Mascha Kaléko schreibt in ihrem Gedicht Memento:
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.
Das letzte Tabu
In einer Gesellschaft, die das Altern als kosmetischen Fauxpas taxiert und das Sterben als Betriebsunfall, stellt der Tod eines der letzten Tabus dar. Und doch wird der Tod noch jeden Longevity-Trend und Transhumanismus überleben.
Denn so sehr der Mensch ihn auch fürchtet, weil er ihn für das Andere, das Unbekannte, das Aussergewöhnliche hält: es verhält sich genau andersrum. Das Unwahrscheinliche sind die 70 oder 80 Jahre unseres Lebens auf Erden. Milliarden Jahre davor gab es uns nicht. Und das Universum wird uns auch danach um Äonen überdauern.
Von Ahnen und Geistern
Zu Lebzeiten ist der Tod die ultimative Herausforderung des Menschen. Eine, der sich jede Generation, jede Kultur, jede Gesellschaft neu zu stellen hat. Dabei sagt die Art und Weise dem Tod zu begegnen auch viel über Art und Weise zu Leben aus.
Die Menschen in alten Zeiten und die Indigenen der Gegenwart verbindet ein Umgang mit der Welt der Ahnen und Geister, welcher den Tod in das Leben integriert. So ist der Mensch nicht nur eine durchlässige Membrane zwischen der materiellen und der geistigen Welt, sondern Teil einer allumfassenden -auch den Tod umfassenden- Wirklichkeit.
Dem modernen Menschen scheint aber bisweilen das Gefühl eines zusammenhängenden Ganzen abhanden gekommen zu sein, zugunsten fragmentierter Lebensbereiche, die sich nicht zu überschneiden brauchen. Und der Tod und das Sterben wird auf die Friedhöfe und in die Krankenhäuser verbannt.
Was dem Schamanen noch selbstverständlich erschien, ist für die technikaffinen, wissenschaftlich geprägten Menschen unserer Zeit völlig undenkbar: dass Krankheit und Heilung nicht allein medizinisch, sondern spirituell zu verstehen und anzugehen sind.
Dass das Wohlergehen einer Gemeinschaft von ihren ethischen Errungenschaften und rituellen Vollzügen abhängen. Dass dem Individuum Vereinzelung, Einsamkeit, im Extremfall die metaphysische Obdachlosigkeit droht.
Und wir?
Im europäischen Kulturkreis kennt man verschiedene Feste, an denen man der Toten gedenkt. Im Zuge der Christianisierung wichen alte «heidnische» Bräuche kirchlichen Feiertagen.
Die Römer, die Kelten, die Wikinger, sie kannten Tage, an denen die Totenwelt offenstand: das keltische Samhain, die walisische Winteranfangsnacht, der lateinische dies mundi patet am 8. November. Sie fallen nicht zufällig alle auf die dunkle Jahreszeit. Die Menschen werden durchlässiger in dieser Zeit, zugänglicher.
Dem Christentum war der Grenzverkehr zwischen den beiden Sphären – die der Lebenden und die der Toten- nie geheuer. Und doch finden sich noch heute Sedimente vorchristlicher Vorstellungen. Etwa in katholischen Gräbersegnungen an Allerheiligen, ganz zu schweigen von den farbig-fröhlichen Familienfeiern auf den mexikanischen Friedhöfen am Dia de Muertos.
Dagegen nimmt sich der reformierte Ewigkeitssonntag oder auch Totensonntag etwas gar nüchtern aus. Grund genug sich regelmässig zu fragen, wie der Tod mehr ins Leben integriert werden kann.
Dem Tod mit Kunst begegnen
In Zürich ergründen dieses Jahr rund um den Ewigkeitssonntag verschiedene Veranstaltungen diese Frage. Kunst, Kultur, Religion und Gastronomie öffnen sich für einige Tage im dunklen November für den tiefgreifenden, schmerzvollen, aber manchmal auch befreienden Zusammenhang von Leben und Tod.
Haben Sie schon einmal etwas aussergewöhnliches im Zusammenhang mit dem Sterben einer nahestehenden Person erlebt? Die Postmortem Agency hat sich das Ziel gesetzt, Berichte und Geschichten von Hinterbliebenen zu aussergewöhnlichen Ereignissen rund um das Sterben ihrer Lieben zu sammeln.
Zu diesen Berichten ist elektronische Musik von Bruno Amatruda entstanden und Lyrik von RefLab Autorin Janna Horstmann. Gemeinsam erkunden sie in einer Liveperformance auf literarisch-musikalisch-biographische Weise die Durchlässigkeit dieser Welt für die andere. In dem Versuch dieser Zwischenwelt wieder mehr Raum zu geben.
Postmortem Agency- Musik und Wort. Bruno Amatruda (Musik und Elektronik) und Janna Horstmann (Lyrik und Lesung) live in der Helferei in Zürich, am 23.11.2025, 19:30 Uhr








4 Gedanken zu „Wenn der Tod ins Leben zurückkehrt“
Wundervoller Text und wichtiges Projekt: die Postmortem Agency! Bezüglich Christentum beschäftigt mich je älter ich werde desto mehr: Jesus ist hinaufgestiegen und davor aber hinab. Also gibt es da schon auch eine Verbindung im Christentum mit dem Unten, der Unterwelt, der Erde. Nicht nur im Modus des Überwindens, oder?
Danke für das Feedback, Johanna
Im Christentum finden sich so viele Strömungen und Unterströmungen, vor allem letztere sind oft hochspannend, weil immer am Rande zur (später definierten) Häresie. Die Vorstellung, dass Jesus ins Reich des Todes hinabstieg (Petrufsbrief), fand Eingang im Abschnitt aus dem Credo “Descendit ad Inferna”, was nicht nur die Überwindung der Hölle bedeutet, sondern auch die Möglichkeit postmortaler Erlösung eröffnet. Ganz “gspässige” Sachen passieren in der Bibel, wenn Lebende und Tote durcheinander geraten (zB die Verklärung Jesu auf dem Berg, wo Mose und Elia erscheinen, Mark 9 und Parallelstellen …. oder die Erscheinung Verstorbener in Matth 27 etc.).
Erst recht ist mit einer Vielzahl an Vorstellungen über Leben und Tod, Körper und Seele im Frühchristentum zu rechnen, bevor Konzile dogmatische Entscheidungen trafen und Grenzen der Lehre zogen. – Schau dir mal die Videos von Enno E. Popkes an (oder in seine Bücher rein). Er beschreibt frühe christlich-platonische Vorstellungen, die bis zur Annahme von Präexistenz und Reinkarnation gehen. Was heute als katholisch-lehramtlich oder evangelisch-universitäts-theologisch-dogmatisch gilt, stellt also nur einen sehr kleinen Ausschnitt aus der reichen Glaubens- und Bilderwelt der Christentumsgeschichte dar.
Ich habe seit 2006 eine komplette Erklärung für das Phänomen ´Nahtod-Erfahrung´(NTE) erstellt und veröffentlicht:
NTEs lassen sich als Ergebnis eines recht einfachen Erinnerungsvorgangs erklären, bei dem man LIVE+DIREKT bewusst erleben kann, wie das Gehirn eine/n einzelne/n Reiz / Gedanken / Situation systematisch und strukturiert verarbeitet.
NTEs haben gar nichts(!) mit Lebensbedrohung, Sterben, Tod, Jenseits zu tun – auch wenn dieser absolut falsche Zusammenhang subjektiv so empfunden werden kann.
Dazu möchte ich eine Warnung aussprechen:
Bei meiner Recherche wurde mit von einem Mann berichtet, dem man zu seiner sehr schönen NTEs sagte – er habe dabei einen Blick ins Jenseits erleben dürfen. Darauf verübte er angekündigten Selbstmord: Weil es im ´Jenseits´ so schön war, wollte er dorthin. Für seine Familie war dies sehr schlimm
D.h. wer Falschinformationen zum Thema NTE verbreitet, kann solch schlimmes Handeln auslösen
„Die irdische Geburt in die Materie bedeutet für den Geist den Tod, aber die Geburt in die geistige Welt, in die geistige Heimat, bedeutet dem Geist die Auferstehung und das ewige Leben – dem irdischen Bewusstsein aber den Tod.“
Aus Sicht der Seele stirbt sie in den Körper, beim Tod des Körpers wird sie befreit – Auferstehung – ein freudiges Ereignis. Ist doch eine Überlegung wert, oder 🙂