen und ihre Begabungen entdecken, weil sie in Gott eine Quelle der Bestätigung und Ermutigung gefunden haben. Ja, sogar Geschichten von Geschäftsleuten, die aus christlicher Glaubensüberzeugung ihren Führungsstil anpassen, mehr auf Beteiligung und Vertrauen setzen – und die mit hochmotivierten Mitarbeitern und einem florierenden Unternehmen belohnt werden.

All das kann ich nicht nur neidlos, sondern dankbar und fröhlich anerkennen. Es gibt für mich keinen Grund, Menschen solche Erfahrungen abzusprechen – aber eben: Ich glaube nicht mehr, dass diese zu den Versprechungen des Glaubens gehören.

Wie eine Pralinenschachtel

Wohlverstanden behaupte ich das nicht, weil ich Gott für einen missgünstigen Patriarchen halte, der seinen Kindern solche Segnungen missgönnt, und schon gar nicht, weil ich den Charakter Gottes moralisch ambivalent einschätze, so dass man sich bei ihm (oder ihr) nie ganz sicher sein kann, ob die gutherzige oder die sadistische Seite zum Zuge kommt… nein:

Gerade die biblisch bezeugte Offenbarung Gottes in Jesus Christus macht unmissverständlich klar, dass wir uns der Gunst, der Zuwendung und der guten Absichten Gottes gewiss sein dürfen. Die Ambivalenz liegt nicht im Wesen Gottes, sondern im Wesen einer zerrütteten, aus den Fugen geratenen Welt.

Ich kann hier erneut auf die Klagepsalmen als heilsames Beispiel für den biblischen Realismus verweisen: Ein wiederkehrendes Thema in diesen Gebeten ist ja die Frustration über das Unglück der Gottesfürchtigen und das Glück der Gottlosen, oder überhaupt das Leiden an der Zufälligkeit und Ungerechtigkeit des Lebens. Wenn diese Anliegen in Form von Hilferufen und Bittgebeten vor Gott gebracht werden, so zeugt das zwar sicher davon, dass Gott auch zugetraut wird, heilsam auf himmelschreiende Zustände einzuwirken und dem Guten zum Recht zu verhelfen – trotzdem wird in den biblischen Gebeten nie mit einer grundsätzlichen Überwindung der Gebrochenheit dieser »alten« Schöpfung gerechnet.

Vielmehr wird in den Klagepsalmen das Prinzip »Forrest Gump« eindrücklich vorgeführt und angeprangert:

Wir erinnern uns an den liebenswürdig-zurückgebliebenen Mann, meisterhaft gespielt von Tom Hanks, der auf der Parkbank sitzt und alle Passanten mit einem Stück Schokolade und einer Parabel beschenkt: »Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – du weisst nie, was du kriegst!«

Christen sind zu glücklich

Auch Jesus war an dieser Stelle wesentlich nüchterner und illusionsloser als viele wohlstandsverwöhnte und verbürgerlichte Christenmenschen unserer Zeit. Seinen Nachfolger*innen hat er nach dem Matthäusevangelium jedenfalls kein Leben in glückseliger Beschaulichkeit in Aussicht gestellt, sondern sie vielmehr auf eine entbehrungsreiche, prekäre Existenz vorbereitet. Das sind wohl nicht die Texte, die es auf Postkarten oder in christliche Wandkalender schaffen, und ich verzichte auch hier auf eine wortgetreue Wiedergabe – dem Sinn nach sagt der galiläische Wanderprediger aber: Wenn es mir hier schon so dreckig ergangen ist, dann könnt ihr euch auf weit Schlimmeres einstellen (Matthäuas 10,24-25) – und das nicht nur trotz eures Glaubens, sondern gerade aufgrund des Glaubens.

Nun liegt es mir fern, in die Leidensverklärung und Verfolgungsnostalgie einzustimmen, welche selbstkritische Christen aus der »ersten Welt« zuweilen überkommt: Ich bin heilfroh, dass die Ausübung des christlichen Glaubens in vielen (wenn auch längst nicht in allen!) Ländern dieser Welt heutzutage nicht nur ohne Diskriminierungen möglich ist, sondern dass das Christentum zumal im europäischen Kulturraum über Jahrhunderte hinweg Gesellschaft und Gemeinwesen geformt und (neben allem Zweifelhaften) auch viele zivilisatorische Errungenschaften hervorgebracht hat.

Wenn aber der grosse Kirchenkritiker Friedrich Nieztsche den Christen und Christinnen ins Stammbuch schreibt, sie sollten als Jünger*innen Jesu sehr viel »erlöster aussehen«, dann würde ich doch gerne entgegenhalten: Erlöster vielleicht schon (was auch immer das bedeutet) – aber glücklicher nicht unbedingt. Im Gegenteil:

Mein Verdacht ist, dass viele Christenmenschen unserer Tage (und ich schliesse mich hier bereitwillig mit ein) zu glücklich sind.

Oder anders ausgedrückt: Ich befürchte, dass sich das Christentum vielerorts so selbstverständlich mit einer bürgerlich-beschulichen Existenz verbunden hat, dass man den Eindruck gewinnt:

Hätte Jesus nicht durch tragische Umstände ein viel zu frühes und schändliches Ende gefunden, dann hätte er sich bestimmt mit einer lieblichen Ehefrau in der Agglomeration von Jerusalem ein nettes Häuschen gekauft, zwei Kinder und einen Hund zugelegt und den Lebensabend mit der Pflege seiner selbstgezogenen Tomaten verbracht…

Die Freiheit zum Unglücklichsein

Klar: Nichts gegen eigene Tomaten. Und nichts Grundsätzliches gegen ein Stück Familienidylle und wohlständischer Lebensfreude. Man sollte diese persönlichen Errungenschaften einfach nicht als Kennzeichen des christlichen Glaubens ausweisen, sondern vielmehr die Bereitschaft aufbringen, sie im Namen des Glaubens – im Namen der Nachfolge eines missverstandenen, umgetriebenen, heimatlosen und geschundenen Menschenfreundes – immer mal wieder herausfordern zu lassen.

Sonst liegt zum einen die Gefahr zu nahe, das eigene bürgerlich-beschauliche Lebensgefühl mit den Segnungen des Christentums zu identifizieren und dabei jegliche aufbrechenden, transformativen, ja revolutionären Potenziale des Glaubens stillzulegen.

Zum anderen aber finden dann Menschen, die durch Ungerechtigkeiten, Fehlentscheidungen oder Schicksalsschläge aus diesen »Segnungen« herausfallen, ausgerechnet im Christentum kein Verständnis und keine Heimat mehr.

Gerade hier könnten sie aber doch die Stimme des Nazareners hören, der die Gescheiterten, die Glücklosen, die Leidgeprüften, eben diejenigen, denen das Glücklichsein nicht mehr gelingen will, zu sich ruft (Matthäus 11,28). Gerade hier könnten sie dem biblischen Realismus begegnen, der sie vom Druck befreit, immer glücklich sein zu müssen.

Denn eigentlich lässt sich die Freiheit, auch einmal unglücklich sein zu dürfen, als ein Kennzeichen des christlichen Glaubens beschreiben.

Es geht dem Glauben ja um einen Gott, der die Menschen mit seiner Liebe und Zuwendung auch dann noch umfängt, wenn sich das Lebensglück nicht mehr einstellt. Es geht um ein Vertrauen, das sich nicht an äusseren Segnungen und inneren Wohligkeiten festmacht. Es geht um die Gewissheit, dass mein Leben vor Gott mehr ist als die Summe meiner Glücksmomente – und dass es nicht einfach vorbei ist, wenn hier die Lichter ausgehen…

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