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Lesedauer: 5 Minuten

Das Kreuz in der Kirche und diese im Dorf lassen

Binnen weniger Tage bewirkte eine Handvoll Zeitungsberichte einen veritablen Shitstorm in Sozialen Medien. Auslöser war die Nachricht über die Entfernung eines Kreuzes in Münster. Nur wenige Tage zuvor war entrüstet über «Claudia Roths Pläne» einer Überblendung der biblischen Inschrift auf der Kuppel des Berliner Humboldt Forums («Schloss») gestritten worden.

Gefetzt wird sich nun auf Twitter&Co über das angebliche Umschreiben der Geschichte und das Ausradieren christlicher Wurzeln durch Grünenpolitiker und v.a. Grünenpolitikerinnen; und über das womöglich baldige Ersetzen biblischer Inschriften durch «Allahu Akbar».

Es ist einer der heftigsten Shitstorms seit dem Winnetou-Shitstorm (dazu hatte ich im August gebloggt). Es lohnt, auch bei diesem Shitstorm genauer hinzuschauen und sich Urheber und Dynamiken bewusst zu machen.

Beim entfernten Kreuz handelt es sich um ein rund 500 Jahre altes Schnitzwerk im Friedenssaal des Historischen Rathauses in Münster. Der Saal wurde für G7-Verhandlungen genutzt.

«Was haben Grüne gegen christliche Symbole?»

Das Boulevardblatt «Bild» und einige weitere Medien rückten die Abhängung des Kreuzes in den Mittelpunkt ihrer G7-Berichterstattung. Die «Bild»-Zeitung titelte: «Gottloses G7 im Münster». Das Blatt suggerierte seinen Leser:innen in der fettgedruckten Unterzeile, die grüne Aussenministerin Annalena Baerbock sei für die Entfernung des christlichen Symbols verantwortlich.

Die Grünenpolitikerin Baerbock «sperrt» laut «Bild» einen «wichtigen Teil der Geschichte aus». Und weiter heisst es: Erst vor wenigen Tagen habe die deutsche Kulturbeauftragte Claudia Roth, ebenfalls eine Grüne, verlautet, sie wolle Bibelzitate an der Kuppel vom Berliner Stadtschloss «verschwinden lassen»: weil Zitate der Heiligen Schrift nicht genug «weltoffen» seien.

Das Springer-Medium leitet hiervon die Frage ab: «Was haben die Grünen gegen christliche Symbole?». Das Vorgehen der Grünen sei nicht nur «bizarr», sondern «scheinheilig», denn:

«Der Islam wird gefördert – das kann man gut oder schlecht finden. Das Christentum wird gleichzeitig zurückgedrängt – das ist scheinheilig und nicht fair.»

Einige andere Medien sprangen auf den Empörungszug auf. Nutzer:innen Sozialer Medien posteten die Beiträge prompt und sie werden nun tausendfach geteilt und kommentiert.

Falsche Rücksichtnahme

Ähnlich wie beim Winnetou-Shitstorm von diesem Sommer – wir erinnern uns: Winnetou sollte angeblich «abgeschafft» werden und der Aufschrei war immens – mischen sich auch hier Nachrichten und Suggestionen, Sachthemen, einseitige Zuspitzungen und Verdrehungen, Fakten und Fiktionen.

Tatsächlich wurde in Münster vor dem Gipfeltreffen ein Kreuz entfernt, allerdings temporär und nicht, um gegen das Christentum zu agitieren, sondern aus falscher Rücksichtnahme auf nicht-christliche Teilnehmer:innen der Konferenz. Verantwortlich ist die Logistikabteilung des Aussenministeriums.

Dass sich in dieser Geste eine verkorkste Haltung zur eigenen kulturellen und religiösen Tradition zeigt, ist schwer zu bestreiten. Respekt gegenüber anderen Traditionen artikuliert man nicht durch Respektlosigkeit gegenüber der eigenen.

Gleichwohl sollte man das Kreuz in der Kirche und diese im Dorf lassen. Baerbock gab inzwischen bekannt, dass sie die Entfernung des Kreuzes bedauere und dass diese ohne ihr Wissen erfolgt sei.

Beim Humboldt Forum wiederum gibt es seit Monaten keinerlei neuen Nachrichtenstand. Bereits vor einem Jahr hatte die Kulturinstitution über Pläne informiert, die religiös verbrämte, nicht nur von Claudia Roth ungeliebte Kuppelinschrift nachts mit anderen Sätzen zu überblenden.

Nicht im Namen Jesu

Die Inschrift des Humboldt Forums lautet:

«Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind».

Der deutsche Kaiser hatte den Satz seinerzeit aus Bibelstellen kompiliert, mit Stossrichtung gegen die damalige bürgerliche Revolution. (Hier habe ich mich vertieft mit dem Thema auseinandergesetzt.)

Heute irritieren bei dem Spruch neben den monarchistischen die kolonial-imperialen Töne. Der Satz, der Teil der historischen Rekonstruktion ist, beisst sich zudem mit dem Inhalt des Schlosses: den in der Kolonialzeit gesammelten Objekten aussereuropäischer Kulturen. Neben einer Leuchtschrift-Überblendung ist – ebenfalls seit Monaten – ein distanzierendes Bronzeschild geplant. Mit einer Realisierung ist frühestens Ende dieses Jahres zu rechnen.

Die Weichen für die Kuppelgestaltung des Schlosses mit Kreuz und Schriftband waren noch unter Roths Vorgängerin, der Christdemokratin und praktizierenden Katholikin Monika Grütters, gestellt worden.

Eine Veränderung der Kuppelgestaltung, gar eine Entfernung des goldenen Kreuzes, steht in Berlin überhaupt nicht auf der politischen Agenda.

Beim Winnetou-Streit konnte ein Expertenteam anhand einer Medienanalyse nachweisen, dass es sich im Ursprung nicht um den behaupteten woken, sondern um einen rechten Shitstorm handelte. In Blitzgeschwindigkeit hatte sich in Sozialen Medien eine Eigendynamik entfaltet. Der Auslöser, eine vom Boulevard aufgegriffene ältere Verlagsnachricht über den Stopp von Begleitartikeln zu einem Kinderfilm, war sekundär.

Gegen Instrumentalisierung verwahren

Beim Kreuzthema fällt auf, dass in relativ regelmässigen Abständen von den immergleichen Medien sozialmediale Kreuzzüge angestachelt werden.

Vor ein paar Monaten erst hatte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» in suggestiver Weise getitelt: «Kulturstaatsministerin Roth will an umstrittenes Kuppelkreuz ‹ran›».

Der Umgang mit christlichen Symbolen im Abendland gehört seit geraumer Zeit zu den Themen, die medial am Köcheln gehalten werden. In periodischen Abständen wird gewissermassen die Gasflamme druntergehalten, um das Thema wieder an den Siedepunkt zu bringen. Wir Christen sollten uns deutlich und laustark gegen die partei- und identitätspolitische Instrumentalisierung christlicher Symbole verwahren.

Foto: Kuppel des Humboldt Forums/Berliner Schlosses; im Vordergrund Boxen der eindrucksvollen Soundinstallation «Der Kosmos – Things Fall Apart» von Emeka Ogboh. © Johanna Di Blasi, 2022

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7 Kommentare zu „Das Kreuz in der Kirche und diese im Dorf lassen“

  1. „Wir Christen sollten uns deutlich und lautstark gegen die partei- und identitätspolitische Instrumentalisierung christlicher Symbole verwahren.“ D’accord! Und bitte auch gegen den Muezzinruf in Köln.

    1. Johanna Di Blasi

      Danke, aber in der Argumentation meines Beitrags bleibend sage ich: Nein! Nicht Christen gegen Muslime, sondern gemeinsam gegen politische Instrumentalisierung der starken Zeichen der Religionen. Im Zuge der jüngsten Aufstände im Iran wiesen fromme islamische Gruppen draufhin, dass die Mullah-Politik insbesondere junge Leute immer mehr wegtreibe vom Islam – auch aus dem arabischen Raum hört man das. Wir haben gemeinsame Anliegen und brauchen sicher keine neuen Relgionskriege.

      (Ich kann mir übrigens vorstellen, dass in Münster gar nicht Muslime vordergründig im Blick waren: Sie ehren ja bekanntlich Jesus als Propheten.)

  2. ABSEITS des Shitstorms gesponnen: „auf Bitten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes“ (Markus Lewe, der Oberbürgermeister von Münster), „[das Kreuz] für die Zeit des Außenministertreffens [zu] entfern[en]“, unternimmt die Stadtverwaltung nicht, wie Lewe (CDU) in einem Pressestatement am Freitagnachmittag erklärte, „alles“, „um einen reibungslosen Ablauf der Konferenz zu ermöglichen“, sondern unternimmt weniger als alles und sagt: Nein! Dieser Bitte kommen wir nicht entgegen. — Wer wäre dann für die Zeit über die Zeit des Außenministertreffens hinaus aus seinem Amt entfernt worden? Lewe selbst? Die Außenministerin Baerbock? Ein Unsichtbarer Dritter? Alle drei? Woher setzen wir eigentlich voraus, zu wissen, dass es sich bei dem Unsichtbaren Dritten nicht um Gott handelte?

    Das Gericht bittet zudem um die Beantwortung der folgenden Fragen:
    (1) Werden G7-Außenministertreffen eigentlich immer so spontan organisiert, dass niemand nicht schon Tage vorher weiß, wer und/oder was ihn in den Tagungsräumlichkeiten ‚erwartet‘?
    (2) Ist der jeweilige religiöse Hintergrund der Menschen, die an einem solchen Treffen teilnehmen, den Organisierenden erst knapp vor Beginn des Treffens bekannt?
    (2a) Falls die Frage 2 mit „Nein“ beantwortet wird, wie passt diese Einschätzung mit dem Bericht der „Westfälischen Nachrichten“ (online) unter Berufung auf die Stadt Münster zusammen, wonach das Außenministerium seine Bitte damit begründet habe, „dass Menschen mit unterschiedlichem religiösem Hintergrund an dem Treffen teilnehmen würden“?
    (3) Wie wahrscheinlich halten Sie es, dass sich in all dem eine – Zitat – „verkorkste Haltung zur eigenen kulturellen und religiösen Tradition zeigt“?
    (4) War Gott zum Zeitpunkt des Abhängens geschäftsfähig?

  3. +++ EILMELDUNG +++ Lesedauer: 6 Minuten +++
    Die „Engelschen Boten“ (offline) berichten unter Berufung auf das Auswärtige Amt, am Fährterminal der Stadt Kreuzlingen (Kanton Thurgau) sei der deutsche Präambel-Gott gesichtet worden, wie er in Begleitung der Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth, Schweizer Boden betreten habe. Der deutsche Präambel-Gott habe sein Erscheinen damit begründet, dass er einen Asylantrag in der Schweiz stellen wolle, da er mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes seit dem Abhängen eines Kreuzes aus Anlass des G7-Außenministertreffens in Münster nicht mehr klar käme. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte in Berlin, der deutsche Präambel-Gott habe im Zuge der Erscheinung eine schwarze Aktentasche vom Typ „Paolo Large“ (Maxwell-Scott) unter dem Arm getragen. Zum Inhalt der Tasche hätte auch ein Kreuz gehört. Dies sei eine Absprache zwischen dem Protokoll des Außenamtes und der Stadt Münster gewesen. Die Außenministerin Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) erklärte, die Entscheidung „hätte so getroffen werden dürfen“ und sie bedaure sie nicht. „Mein Eindruck ist, dass auch die Christenmenschen von einem (Wieder-)Anbringen einer Kopie des historischen Ratskreuzes im Münsteraner Friedenssaal nicht überrascht werden.“

    Die Engelschen Boten (eb) sind eine abhängig arbeitende Botschaftenagentur, die von der Wahrheitskommission der unzähligen europäischen ungenießbaren Seelen (WdueuS), die ach! in meiner Brust wohnen, getragen wird – seit mehr als 12 Jahren. Wir liefern Texte, Bilder und Urteile aus Sex & Crime, Justice & Religion, Ethics & Politics, Culture & Society.

    1. Michael Scharfenberger

      Sehr geehrte Engelsche Boten: schöne Satire, aber nur genießbar vor dem Hintergrund des differenzierenden Kommentars von Johanna Blasi! Respekt für so viel Humor angesichts der Medienlage…

      1. @Michael SCHARFENBERGER: Sorry, wenn die Satire der Engelschen Boten Ihnen zu nahe getreten ist. Medienberichten des Mediums Sprache zufolge, sollen Augenzeugen beobachtet haben, dass es eine Ente war, deren Dienste der deutsche Präambel-Gott in Anspruch nahm, als er über den Bodensee von D aus in Richtung Kreuzlingen, zwar mit Kreuz, aber ohne Rückgrat ritt … so spät durch Nacht und Wind. Es war der Vater Staat mit seinem Kind. Auf eb-Anfrage wollte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes dies am Freitag nicht bestätigen.

        Keine (!) Satire oder Ente angesichts der Medienlage ist: Die Engelschen Boten baten mit Schreiben – jeweils vom 24. Oktober 2022 – unter Bezugnahme auf das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) den Deutschen Bundestag, das Bundespräsidialamt, das Bundesverfassungsgericht, das Staatsministerium Baden-Württemberg, die Sächsische Staatskanzlei sowie die Staatsanwaltschaft Leipzig in ihren sechs Anträgen ähnlichen Inhalts um Zusendung von Informationen u.a. über „[d]ie Adresse des deutschen Präambel-Gottes, vor dem ich, evang. getauft, 58, 185 cm, gebildet, ledig, humorvoll, Angehöriger eines z.Zt. nicht kreuzigenden Volkes, verantwortlich mein Leben führen will, weil das deutsche Volk den tragenden Text seines demokratischen Gemeinwesens „[I]m Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ verabschiedet hat – so sagt es die Präambel des Grundgesetzes.“

        Der kulturpolitische Sprecher der Reformationsfraktion, Gerhard Engel (X4U), sagte der Leipziger „Stillen Post“ (Freitag), mit der Aktion sei das Verantwortungsfundament bestätigt worden, das Grundlage für humorlose Entscheidungen sein müsse. „Damit wird unsere kulturelle Identität vor den Augen der restlichen Welt vorsätzlich bekannt.“ Der Parlamentarische Geschäftsführer der X4U-Fraktion im Wahrheitstag, Klein Otto I. der Doofe (X4U), sagte dem TV-Sender „Geld“, das postprotestantische Menschenbild seien die gemeinsame Basis der liberalen und rechtsstaatlichen Demokratien der G7-Staaten.

        P.S.: Die Antworten von fünf der sechs o.g. Institutionen auf die entsprechenden Anträge liegen den eb inzwischen vor.

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