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Risiko Gottes: Hat Gott alles im Griff?

Der Soziologe Ulrich Beck hat unsere Gesellschaft als «Risikogesellschaft» bezeichnet. Er spielt damit auf die Störungsanfälligkeit des Lebens gerade im wohlhabenden Westen an: Wir haben es nie wirklich im Griff – und tun also gut daran, uns mit der Unberechenbarkeit des Lebens anzufreunden und mit Risiken umzugehen lernen.

Und Gott? Viele würden sagen: Gott kennt keine Risiken.

Der Allmächtige (vgl. den Beitrag zum Begriff der «Allmacht») hat alles fest im Griff und kann durch kein Ereignis aus der Ruhe gebracht werden.

Was aber ist, wenn dieser Gott gerade in seiner Allmacht (!) beschließt, eine Welt hervorzubringen, in der seine Geschöpfe ein Mitspracherecht haben?

Eine Welt, in der Menschen als Ebenbilder Gottes mit ihrem Schöpfer eine authentische Geschichte schreiben, in seine Absichten einwilligen oder sich seinem Willen widersetzen können?

Die biblischen Erzählungen scheinen uns eben dieses Szenario nahe zu legen. Schon die sogenannte Urgeschichte der Bibel (1Mo 1-11) gibt bei näherer Betrachtung den Blick auf ein ebenso atemberaubendes wie haarsträubendes Abenteuer frei, das Gott mit dem Menschen zu beginnen bereit ist. Auch der Fortgang dieser Geschichte vermittelt kaum den Eindruck, dass Gott einfach «alles im Griff» hätte. Immer wieder ist von der Enttäuschung Gottes die Rede, wenn einzelne Menschen seinen Willen ignorieren oder sich sein Volk von ihm abwendet (z.B. Jer 3,6-7 und 3,19-20; Hes 22,17-29), und immer wieder scheinen Gottes gute Absichten für den Menschen ins Leere zu laufen.

Zugleich sind die biblischen Erzählungen aber voller Hoffnung, dass Gott mit seiner Menschheit ans Ziel kommt.

Diese Hoffnung speist sich offenbar nicht aus dem Gedanken einer eisernen Kontrolle, die Gott auf den Gang der Dinge ausübt. Sie verdankt sich vielmehr der Gewissheit, dass Gott einfallsreich, beharrlich und weise genug ist, um die Geschichte seiner Geschöpfe zu einem guten Ende zu erzählen.

Das wird gerade dort besonders deutlich, wo Gott sich selbst dem denkbar größten Risiko aussetzt: In Jesus Christus kommt er als Mensch mitten unter uns und stellt sich der Zerbrechlichkeit des Lebens in letzter Konsequenz. Schon bald überschlagen sich die Ereignisse. Der Gottessohn wird verraten, gefoltert, hingerichtet.

Der Gedanke, dass Gott »alles im Griff« behält oder die Ereignisse aus sicherer Distanz lenkt, lag nie ferner als hier.

Und doch wendet sich gerade dieser Moment der Ohnmacht zu einer vorbildhaften Siegesgeschichte. Das Leiden und Sterben behalten nicht das letzte Wort. Jesus Christus wird von den Toten auferweckt und macht öffentlich sichtbar, dass die Liebe Gottes über allen lebensfeindlichen Mächten triumphiert.

Gottes Wagnis mit seiner Schöpfung ist keine verantwortungslose «Pokerei».

Was auch immer uns geschieht: Gott wird den Nöten und Niederlagen unseres Lebens nicht das letzte Wort gewähren. Er kann auch unsere Geschichte zu einem guten Ende erzählen – aber nicht an uns vorbei oder über unsere Köpfe (und Herzen) hinweg, sondern mit uns zusammen.

 

Dieser Beitrag ist einer von mehreren theologischen Exkursen, die im Büchlein «Gott hat keinen Plan für dein Leben… Aber 1’000 Möglichkeiten, mit dir ans Ziel zu kommen» eingestreut sind. Das ist keine theologische Abhandlung für Fachkreise, sondern ein kurzes, mit vielen Geschichten und reichlich Humor gespicktes Buch für jedermann/jedefrau. Es macht Mut, in einer komplexen Welt nicht an der Vielzahl von Möglichkeiten zu verzweifeln und auch nicht nach dem einen (!) Willen Gottes zu suchen, sondern zuversichtlich nach vorne zu scheitern…: Bestellbar direkt beim Verlag und überall wo’s Bücher gibt.

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1 Kommentar zu „Risiko Gottes: Hat Gott alles im Griff?“

  1. Die vier Beiträge „3 Minuten Theologie“ haben mich doch sehr angeregt, meine Vorstellungen über Gott (noch einmal) zu hinterfragen, besten Dank 🙂

    Bei einem personalen Gott hat jeder Mensch, jede Kirche, jede Nation, jede Kultur eine persönliche Vorstellung, es sind dann entsprechend viele Meinungen, die aufeinanderprallen. Nicht ganz ungefährlich wie die Geschichte zeigt, mit grossem Risikopotenzial. Und eine endlose Geschichte, ich bleibe bei einem unpersönlichen Gott.

    Die indischen Weisen fordern: Die wahren Suchenden müssen im Streben nach dem Göttlichen hinter die Namen und Formen gehen. Buddha hat nie von Gott gesprochen. Auch die christlichen Mystiker verlangen, dass wir über alle Begriffe hinaus das Göttliche suchen sollen. Nicht im Begreifen wird das Göttliche erfahrbar, sondern im Loslassen jeder Vorstellung. Augustinus warnt: «Wenn du Gott begriffen hast, ist es nicht Gott.» Meister Eckhart: «Wer da glaubt, dass er Gott erkannt habe, und dabei irgendetwas erkennen würde, der erkennte Gott nicht.» Was wir Gott nennen, ist das, was sich aus einem unfassbaren Hintergrund heraus vollzieht und gestaltet.

    Abschliessend noch Hadewijch von Antwerpen im 12./13. Jahrhundert. „Alles, was wir von Gott denken, verstehen oder uns irgendwie vorstellen können, ist nicht Gott.“.

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