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Lesedauer: 4 Minuten

Und der Mensch schuf Gott

Immer wieder lese ich unter den Facebookbeiträgen des RefLabs Statements, die uns darüber aufklären wollen, dass wir über eine Illusion sprächen, dass da gar kein Gott sei, dass Menschen sich Gott einfach so zurechtgelegt hätten. Sie erklären dann, dass die Bibel ein Märchenbuch sei und aufgeklärte, mündige Erwachsene doch unmöglich ihr Leben und Denken daran orientieren könnten.

Diese Kommentare sind mir deshalb so wichtig, weil ich glaube, dass sie für die Denkwelt einer Mehrheit stehen, die in der Religion eine voraufklärerische, längst intellektuell erledigte Form des Geistes erkennen. Zwar ist dieses Problem keineswegs neu. Der protestantische Kirchenvater Friedrich Daniel Schleiermacher hat schon 1799 seine Reden „über die Religion“ an die Gebildeten unter ihren Verächtern adressiert. Aber genau das scheint das Problem zu sein: Theologische Entwicklungen haben seither den Gang in die breite Öffentlichkeit offensichtlich nicht gefunden.

Was wir meinen, wenn wir Gott sagen

Menschen glauben ganz unterschiedliche Dinge. Es gibt Menschen, die glauben, dass ein Gott die Welt in sechs Tagen geschaffen hat. Und es gibt Menschen, die glauben, dass es viele unterschiedliche Götter gibt. Und es gibt Menschen, die von sich glauben, nichts zu glauben.

Theologie als Reflexionswissenschaft des Glaubens entscheidet nicht zwischen den rivalisierenden Weltbildern darüber, wer nun Recht hat.

Theologie interessiert sich für das, was geglaubt wird und versucht es in die christliche Traditionsgeschichte einzuordnen.

Dabei beantwortet sie nicht die Fragen danach, ob ein bestimmtes Gottes- oder Weltbild wahr sei. Das kann sie nicht. Sondern versucht aufzuzeigen, inwiefern und ob – beispielsweise – ein heutiger Kreationismus an die Schöpfungsmythen der Hebräischen Bibel anschliessen kann oder nicht. Theologie untersucht nicht, ob Gott allmächtig ist. Sie untersucht auch nicht, ob sie gerecht ist. Und sie weiss nichts darüber, ob Gott männlich oder weiblich ist. Aber sie kann die Voraussetzungen des Wortgebrauchs „Gott“ aufzeigen. Sie kennt die Denktraditionen, in denen über den Allmachtsbegriff nachgedacht worden ist. Und sie hat sich ein Bewusstsein dafür erarbeitet, dass Sprache – ganz besonders religiöse Sprache! – Wirklichkeiten schafft und es deshalb nicht egal ist, ob wir von Gott ausschliesslich in männlichen Bildern sprechen oder nicht.

Skepsis

Theologie als Geistes- und Kulturwissenschaft weiss darum, dass wir über Gott immer wieder gegenständlich sprechen, ohne aber etwas oder jemanden in der Welt zu bezeichnen. Das ist das eigentümliche an dieser christlich-religiösen Sprache: Dass sie von Gott spricht und noch im Sprechen weiss, dass sie Gott damit nicht wirklich trifft. Weil Gott nichts ist, das sich wie ein Stuhl oder ein Tisch beschreiben lässt, fragt Theologie nach der Absicht, die sich mit dem Wortgebrauch „Gott“ verbindet. Welche Menschen- und Weltbilder werden damit portiert? Wem nützt das? Welche Hierarchien werden dadurch stabilisiert? Wer wird dadurch unterdrückt?

Theologie kommt von einer Tradition her, die schmerzlich gelernt hat, dass Gott ein mächtiges Wort ist, um Menschen zu unterdrücken, aber keiner ist, der die Unterdrückung und das Leid quasi als Zaubererin beendet.

Deshalb ist Theologie skeptisch, wenn jemand von Gott spricht.

Es könnte – und ganz oft ist es das auch! – eine weitere Projektion menschlicher Ängste und Triebe oder ein Manipulationsversuch sein.

Ob es mehr ist als eine Projektion, kann man nie wissen. Glauben heisst, darauf zu hoffen. Und Theologie fragt danach, was diese Hoffnung bedeutet.

Projektion

Weil es Gott nicht gibt, wie es Dinge in der Welt gibt, muss über ihn ähnlich gesprochen werden, wie über andere kulturelle Artefakte: Begeistert als Fans, sehnsüchtig als Erwartende oder einordnend als Kritiker*innen. Gott bleibt in unserem Reden, Abbilden und Darstellen eine Projektion. Aber das macht gar nichts. Guter Glaube hat gelernt, darüber nachzudenken, ob die Projektion gut ist. Und was es über einen selbst sagt, diese Projektion gut zu finden.

Hinter allem Reden bleibt die Hoffnung, dass Gott über unserem Denken nochmals ganz anders ist. Aber das bleibt ihre Sache. Theologie weiss, dass es nicht klar ist, ob nicht der Glaube Gott, sondern Gott den Glauben geschaffen hat. Aber auch, dass Glaube sich daran messen lassen muss, ob dieser Gott geglaubt werden soll.

Vor diesem Hintergrund ist theologisches Denken aber auch kritisch gegenüber den neuen Gottheiten, Fixierungen und Dogmas, die aufgezogen werden: Gegen einen szientistischen Naturalismus, der meint, Ethik in einer Evolutionstheorie aufgehen lassen zu können. Gegen eine triviale Ökonomie, die der „unsichtbaren Hand“ mehr zutraut, als die Kirchen es dem Heiligen Geist je konnten. Und gegen ein Selbstbild des Menschen, der sich darin bis ins Infinite steigern muss, um menschlich zu bleiben.

Und es kämpft für ein Christentum, das weiss, dass die wahre Barbarei nicht im Unglauben, sondern in einem Fürwahrhalten ohne Nachdenken und einem Behaupten ohne Gefühl liegt.

 

Photo by Evgeny Tchebotarev from Pexels

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16 Kommentare zu „Und der Mensch schuf Gott“

  1. Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag zu den Reflexionsbedingungen theologischer Arbeit! Leider vernimmt man selten solches in Predigten oder Veröffentlichungen im kirchlichen Kontext. Vielleicht sollten alle Pfarrpersonen und anderen TheologInnen, die irgendwie im Sold der Evangelisch-reformierten Kirchen stehen, zu Weiterbildungen und Reflexionsmodulen in diesem Themenbereich verpflichtet werden? – Das könnte den Beruf auch attraktiver machen für Menschen, die sich für Menschen und ihre Psyche wirklich interessieren.

    1. Stephan Juette

      Vielen Dank! Es freut mich, dass der Gedanke gut ankommt. Dass er in der Kirche kaum gehört wird, erstaunt mich sehr. Eigentlich glaube ich ja, dass das, was ich geschrieben habe, für die allermeisten Theologiestudent*innen völlig selbstverständlich ist.

  2. Simon Pfeiffer

    Ich würde noch weiter gehen und sagen: Glaube ist Vertrauen in die Tragkraft der eigenen Projektion. Theologie arbeitet an der Steigerung der Qualität dieser Projektion mit Einbezug von Denktraditionen und in der Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen.

  3. Mir ist nicht bekannt wie viel psychologische Grundlagen, Religionskritik und Selbstreflexion im Curriculum heutiger Theologiestudierender Platz findet. Im vergangenen Jahrhundert waren (sofern überhaupt) vor allem psychologische Doktrine bekannt, welche bezeichnenderweise nach einzelnen Personen(gruppen) benannt waren. Auch heutige Ansätze werden hoffentlich noch weiter entwickelt; und ich hoffe auch dass sich die theologische Forschung noch viel weiter entwickeln wird. Ganz grundsätzlich aber schiene mir sehr wichtig, dass während der beruflichen Tätigkeit regelmässig Weiterbildungen besucht werden – zur Unterstützung bzw. als Anlass, sich selbst auch nach formellem Studienabschluss ständig weiter zu entwickeln.

    1. Stephan Juette

      I like! Ganz viel davon ist mittlerweile in den Weiterbildungskursen für die ersten Amtsjahre mit drin. Aber Sie haben Recht: Wir müssen uns immer wieder an der Nase nehmen und darauf schauen, was wir bei anderen Disziplinen zu lernen haben.

  4. Christoph Jungen

    Danke, Stephan. Hilfreiche Klärung v.a. auch der Aufgabe der Theologie.
    Obschon ich (offenbar mit dir) der Überzeugung bin, dass bei sehr vielem, das wir über Gott (und auch damit verbundene Menschen- und Weltbilder) sagen, Projektionen im Spiel sind, ärgere ich mich dennoch gelegentlich über die Vielen, die nicht selten im Brustton der aufgeklärten Selbstsicherheit meinen: „Wisst ihr denn nicht, dass „Gott“ (und Himmel und Jenseits etc.) nur eine Projektion des Menschen ist“ – meistens noch mit der selbstbewussten Ergänzung oder Unterstellung: „Ihr habt wohl als zu wenig aufgeklärte Menschen solches noch nötig!“. Manchmal riecht das für mich sehr nach „umgekehrtem Fundamentalismus“. Es wäre doch mind. so plausibel, zu vermuten, dass ein „above us only sky“ ebenso eine Wunschprojektion des sich autonom wähnenden Geistes ist, der sich selbst genug sein und sich vor nichts als sich selbst verantworten und herausfordern lassen möchte und deshalb dieses Bedürfnis an den Himmel projiziert, der dann eben vollkommen leer erscheint.
    Auch diese Möglichkeit müsste man theologisch und psychologisch ergründen, scheint mir aber nicht per se weniger plausibel als die Alternative von Feuerbach & Co.

  5. Severin Herz

    Gemäss dieser Definition von Theologie wären Augustinus, Thomas von Aquin, Luther, Calvin, Barth, Brunner u.s.w. allesamt keine Theologen gewesen.
    Aber man kann sich auch selbst abschaffen, klar.
    Gott sei Dank, gibt es viele Theologiestudierende und zukünftige Pfarrpersonen, welche verstehen, dass wahre Theologie aus dem Gebet kommt, dass gläubige Theologie sich auf die Selbstoffenbarung Gottes bezieht und insofern, als sie diese richtig vernimmt, auch wahre Aussagen machen kann.

    1. Stephan Juette

      Lieber Herr Herz,
      ihr Kommentar wirkt auf mich etwas lakonisch bis zynisch. Ich antworte Ihnen trotzdem: Nicht alles, was Augustinus, Aquin und die anderen getan haben, war Theologie. In manchem waren sie christliche Zeitgenossen, Kirchenpolitiker oder Seelsorger. Gerade das „insofern“ in Ihrem letzten Satz hat Barth intensiv beschäftigt. Er wusste, dass er hören muss. Aber er wusste auch um die Gefahr falsch zu verstehen. Brunner wusste darum, dass der Mensch Gott nicht einfach erkennt oder beanspruchen kann – wenn er auch schon früher als Barth weniger erkenntniskritisch war als dieser. Für Aquin war klar, dass sich Vernunft und Glaube nicht widersprechen. Der Glaube vollendet das, was Menschen vernünftig erkennen. Und von Calvin haben die grossartige Verschränkung von Selbst- und Gotteserkenntnis gleich in der Eröffnung der Institutio. Und Augustinus? Von ihm ist dieses schöne Wort tradiert: Wo die Erkenntnis aufhört, da baut sich der Glaube auf.
      Liegt nicht gerade in meinem erhofften Gott über unseren Göttern auch dieser Glaube? Urteilen Sie selbst. Das machen Sie ja schnell.

      1. Lieber Herr Juette,
        sie zählen auf, was Sie in ihrem Theologiestudium gelernt haben, aber mir scheint, – mir scheint es so, aber ich kann mich täuschen; Gott weiss es – Sie wissen nicht, von was Sie sprechen. Natürlich widersprechen sich Vernunft und Glaube nicht mehr, wenn man «gläubig geworden» (Eph 1, 13) ist, d.h. wenn man «in Christus Jesus» ist, in dem Wirkungsbereich seines Heiligen Geistes.

        Einerseits: «Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit. […] Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht.»

        Andererseits: «Uns aber hat Gott es offenbart durch den Geist. […] Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, wer, der ihn unterweisen könnte? Wir aber haben Christi Sinn.»

        Jede ernsthafte Theologie muss bei 1Kor 2–3 beginnen, und ich wage zu sagen, dass die meisten der oben erwähnten Theologen genau dies taten, z.B. Calvin.

        Damit ist klar, dass Hinwendung zu Christus, Buße, Gottesfurcht und Gottesliebe, Gebet und Anbetung Voraussetzung ist jeder echten Theologie. Alles das vermisse ich schmerzlich in ihrer Texten, Worten und im ganzen RefLab, ich meine es wirklich – und jetzt irgendwie sogar freundschaftlich: schmerzlich.
        Mit den besten Wünschen, Ihr Severin Herz

        1. Stephan Juette

          Fair enough. Aber warum suchen Sie das im RefLab? Sie wissen doch schon was Sie wollen. Suchen Sie jemanden, der Sie bestätigt? Weshalb teilen Sie das nicht mit den Gleichgesinnten und freuen sich daran? Lesen Sie doch die, von denen Gott weiss, dass sie wissen. Weiss Gott, ich bin tatsächlich keiner von ihnen 🙂
          Herzlicher Gruss und ein schönes Weekend!
          Stephan Jütte

          1. Warum ich «das» im RefLab suche? Mit seiner Selbstdarstellung erweckt das RefLab den Anschein, für die ev.-ref. Landeskirche und seine Mitglieder zu sprechen. Aber ein solches bin – wohl oder übel – auch ich.
            Schönes Wochenende.

          2. Stephan Juette

            Oh nein, das ist ein Missverständnis. In der Reformierten Kirche spricht niemand für die Mitglieder oder in deren Namen. Schon gar nicht das RefLab 😉 Wir sprechen mit den Menschen, nicht für sie.

          3. @Herr Jütte: Danke für diese Klarstellung, aber es ist doch ein Projekt der Ev.-Ref. Kirche ZH. RefLab bestimmt stark mit, welchen Diskurs die Ev.-Ref. Kirche führt (und welchen sie nicht führt) – einfach durch das Medium. Die Leute werden es so wahrnehmen: «Das ist die ev.-ref. Kirche.» Und es ist ja auch mit Kirchensteuern finanziert, also stimmt diese Annahme auch. Aber bilden Sie beim RefLab alle Strömungen ab, die in der Synode vertreten sind?

        2. Grüezi Herr Herz – woher wissen Sie denn, dass „jede ernsthafte Theologie muss bei 1Kor 2–3 beginnen“ müsse? Weshalb nicht z.B. bei Mt. 5, 6 oder 7? Oder mit dem Johannesprolog? Gibt es d e n Anfang einer jeden ernsthaften Theologie überhaupt; und wenn ja: wer hätte die Kompetenz darüber zu entscheiden?

          1. @Corinne Duc: Sehr geehrte Frau Duc, gerade wegen der Gefahr der menschlichen Projektion (von der die Bibel nur zu gut weiss – vgl. z.B. Jes 44), dass der Mensch sich «seinen Gott» nach seinem Bild erschafft, worin ich Stephan Jütte ja eine Teilwahrheit zugestehe, ist es wichtig, uns zuerst die Frage zu stellen, ob und wie wahre Gotteserkenntnis überhaupt möglich ist, bevor wir uns dann damit beschäftigen, wer Gott ist, was Er von uns will (Bergpredigt?), was Er getan hat, tut und tun wird.
            Diese Fragen nach dem «ob» und «wie» stellt und beantwortet 1Kor 1–3 klarer und herausragender als viele andere Stellen der Heiligen Schrift. Aber der Johannesprolog, zusammen mit dem Nikodemusgespräch in Joh 3, würde sich auch eignen als Einstieg in die systematische Theologie.
            Und nochmals zu Ihrer Frage, warum es nach meiner Erkenntnis nicht gut wäre, mit Mt. 5, 6 oder 7 in die Theologie einzusteigen: Die Zehn Gebote beginnen auch damit, wer Gott ist – «Ich bin der der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt habe!» – bevor Gott sagt, was Er von seinem Volk will. Das Kerygma geht der Paraklese voraus.

  6. Verehrter Severin Herz,

    Sie haben das Thema mehrfach verlassen und Ihre Grundsätze hervorgehoben. Nun gut…man kann sie zerlegen:
    Sie zitieren u.a. 1. Kor. 1-3, also Paulus.
    Dort stellt sich Paulus den Korinthern in seiner Funktion vor. Sonst erstmal nichts.

    Bemühen Sie davor bitte Röm. 2,1-16 und zwar mit der Neuen Genfer Übersetzung. Sie ist hier extrem grundtextnah. Lesen Sie mehrmals und lassen Sie sich den Text durch den Kopf gehen. Dort verkündigt Paulus einen der wichtigsten Aspekte seines Credos. Daraus geht hervor, dass gottgefälliges HANDELN entscheidend ist ohne Ansehen der Person.

    Hier komme ich (un)gefähr zum Thema zurück:
    Entsprechend Röm. 2,1-16 ist in jedem je geborenen Menschen Gutes und Böses angelegt und vereint. Dies bekräftigt Paulus mehrfach für den „heiligen“ Gläubigen als auch für den „Ungläubigen“.

    In 1. Kor. 1-3 stellt Paulus sich vor als Organisator und Bekräftiger der zitierten Römerstelle.

    1. (M)ein Weltbild, ok.
    2. Passt für mich in die Denklinie des Beitrags.
    3. Danke für die extrem anregenden Gedanken des Beitrags.

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