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Determinismus: Wer ist eigentlich verantwortlich?

«Es kommt, wie es kommen muss!»

So reden Menschen manchmal, wenn sie sich (oder andere) in Situationen der Unsicherheit vergewissern wollen, dass ihr Leben nicht dem Zufall ausgeliefert ist. Sie bekennen sich damit zur Vorstellung einer schicksalshaften Macht, welche die Geschicke lenkt – und gegen die es letztlich aussichtslos ist anzukämpfen. Wenn gottesgläubige Menschen diese Überzeugung vertreten, spricht man von einem «theologischen Determinismus».

Auch viele ChristInnen denken sich Gottes Verhältnis zur Geschichte auf diese Weise. Das hat für sie meist nichts Bedrohliches, sondern ist im Gegenteil ein großer Trost:

Wenn sie von Schicksalsschlägen heimgesucht werden und ihnen das Leben aus den Händen zu gleiten droht, halten sie sich daran fest, dass wenigstens aus Gottes Perspektive noch alles nach Plan verläuft bzw. seinem unausweichlichen Willen folgt.

«Schließlich muss jedes Ereignis der Geschichte bei Gott über den Schreibtisch», sagen sie dann zuweilen.

Zu Ende gedacht bedeutet das freilich auch, dass die Weltgeschichte letztlich allein von Gott selbst geschrieben wird.

Das macht es erstens äußerst schwierig, Menschen noch für ihr Handeln verantwortlich zu machen. Die gängige zwischenmenschliche Praxis, einander für bestimmte Taten zu loben, zu belohnen und zu bewundern – oder auch zu tadeln, zu bestrafen und zu verachten –, scheint nur wirklich sinnvoll zu sein, wenn die Betroffenen aus freien Stücken agiert haben. Konnten sie gar nicht anders handeln, als sie eben gehandelt haben, weil sie (ohne es zu wissen) doch nur Gottes festgefügten Plan zur Ausführung brachten, so tragen sie dafür auch keine Verantwortung. Nach gängigem Verständnis ist nur derjenige im Vollsinn für eine Tat verantwortlich, der sie bewusst und im Angesicht von Alternativen (er hätte auch anders handeln können) ausgeführt hat.

Dieses letztgenannte Kriterium trifft aber nun gerade auf Gott selbst zu. In einem deterministischen Verständnis der Weltgeschichte steht Gottes unnachgiebige Vorsehung und Vorherbestimmung hinter jedem Ereignis und jeder Tat dieses Universums.

Nicht nur die natürlichen Übel dieser Welt (Naturkatastrophen, Seuchen usw.), sondern auch das moralische Fehlverhalten des Menschen ist darum letztlich Gott selbst anzulasten.

So schwierig es unter den Voraussetzungen eines theologischen Determinismus also ist, die Geschöpfe für ihr Handeln verantwortlich zu machen, so schwierig ist es zugleich, Gott von dieser Verantwortung freizusprechen.

Nicht nur philosophisch, sondern auch biblisch-theologisch spricht aber vieles dafür, erst gar nicht von einem deterministischen Verhältnis Gottes zur Welt auszugehen. Es ist weitaus naheliegender, dass ein Gott, der selbst Liebe ist (1Joh 1,8), diese Welt nicht vollumfänglich kontrolliert, sondern ihr echte Freiheiten zugesteht.

Was in dieser Welt passiert, geht dann nicht allein auf den Willen Gottes zurück, sondern auch auf das eigenwillige und eigenverantwortliche Verhalten seiner Geschöpfe.

 

Dieser Beitrag ist einer von mehreren theologischen Exkursen, die im Büchlein «Gott hat keinen Plan für dein Leben… Aber 1’000 Möglichkeiten, mit dir ans Ziel zu kommen» eingestreut sind. Das ist keine theologische Abhandlung für Fachkreise, sondern ein kurzes, mit vielen Geschichten und reichlich Humor gespicktes Buch für jedermann/jedefrau. Es macht Mut, in einer komplexen Welt nicht an der Vielzahl von Möglichkeiten zu verzweifeln und auch nicht nach dem einen (!) Willen Gottes zu suchen, sondern zuversichtlich nach vorne zu scheitern…: Bestellbar direkt beim Verlag und überall wo’s Bücher gibt.

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8 Kommentare zu „Determinismus: Wer ist eigentlich verantwortlich?“

  1. Das Kausalitätsgesetz von Ursache und Wirkung ist das mächtigste Gesetz im Universum. Die Kausalität in Raum und Zeit führte zur Evolution, zur Entwicklung. Es bestimmt über Entstehen und Verfall ganzer Galaxien, es bestimmt was wir heute sind und morgen sein werden. Den Konsequenzen unserer Handlungen können wir nicht entrinnen. Das ist für mich der rote Faden auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

    Nach Swami Vivekanada: Nehmen wir eine kleine Pflanze. Wir setzen ein Samenkorn in die Erde, und kurze Zeit darauf schaut eine Pflanze hervor, die sich langsam erhebt und wächst und wächst, bis sie zu einem riesigen Baum wird. Dann stirbt sie und lässt nur den Samen zurück. Sie vollendet den Kreislauf, sie kommt aus dem Samen, wird zum Baum und endet im Samen. So auch beim Menschen. Die Wirkung ist demnach nie von der Ursache verschieden, sondern ist nur ein Wiedererstehen der Ursache in veränderter Form, und alle Formen, die wir Pflanzen, Tiere oder Menschen nennen, wiederholen sich, ad infinitum, im Aufsteigen und Verfallen. Dies ist der Lauf alles Lebens, das wir sehen, fühlen, hören oder uns vorstellen können. Alles, in der Schöpfung geht den gleichen Weg. Eine Welle steigt, eine andere fällt, steigt und fällt wieder, und jeder Wellenberg hat sein Wellental und jedes Wellental seinen Wellenberg. Das Weltall ist gleichförmig, und deshalb ist das gleiche Gesetz im ganzen Universum gültig. Dieses Weltall muss zu seinem Ursprung zurückkehren: Sonne, Mond und Sterne, Erde und Körper gehen zurück zu ihren Ausgangsformen, verschwinden, werden gleichsam zerstört. Aber sie leben weiter in der feineren Form, und aus dieser werden sie sich wiederum erheben zu neuen Erden, Sonnen, Monden und Sternen.

    Und so definiert Albert Einstein Kosmische Religion mit Einbezug der Kausalität: So kommen wir zu einer Auffassung von der Beziehung der Wissenschaft zur Religion, die recht verschieden ist von der üblichen. Man ist nämlich nach der historischen Betrachtung geneigt, Wissenschaft und Religion für unversöhnliche Antagonisten zu halten, und zwar aus einem leicht verständlichen Grund. Wer von der kausalen Gesetzmässigkeit allen Geschehens durchdrungen ist, für den ist die Idee eines Wesens, welches in den Gang des Weltgeschehens eingreift, ganz unmöglich – vorausgesetzt allerdings, dass er/sie es mit der Hypothese der Kausalität wirklich ernst meint. Die Furcht-Religion hat bei ihm keinen Platz, ebenso wenig die soziale beziehungsweise moralische Religion. Ein Gott, der belohnt und bestraft, ist für ihn schon darum undenkbar, weil der Mensch nach äusserer und innerer gesetzlicher Notwendigkeit handelt, vom Standpunkt Gottes aus also nicht verantwortlich wäre, so wenig wie ein lebloser Gegenstand für die von ihm ausgeführten Bewegungen. Man hat deshalb schon der Wissenschaft vorgeworfen, dass sie die Moral untergrabe, jedoch gewiss mit Unrecht. Das ethische Verhalten des Menschen ist wirksam auf Mitgefühl, Erziehung und soziale Bindung zu gründen und bedarf keiner religiösen Grundlage. Es stünde traurig um die Menschen, wenn sie durch Furcht vor Strafe und Hoffnung auf Belohnung nach dem Tode gebändigt werden müssten.

    Hören wir noch Elisabeth Haich zu Ursache und Wirkung: Wenn der Mensch etwas will, so erzeugt der Wille in seinem Verstand Gedanken, und daraus entsteht die Tat. Nichts können wir aber tun, ohne eine Kette von Geschehnissen in Bewegung zu setzen. Kein Wort können wir aussprechen, keine einzige Gebärde ausführen, ohne dass es Folgen hätte. Wir haben schon längst die Handlung, die eine Kette von Ereignissen und Vorfällen hervorrief, vergessen, wenn die Wellen in Zeit und Raum noch immer weiterlaufen, neue Handlungen, neue Folgenverkettungen erzeugen, bis ins Unendliche, bis in alle Ewigkeit.

    Wir Menschen können mit unseren guten oder weniger guten Handlungen unser Schicksal selber in die Hand nehmen. Ich bin für meine Handlungen alleine verantwortlich. Nutzen wir diese Chance!

    1. Und so definiert das Genie und der Nobelpreisträger in spe, Gerhard Engel, Komische Religion mit Einbezug der Kausalität: Ein dummer Sohn ist ein Unglück für den Vater, und die Streitsucht einer Frau ist wie ein ständig tropfendes Dach.

    2. Man braucht Elisabeth Haich nicht dafür schelten, dass sie, als die, die sie ihren geistigen Wurzeln nach war, über Entscheidungsfreiheit nicht eine einzige Silbe verliert. Fakt ist: Eine Heizungsanlage, die bei einer bestimmten Temperatur anspringt, *entscheidet* auch zwischen Möglichkeiten, aber sie entscheidet nicht von sich aus, weil sie unter denselben Umständen nichts anders hätte tun können, wenn sie entsprechend eingestellt ist. Freie Handlungen gibt es nur auf der Grundlage freier Entscheidungen, freie Entscheidungen aber setzen nicht nur das Vorliegen alternativer Möglichkeiten voraus, sondern auch die Fähigkeit, zwischen diesen *mit Gründen* (und nicht aus kausaler Veranlassung) zu wählen. Ich *entscheide*, indem ich *mich* entscheide, und ich entscheide mich, indem ich mich *durch Gründe* dazu bestimme, das eine und nicht das andere zu wollen und zu tun.
      Das besagt nicht, dass ich es tatsächlich auch tue. Ich will das Auto zurückgeben, das ich mir ausgeliehen habe. Aber ich kann es nicht, weil es mir gestohlen wurde. Freies Handeln setzt freies Entscheiden voraus, aber dieses resultiert nicht zwangsläufig im Tun des frei Gewollten, und das Tun realisiert nicht zwangsläufig das, was man wollte. Freiheit ist offenkundig kein Selbstläufer…

      Wenn und soweit ein erklärter Pazifist wie Albert Einstein es bedauert hat, dass er bei dem Bau der ersten Atombombe nicht mitwirken durfte (Einstein galt in den USA als ‚Kommunist‘, dem man nicht trauen konnte), so erscheint mir sein (oben wiedergegebener) Beitrag zur Definition von „Kosmischer Religion mit Einbezug der Kausalität“, bei allem Respekt, eben drum als eine Art von Schwindel. Man könnte auch sagen als Ausdruck einer manifesten Lebenslüge. Gott, in diesem einstein’schen ‚System‘, ist als Gott extra nos absolut überflüssig. Der Gebrauch der Vokabel „Gott“ dient hier lediglich der Legitimierung eines abhanden gekommenen Unrechtsbewusstseins eines Wissenschaftlers.

      Insofern: Nein Emil, nicht gut (zu Ende) gedacht. Trotzdem vielen Dank.

      1. Sehr schön, danke! Das erinnert mich stark an die Freiheitstheorie von Geert Keil, der ich selber auch sehr zugeneigt bin.

  2. Ich denke, die Willensfreiheit des Menschen, verstanden als Wahlfreiheit zu Entscheidungen, das ist es, was im innersten Kern seine Gottesebenbildlichkeit ausmacht. Nur bedeutet es eben auch, dass sich der Mensch auch auf die Macht des Bösen einlassen und viel Unheil anrichten kann. Die ganze Gottesgeschichte des AT mit Israel ist voll davon, wie Gott versucht, die Herzen der Menschen zu gewinnen.

  3. Manfred Reichelt

    Nehmen wir den Satz „Es kommt, wie es kommen muss.“ Ja, dieser Satz ist richtig und lässt doch KEINEN Raum für Fatalismus, denn WIE es kommen muss, hängt in hohen Maße vom Menschen und seinem Handeln ab. Das Handeln ist ja nicht unbedingt immer rational, sondern vor allem emotional motiviert, und die Emotionen widerum von unseren (unbewussten) Überzeugungen.
    Nur derjenige, der sich selbst und die Realität immer tiefer kennen lernt, wird auch erfahren, dass das „Schicksal“ ihm günstig gestimmt ist, weil er immer besser in Einklang mit der Realität handelt.
    Am besten sind alle Tatsachen des menschlichen Daseins durch Reinkarnation und Karma zu erklären. Zum Glück darf man heute Reinkarnation und Karma (auch als Christ) als Tatsache betrachten: https://sites.google.com/site/erweckungunderneuerung/home

    1. Drittpersonperspektive und Erstpersonperspektive – wer nicht (mehr) „mein Gott“ sagen kann, der kann – um Reichelt zu zitieren – „zum Glück“ nur noch Dieses und Jenes als Tatsache betrachten. Lehnen Sie sich also zurück, geneigte Leserin und geneigter Leser, lehnen Sie sich zurück im Lehnstuhl Ihrer Bequemlichkeit und betrachten …: betrachten Sie die Welt aus der Perspektive eines reinkarnierten Adolf Hitlers oder aus der Perspektive eines reinkarnierten Jesus von Nazareth … und fühlen Sie sich beglückt: beglückt, dank Reichelt auch ein Christ sein zu dürfen! Ein bequemer Christ. Ein Lehnstuhl-Christ gewissermaßen.

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