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Lesedauer: 7 Minuten

II Jetzt denk doch mal negativ!

Life’s a piece of shit, when you look at it. Life’s a laugh and death’s a joke, it’s true. // You’ll see it’s all a show. Keep ’em laughin’ as you go. Just remember that the last laugh is on you. // And Always look on the bright side of life. Always look on the right side of life. (Monty Python, »Always look on the bright side of life«)

 

The Life of Brian

Im Jahr 1979 lief der Film »The Life of Brian« in den Kinos an – eine bitterböse Satire aus der Feder der britischen Komikergruppe »Monty Python«, welche titelgemäss die Lebensgeschichte von Brian nacherzählt. Zur selben Zeit wie Jesus geboren und durch eine Verwechslung als Messias verehrt, findet auch Brian schliesslich an einem römischen Kreuz sein Ende. Er wird mit zahlreichen anderen Widerständlern hingerichtet, welche schliesslich alle in jenes Lied einstimmen, das es verschiedenen Ländern bis ganz oben in die Charts gebracht hat:

»Always look on the bright side of life« – lass dich nicht unterkriegen, sondern seh’ das Ganze von der positiven Seite!

Die Komödie, und nicht zuletzt die beschriebene Schlusseinstellung, wurde von vielen Kirchen wenig humorvoll aufgenommen und handelte sich in den USA und andernorts handfeste Blasphemievorwürfe ein. So individuell religiöse und ästhetische Empfindungen aber auch sind: Die musikalisch untermalte Kreuzigungsszene bietet eine wichtige und notwendige Kritik einer Haltung, die innerhalb und ausserhalb des Christentums der letzten Jahrzehnte Schule gemacht hat. Sie führt nämlich das oft christlich gerahmte Mantra des positiven Denkens ad absurdum.

Denn das eigentlich witzige daran ist doch, dass jedem klar ist:

Für jemanden, der mit Händen und Füssen an ein römisches Kreuz genagelt ist und seinem qualvollen Tod entgegenblickt, gibt es keine »bright side« mehr, keine optimistische Perspektive, aus der man der eigenen Situation doch noch etwas Gutes abringen könnte.

Optimismus kann funktionieren

Damit möchte ich keineswegs sagen, dass die Übung positiven Denkens keine entsprechenden Ergebnisse abrufen kann.

Nein: Das Zeug funktioniert oft tatsächlich!

Nicht ohne Grund werden halbe Regenwälder abgeholzt, um das Papier für all die Titel herzustellen, welche die Selbsthilfeabteilungen unserer Buchhandlungen füllen – Bücher, die uns vorführen, was für wundersame Auswirkungen eine optimistische Einstellung auf alle möglichen Bereiche unseres Lebens hat.

Und eigentlich ist es leicht nachvollziehbar. Wenn wir raten müssten, wer im Bewerbungsgespräch um einen begehrenswerten Job wohl das Rennen macht: Frida Fröhlich, die mit dem ungeteilten Wohlwollen ihrer zukünftigen Arbeitgeber rechnet und es kaum erwarten kann, diesen Damen und Herren von ihrer Eignung und ihren Visionen für diese Arbeitsstelle zu erzählen – oder Trudi Traurig, die sich vor dem Spiegel fragt, ob es sich überhaupt lohnt, sich für das Gespräch frisch zu machen, da man sie ja wohl doch nur eingeladen hat, um ihren Mangel an Kompetenzen herauszustellen und sie gedemütigt wieder nach Hause zu schicken… dann würde wohl jeder auf die erste Kandidatin tippen.

Eine positive Erwartung funktioniert auf weiten Strecken als selbsterfüllende Prophetie:

Wer sich selbst optistisch einschätzt und mit dem Besten rechnet, wird ihren Mitstreiter*innen mit mehr Selbstsicherheit gegenübertreten, sich mutiger in Herausforderungen stürzen, höhere Ziele stecken und länger durchhalten als jemand, der sein Scheitern praktisch schon für ausgemacht hält.

Es liegt also durchaus ein Geheimnis in einer positiven Lebenseinstellung und Gedankenkultur – so behauptet es dann auch der Titel des Weltbestsellers von Rhonda Byrne »The Secret« (30 Millionen verkaufte Exemplare in 50 Sprachen…). Das Buch kondensiert die geballten Erkenntnisse der heiligen Dreifaltigkeit des »positiven Denkens«: Joseph Murphy, Norman Vincent Peale und Dale Carnegie.

Das »Gesetz der Anziehung«

Auf den Punkt gebracht geht es in den Werken all dieser Optimismuspriester*innen um das sogenannte »Gesetz der Anziehung«. Es soll sich hier gewissermassen um die unsichtbare Mechanik des Universums, um ein kosmisches Prinzip handeln, das da lautet:

»Negative Gedanken bringen negative Gefühle hervor und ziehen negative Ereignisse nach sich – wohingegen positive Gedanken positive Gefühle hervorrufen und den Träger mit positiven Ereignissen belohnen.«

In Konsequenz bedeutet das nichts weniger, als dass ich durch die Pflege meiner Gedanken auch meine Realität formen kann: Nicht die Gedanken reflektieren die Wirklichkeit – die Wirklichkeit richtet sich nach meinen Gedanken! Und weil kein Mensch ernsthaft in einer durch negative Gedanken ausgelösten Unglücksspirale enden will, ist die Pflege des geistigen Optimismus von entscheidender Bedeutung für ein glückliches Leben. Alle Quellen der Negativität müssen darum strategisch unterdrückt oder zum Verstummen gebracht werden – das gilt nicht nur für innere Regungen wie Selbstzweifel, Unsicherheiten, Frustrationen, sondern auch für Menschen im eigenen Umfeld, die einen durch ihre kritischen Rückfragen und Untergangsszenarien aus dem positiven Verstärkungszusammenhang herauszureissen drohen: Distanziere dich von solchen »Psychovampiren« und »Energieräubern«, lautet dann die Devise.

Die hintergründige Gnadenlosigkeit

Diese Maximen des »positiven Denkens« sind gewissermassen so falsch, dass noch nicht einmal das Gegenteil richtig ist.

Auch wenn man zugesteht, dass optimistische Menschen in vielen Situationen tatsächlich besser dran sind als Miesepeter und Untergangspropheten, so funktioniert diese Welt selbstverständlich nicht nach einem unheimlichen »Gesetz der Anziehung«, sondern nach sehr viel unberechenbareren und zufälligeren Regeln, die auch dem unverbesserlichsten Optimisten zuweilen das Mütchen kühlen.

Die Vorgabe positiven Denkens entlarvt sich letztlich als Anleitung zum strategischen Selbstbetrug – und es ist nicht erst seit der Präsidentschaft Trumps leicht geworden, geradezu manische Formen des ideologischen Optimismus‘ zu finden. Natürlich gibt es dann auch genügend Beispiele ausnehmend selbstsicherer, erwartungsstarker Menschen, die kläglich gescheitert sind an einer Realität, die sich ihren Zuversichten partout nicht anpassen wollte…

Gerade dann offenbart das »positive Denken« erst seine hässliche Fratze.

Es ist ein Evangelium für die Starken, Durchsetzungsfähigen und Erfolgsverwöhnten, die in ihren Erwartungen bestärkt und als universale Siegertypen ausgewiesen werden – gegenüber den Schwachen, Zerbrochenen und Gescheiterten kennt es aber keine Gnade: Diese sind an ihrer Misere ja ganz offensichtlich selber schuld.

Sie haben das Unglück durch negative Gedanken angezogen und ihr Schicksal mit ihrer mutlosen, erwartungsschwachen Haltung eigenhändig besiegelt.

Dass eine derart elitäre und unbarmherzige Denkensart ausgerechnet in vielen hochreligiösen Kirchen Einzug gehalten hat und weit über die USA hinaus zu einer erschreckend konsequenten Amalgamierung von »positivem Denken« und »christlichem Glauben« geführt hat, ist eine Tragödie sondergleichen.

Das »Glücks-Paradox«

Dabei würden die biblischen Überlieferungen, allen voran die Bergpredigt, eine sehr viel bodenständigere und angemessenere Vorgabe bieten, die sich erst noch mit den Ergebnissen moderner Glücksforschung zusammendenken lässt. In verschiedenen Wendungen macht Jesus seinen Zuhörer*innen hier nämlich deutlich, dass sich ein sinnstiftendes und erfüllendes Leben gerade nicht jenen erschliesst, die krampfhaft danach suchen und sich ständig darum drehen, sondern vielmehr denjenigen, die ihr Leben auf etwas ausrichten, das grösser ist als sie selbst und ihr Glücksstreben. »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen« (Matthäus 6,33), kann der galiläische Wanderprediger diesen Grundsatz zusammenfassen.

Das ist manchen wahrscheinlich zu fromm – es lässt sich aber auch säkularisierter haben, im Sinne neuerer Studien zur Frage, was Menschen glücklich werden lässt. Man spricht dann auch vom »Glücks-Paradox«, weil es eben besagt, dass sich das Glück in der Regel gerade dann finden lässt, wenn man nicht (mehr) danach sucht. »Glück« (in einem vom blossen »Spass« unterschiedenen Sinne) ist dann gewissermassen das Nebenprodukt eines Lebens, das sich eben nicht um sich selbst dreht, sondern etwa Beziehungen zu anderen Menschen, sinnstiftende Tätigkeiten oder Initiativen zum Wohl anderer ins Zentrum stellt.

Je verbissener Menschen dagegen versuchen, ihr Glück sicherzustellen, desto mehr versperren sie sich oft den Weg dazu. Das gilt zweifellos auch für die dogmatischen Varianten positiven Denkens:

Man kann sich das Glück nicht herbeidenken, durch optimistische Formeln einreden oder vor dem Spiegel antrainieren. Es holt uns meist erst dann ein, wenn wir gerade nicht darauf versessen sind, glücklich zu werden, sondern unser Leben mit offenen Augen für diese Welt und die Anliegen anderer Menschen zubringen.

Dass es sich hierbei nicht um eine erneute Formel, einen alternativen Trick handelt, der uns das Glück garantiert, versteht sich hoffentlich von selbst. Auch in einem Leben im Sinne der zitierten Jesusworte haben negative Gedanken, frustrierte Gefühle und unglückliche Momente ihren Platz. Und das ist ok so.

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5 Kommentare zu „II Jetzt denk doch mal negativ!“

  1. DANKE! ❤
    Ich denke auch an die Seligpreisungen – da nennt Jesus ja gerade diejenigen glücklich, die Leid tragen, arm sind usw.

    1. Manuel Schmid

      Danke Katharina – ja, ein sehr guter Hinweis: Ich denke, dass Jesus in den Seligpreisungen gerade unsere gängigen Vorstellungen auf den Kopf stellt und gewissermassen paradox vom »Glück der Unglücklichen« spricht…

  2. Reinhold Scharnowski

    Wow – liegt hier der tiefste Grund, warum der Mann aus Galiläa bis heute noch nicht vergessen ist? Sehr cool, Danke!

  3. Hallo Manuel,

    Ich denke, mit der Legitimierung des Unglücklich-Seins in der westlichen Dopamin-Kultur triffst du einen wichtigen Punkt. À la wer auch mal unglücklich ist, handle falsch, habe ein Problem, komme nicht klar, sei offensichtlich falsch am leben usw.

    Was ich nicht ganz verstehe, ist: Wenn die Optimismus-Ideologie quasi eine Anleitung zum strategischen Selbstbetrug darstellt, ist dann die realbiblische Leseart nicht nur eine andere, strategische Art des Selbstbetruges (aber besser, weil: Negative Gefühle sind hier willkommen/legitim)? Oder ist sie kein Betrug, weil sie eben nicht die Realität verzwirbelt, sondern sie quasi “umgarnt”/ als solche mit ihren jeweiligen Facetten akzeptiert?

    Du schreibst, die Bergpredigt sei eine bodenständigere, angemessenere Vorgabe, weil sie den Menschen von seinem Egoismus/Glücksfokus auf etwas Höheres ausrichtet. Beisst sich da nicht das “Bodenständige” mit “Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.” (Matthäus 6, 33) und ist nicht auch in diesem Zitat genau dieser Gedanke mit drin, den du kritisierst? Also an Stelle von “Optimismus-Ideologe verfolgt Glück. Ist er unglücklich, hat er falsch gedacht/gehandelt” kommt dann “Handle ethisch korrekt, Glück kommt dann schon. Keine Boni, haste ethisch falsch gehandelt”. Ich meine, hier ist die Erwartung des Glücklich-Werdens schon mit eingepflanzt (obwohl “so wird euch alles andere zufallen” dehnbar ist) und wenn man es nicht wird, dann hat man falsch gehandelt. Oder bezieht sich das dann auf das Jenseits?

    LG Dennis

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