Less noise – more conversation.
Lesedauer: 3 Minuten

Der Sound der Stille

Das digitale Feuer knistert freundlich, ohne Funken ins Wohnzimmer zu spucken. Das achtstündige YouTube-Video eines Kaminfeuers wurde schon mehr als 30 Millionen Mal aufgerufen. Es gehört auch zu meinen Favoriten. Es ist perfekt. Ein Kommentar lautet:

«Ich bin wahrscheinlich für tausend Views verantwortlich. Ich kann das Kaminfeuer stundenlang anschauen. Ich schätze, dass schon vor hunderten Jahren Menschen in die Flammen blickten und glücklich waren. Es ist so beruhigend.»

Es existieren also Geräusche, die wir mit Ruhe und Stille assoziieren. In einem vollkommenen Geräuschvakuum zu sein, wäre dagegen wohl kaum beruhigend, eher im Gegenteil: panikauslösend.

«Stille», sagt der amerikanische Akustikologe und Silence-Tracker Gordon Hempton, «ist nicht die Abwesenheit von etwas, sondern die Präsenz von allem.»

Stille Orte sind für Hempton Orte, in denen man in Intervallen von mindestens fünfzehn Minuten Natur ohne menschen- oder maschinengemachten Lärm erleben kann: also keine Flugzeuge, kein Summen von Hochspannungsleitungen, kein Baggerlärm und auch keine digitalen Klingetöne.

Es gibt auf der Erde nicht mehr viele wirklich stillen Orte.

Ich denke übrigens in einem heillos überfüllten Zug, der von Zürich nach Bern fährt, über Stille nach und schreibe diese Zeilen. In meinem Abteil lacht und singt eine Horde junger Berufsschüler schallend. Einige haben sich sogar auf dem Boden hingefläzt. Jetzt haben sie zudem laute Musik auf einem Smartphone angemacht und klatschen.

Ich versuche mich trotzdem auf die Stille zu konzentrieren. Stille ist ja und vielleicht sogar vor allem etwas Innerliches. Ein Freund, Theologe und spiritueller Lehrer hat mir schon vor Jahren diesen Satz mitgegeben:

«Du kannst überall still werden, auch inmitten des Grossstadtlärms».

Aber noch besser geht das Stillwerden freilich, wenn es ringsum ruhig ist. Ich versuche trotz des noch weiter anschwellenden Lärms im Zug fokussiert zu bleiben. Ich möchte kein Spielverderber sein und verspreche den munteren Berufsschüler:innen, sie in meinem Blogpost zum Thema Stille zu erwähnen.

Gordon Hempton hat übrigens eine besonders tiefe und angereicherte Stille im US-amerikanischen Bundesstaat Washington entdeckt. «One Square Inch of Silence» lautet der Titel seiner Dokumentation von vollkommener Stille. Hört selbst, wie diese Stille klingt. Wohl nicht zufällig siedelte die Autorin Stephenie Meyer ihr romantisches Vampirmärchen «Twilight» in den entlegenen, nebligen Urwäldern eben dieses Bundesstaates an: dort, wo sich Vampire und Werwölfe Gute Nacht sagen.

Orte ohne akustische Verschmutzung erscheinen, umso seltener sie werden, als die neuen Paradiese.

Wenn ihr an Stillemeditation oder anderen Kontemplationsformen interessiert seid, findet ihr im neuen Netzwerk RefDate der Reformierten Landeskirche, das ich mitbetreuen darf, vielleicht eine Meditationsgruppe in eurer Nähe; denn gemeinsam erlebte Stille wirkt wie ein Verstärker verinnerlichter Ruhe, aus der neue Kraft erwächst. Und dies brauchen wir in unruhigen Zeiten besonders.

Zum Thema Stille hat auch mein Kollege Manuel Schmid einen lesenswerten Blogbeitrag geschrieben.

Photo by Boba Jovanovic on Unsplash

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