Wir vom RefLab möchten einen neuen, ersten, einzigartigen Garten pflanzen: mit Blumen, Sträuchern, Heilkräutern und Bäumen aus der Heimat und aus unterschiedlichen Weltgegenden – darunter auch mythische Grünpflanzen, fantastische Erdenthusiasten und bunt blühende Wundersträucher.
Holunder, Christrosen, die blaue Blume und Kapuzinerkresse lassen sich in unserem Garten bereits bestaunen. In dieser Folge geht es um das unverzichtbare Basilikum.
Wir nehmen euch mit in unseren paradiesischen Garten – zwischen Erde und Eden!
Grossvater wedelt mit seinem Strohhut, als könnte er die Abendhitze fortscheuchen. Vergeblich. Er sitzt auf einem niedrigen Schemel vor dem Hauseingang, die Schuhe staubig von der Feldarbeit, die Stirn noch glänzend vom Tag.
In Italien scheint die Sonne schneller unterzugehen – als hätte sie mehr zu leisten gehabt und sei nun müde geworden. Der Himmel trägt unzählige Farbschichten, die ineinanderfliessen: dunkles Gelb, ein warmes Orange, dann ein Grau, das sich ins Olivgrün der Dämmerung legt. Hunde bellen in der Ferne, Vespas und Motoroller schiessen über die Hauptstrasse, ihre Geräusche vom Betonzaun leicht gedämpft.
Nikolaus-Vase
Die Feigenbäume hängen schwer von ihren Früchten. Wenn man diese öffnet, schmecken sie süss und warm. Meine Finger kleben, und ich wasche sie am Gartenschlauch ab, während Grossvater aufsteht und zu einem Pflanzentopf geht. Im Dialekt heisst die Pflanze – üblicherweise in einem Topf gepflanzt – vasinicola. Auf Deutsch liesse sie sich als «Nikolaus-Vase» übersetzen. Darin wächst Basilikum – basilico.
Eine Legende aus Kampanien erzählt von einer Frau, die ihren Geliebten, König Nicola, tötete, seinen Kopf in einem Tontopf begrub und darauf Basilikum pflanzte. Die Pflanze gedieh prächtig. Ein düsteres Bild: ein königliches Haupt als Humus.
Dabei trägt Basilikum seinen Namen nicht ohne Grund. Das Wort geht auf das Griechische basilikón zurück – «königlich». Die Herkunft der Pflanze wird in Indien vermutet; wie genau sie nach Europa gelangte, ist unklar. Schon Theophrastos von Eresos beschrieb die Pflanze im 4. Jahrhundert vor Christus in seiner Historia plantarum.
In der italienischen Küche ist auf alle Fälle Basilikum unverzichtbar. Was wäre Caprese oder Pesto ohne Basilikum?
Die Eigenschaft, die Grossvater besonders an der Pflanze schätzt, ist aber keine gastronomische. Ich werde es aber erst später erfahren.
Zitronig und bitter
Mit seinen braungebrannten, kräftigen Fingern zupft Grossvater ein paar Blätter ab. Er klemmt sich zwei grosse Blätter hinter die Ohren und setzt sich wieder.
Ich sehe ihn an. «Warum machst du das?»
«Contro le zanzare», sagt er. Gegen die Mücken.
Ich lache. Nonno liebt es, mich auf den Arm zu nehmen. Doch diesmal bleibt er ernst.
«Können die Mücken Basilikum nicht ausstehen?»
«So ist es», sagt er. «Sie suchen sich dann eine andere Landebahn aus. Zum Beispiel dich.»
«Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich auch auszurüsten?»
Er zuckt mit den Schultern. «Mach, was für dich stimmt. Ich habe dich gewarnt.»
Das Surren der Mücken liegt schwer in der Luft. Also gehe ich zum vasinicola und rüste mich zum Insekten-Krieg.
Der Basilikumduft an meinen Fingern riecht frisch, mit einer Spur Zitrone und leichter Bitterkeit. Wieso die Mücken den Geruch nicht mögen, bleibt mir ein Rätsel.
Viele Wirklichkeiten
Erst viel später suche ich nach einer wissenschaftlich abgesicherten Erklärung für Nonnos Strategie. Und siehe da, ich finde sie in dieser Studie: Basilikum wirkt tatsächlich als natürliche Insektenabwehr – seine ätherischen Öle irritieren Mücken und halten sie fern.
Manches Wissen wird in Familien auf eine stille Art weitergegeben, von Generation zu Generation – daran ändert auch das Internet nichts.
Vielleicht ist genau das das Faszinierende an den Dingen, die uns umgeben: Dass sie nie nur eines sind. Dieselbe Pflanze kann Heilmittel sein, Erinnerungsträger oder Schutzschild gegen Mücken. Selbst ein Duft erzählt nie nur eine Geschichte.
Wir Menschen geben den Dingen Bedeutung – durch Erinnerungen, tradierte Geschichten und unterschiedliche Sprachen. Gleichzeitig machen wir sie uns dienst- und instrumentalisierbar. Wir ordnen die Welt nach unserem Nutzen: Was uns nährt, schützt, heilt oder hilft. Doch dieselbe Pflanze, dasselbe Objekt kann für ein anderes Lebewesen etwas vollkommen anderes bedeuten.
Vielleicht leben wir deshalb nie wirklich in derselben Welt. Wir teilen denselben Garten – aber nicht dieselbe Wirklichkeit dieses Gartens.
Video: Illustriert von Isabelle Bühler, animiert von Pascal Tautschnig.







