Less noise – more conversation.
Lesedauer: 5 Minuten

Ich seh’ die Zukunft pink

Düstere Wolken am Horizont. Aber wir sind nicht allein – am Abgrund. Wir sind gemeinsam. Wir sind viele. Und wir tanzen. Wir sehen die Zukunft pink – weil wir die Zukunft sind… So in etwa der Tenor des gerade herausgekommenen Songs «Zukunft Pink» von Peter Fox. 

Zöpfe flattern im Wind, Kraushaar bildet coole Hörner

Vor allem der Refrain: «Wenn du mich fragst/ wird alles gut/ mein Kind! Mach dein Ding/ aber such’ keinen Sinn» – eingebaut als suggestiver Featuring Act der Sängerin Inéz Schaefer (Band Ätna) – hat es mir angetan.

Hier, scheint mir, spricht nicht nur eine Sängerin Mut zu, sondern etwas spricht durch sie hindurch: die Stimmen der Trösterinnen, Mütter, Grossmütter, Heilerinnen, Magierinnen aus Jahrtausenden. Ich habe den Eindruck, dass wir Mutmachendes gerade jetzt gebrauchen können.

Pink Future statt No Future

Peter Fox malt in seinem Song «Zukunft Pink» eine pinkfarbene Zukunft nichtexklusiver und grenzüberschreitender Liebe. Viele «People of Colour» singen im Video mit und tanzen zu Rhythmen, die von Afrobeats, RnB, Dancehall und v.a. von Amapiano inspiriert sind: einem aus verschiedenen Genres gemixtem aktuellen Musikstil aus Südafrika.

Vorwürfe «kultureller Aneignung» kamen wenig überraschend. Der Sänger beschwichtigt: Er habe die Stilanleihen nicht verschwiegen. Ich höre «Zukunft Pink» unheimlich gern, finde Song und Video überraschend und heilsam.

Schwarz malen

Die Veröffentlichung des Songs fällt zusammen mit dem Erscheinen von «The Climate Book» der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg: Sprachrohr einer Jugend, die riesige Angst hat vor Zukunftsverlust.

Es ist ja nicht nur Orientierungsverlust, sondern tatsächliche Angst vor Zukunftsverlust: dass da bald nichts mehr ist, nichts mehr Lebenswertes. In dem Spagat von hoffen und verzweifeln stehen wir heute drin, die Jüngeren stärker als die Älteren, weil sie eine grössere potenzielle Zukunft vor sich haben oder eben nicht.

«Wir waren damals auf alle Fälle sozial ‹dümmer›, eiferten sexistischen Rappern hinterher, trugen Rastas, nur weil wir Bob Marley cool fanden und vererbten von früheren Generationen einige fragwürdige Normen und Prinzipien», schrieb mein Kollege Luca Zacchei in einem Facebook-Post über die Vor-Millennial-Jugend. Heute bewegen wir uns in Minenfeldern: Cancel Culture, Flugscham, Sexismus, gender(un)gerechte Sprache, kulturelle Aneignung. Wo ist die Leichtigkeit geblieben? Wo der Spass?

Greta Thunberg malt die Zukunft schwarz, wenn wir nicht auf der Stelle umkehren. Im Kontrast zu einer bürgerlichen Ökologie stellt die junge Klimaaktivistin Gerechtigkeit und Gleichheit ins Zentrum des Lösungsvorschlags:

«Die Industrielle Revolution, angetrieben durch die Kolonialisierung, brachte dem globalen Norden unvorstellbaren Reichtum, besonders einer kleinen Minderheit der dort lebenden Menschen.»

«Die meisten Menschen leben gegenwärtig durchaus innerhalb der von der Erde gesetzten Grenzen. Lediglich eine Minderheit von uns hat diese Krise verursacht und treibt sie weiter voran.»

«Der Reichtum dieser wenigen hatte einen Preis: Unterdrückung, Völkermord, ökologische Zerstörung und klimatische Instabilität.»

»Diese extreme Ungerechtigkeit ist die Grundlage, auf der unsere modernen Gesellschaften aufgebaut sind», so Greta Thunberg.

Konzerne und Staaten stellen Profit- über Klimaziele und nehmen nicht nur die Gefährdung der Zivilisation in Kauf, sondern lobbyieren seit Jahrzehnten mit viel Geld gegen mahnende Stimmen und seriöse Forschungen:

«Es gibt eindeutige Belege, dass große Erdölkonzerne wie Shell und Exxon Mobil seit mindestens vier Jahrzehnten über die Folgen ihres Handelns Bescheid wussten.»

Yeah! Yeah! Yeah!

Über die «heilige» Greta ist viel gelästert worden. Auch in christlichen Kreisen, die die «Schöpfungs»-Pflege hochhalten. Ich kann die Polemik nicht nachvollziehen. Ich sehe die Schwedin in einer Reihe grosser Mahnerinnen und Visionärinnen wie Hildegard von Bingen.

Die mittelalterliche Aktivistin Hildgard von Bingen war auch richtig kratzbürstig. Sie «stalkte» die Mächtigen ihrer Zeit mit mahnenden Briefen, ging auf die Nerven, liess nicht locker; obwohl ein zartes Wesen, und zwischendurch für Wochen vollkommen down und bettlägrig.

«Wenn du mich fragst/ wird alles gut/ mein Kind! Mach dein Ding/ aber such’ keinen Sinn»

… Macht es Sinn, so zu singen? Ich würde sagen: Yeah! Yeah! Yeah! Wir brauchen beides: Warner:innen und Pink Ladies, die uns Mut zusprechen. Es passiert zwar viel Sinnloses. Aber im Hier&Jetzt&Heute da sein, zusammen sein und uns zu verbinden, über alte und neue Gräben hinweg, ist nicht sinnlos.

Düstere Wolken am Horizont. Aber wir sind nicht allein. Wir sind gemeinsam. Wir sind viele. Und wir tanzen. Wir sehen die Zukunft pink – weil wir die Zukunft sind.

Das Buch «The Climate Book» von Greta Thunberg (englische Ausgabe) erscheint heute: am 27. Oktober 2022.

 

Auszug aus dem Liedtext von «Zukunft Pink»

Alle malen schwarz, ich seh‘ die Zukunft pink
Wenn du mich fragst, wird alles gut, mein Kind (mein Kind)
(Mh-mh, Utopia-City, oh)

Rolle vor im Transit-Pod
Die Sonne scheint auf die Blocks
Hab‘ meinen Avatar gekillt
Weil ich selber auf die Party will (hm-hm-hm-hm)

Ich mal‘ Smileys auf den Weg
Denn ich mag, was ich seh‘
Der Himmel ist immer noch blau
Meine Süßen, Future is now

Weil wir die Zukunft sind, seh‘ ich die Zukunft pink (yeah)

Quelle: LyricFind, Songwriter: David Conen / Pierre Baigorry / Torsten Schroth / Vincent v Schlippenbach, Songtext von Zukunft Pink © Warner Chappell Music, Inc

Photo: Still aus «Zukunft Pink», © Peter Fox

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2 Kommentare zu „Ich seh’ die Zukunft pink“

  1. Ja ich find den Text so ruehrend. endlich mal eine Stimme die hoffnung macht das genau braucht unsere Jugend jetzt . gerade Jetzt ..!!!!
    Dann kriegen wir vielleicht doch noch die kurve. es wird Zeit .

    ich beobachte das einiges anders wird!!!

    Fuer alle Wesen !! liebe und Frieden !!!

    1. Johanna Di Blasi

      Danke für den Kommentar. Und danke an alle Musiker:innen, die das Leben pink, veilchenblau und ultramarin malen. Ich erinnere mich noch an Zeit, als unser grösstes Problem war, dass wir eine «Spassgesellschaft» waren. Damals waren wir um möglichst kritische Hinterfragungen des Bestehenden bemüht. Jetzt, wo vieles wankt, sind andere Zeiten …

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