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Lesedauer: 8 Minuten

Scham und mein Körper

Wenn ich ganz ehrlich bin, schäme ich mich oft für meinen Körper.

Unabhängig davon, in welchen Spiegel ich blicke, finde ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Stellen, die mir nicht gefallen. Die ich gerne verstecken oder noch besser: verändern würde.

Schaue ich morgens nach dem Aufstehen in den Spiegel, kickt mein jahrelanges Training in Selbstkritik rein, und bevor ich denke, dass andere Leute mindestens genauso zerknautscht aufwachen wie ich, schiebe ich das lieber auf meinen ungenügenden Körper, der es einfach nicht schafft, mich nach – naja, sagen wir vier Stunden semi-erholsamem Schlaf aussehen zu lassen wie ein mittelzwanzigjähriges Supermodel auf dem Weg aufs Cover von Sports Illustrated.

‚Ist das denn zu viel verlangt?‘, frage ich dann und spritze mir Wasser ins Gesicht, in der Hoffnung, dass meine Sicht davon so getrübt wird, dass ich mir über die Kissenabdrücke in meinem Gesicht erst einmal keine Sorgen mehr machen muss. Ich meine, klar mache ich zu wenig und zu unregelmäßig Sport, aber mein Körper könnte ja ruhig auch mal mithelfen und seine Arbeit ordentlich machen, damit ich einmal dazugehöre. Gut, ich könnte im Stehen schlafen oder schlafend von der Decke hängen, aber ich wette, daraus ergeben sich dann andere Probleme, die mich doof aussehen lassen.

Auf Kriegsfuß mit meinem eigenen Körper

Solange ich denken kann, stimmt schon immer etwas mit meinem Körper nicht. Also nicht medizinisch, da ist alles bestens, aber eben von außen. Bereits als kleines Mädchen verglich ich mein Gewicht mit dem von Schulfreundinnen. Es gab immer Gründe, meinen Körper zu bemängeln, Ruhe hatte ich nie. Zu viele Muttermale, zu wenig Bräune, zu krause Haare, zu große Brüste, zu dick, zu breit, zu störend.

Und ich musste nicht mal selbst auf all diese Mängel kommen. Freundlicherweise wurden sie mir immer schon von anderen zur Verfügung gestellt.

Egal, ob durch unbewusste Anmerkungen von Schulfreunden oder durch plumpe Kommentare von Fremden, die mir auf der Straße begegneten. „Ohne deine Muttermale wärst du ja eigentlich ganz hübsch“, haben sie gesagt. Der praktischere Ansatz war damals, mir vorzuschlagen, dass ich mir ja alle Leberflecke aus dem Gesicht entfernen lassen könnte. Ich bin sicher, das sollte ein hilfreicher Tipp sein.

Alle haben immer schon eine Meinung zu meinem Körper gehabt. Und was habe ich gemacht? Ich habe mich geschämt, gecremt, gezupft, gepinselt, lackiert, rasiert, gepeelt und gequetscht. Häufig unter Tränen, verschwitzt oder mit Schamesröte im Gesicht, während ich kurz vor der spontanen Selbstentzündung stand. Um ehrlich zu sein, treibt mir der Gedanke, wie viel Geld ich für Makeup, angebliche Wundercremes, Abnehmpülverchen für die Traumfigur und Modemagazine ausgegeben habe, heute noch die Schamestränen in die Augen.

Die Art von Scham, die einen schwitzen lässt und die Augen wässrig macht. Dann ist es natürlich wieder peinlich, dass man sich für etwas schämt, für das man nichts kann. Oder eben sein Bestes tun, um die Teile des Körpers zu verstecken, die einfach nicht unkommentiert bleiben wollen, so hart und zeitaufwendig man es auch versucht.

Sport war nie ein Weg, um mich besser zu fühlen, sondern eine Methode, um mich in eine Figur zu quälen, die nicht meine eigene ist.

Es sollte nicht gut tun, sondern weh. Zwei Stunden auf dem Laufband und möglichst wenig Wasser trinken, damit man auf der Waage nicht anfängt zu weinen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das trotzdem passiert war jedoch hoch, denn wer schön sein will, steigt mindestens dreimal am Tag auf die Waage.

Wer mit seinem Körper auf Kriegsfuß steht, braucht kein Hobby. Das ist nämlich ein Vollzeitjob.

Es gibt immer was zu verbessern, und ein Ende ist nicht in Sicht.

Körperoptimierung um welchen Preis?

Bevor man sich versieht, besteht das eigene Leben nur noch aus einer Oberfläche, und die ist niemals glatt genug.

So wie in den sozialen Medien nur die hübschen, unechten Seiten der Dolce Vita zu sehen sind, verwechsle ich seit Jahren meine Wahrnehmung mit der Realität.

Ich werde nicht schöner oder angepasster dadurch, dass ich versuche meinen Körper zu verstecken und zu verbessern, sondern kleiner. Meine Scham nimmt nicht etwa ab, sondern wächst. Meine Angst, nach dem nächsten taktischen Kriegszug gegen meinen Körper schon wieder einen neuen Kriegsschauplatz zu finden, von dem ich vorher gar nicht wusste, dass es ihn überhaupt gibt, wächst und wächst ins Unermessliche.

Im Prinzip arbeite ich daran, mich selbst aufzulösen, um den Ansprüchen anderer zu entsprechen. Ich gebe zu, dass dieser Gedanke kein Geistesblitz meinerseits ist. Denn genauso, wie ich jahrelang gelernt habe, mich kleinzumachen, so wenig wie möglich Platz einzunehmen, nicht in der Masse von Körpern übermäßig auszufallen, so muss ich jetzt auch erst einmal lernen, wie ich damit aufhören kann, denn Krieg kennt keine Sieger. Erst recht nicht, wenn man ihn mit sich selbst führt. Ehrlich gesagt will ich gar nicht wissen, wie viel Geld ich bis jetzt unnötig ausgegeben habe, um Dinge an mir zu verändern, die völlig in Ordnung waren. Auf jeden Fall habe ich für meine Scham mehr bezahlt, als sie wert ist. Deswegen reicht’s mir jetzt auch damit.

Die radikale Idee: Mein Körper tut, was er soll

In all den Jahren, in denen nervöse Flecken meinen Hals geziert haben und mein Gesicht knallrot geworden ist, wenn jemand meinen Körper angesprochen hat, habe ich geglaubt, dass ich das Problem bin. Naiv wie ich war, dachte ich, dass, wenn mein Körper nur der Norm entsprechen würde, dann könnte ich in Ruhe leben und niemand würde sich den Mund über mich und meine Locken zerreißen. Oh Mann, was für ein Quatsch.

Heute weiß ich, dass Schönheitsideale dazu dienen, Männern und Frauen Dinge zu verkaufen. Denn alle wollen nur das eine: schön sein. Aber das Schöne findet sich weder auf dem Cover von Magazinen, noch in Wundertuben aus dem Drogeriemarkt. Es liegt genau da, wo wir so ungern hinschauen. In unserem Spiegel.

Ich bin in all den Jahren nicht einmal auf die Idee gekommen, dass mein Körper ein zuverlässiges und einzigartiges Zuhause ist.

Das ist doch viel wichtiger, als für andere attraktiv zu sein. Die Erkenntnis, dass ich meinen Körper nicht ständig bewerten, mögen oder überhaupt irgendwie finden muss, ist für mich einfach das Größte. Plötzlich ist alles viel leichter, wenns überhaupt keine Rolle spielt, ob ich zu jedem Zeitpunkt fuckable bin. Natürlich beschleichen einen Selbstzweifel zu jeder Tages- und Nachtzeit, aber das ist okay. Es ist leichter, wenn man weiß, dass man seinem eigenen Körper auch einfach mal neutral gegenüberstehen kann. Eine langersehnte Atempause in einem jahrelangen Krieg. Dann merkt man nämlich, dass der eigene Körper gute Arbeit leistet. Er atmet, erledigt alle seine Aufgaben ohne zu Meckern und ist einfach immer da. Das ist gut so.

Juhu, mein Körper nimmt Platz ein

Es ist wirklich schockierend, wie viel besser man atmen kann, wenn man sich nicht ständig einschnürt. Das sollte wirklich ein Schönheitsideal sein:

Jeder kann so viel Platz einnehmen, wie er braucht, denn kein Körper sieht den ganzen Tag gleich aus.

Das ist in Ordnung so. Ich muss nicht im Reinen sein mit mir und meinem Körper und trotzdem tut er stets, was er soll, oder besser, was er kann, um mich am Leben zu erhalten. Das sollte ich mehr wertschätzen. Das ist nämlich eine wahnsinnige Leistung, mit der ich hausieren gehen sollte. Leute, mein Körper ist da. Deal with it. Ich bestimme selbst darüber, was mit meinem Körper geschieht.

Außerdem vertraue ich meinem Körper mehr, als der Meinung Fremder über ihn. Wenn ich Kommentare will, poste ich ein Foto auf Instagram. Wenn man erst mal soweit gedacht hat, wird es plötzlich stiller im Kopf und nicht die Dinge schreien, die verändert werden wollen, sondern die, die immer schon da waren, fangen an, an Bedeutung zu gewinnen.

Die Dinge an meinem Körper, die besonders sind, fallen mir mehr und mehr als schön auf, denn sie machen mich einzigartig.

Einzigartig kann nämlich auch toll sein. Es sollte toll sein, herauszustechen aus der Masse. Deswegen bemühe ich mich in letzter Zeit mehr, meinem Körper etwas Gutes zu tun. Ich gönne ihm Ruhe, Bewegung und gute Ernährung, um ihm all das wiederzugeben, was er mir immer gegeben hat, obwohl ich mit ihm im Krieg war. Der Krieg ist vorbei. Es ist zwar auch noch kein Frieden geschlossen, aber die Verhandlungen laufen auf Hochtouren. Gut ist auch, dass man morgens länger schlafen kann, wenn man sich nicht allzu viele Sorgen darum macht für andere gut auszusehen. Stellt sich raus: Beim morgendlichen Blick in den Spiegel, sieht man viel besser aus, wenn man ein bisschen länger schläft. Eine echte Win-Win-Situation.

 

Photo by Parker Johnson on Unsplash

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2 Kommentare zu „Scham und mein Körper“

  1. Reinhold Scharnowski

    Hey du, sehr cool geschrieben.
    ich (68, m) hab mir überlegt, wie ich dich angucken würde, wenn wir uns begegnen und zusammen reden würden. Natürlich würde ich deinen Körper wahrnehmen, dein Gesicht, einen Pickel oder was auch immer. Aber weisst du, dass das nur einen kleinen Bruchteil meiner Wahrnehmung ausmachen würde? Sehr schnell würden Sachen in den Vordergrund treten wie: interessant? hat sie Humor? vielleicht Schalk? ist sie empathisch? hat sie eine schöne Seele? hat sie Tiefe? usw usw. Dein Körper ist nicht unwichtig, aber den hat dir der Schöpfer nun mal gegeben und andere Sachen, die du beeinflussen und formen kannst, sind – echt – soo viel wichtiger!
    Toll, dass du die Mainstream-Schönheitslüge angefangen hast zu durchschauen. Mach weiter.

  2. Manfred Reichelt

    Hallo Joana,
    ich kann mir gut vorstellen, wie Du gelitten haben musst, da auch ich eine lange Zeit schambehaftet durch´s Leben ging. So freut mich, dass Du inzwischen gelernt hast, Deinen Körper zu akzeptieren, so wie er ist. Wir sind schließlich nicht der Körper, sondern eine unsterbliche Seele. Darauf sollten wir uns konzentrieren, denn das macht uns frei und glücklich.

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