Dein digitales Lagerfeuer
Dein digitales Lagerfeuer
 Lesedauer: 5 Minuten

«Silent Portraits» – Gesichter der Meditation

Stillsitzen und meditieren wäre für sie «der Horror», betont eine Bekannte – und wiederholt das Wort gleich dreimal. Sie braucht Bewegung, Menschen um sich, Gesellschaft, nicht Meditation und Retreats. Die Rentnerin vermisst nicht die Stille, sie fürchtet sie. So geht es nicht wenigen.

Für andere dagegen kann es kaum still genug sein. Sie warten auf Stille und hoffen auf Ruhe – und ergreifen dankbar Gelegenheiten des Rückzugs und Loslassens. Weshalb sie sich auch schon mal Sätze anhören müssen wie:

«Was hast du nur immer mit der Stille? Davon wirst du im Grab genug haben!»

Angst vor der Stille – oder Angst vor sich selbst?

Was ist es, das die einen die Stille suchen lässt – gemeint ist vor allem innere, seelische Ruhe –, während andere zurückweichen? Hängt mit dem Stillsein auch die Bereitschaft zusammen, sich eher als religiös oder spirituell zu verorten? Resultiert das Bedürfnis nach Stille aus Überforderung – oder im Gegenteil aus Neugier auf die Welt und auf andere Menschen?

Eines ist nicht zu leugnen: Aufmerksam zu sein und sich zu öffnen – nach innen wie nach aussen – geht nicht ohne Stillwerden.

Eine Archäologie der Stille

Ich liebe deshalb das Buch «Silent Portraits» von Axel Kirchhoff. Der Schweizer Fotograf versammelt in seinem 2025 erschienenen Bildband Porträts von 66 Meditierenden.

Es sind Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen und vielfältigen Meditationsstilen: Körpertherapeuten, Yogalehrerinnen, Tantra-Praktizierende, Schamanen, ein Sufi, ein kleiner Junge, Mönche, eine Sexarbeiterin, ein Stresscoach, eine reformierte Pfarrerin, ein Nationalsportler.

Viele Menschen pflegen heute eine meditative Praxis, mehr oder weniger konsequent.

Meditation wird innerhalb spiritueller Traditionen gepflegt, zunehmend aber auch ohne eindeutige kulturelle oder religiöse Rahmung. Sie ist ein postsäkulares Phänomen: nicht notwendig entkirchlicht, aber auch nicht klar religiös verortet.

Charakterstudien ohne Pose

Kirchhoff betreibt so etwas wie eine Archäologie der Stille. Jede Person, so scheint es, entfaltet ihre eigene Stille.

Es gibt Tiefenstille, friedliche Stille, leise Müdigkeitsstille, Ruhe mit Restanspannung oder regelrechte Entrückung.

Die «Silent Portraits» sind zugleich verblüffende Charakterstudien. Der Charakter der Porträtierten leuchtet in den Schwarzweissbildern auf – obwohl oder gerade weil die Abgebildeten nichts tun, nichts darstellen, nichts wollen und die Augen geschlossen halten.

Manche Gesichter leuchten regelrecht von innen heraus, andere wirken einfach gelöst und friedlich, wieder andere fast verliebt.

Die Porträts in dem Kunstband, dessen Zustandekommen von der reformierten Kirche mitunterstützt wurde, bilden nicht bloss ab, sie lassen etwas aufscheinen. Kirchhoffs «Silent Portraits» sind weniger ein Projekt über Meditation als eine Einladung, ihr Raum zu geben – im eigenen Wahrnehmen und Alltag.

Ein wichtiger Aspekt: Der Fotograf ist selbst Meditierender. Seine Aufnahmen Meditierender entstehen aus einer meditativen Haltung heraus. Axel Kirchhoff, geboren 1968 in München, konvertierte zum Islam und lebt heute als freischaffender Fotograf in St. Gallen.

Stille, die verbindet

Die Fotografien stellen still – und zwar im doppelten Sinn: Sie zeigen Stille und erzeugen sie.

Als Betrachterin werde ich zur stillen Beobachterin der Stille. Die Meditierenden machen mir ein Geschenk: Ich darf sie in einer privaten, ja intimen Situation sehen. Das Durchblättern des Buches hat jedoch nichts Voyeuristisches, sondern etwas Gemeinschaftsstiftendes. Die meditative Haltung verbindet.

Eine Einsicht aus der spirituellen Praxis: Gemeinschaft entsteht nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch Besonderheit.

Je mehr jemand ganz er oder sie selbst ist, desto tiefer wird Verbindung möglich. Genau das vermitteln Praktiken wie Meditation oder Gebet.

Gegen die Verhärtungen der Gegenwart

Wir erleben heute neue Fundamentalismen, identitäre Strömungen und religiös verbrämte Nationalismen (christlich, hinduistisch etc.). «Silent Portraits» lädt dazu ein, einen Schritt zurückzutreten und wahrzunehmen, was uns in der Tiefe verbindet.

In einer Zeit, in der Zugehörigkeit zunehmend über Abgrenzung hergestellt wird, wirkt dieses Buch wie eine stille Zumutung.

Vielleicht fürchten manche die Stille, weil sie nichts verspricht? Keine Optimierung, keine Erlösung auf Abruf, keinen Fortschritt, nur Aufmerksamkeit? Stillepraxis, als Teil des Alltags, fühlt sich für Stille-Sehnsüchtige nicht als Vorgriff auf das Grab an. Sie ist vielmehr eine Übung im Lebendigsein.

«Silent Portraits», Geske Tenzin Jangchup, Mönch in Rikon: «Durch Weisheit und Liebe gelangen wir zur Erleuchtung.»

 

«Silent Portraits», Nago Sene, Künstler in Zürich: «Ich teile Ideen, Liebe, Energie und Geld mit meinen Mitmenschen.»

 

«Silent Portraits», Eve Eichenberger, Yogalehrerin in Zürich: «Oh Gott, hilf uns, durch den Nebel unserer Sorgen und Ängste das Licht der Freude und Liebe und Dankbarkeit zu sehen.»

 

«Silent Portraits», Marcel Geisser, Zen-Roshi, Hinterlochen: «Inneres und äuseres Gewahrsein sind eins.»

 

«Silent Portraits», Thania Paffenholz, Friedensmediatorin in Genf: «Innen Frieden und Licht finden.»

 

«Silent Portraits», Peter Hüseyin Cunz, Sufi, Flüeli-Ranft: «In allen Situationen ist uns Gott nahe.

Link zum Fotobuch:

Axel Kirchhoff: «Silent Portraits», 320 Seiten.

Beiträge zu Meditation bei RefLab (Auswahl):

Beitrag zu Interspiritualität:

Bild: Axel Kirchhoff, «Silent Portraits», Verlag: Seltmann Publishers © Axel Kirchhoff

Schreibe einen Kommentar

Das RefLab-Team prüft alle Kommentare auf Spam, bevor sie freigeschaltet werden. Dein Kommentar ist deswegen nicht sofort nach dem Abschicken sichtbar, insbesondere, falls du am Abend oder am Wochenende postest.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

RefLab regelmässig in deiner Mailbox